Karlsruhe Wunderbare Melancholie: No Sugar, No Cream - "A Bigger Picture"

Jeden Freitag gibt's eine kräftige Dosis Kultur, verabreicht von ka-news-Kulturredakteur Toby Frei, und zwar in der Kolumne "Kultur-Tipp". Heute: Endlich ist sie da, die neue Scheibe der Karlsruher (Neo-)Americana-Helden No Sugar, No Cream, "A Bigger Picture" heißt sie und war sehnlichst erwartet in der ka-news-Kulturredaktion.

Liebe Musik-Freunde,

schauen wir mal in das schön gewandete Werk rein. Es beginnt, wie man das erwartet (hat): Ein ausgereifter und klarer Sound begleitet "Going Home", diese Band hat sich hörbar gefunden. Eine schöne Erkenntnis, auf die sich auf Album-Länge aufbauen lässt. Here We Go!

Frontmann Pete Jay Funks ausdrucksstarke Stimme ist schon ab diesem ersten Track vollkommen da und prägt und veredelt mit der ihr so eigenen Melancholie den Sound der Backing-Band. Ein bisschen Dylan ist auch dabei beim Sänger, eine echte und spürbare Inspiration. Sehr schön.

"Never Met Someone Like You" - bester Song der Platte?!

Track 2 heißt "Never Met Someone Like You", ist die erste Single-Auskoppelung und klopft hörbar mit schöner Melodie(nführung) und catchy Gitarren-Licks an die Country-Tür. Ein eher leichtes Stück Musik, nichtsdestotrotz wunderschön und natürlich (auch kommerziell) zu goutieren. Das gehört dazu, man will ja schließlich gehört werden. Ganz ehrlich: Für mich wohl der beste Song der Platte!

Unaufgeregtheit, das ist das Wort, was mir während des Hörens von "A Bigger Picture" am meisten und oft in den Sinn kommt. Ruhig und doch konsequent in der melodischen Durchführung - dazu ist beileibe nicht jeder imstande, das ist schlichte Profession. Schon die überzeugenden Vorgänger-Alben "Years" und "Nite Passes" hatten diese Qualitäten.

Musikalisch (mindestens) Bundesliga

"Memphis Minnie Sang The Blues" baut sich ein bisschen verschraubt auf und offenbart bei der Hook echte Hit-Qualitäten, schöner Mandolinen-Einsatz By The Way. Leichte Elektronik wird auch miteingebaut, und ob man es glaubt oder nicht, ein bisschen Genesis glaube ich auch zu hören, noch zu Art-Rock-Zeiten - was ausschließlich und definitiv ein Kompliment ist!

Und um die nächste Frage kurz und nachhaltig abzuhaken: Natürlich ist das bei NS, NC ein toller und transparenter Gruppen-Sound und alles ist tight, auf den Punkt und qualitativ produziert. Das erwartet man mittlerweile natürlich auch, klar. Umso schöner, dass es passt: "A Bigger Picture" verströmt keinen Lokal-Charme, das ist musikalisch (mindestens) Bundesliga und könnte so auch ohne Probleme im amerikanischen Genre-Radio laufen.

"In Late Summer" ist ein wohltemperierter Walzer

Track 4 ruft sich "All The Way" und shuffelt schön doppelstimmig vor sich hin, hier ist Geigerin/Mandolistin Heike Wendelin im Einsatz - ein Song wie eine schöne Tasse Kamillentee. "In Late Summer" indes ist ein wohltemperierter Walzer und kommt balladesk daher, wieder mehr Country als Pop, Element Of Crime lassen freundlich grüßen; wie man überhaupt sagen muss, dass Frontmann Pete Jay Funk zeitweise nah dran ist an Sven Regener.

Ich hab' keine große (oder auch notwendige) Lust mit großen Namen um mich zu werfen, aber natürlich sind (der zu früh verstorbene) Tom Petty, die Jayhawks (falls diese Größe des Alt-Country noch jemand kennt), die tollen Iron & Wine und Lucinda Williams immer mit dabei. Bei NS, NC finden Americana-Fans ihre beruhigende Heimat.

Ein Album, das keinerlei Schwächen offenbart

"Where We Are" ist ein bedächtiger Song, während "Tumbleweed" schön nach vorne geht. "From A Land" hat dann ganz viel R.E.M. zu "Out Of Time"-Zeiten in sich. Und "Big Blue Blanket" (geschrieben vom Bassisten Andreas "AJ" Jüttner) ist einfach eine wunderschöne Ballade, der schleppende Bass und das Cacavas-Akkordeon entschleunigen die Seele.

In "Wanted It That Way" darf gesanglich dann mal die Lady der Truppe ran. Als letzter Song des Albums geht "And In The End ..." ins Rennen, noch einmal ein schöner und runder Abschluss eines Albums, das keinerlei Schwächen offenbart.

Das Wörtchen Popmusik klopft an die Tür

NS, NC vereinen auf "A Bigger Picture" diverse Stile in einem Sound, der zwar immer noch Americana zu heißen hat, sich aber eindeutig weiterentwickelt hat - hier klopft auch das verpönte Wörtchen Popmusik an die Tür, ohne irgendwas negativ zu verwässern. Und dass Großmeister, Multi-Instrumentalist und Ex-Green-On-Red-Akteur Chris Cacavas Cameo-mäßig dabei ist, ist natürlich doppelt schön.

Die Musik dieser Band ist voller markanter Einflüsse und doch absolut eigenständig, das ist die große Kunst - ein entspannter und fließender Sound einer Gruppe, der es wieder einmal gelingt, Sanftheit in Noten zu gießen.

Mit "A Bigger Picture" in die Charts?!

Wie schon gewohnt, gefällt auch die grafische Gestaltung des Albums, bei dieser Vergangenheit ein Selbstläufer bei NS, NC, klarer Fall. Sehr geschmackvoll, Gruß und Lob an die Band und Unterstützer, die (weitestgehend) alles Inhouse erledigt haben.

Also: Wenn's nach mir geht, steigen NS, NC mit "A Bigger Picture" in die Charts ein - ein bisschen träumen darf man ja. Yepp, und auf schönem Vinyl ist das Ganze auch zu haben. Um Ina Müller (sorry!) zu zitieren: Toll, toll, toll!

Am 9. Dezember ist Album-Release-Konzert im Tollhaus

Ach übrigens, am 9. Dezember ist Album-Release-Konzert im Tollhaus. Das ist für alle etwas, für neue und alte Fans, und das zum moderaten/fairen Eintrittspreis. Die nächsten Gigs und News sind jederzeit online bei der Band und auf Facebook einzusehen.

Ich wünsche Ihnen ein schönes und vor allem kulturelles Wochenende!

Ihr Toby Frei

www.tollhaus.de

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