Vor der Küste Mallorcas tummeln sich nicht nur zahlreiche Badegäste und Boote, auch Haie und Quallen kann man dort im Meer antreffen. Zu den außergewöhnlicheren Besuchern zählt der sogenannte Blaue Drache. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein Fabelwesen, sondern um eine Meeresschnecke mit dem wissenschaftlichen Namen Glaucus atlanticus.
Das kleine Tier hat nun an der spanischen Costa Blanca für großen Wirbel gesorgt: Weil dort vereinzelte Exemplare angespült wurden, mussten zum Schutz der Badegäste zeitweise Strände gesperrt werden. Was macht den Blauen Drachen so gefährlich und könnte er bald auch auf Mallorca vermehrt vorkommen?
Badeverbot an der Costa Blanca: Warum wurden wegen des Blauen Drachen Strände in Spanien gesperrt?
Wie die spanische Tageszeitung El País berichtete, wurden am 20. August zwei Blaue Drachen an einem Strand bei Guardemar del Segura an der Costa Blanca gesichtet. Daraufhin wurde der Strandabschnitt aus Sicherheitsgründen bis zum nächsten Tag für Badegäste gesperrt. Ähnliche Fälle ereigneten sich in den vergangenen Wochen auch an Stränden in Valencia, im südspanischen La Línea de la Concepción und auf Lanzarote.
Doch warum löst die Anwesenheit der nur zwei bis vier Zentimeter großen, leuchtend blauen Meeresschnecke derartige Vorsichtsmaßnahmen aus? Der Grund dafür sind die Giftzellen an der Hautoberfläche des Blauen Drachen, die bei Berührung starke Schmerzen, Juckreiz und Hautreizungen verursachen können, erklärt Juan Lucas Cervera, Professor für Biologie an der Universität Cádiz und Experte für Meeresschnecken, im Gespräch mit El País. Die Verletzungen stuft er zwar im Vergleich mit anderen giftigen Meerestieren als selten und eher leicht ein, dennoch warnt Cervera davor, den Blauen Drachen zu berühren, auch um einen allergischen Schock zu vermeiden.
Die Meeresschnecken können zwar selbst keine giftigen Stoffe produzieren, ernähren sich laut National Geographic España aber von Quallen und anderen Nesseltieren wie portugiesischen Galeeren, deren Gift sie in ihren eigenen Ausstülpungen einlagern können. Fühlen sie sich angegriffen, setzen Blaue Drachen dieses Gift als natürlichen Schutzmechanismus ein, um sich gegen Fressfeinde zu verteidigen.
Die Strandschließungen an der spanischen Küste beschreibt Cervera angesichts der kleinen Anzahl an Exemplaren und des eher geringen Verletzungsrisikos allerdings als „Überreaktion“. Aufgrund der seltenen Anwesenheit des Blauen Drachen in spanischen Gewässern hätten die Behörden wohl besondere Vorsicht walten lassen, vermutet Cervera. Bislang seien in dieser Region jedoch keine Fälle bekannt, in denen ein Badegast durch Kontakt mit dem Weichtier zu Schaden gekommen ist.
Breitet sich der Blaue Drache auch vor der Küste Mallorcas aus?
Bereits Ende Mai wurde vor der nordwestlichen Küste Mallorcas ein Blauer Drache gesichtet. Die Meeresforscherin Gádor Muntaner entdeckte das Tier zufällig bei einem Segelausflug in den tiefen Gewässern vor der Serra de Tramuntana. Darüber berichtete das spanische Nachrichtenportal Ultima Hora. „Im Atlantik und auf den Kanarischen Inseln ist Glaucus atlanticus recht häufig anzutreffen, im Mittelmeer gibt es jedoch nur sehr wenige Sichtungen“, erklärte Muntaner. Die letzte dokumentierte Begegnung in mallorquinischen Gewässern liege ganze 320 Jahre zurück.
Die Meeresschnecke lebt auf offener See, wo sie sich knapp unter der Meeresoberfläche von Strömungen treiben lässt, erklärt Cervera gegenüber El País. Heimisch ist das Weichtier in den gemäßigten Gewässern des Atlantik, Pazifik und Indischen Ozeans. In den vergangenen Jahren habe sich das Verbreitungsgebiet des Blauen Drachen allerdings auf die Süd- und Ostküste Australiens sowie nach Südafrika ausgeweitet, wie National Geographic España berichtet. Es sei durchaus wahrscheinlich, dass die an den spanischen Küsten und vor Mallorca gesichteten Exemplare durch Meeresströmungen aus dem benachbarten Atlantik ins Mittelmeer getrieben wurden, heißt es in dem Wissenschaftsmagazin weiter. Demnach ist es gut möglich, dass die Blauen Drachen nicht aktiv abgewandert sind, sondern sich lediglich dorthin verirrt haben.
Nach Angaben von El País vermuten manche Wissenschaftler hingegen, dass die vermehrte Sichtung von Blauen Drachen mit dem durch den Klimawandel vorangetriebenen Temperaturanstieg im Mittelmeer zusammenhängt. Diese Hypothese ist dem Biologen Cervera zufolge jedoch noch nicht durch empirische Forschung belegt. Von einer drohenden Ausbreitung der Meeresschnecke vor der spanischen Mittelmeerküste und den Balearen spricht der Experte nicht. Man müsse nun weiterhin im Blick behalten, ob der Blaue Drache dort künftig verstärkt auftauchen wird.
Auch Meerestier-Experte Phillip Kanstinger vom WWF hält es für wahrscheinlicher, dass die Meeresschnecken zufällig über Einströmungen in die Küstengebiete vor Spanien und Mallorca gelangt sind. „Es gibt noch keine Hinweise darauf, dass sie sich aufgrund des Klimawandels ausbreiten“, erklärt er im Reisemagazin Travelbook. Mallorca-Urlauber müssen sich demnach keine Sorgen vor einer bevorstehenden Invasion der Blauen Drachen machen, sondern können guten Gewissens die schönen Strände und Badebuchten der Insel genießen.
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