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Karlsruhe Mission Mobilitätswende: Der Verkehr der Zukunft kommt aus Karlsruhe

Die Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft hat "Zuwachs" bekommen: "Baden-Württemberg Institut für Nachhaltige Mobilität" (BWIM) heißt die landesweit einzigartige Forschungs-Einrichtung, die sich seit Ende Oktober vergangenen Jahres in Karlsruhe befindet. Die Aufgabe des Instituts: Umweltfreundliche Verkehrskonzepte für die Zukunft entwickeln. Welche Projekte das sind: ka-news.de hat mit den Instituts-Experten gesprochen.

Die übergeordneten Ziele des Instituts: Die CO2-Emissionen in den Städten reduzieren, neue Anreize zur Mobilitätswende schaffen und somit die Lebensqualität der Bürger erhalten und weiter verbessern.

"Mobilität als Gesamtsystem verstehen"

Angefangen habe alles vor zirka zwei Jahren, erklären Institutsleiter Christoph Hupfer, Markus Stöckner, Vorstand für Verkehrsanlagen, und Thomas Schlegel, Vorstand für Mobilitätssysteme, die Idee, die hinter dem BWIM steckt: Weil die Themen Nachhaltigkeit und Mobilität in der Forschung immer mehr an Bedeutung gewinnen, sehen die drei Professoren dringenden Handlungsbedarf – allerdings nicht etwa für das Automobil.

Das BWIM gehört zur Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft.
Das BWIM gehört zur Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft. | Bild: Tobias Schwerdt

Die "fast vergessenen Bereiche" wie der Rad- und Fußgängerverkehr, aber auch der ÖPNV, sollen für den Bürger attraktiver werden. Doch für die Experten der Hochschule Karlsruhe hört Mobilität nicht schon beim Wechsel von Auto auf Fahrrad auf: "Mobilität bedeutet, Aktivitäten umzusetzen", sagt Markus Stöckner. "Alleine schon wenn ich aus dem Haus gehe, ist Mobilität im Spiel. Deswegen muss diese als Gesamtsystem verstanden werden, um dementsprechende Lösungsmöglichkeiten zu finden."

Ziel: Hochschulen landesweit interdisziplinär verknüpfen

Aus diesem Grund möchte sich das Institut auch nicht auf Karlsruhe beschränken, sondern Professuren und Hochschulen in ganz Baden-Württemberg miteinander vernetzen - mit sich selbst als zentralem Nukleus. So sollen neben Bauingenieuren und Verkehrsentwicklern auch Experten aus den Bereichen der Wirtschaft, Psychologie oder sogar der Musikwissenschaft mit einbezogen werden, um etwa Methoden wie Eye-Tracking, Sensorik und musikalisch unterlegte Ampelschaltungen einzuarbeiten.

"Wir müssen weg von dem Gedanken, dass eine Person vorangeht und uns sagt, wie wir die Verkehrswende umsetzen sollen. Wir müssen auch andere Qualitäten ermöglichen und neue Dinge ausprobieren", erklärt Institutsleiter Christoph Hupfer im Gespräch mit ka-news.de. Nur so seien interdisziplinäre Ideen möglich, die Innovatives hervorbringen können.

Verbesserung im Fußgängerverkehr durch Bürgerbeteiligung

Ein Beispiel für die Arbeit des Instituts ist das Forschungsprojekt "GO Karlsruhe", welches zur Verbesserung des Fußgänger-Verkehrs beitragen soll. Ursprünglich war das Projekt für den Wettbewerb "Reallabor Stadt" entwickelt worden, der vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst ausgeschrieben worden war.

Hierzu hatte das Institut für Ubiquitäre Mobilität (IUMS) eigens eine App entwickelt, die das Verhalten der Fußgänger in den Fokus nimmt. So entstand "GO Karlsruhe" als ein sogenanntes Reallabor für den Fußgänger-Verkehr. Reallabore sind hierbei als eine Art Experiment im realen Raum zu verstehen. Sie zielen in Kooperation mit Bürgern, Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunen auf die Verbesserung der Stadtentwicklung und Infrastruktur ab.

Markus Stöckner, Christoph Hupfer und Thomas Schlegel (v.l.).
Markus Stöckner, Christoph Hupfer und Thomas Schlegel (v.l.). | Bild: Tobias Schwerdt

"Die App analysiert zusammen mit den Fußgängern Probleme aus der Umgebung wie Gehwege, Haltestellen, Kreuzungen und Ampeln, wozu dann nachhaltige Lösungen entwickelt und umgesetzt werden sollen", erklärt Hupfer. Auch die Studenten werden für die Erforschung des Nutzerverhaltens schon früh an die Praxis herangeführt. Besonders zu Zeiten von Corona ist da Einfallsreichtum gefragt: "Um weiter das Verkehrsverhalten zu untersuchen, haben Studenten zum Beispiel Handy-Aufnahmen zu Hause aus dem Fenster angefertigt und analysiert", erzählen die Professoren im Gespräch mit ka-news.de.

"Companion-App" soll das Reisen vereinfachen

Zuletzt arbeiteten die Experten und das Institut an der Konzeption einer sogenannten "Companion Technologie" namens "Smart MMI" mit - eine intelligente Technologie, die Menschen in einer Stadt begleiten soll, in der sie sich nicht auskennen. Die modell- und kontextbasierte Mobilitätsinformation - kurz MMI - soll dabei als App und als "speziell entwickelte, intelligente Display-Scheiben" umgesetzt werden, die in Bussen, Bahnen und an Haltestellen eingebaut werden können.

Die sollen dabei aber nicht nur das bloße Abrufen von Fahrplänen möglich machen. "Die App soll mir nicht nur anzeigen, welche Bahn ich am besten nehme. Sie soll auch zeigen, wo ich zum Beispiel einen guten Kaffee trinken kann oder ob es nicht von Vorteil wäre, zwei Stationen vorher auszusteigen und mit einem dort geparkten Nextbike weiterzufahren", erklärt Christoph Hupfer.

Das BWIM forscht aktuell an einer Art intelligentem Reisebegleiter.
Das BWIM forscht aktuell an einer Art intelligentem Reisebegleiter. | Bild: Tobias Schwerdt

Der Vorteil: Der Verkehr kann auf nachhaltige und gesündere Fortbewegungsmittel umgelenkt und der Fahrgast situationsgerecht informiert werden. Dadurch wiederum sollen beispielsweise CO2-Gebühren eingespart und organisatorische Strukturen vereinfacht werden können. Ist das Projekt abgeschlossen, soll das "smarte Bahnfenster" künftig in die Karlsruher Multifunktions-App digital@KA mit einfließen.

Und wie geht es danach weiter mit dem noch jungen BWIM? Konkrete Pläne für weitere Projekte gebe es laut den drei Mobilitäts-Experten aktuell noch nicht, man lasse sich überraschen, in welche Richtung es gehen wird. Sicher aber ist: Auch in Zukunft wird das Institut für Nachhaltige Mobilität innovative Lösungen für den Verkehr von morgen suchen, denn: Die Karlsruher Forschungsarbeit wird vom Verkehrsministerium für 18 Monate mit 650.000 Euro gefördert - und weitere Sponsorenanfragen sollen bereits vorliegen.

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  •   ALFPFIN
    (7492 Beiträge)

    13.01.2021 09:31 Uhr
    Ich stelle mir die Zukunft
    nach den Wünschen der Befürworter Mobilität gänzlich ohne Autos so vor.
    Viele Lastenfahrräder, klar für Familien, zum Einkaufen, viele Lastenfahrräder auf der Straße mit Lastenfahrräder Gegenverkehr, unbedingt kräftige Hupen anbringen, Lastenfahrräderstaus auf der Straße sind wahrscheinlich, dann diese rasenden E Rollbretter, dazwischen, wie heißen denn die Dinger?, da haben wir hier einen, der ist noch gefährlicher wie unsere Rennrad Lady mit schiefsitzenden Schutzhelm,
    dann noch die normalen E Roller und dazwischen so Leute wie ich, Fußgänger!!!
    Do kansch dann nur noch sage, gut nacht um sechse un kei Bett. 😊
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  •   Blandine
    (48 Beiträge)

    13.01.2021 08:52 Uhr
    Parkplatzproblem
    Lastenfahrräder setzen vor allem voraus, dass man zuhause eine sichere Abstellmöglichkeit hat, die ebenerdig von der Straße aus erreichbar ist, da man solche Räder nicht über Treppen tragen kann Bei den zahlreich in Karlsruhe vertretenen Altbauten ist dies oft nicht gegeben und schon daher die Anschaffung eines Lastenrades unmöglich.
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  •   Iglaubsnet
    (829 Beiträge)

    13.01.2021 09:17 Uhr
    Die Dinger
    sind vor allem sperrig und nicht wendig.
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  •   Meron
    (15 Beiträge)

    13.01.2021 08:01 Uhr
    Lastenfahrräder zu teuer
    Für Singles und junge Paare sind Lastenfahrräder viel zu teuer. Das ehemalige Bonus-Programm für einen Kauf eines Lastenfahrrads hat nur Familien entlastet.
    Singles sind aber genau die Zielgruppe, die auch auf hohe Mobilität angewiesen sind, aber nicht über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen.

    Ganz nebenbei: Einen Anhänger für das Fahrrad hat häufig mehr Platz und kostet einen Bruchteil vom Lastenrad (200-300€ vs. 2000€-8000€).
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  •   andip
    (10786 Beiträge)

    13.01.2021 08:26 Uhr
    Für Familien
    sind Lastenräder aber auch nicht unbedingt das Wahre.
    Entweder transportiert man das Kind darin oder Lasten.
    Beides gleichzeitig geht nicht.
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  •   mueck
    (11973 Beiträge)

    13.01.2021 12:20 Uhr
    !
    Dann drückt man den im Rad/Hänger sitzenden Kindern den Einkauf in die Hand! zwinkern

    ... sollte nur keine Schoki dabei sein, sonst verlagert sich die innerhalb der Beladung ... zwinkern
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  •   schlaule2
    (303 Beiträge)

    13.01.2021 08:37 Uhr
    Kinder sind doch eine
    Last grinsen
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  •   schlaule2
    (303 Beiträge)

    13.01.2021 08:08 Uhr
    Ein Anhänger ist auch viel praktischer
    da ich den nur mit mir rumschleppe wenn ich ihn wirklich brauche. Bein Lastenrad fährt man immer das schwere Ding durch die Gegend. Darum sind die meisten auch eBikes was auch nicht gerade umweltfreundlich ist.
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