Ziel sei es, "die EnBW als ersten konsequent auf den Kunden ausgerichteten großen Energieversorger aufzustellen", so Mastiaux bei einer Pressekonferenz, zu der der neue EnBW-Chef anlässlich seiner ersten 100 Tage im Amt in Karlsruhe eingeladen hatte.

EnBW auf Selbstfindungskurs

Die EnBW sei ein hochkompetentes Unternehmen, dennoch sei ein tiefgreifender, struktureller Wandel nötig. "Der Energiemarkt verändert sich dramatisch, und die EnBW wird es auch tun", so Mastiaux. Wie genau diese Veränderung aussehen wird, ließ Mastiaux indes offen. Statt dessen skizzierte er ein dreistufiges Verfahren, bei dem man zunächst einmal sämtliche Beteiligungen und jeden einzelnen Kraftwerksblock auf den Prüfstand stellen werde.

Ein interdisziplinäres, 15-köpfiges Team aus "Top-Fachleuten, Top-Führungskräften und Talenten" arbeite derzeit an der neuen Strategie, mit der die EnBW sich künftig auf dem geänderten Marktumfeld positionieren wolle. Erste Ergebnisse sollen zum 1. März vorliegen, wenn der Konzern seine Jahreszahlen vorlegt. Im Kern gelte es, drei Fragen zu beantworten, so Mastiaux: "Wo wird das Unternehmen künftig spielen? Wie werden wir dort gewinnen? Wie stelle ich mich dafür auf?" Am Ende dieses "EnBW 2020" getauften Prozesses werde die EnBW sich "neu erfunden haben", so Mastiaux.

Ins Trudeln geraten war die EnBW in den vergangenen Monaten einerseits wegen des Atomausstiegs. Zugleich macht dem drittgrößten deutschen Energieunternehmen aber auch die zunehmend dezentralere Versorgung, etwa durch Windkraft- und Solaranlagen, zu schaffen, der Marktanteil sank von etwa 13 Prozent auf aktuell 8,7 Prozent. "In Deutschland gibt es rund 450 konventionelle Kraftwerke und 1,3 Millionen dezentrale Energieerzeuger", so Mastiaux. "Im Schnitt ist jeder 60. Deutsche ein Energieversorger." Mit vielen konventionellen Kraftwerken sei hingegen gar kein Geld mehr zu verdienen. Bei Gaskraftwerken etwa sei früher nach der Verrechnung von Eingangskosten und Erlös pro Megawattstunde ein Betrag von 25 Euro übrig geblieben - heute betrage das Ergebnis praktisch null Euro.

Telekommunikationsbranche als Vorbild für die EnBW

"Große Schritte" machen will die EnBW unter anderem im Bereich erneuerbare Energien - eine Sparte, die der promovierte Chemiker Mastiaux von 2007 bis 2010 beim EnBW-Konkurrenten Eon aufgebaut und geleitet hatte. Chancen sieht der neue EnBW-Chef hier unter anderem in der Zusammenarbeit mit Kommunen. Hinzu kommen neue Angebote, etwa Hilfen beim Energiesparen oder Ablesen des Verbrauchs. Ein Vorbild bei der Neu-Erfindung des Karlsruher Energieunternehmens könnte die Telekommunikationsbranche sein: früher habe man hier Telefonanschlüsse verkauft, heute verkaufe man Lebensgefühle. Voraussetzung dafür sei aber, dass die EnBW den Verbrauchern gegenüber mehr Dialogbereitschaft an den Tag lege.

Mehr zum Thema EnBW:

Neuer EnBW-Chef Frank Mastiaux: Rettung mit Rückspiegelverbot

Kommentar: EnBW-Stabwechsel: Mastiaux muss das Unmögliche möglich machen

 
Mehr zum Thema enbw-krise: EnBW-Krise