Es ist eine "Welt für sich", die ihren eigenen Menschenschlag hervorgebracht hat. Der heutige Artikel zum Karlsruher Großmarkt ist der dritte einer fünfteiligen Serie über das "Abenteuer Großmarkt" (ka-news berichtete). Immer montags berichtet ka-news über das Leben auf dem Großmarkt, über Typen und Originale, über Bananen und Papayas, über Marktarbeiter und Händler, über die schönen und die rauen Seiten des Großmarkt-Alltags.

"Es gilt der Handschlag und das gesprochene Wort"

Der zitierte Horst Bauer war eine lokale Größe im Vereins- und Geschäftsleben der Fächerstadt. Er ist zwar leider schon verstorben; sein Name und Andenken leben allerdings fort in seinen Bonmots und in Erzählungen gerade der älteren Großmarkt-Generation. Man hat ihm auf dem Großmarkt-Gelände am Weinweg sogar eine eigene Straße gewidmet. "Horst-Bauer-Str." steht in weißen Lettern auf dem blauen Straßenschild, das die Fassadenfront der Großmarkt-Kantine ziert. Es ist eine "Welt für sich", wie Marktamtsleiter Armin Baumbusch zu berichten weiß. Die nächtliche Geschäftigkeit, wenn anderswo Stille eingekehrt ist; das vibrierende Treiben der Händler; die "verkehrte Welt" der auf den Kopf gestellten Relationen: Früh morgens ist hier bereits spät, und spät abends ist noch früh. Es sind andere Zeitrhythmen als in der "Welt da draußen", und andere Mengen.

An der Fassade der "Imbiss-Stube" sucht man den im Handelsregister eingetragenen Namen der Gaststätte vergeblich: "Zum blauen Affen" (Foto: ka-news)

"Hemdsärmelig" nennt Baumbusch den Menschenschlag, den der Großmarkt hervorgebracht hat: Nüchterne Abgeklärtheit und schaffige Routine bestimmen das Mit- und Nebeneinander. Mit der devoten Freundlichkeit so mancher Parfümerie-Verkäuferin oder der steifen Höflichkeit eines Bankangestellten ist auf dem Großmarkt kein Blumentopf zu gewinnen. Man kennt sich. Vertrauen ist hier - neben Qualität - das wichtigste Kapital. "Es gilt der Handschlag und das gesprochene Wort", betont Baumbusch - so war es schon immer und so ist es immer noch. Preise und Mengen werden im Vier-Augen-Gespräch oder am Telefon vereinbart. Und wer das entgegengebrachte Vertrauen verspielt, der braucht gar nicht erst wiederzukommen. Der Ruf ist hinüber. In dieser Hinsicht ist auch der Großmarkt moderner Prägung ein Dorf.

Der wiehernde Amtsschimmel als Namensgeber

"Kantine" prangt nüchtern neben dem Eingang der Imbiss-Stube auf dem Großmarkt. Dabei verfügt die Gaststätte - wenn auch nur auf dem Papier - über einen merkwürdig schillernden Namen: "Zum blauen Affen", nicht verwandt und nicht verschwägert mit dem gleichnamigen illustren Nachtlokal in Venedig. Und wenn ab und an ein Gast mit einem allzu ausgefallenen Wunsch die auf das Wesentliche beschränkte Imbiss-Speisekarte überstrapaziert, dann kann sich Gerd Rüsseler, der Besitzer der Gaststätte, mitunter einen knappen Konter nicht verkneifen: "Du, das geht vielleicht im ‚Blauen Affen’ in Venedig, aber nicht bei uns."

Hier kommt neue Arbeit: Vor allem nachts und am frühen Morgen sorgt ein stetiger Strom ein- und ausfahrender Lkw für reichlich Schweiß in den Großmarkthallen (Foto: ka-news)

Die Namensschöpfung selbst hat, trotz ihres poetischen Charmes, einen reichlich prosaischen Ursprung: "Bei den Gründungsformalitäten wollte ich als Name ‚Großmarkt-Gastätte GmbH’ oder etwas in die Richtung eintragen lassen", erzählt Rüsseler. "Aber mein Steuerberater sagte mir, dass das bei der zuständigen Behörde nicht durchzubekommen sei. Die Bezeichnung wäre zu allgemein gehalten und müsse sich besser abheben." Daraufhin antwortete ihm der angehende Betreiber der Gaststätte - halb ihm Scherz, halb im Ernst: "Dann nenn’ sie doch einfach ‚Zum blauen Affen’". Sprach es - der Steuerberater tat es - und das Amtsgericht segnete es ab. Und deshalb steht im Handelsregister heute nicht ein schlichtes "Großmarkt-Gastätte GmbH", sondern eben "Gaststätte ‚Zum blauen Affen’". Der wiehernde Amtsschimmel treibt so manches Mal die seltsamsten Blüten.

"Den Leuten hier pressiert es immer"

Der 60-Jährige ist noch ein recht junges Mitglied der eigentümlichen Großmarkt-Welt. Seit drei Jahren führt er den etwas versteckt gelegenen Imbiss auf dem Gelände am Weinweg, in der Gastronomie arbeitet er allerdings schon länger: seit 1985. "Glatze" nennen ihn hier die Eingeweihten. Diesen Spitznamen trug er bereits vor der Gründung seiner Großmarkt-Existenz. "Den habe ich hierher mitgebracht", sagt Rüsseler. Schon im Alter von fünf oder sechs Jahren haftete ihm dieser Name an, lange bevor sich das Haar allmählich lichtete: Es waren harte Zeiten nach dem Krieg, um 1950 herum, erzählt "Glatze". Ein Haarschnitt musste damals ein halbes Jahr halten, dementsprechend radikal wurde das Kopfhaar gestutzt.

Das Kommen und Gehen hat für heute ein Ende: Um 10 Uhr herrscht im Imbiss bereits gähnende Leere. (Foto: ka-news)

Es ist 7 Uhr morgens. In seinem Imbiss herrscht ein reges Kommen und Gehen: Fernfahrer, die in Kürze mit ihrem frisch bestückten LKW in Richtung Süddeutschland aufbrechen wollen; Großmarkt-Arbeiter, die sich nach einer arbeitsreichen Nacht eine kurze Pause gönnen; und Wochenmarkthändler, die sich noch schnell einen Kaffee holen, bevor es weiter geht zum eigentlichen Arbeitsplatz außerhalb des Großmarkts, wo der Verkaufsstand darauf wartet, bestückt zu werden. Vereinzelt sitzen Männer, seltener Frauen, alleine oder in Gruppen an den Tischen vor ihrem Kaffee, einem belegten Brötchen oder einer Frikadelle. "Die Leute hier haben wenig Zeit, denen pressiert es immer", erzählt Gerd Rüsseler alias "Glatze".

Eine Kundschaft mit "Erholungsfunktion"

Die Wenigsten setzen sich hin, um etwas Größeres zu essen. Der "blaue Affe" ist mehr Verpflegungsstation als Gaststätte. "Die meisten meiner Kunden kommen nur schnell rein, bestellen sich einen Kaffee, ein Lachs-Brötchen, eine Frikadelle oder ein Schnitzel zum Mitnehmen und verschwinden wieder." Rund 2.000 Tüten benötige er pro Monat, betont Rüsseler. "So ist das eben, wenn Leute selbständig sind, die haben einfach nie Zeit." Zwischen sieben und neun Uhr morgens herrscht hier Hochbetrieb. Geöffnet hat er fast die ganze Nacht, und gegen 10 Uhr ist der Spuk schon wieder vorbei. Dann herrscht hier meist gähnende Leere. Um 11 Uhr vormittags schließt der Imbiss in der Regel. "Ich bin nicht die Post. Wenn viele Gäste da sind, dann wird auch mal verlängert, bis 12 oder 13 Uhr", sagt "Glatze".

Nach dem geschäftigen Treiben der Nacht geht es tagsüber an die Beseitigung der "Hinterlassenschaften" (Foto: ka-news)

Auch hier verkehrte Welt: Wenn in den Gaststätten jenseits der Großmarkt-Grenze das eigentliche Geschäft beginnt, ist hier bereits alles vorbei. Und wenn dort die Stühle auf die Tische gestellt werden, geht hier der Betrieb erst los. Überhaupt ist es auf dem Großmarkt tagsüber überraschend ruhig. Während in der Innenstadt der größte Trubel herrscht, ist hier Kehraus angesagt. "Der Großmarkt, das ist ein eigenes Leben", merkt Rüsseler an. "Aber ich beklage mich nicht. Mir ist das lieber als von morgens früh bis in die Puppen im Lokal zu stehen." Auch die Kunden auf dem Großmarkt seien ihm lieber. "Im Vergleich zum Bistro ‚draußen’ ist das hier ein Erholungsjob", betont er. "Die Arbeit macht mir Spaß. Es ist eine super Kundschaft": Keine Bösartigen, nur selten ein Lästerer und nie einer, der ausfällig wird oder Randale macht.

"Viel Kaffee, kaum Bier"

"Den Menschen, die zu mir kommen, ist ihre Arbeit das Wichtigste. Genau wie bei mir. Das ist eine Art Seelenverwandtschaft." Unter den vielen hundert Menschen, die auf dem Großmarkt tätig sind, sei nicht ein Faulenzer, erzählt Rüsseler. "Wer hier neu anfängt und nicht arbeiten will, der ist spätestens nach drei Tagen weg vom Fenster." Leute von "draußen" sieht er nicht gerne in seinem Imbiss, vor allem nicht, wenn Alkohol im Spiel ist. "Das ist Stressarbeit", sagt Rüsseler. "Da stoßen zwei Welten aufeinander, die nicht zusammenpassen." Ab und an verirre sich ein "Nachtschwärmer" in sein Lokal, meist sind es Alkoholiker: "Das führt fast immer zu Spannungen, wenn Typen, die nicht arbeiten müssen oder wollen, auf Menschen treffen, die sich hier dumm und dämlich schuften."

Hier wird nicht tief gestapelt: Arbeiten im Großmarkt ist "mehr als ein Knochenjob" und deshalb ungeeignetes Habitat für Faulenzer und Arbeitsverweigerer (Foto: ka-news)

Überhaupt verkaufe er in seinem Imbiss nur wenig Alkohol. "Viel Kaffee über die Straße, Bier kaum", so Rüsseler. "Für ein gemütliches Bier, oder zwei, hat hier keiner die Zeit. Die meisten wollen schnell nach Hause oder müssen gleich weiter auf den Wochenmarkt oder mit ihrem Lkw auf die Straße." In der kalten Jahreszeit sei die Eile noch größer: "Im Winter ist bei mir nicht so viel los. Da haben die Händler noch weniger Zeit, weil ihnen sonst die Ware einfriert." Außerdem könne sich der normale Arbeiter den "Luxus" eines Bieres, geschweige denn mehrerer, gar nicht leisten. "Bei neun bis zehn Euro netto die Stunde ist das kein Wunder", gibt er zu bedenken.

Licht und Schatten auf dem Großmarkt

Der raue Wind des Wettbewerbs macht auch vor dem Großmarkt am Weinweg nicht halt: Der Pulsschlag hat sich erhöht - jede Minute zählt. Je eher der Wochenmarkthändler vom Großmarkt wegkommt, desto früher kann er am Verkaufsstand stehen. Viele kleine Händler verschwinden von der Bildfläche, weil sie der Konkurrenz der großen Einzelhandelsketten nicht standhalten. Die täglich erlebte Großmarkt-Routine lässt das verklärte Bild von der "einen großen Familie" zum unwirklichen Klischee verblassen. Den Wandel bekommt auch Imbiss-Besitzer Gerd Rüsseler alias "Glatze" zu spüren: "Die meisten Wochenmarkthändler sind ältere Jahrgänge, da kommt fast nichts Junges hinterher. Die Arbeit will keiner mehr machen. Für mich ist das ein echtes Problem, das ist meine Kundschaft." Neben vielen reizvollen Facetten hat der Großmarkt eben auch seine Schattenseiten.

Und dennoch: Die Mehrheit der Großmarkt-Akteure "lebt" auch heute noch das alte Horst-Bauer-Wort: "Wer den Großmarkt nicht kennt, hat eine Bildungslücke; wer ihn kennt, den lässt er nicht mehr los." Wie das "Abenteuer Großmarkt" weitergeht, gibt es am kommenden Montag, 25. Juli, exklusiv hier bei ka-news.