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Karlsruhe Zu wenig Schwerbehinderte in Karlsruher Unternehmen: Drücken sich die Betriebe vor ihrer Beschäftigungspflicht?

Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in die Arbeitswelt ist seit jeher ein wichtiges Thema. Trotzdem bleiben auch in Karlsruhe viele Stellen für beeinträchtigte Personen weiterhin unbesetzt. Viele Unternehmen stehen gar im Verdacht, die Zahlung einer Geldstrafe ihrer gesetzlichen Beschäftigungspflicht vorzuziehen - ein Problem auch in Karlsruhe?

Unternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen sind gesetzlich verpflichtet, wenigstens fünf Prozent ihrer Stellen mit Schwerbehinderten zu besetzen. Tun sie das nicht, wird die Zahlung einer Geldstrafe, der sogenannten Ausgleichsabgabe, an das Integrationsamt fällig. Pro unbesetztem Arbeitsplatz beträgt diese, je nach Größe des Unternehmens und der Anzahl der Beschäftigten mit Behinderung, zwischen 125 und 320 Euro. Das Geld wird dann an Betriebe verteilt, die die Inklusion unterstützen und hierfür Zuschüsse benötigen.

725 Arbeitgeber mussten im Jahr 2016 in Karlsruhe demnach ihrer Beschäftigungspflicht nachkommen. Von den 6.936 offenen Stellen, die für Menschen mit Behinderungen vorgesehen waren, blieben dennoch 1.905 unbesetzt. Woran liegt das? Kaufen sich Arbeitgeber wirklich absichtlich bequem von ihrer Verantwortung frei?

Vorbehalte verhindern Annäherung

Bequemlichkeit ist für Karl-Friedrich Ernst, Dezernent des Integrationsamts des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), nur einer von mehreren Gründen, warum viele Stellen unbesetzt bleiben - die Zahlung der Ausgleichsabgabe gehört jedoch nicht dazu.

"Oft passt das Anforderungsprofil der Arbeitsplätze nicht zum Leistungsprofil der Arbeitnehmer", erklärt er eine der Hürden gegenüber ka-news. Geeignete Arbeitsplätze seien aufgrund multipler Vermittlungshemmnisse schwer zu finden. Die Tatsache, dass es sich bei den Arbeitssuchenden überwiegend um Langzeitarbeitslose handele, verschlechtere die Chancen weiter.

Karl-Friedrich Ernst
Karl-Friedrich Ernst, Dezernent des Integrationsamts des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS). | Bild: ARTIS-Uli Deck

Zudem stünden laut Ernst seitens der Arbeitgeber einem Beschäftigungsverhältnis oftmals Vorbehalte im Weg, etwa, dass Schwerbehinderte weniger leisten können, zusätzliche Kosten verursachen, besonders schwer kündbar seien und höhere Fehlzeiten hätten als Menschen ohne Beeinträchtigung. "Diese Sorgen sind aber allesamt unbegründet!" versichert der Dezernent des Integrationsamtes im Gespräch mit ka-news. 

Um die Probleme weiß auch Benjamin Gondro, Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Karlsruhe. Dennoch will er Arbeitgebern Mut machen: "Gerade weil in der Einarbeitung eine engere Begleitung notwendig ist, zahlen das die meisten Arbeitnehmer mit einer hohen Motivation und Treue zurück."

Zahl der Arbeitslosen mit Behinderung sinkt

Und obwohl die Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten im Geschäftsstellenbezirk des Karlsruher Arbeitsamtes im Vergleich zum Vormonat (467) laut aktuellem Arbeitsmarktbericht auf 607 angestiegen ist - in der Inklusion von Behinderten steht Karlsruhe insgesamt gut da. "Die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich verringert!", so Gondro gegenüber ka-news.

Inklusion
Karlsruhe setzt sich erfolgreich für die Inklusion behinderter Meschen ein. (Symbolbild) | Bild: pixabay

So waren 2014 im Jahresdurchschnitt 609 Behinderte in Karlsruhe ohne Arbeit, 2017 nur noch 554. Zudem konnten in diesem Jahr bereits 550 Beeinträchtigte eine Stelle antreten. Ein Beispiel für gelungene Inklusion in Karlsruhe liefert auch das Unternehmen Printor: Erst am 25. Oktober hat es den städtischen Inklusionspreis erhalten

"Die Beschäftigungspflicht wird nicht absichtlich umgangen"

Doch trotz guter Inklusionsmöglichkeiten - unbesetzte Arbeitsplätze werden auch in Zukunft noch Thema in Karlsruhe sein, meint Ernst. "Es wird sicher nie gelingen, alle schwerbehinderten Menschen dauerhaft auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren." Das sei seiner Ansicht nach aber nicht unbedingt der Ausgleichsabgabe geschuldet: "Ich bin sicher, dass die Beschäftigungspflicht nicht absichtlich umgangen wird."

Agentur für Arbeit
Bei den Integrationsämtern und bei der Arbeitsagentur finden Betroffene Hilfe und Unterstützung. (Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

Um Arbeitgebern etwaige Vorbehalte gegenüber der Einstellung von Schwerbehinderten zu nehmen und so den Missbrauch der Ausgleichsabgabe gar nicht erst zum Usus werden zu lassen, setzen sowohl Gondro als auch Ernst auf umfangreiche Beratungs- und Förderleistungen. "Allerdings ist es oft schwierig, den richtigen Ansprechpartner zu finden", kritisiert Karl-Friedrich Ernst. 

Wo kann ich in Karlsruhe Unterstützung finden?

Betroffene Arbeitgeber und -nehmer aus Karlsruhe können sich an die Homepage des Integrationsamtes sowie des KVJS wenden. Letzteres bietet Lohnkostenzuschüsse, die Förderung behindertengerechter Arbeitsplatz-Ausstattung und Beratungsangebote an. Eine App namens "Rehadat Förderfinder" soll zudem über landesweite Fördermöglichkeiten informieren.

Auch das Arbeitsamt Karlsruhe bietet eine Anlaufstelle für Betroffene. Unter der Email-Adresse karlsruhe-rastatt.261-reha@arbeitsagentur.de kann man sich zu Beratungsterminen anmelden. Eine Info-Broschüre für Arbeitgeber sowie die Homepage der Bundesagentur für Arbeit runden das Beratungsangebot ab.

Menschen mit Behinderungen in Karlsruhe

Am internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen widmet sich ka-news den Arbeitsbedingungen und der Integrationsmöglichkeiten in Karlsruhe. Die weiteren Artikel der Serie finden Sie hier:

"So normal wie möglich, so speziell wie nötig": Reha-Berater helfen Behinderten bei der beruflichen Wiedereingliederung

Inklusion im Verborgenen: Wie ein kleines Karlsruher Unternehmen sich für Behinderte einsetzt

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Kommentare (9)
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  •   mikado46
    (129 Beiträge)

    04.12.2018 14:55 Uhr
    Die täglichen Debatten und Forderungen .......
    .......der Grünen und Linke lassen aber eher den Eindruck erwecken, das größte Problem sei die Unterbestzung
    der Vorstandsetagen mit Frauen.
    Ich kann mir an nicht einer einzigen Debatte erinnern , wo das Problem der nichtbeschäftigung von
    Schwerbehinderte von Grüne und Linke vorgetragen worden wäre.
    Grüne und Linke, die sich ja so gerne als moralische Elite darstellen.
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  •   Gast68
    (854 Beiträge)

    03.12.2018 12:10 Uhr
    Unberücksichtigt sind auch Schwerbehinderte
    welche aufgrund ihrer Behinderung weniger wie 18 Stunden in der Woche arbeiten können.
    Viele Behinderte, welche berufstätig sind, fallen somit ganz einfach durchs Raster.
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  •   andip
    (9223 Beiträge)

    03.12.2018 11:52 Uhr
    Nun ja
    Das die Arbeitgeber alle keine Schwerbehinderten beschäftigen wollen, möchte ich bezweifeln.
    Das dürfte eher daran liegen, das die arbeitslosen Behinderten nicht die Qualifikation für den möglichen Arbeitsplatz haben.
    Jemanden, der im Rollstuhl sitzt, kann man auch nur schlecht in einer Werkshalle in der Produktion einsetzen, und ein Schreibtischplatz steht auch nicht in jedem Betrieb unbegrenzt zur Verfügung.
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  •   kommentar4711
    (2066 Beiträge)

    03.12.2018 13:25 Uhr
    Antwort auf "Nun ja"
    Das sehe ich auch so. Dadurch fallen viele potentielle Arbeitsplätze schon mal von vorne herein weg. Wird diejenigen, die eine solche Quote beschließen, aber nicht interessieren.
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  •   Chris23
    (145 Beiträge)

    03.12.2018 22:30 Uhr
    Es gibt mehr möglichkeiten als ...
    Büro und Rollstuhl. Mal ein kurzes Brainstorming von mir, mit einigen Behinderten angestellten die gute Arbeit gemacht haben und afaik durch Förderungen auch für dem AG günstig sind.
    - Ein tauber Werkstattsleiter
    - die Bäckerei Schmitt ist afaik ein Vorzeige Arbeitgeber was Inklusion angeht, und am WE steht man dort schlange.
    - In der KIT Verwaltung gab es eine annähernd Blinde angestellte, die ironischer Weise die besten Fotos für die Studi Ausweise gemacht hat.
    - Im Lager hat jemand nachschübe für die produktion und grob Reinigung gemacht, vllt nicht der neue Einstein aber das ist auch nicht nötig.
    - ein einarmiger Verkäufer nicht Bandit (oder vielleicht doch wenn er gut ist merkt man nicht das er einen Ausnimmt)
    - Ausgabe an der Kantine
    - kA ob es zählt aber zu Asperber gibt es einige vielversprechende Projekte in der IT
    - ...

    Ich bin mir sicher euch fällt auch noch einiges ein. Zudem suchen sich die meisten Betroffende auch Berufe die zu ihrer behinderung vereinbar sind.
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  •   kommentar4711
    (2066 Beiträge)

    03.12.2018 11:07 Uhr
    5% Schwerbehinderte?
    Haben wir im Bevölkerungsschnitt überhaupt so viele Schwerbehinderte? Kommt mir ehrlich gesagt sehr viel vor.
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  •   lynx1984
    (3042 Beiträge)

    03.12.2018 11:40 Uhr
    natürlich nicht
    aber wir sprechen ja auch hier nur von den Unternehmen >20 Mitarbeitern.
    Und wirklich dramatisch scheint es ja nicht zu sein! Die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung hat sich in den letzten Jahren ja kontinuierlich verringert.
    Wirklich schwierig ist es halt in einer immer dynamischeren Welt noch Arbeitsplätze zu finden die auf den Menschen mit Beeinträchtigung entsprechen. Wohl gemerkt mit kleineren Behinderungen gilt man schon lange nicht sofort als schwerbehindert.

    Also das Zusammenspiel aus der Art und dem Grad der Beeinträchtigung und das Arbeitsplatzprofil müssen auch örtlich übereinstimmen. Das ist nicht leicht! Der im Rollstuhl sitzende Rechtsanwaltsfachangestellte mag vielleicht noch schnell was finden. Eine geistig und körperlich beeinträchtigte Person ist vielleicht schon als Pförtner überfordert - wenn überhaupt benötigt. Und das ist die Herausforderung!
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  •   zahlenbeutler
    (1096 Beiträge)

    03.12.2018 11:34 Uhr
    es sind mehr
    +++ Das Posting enthält beleidigende Inhalte und wurde daher von der Redaktion gesperrt +++
  •   80er
    (5609 Beiträge)

    03.12.2018 07:17 Uhr
    Die Ausgleichsabgabe.....
    ...ist keine Geldstrafe, sondern - wie der Name schon sagt- eine Abgabe. Diese kommt den Betrieben zu gute, die Behinderte einstellen. Deswegen verstehe ich das Problem nicht.
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  •   olafb
    (246 Beiträge)

    03.12.2018 07:49 Uhr
    Nein,
    Arbeitgeber müssen evtl. was zahlen, denn wenn sie die schwerbehinderte Menschen nicht oder in zu geringem Umfang beschäftigen, dann müssen sie eine Ausgleichsabgabe bezahlen. Dies betrifft Betriebe mit mindestens 20 Arbeitsplätzen. Allerdings scheint diese Abgabe viel zu gering.
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