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Karlsruhe Start up-Szene in Karlsruhe muss größer denken: "Es gibt viele Akteure, die aber zu oft für sich alleine bleiben"

Autopionier Carl Benz und Fahrrad-Erfinder Karl Drais - sie sind nur zwei Beispiele von vielen, die beweisen: Der Erfindergeist hat im Raum um Karlsruhe eine lange Tradition - und das bis in die Gegenwart. Heute ist die Fächerstadt als Technologieregion eine der wichtigsten Gründungsstandorte in Deutschland, 2,6 Prozent der deutschen Gründer kommen von hier. Doch was genau macht die Gegend um das vergleichsweise kleine Karlsruhe wirtschaftlich so stark - und wieso ist die erfolgreiche Gründerszene eigentlich nicht in aller Munde?

Neugründungen, Start-ups, Gründerregionen in Deutschland - hier denkt man oft erst einmal an Metropolen wie Berlin oder München. Ein genauerer Blick  auf die  Zahlen zeigt aber: Auch Karlsruhe ist in Deutschland ganz vorne mit dabei.

Denn laut dem Deutschen Startup Monitor 2018 der KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft  kamen 2018 2,6 Prozent der deutschen Gründer vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT).  Davor befindet sich im Ranking der Top-Ten Gründerhochschulen nur noch die Technische Universität München.

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Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) bringt viele Start-up-Gründer hervor. (Symbolbild) | Bild: Paul Needham

Doch auch unabhängig vom KIT gehört die Region Karlsruhe/Stuttgart laut Gründermonitor 2018 zu einer der fünf wichtigsten Gründerregionen Deutschlands und beherbergt den Hauptsitz von 6,1 Prozent der Start-ups. 

Zwei Mal deutscher Gründerpreis für die Fächerstadt

Nur - wirklich präsent ist Karlsruhe als Gründerregion nicht. "Ich habe das Gefühl, dass die Leute, die hier leben und nichts mit dem Thema zu tun haben, relativ wenig davon mitbekommen", sagt Ralph Henn, Doktorand am Lehrstuhl für Entrepreneurship und Technologie-Management am KIT. Er erforscht Gründungs-Ökosysteme und wie man die Rahmenbedingungen einer Region gestalten kann, um Neugründungen zu fördern.

Ralph Henn, Doktorand am Lehrstuhl für Entrepreneurship und Technologie-Management am KIT. | Bild: ka-news.de

Henn wünscht sich daher mehr Informationen über Erfolge und Angebote in der Karlsruher Start-up-Szene. Denn davon gibt es mehr als genug: So gewannen jeweils 2018 und 2015 Karlsruher den deutschen Gründerpreis. Die Start-up-Szene der Fächerstadt ist dabei breit aufgestellt, von der aufblasbaren Sicherheitsboje Restube bis zum Mini-Reaktor - an Ideen und kreativen Umsetzungen mangelt es hier nicht.

Mit der aufblasbaren Rettungsboje Restube sollen mehr Menschen vor dem Ertrinken gerettet werden. | Bild: Restube GmbH

Erfindergeist - in Karlsruhe nichts Neues

Dieser Erfindergeist ist in Karlsruhe nichts Neues. Ob die Draisine, Automobilpionier Carl Benz oder die erste E-Mail Deutschlands - "wir haben eine lange Tradition technologischer Meilensteine", so Henn im Gespräch mit ka-news.de.

Als im Zuge des Strukturwandels das produzierende Gewerbe zurückging, wurde eine Neuausrichtung des Wirtschaftsstandorts Karlsruhe notwendig.

Orestis Terzidis
Orestis Terzidis, Leiter des Lehrstuhls für Entrepreneurship und Technologie-Management. | Bild: KIT

Die Kombination aus Strukturwandel, frei werdenden Flächen auf dem ehemaligen Gelände von Fabriken und der Universität als  "Talent-Motor" habe Karlsruhe letztendlich zu einer erfolgreichen Gründerregion gemacht, erklärt Orestis Terzidis, Leiter des Lehrstuhls für Entrepreneurship und Technologie-Management. Auch die günstige geographische Lage, die Tagesreisen in viele wichtige Städte Europas möglich macht, schreibt Terzidis dem Erfolg der Fächerstadt zu.

Erfolg ist keine Frage der Größe

Dabei sei ein solches wirtschaftliches Gedeihen keine Frage der Größe der Stadt: "Sie kann eine Rolle spielen, aber die Dichte kreativer Köpfe und die Netzwerke  sind wichtiger", so Terzidis. Die im Vergleich zu Berlin oder München überschaubare Größe ist für Martin Welker sogar ein entscheidender Vorteil des Standorts Karlsruhe. Welker gründete 2003 das Softwareunternehmen Axonic Informationssysteme GmbH, das heute über 5 Millionen Nutzer hat.

Martin Welker, Gründer des Softwareunternehmens Axonic Informationssysteme GmbH. | Bild: Leonie Wiegel

Die kurzen Wege zwischen Gründern, Mitarbeitern und Investoren, viele verschiedene Angebote für Gründer von Uni und Stadt und trotzdem eine gewisse Übersichtlichkeit - das sind für Welker die wichtigsten Standortvorteile von Karlsruhe. Selbst hier gegründet hat er aber aus einem scheinbar unspektakulären Grund.

Er hatte nach seinem Informatikstudium bereits Kontakte geknüpft und fühlte sich nach eigenen Angaben hier verwurzelt - ein Phänomen, das in der Wissenschaft "Saatbeet-Hypothese" genannt werde, erläutert Ralph Henn. "Normalerweise gründet man immer dort, wo man gerade ist." Das mache die Universität als Motor für Neugründungen umso wichtiger.

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Die Universität ist ein wichtiger Motor für Neugründungen (Symbolbild). | Bild: Paul Needham

Die Universitäten sorgen also für die kreativen Köpfe, die sich leicht finden und vernetzen können. Und wie werden aus guten Ideen kluge Umsetzungen und erfolgreiche Start-ups?

Mehr private Investoren vonnöten

Geld kann dabei von Förderprogrammen des Bundes (beispielsweise dem Exist-Grünerstipendium) oder des Landes (shareBW, junge Investoren) oder von privaten Investoren kommen. Gerade von letzteren könnte Karlsruhe laut Henn noch mehr gebrauchen: "Investitionen mit Fördergeldern sind oft sehr langsam. Privatwirtschaftliche Player sind schneller, unkomplizierter und treffen oft die Bedürfnisse der Gründer besser."

Ein gutes Beispiel sei First Momentum Ventures, Deutschlands erster studentischer Risikokapital-Fonds, der von fünf Karlsruher Studenten gegründet wurde und junge Unternehmer mit Kapital und Kontakten unterstützt.

"Karlsruhe stellt sich gerade gut auf"

Förderprogramme der Stadt gebe es zwar auch, diese zielen dagegen aber eher auf Infrastruktur und Institutionen für Gründer ab. "Da stellt sich Karlsruhe gerade gut auf", freut sich Henn. Beispiele hierfür seien das Gründerzentrum "Perfect Future" auf dem Alten Schlachthof, wo Gründer Schiffscontainer als Büroflächen mieten können, oder das Wachstums- und Expansionszentrum FUX, das Unternehmen in der Wachstumsphase Büroräume bietet.

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Auch im Alten Schlachthof in der Karlsruher Oststadt sind viele Start-ups beheimatet. (Symbolbild) | Bild: Paul Needham

"Die Infrastruktur ist das Wichtigste. Förderprogramme gibt es eigentlich schon genug", sagt Ralph Henn. Auf diesem Gebiet sei auch bei der Stadt einiges im Gange. So erklärt die Stadt Karlsruhe auf Anfrage von ka-news.de, dass das Projekt "Smart Production Park" des CyberForums junge Unternehmen ab 2020 bis zu fünf Jahre unterstützen könne.

Im nächsten Schritt soll ein zugehöriges Kompetenznetzwerk erarbeitet werden, außerdem werde der Bedarf eines Gründerzentrums für das Handwerk diskutiert. Mit dem interkommunalen Konzept "Gründungstraverse Mittlerer Oberrhein" verfolge man darüber hinaus das Ziel, das Angebot für Gründungsförderung in der Region weiter zu verbessern und Gründer nicht nur in der Stadt, sondern auch im ländlichen Raum zu fördern.

"Man könnte noch größer denken"

Aber auch für die Förderung privatwirtschaftlicher Investitionen gibt es Pläne: So hätten die bestehenden Netzwerke laut Stadt unter anderem zum Ziel, in der Region, aber auch international erfolgreiche Unternehmen als Business Angels oder Mentoren für Start-ups zu gewinnen.

Doch nicht nur mit städtischen Netzwerken ist Karlsruhe breit aufgestellt, auch an studentischen Initiativen mangelt es nicht. So unterstützen beispielsweise die Initiative "Gründerschmiede" des KIT und die Hochschulgruppe PionierGarage Studenten, die ihr eigenes Unternehmen gründen möchten.

Die Stärke liegt in der Vielfalt

Hier sieht KIT-Doktorand Ralph Henn zwar eine Stärke, aber auch Verbesserungspotential: "Es gibt viele Akteure, die aber zu oft für sich alleine bleiben. Sie leisten gute Arbeit, aber da steckt mehr Potential drin, man könnte noch größer denken." Es müsse noch mehr an erfolgreicher Zusammenarbeit der einzelnen Akteure und dem Abstimmen von Veranstaltungen zu gleichen Themen gearbeitet werden.

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Karlsruhe bietet mit Standorten wie dem Technologiepark viele Vorteile für junge Firmengründer. | Bild: ka-Reporter: Peter Eich

Eine ganz besondere Stärke aber habe Karlsruhe als Gründungsszene: "Sie ist nicht von einer Sache abhängig", erklärt Henn. "Es kann nicht so vielen Brachen schlecht gehen, dass es Karlsruhe schlecht geht." So soll gewährleistet werden, dass die Technologieregion sich auch weiterhin gegen große Städte wie München und Berlin in Sachen Start-ups behaupten kann. 

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    (458 Beiträge)

    24.02.2020 21:02 Uhr
    Pioniere werden in Karlsruhe ignoriert und totgeschwiegen
    seit Freitag, den 10. August 2007 allgemein totgeschwiegen und
    seit Freitag, den 26. April 2013 brüllend laut totgeschwiegen.

    es grüßt
    ein Pionier
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  •   andip
    (10280 Beiträge)

    24.02.2020 08:39 Uhr
    Nun ja
    Carl Benz und Drais mögen zwar hier in der Gegend geboren worden sein, ihre Erfindungen haben sie aber nicht in Karlsruhe gemacht/entwickelt.
    Das die jetzigen Startups kaum einer kennt, liegt auch daran, dass die eben nicht was aufsehenerregendes, noch nie dagewesenes produzieren wie einst Drais und Benz.
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