Karlsruhe Robotertechnik im OP-Saal: "Der Arzt ist und bleibt der Akteur am Tisch"

Der Arzt spielt in der modernen Medizintechnik eine wichtige Rolle. Er ist und bleibt der Akteur am OP-Tisch. Dieser Meinung sind Uwe Spetzger und Thomas Görges vom Städtischen Klinikum Karlsruhe. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Das Städtische Klinikum in Karlsruhe ist das größte Klinikum in der Region und zudem Lehrkrankenhaus der Uniklinik Freiburg. Mehr als 230.000 Patienten werden hier jedes Jahr versorgt - ambulant oder stationär. Auch in Sachen Operationstechnik hält in dem 109 Jahre alten Klinikum immer mehr die Digitalisierung Einzug: Sei es der OP-Roboter, vernetzte OP-Säle oder einzelne Stationen, die per Mausklick auf Patientendaten anderer Fachbereiche zugreifen können. Hier ist die Gegenwart schon in der Zukunft angekommen. Wie genau das aussieht, erklären Uwe Spetzger, Klinikdirektor der Neurochirurgischen Klinik und Thomas Görges, Leiter der Medizintechnik am Städtischen Klinikum Karlsruhe.

Herr Spetzger, Sie kommen gerade aus dem OP. Was stand an?

Spetzger: "Eine Wirbelsäulen-OP. Nichts Kompliziertes."

Alle Welt spricht von intelligenten Maschinen, manche Experten warnen sogar davor. Wie stark ist ein moderner OP denn heute schon automatisiert?

Spetzger: "Die Fähigkeiten von Robotern werden schnell überschätzt. Es sind Assistenzsysteme, die uns Ärzte im OP unterstützen, auf kleinstem Raum zu arbeiten, etwa bei Bohrungen am Knochen oder der Führung von Schrauben. Die Schraube selbst dreht aber der Operateur rein. Dafür braucht man Gefühl und jahrelange Erfahrung. Das kann derzeit keine Maschine leisten."

Görges: "Vollautomatisierte Maschinen sind Science-Fiction. Mit der Wirklichkeit hat das nichts gemein. In der Urologie gibt es etwa das Da-Vinci-System (Roboter-assistierendes Chirurgiesystem, Anm. d. Red.), das dem Operateur erlaubt, sehr feinfühlig vorzugehen. Aber auch dieses System führt keine eigenständigen Bewegungen aus. Der Operateur hat jederzeit die vollständige Kontrolle."

Städtisches Klinikum Karlsruhe
Uwe Spetzger (links) ist Facharzt für Neurochirurgie am Städtischen Klinikum. Der Privatdozent und Dr. med. Dr. h.c. ist seit 2002 Direktor der Neurochirurgischen Klinik des Städtischen Klinikums in Karlsruhe. Thomas Görges (rechts) ist Leiter der Medizintechnik am Städtischen Klinikum Karlsruhe. | Bild: Philip Dehm Fotografie

Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern?

Spetzger: "Ich bin Fakultätsmitglied des Instituts für Anthropomatik und Robotik am KIT. Dort gibt es Roboter, die dank intelligenter Software eine Spülmaschine ausräumen. Sie sind aber meilenweit davon entfernt, zwischen Tumor und anderem Gewebe zu unterscheiden, Eingriffe vorzunehmen und intuitiv zu handeln. Der Arzt ist und bleibt der Akteur am OP-Tisch."

Stichwort intelligente Software: Die US-Firma IBM wirbt mit ihrer Künstlichen Intelligenz (KI) "Watson" für den Einsatz in Kliniken. Welche Rolle spielt KI am Städtischen Klinikum?

Görges: "'Intelligente' Software kommt in verschiedenen Bereichen zum Einsatz, etwa in der künstlichen Beatmung. Algorithmen helfen den Ärzten, die perfekte Sauerstoffsättigung beim Patienten einzustellen (Closed-loop-System). Auch in der Fluoreszenzmikroskopie wird der Arzt durch Software unterstützt."

Welche Effekte beobachten Sie noch durch die Digitalisierung?

Görges: "Die Vernetzung der Geräte mit der Krankenhaus-IT hält gerade Einzug und wird sich mit jeder Neuanschaffung verstärken. Für die Behandlung eines Patienten ergeben sich damit völlig neue Möglichkeiten. Die Behandlungsdaten liegen nicht mehr isoliert in einer Schublade. Stattdessen können alle am Behandlungsprozess beteiligten Ärzte schnell darauf zugreifen."

Spetzger: "Wir schaffen gerade ein neues OP-Mikroskop an. Die Qualität des Gerätes ist hervorragend und darüber hinaus hat es Schnittstellen zur Verbindung mit anderen OP-Geräten, was den Datenaustausch erheblich vereinfacht. Das wird künftig Standard sein."

Operation in den USA
(Symbolbild) | Bild: Children's Hospital Of Philadelphia

Roboter im OP, neue Geräte mit Schnittstellen zum Datenaustausch untereinander: Drohen finanziell schlechter gestellte Kliniken den Anschluss zu verlieren?

Spetzger: "Wir werden in Zukunft eine verstärkte Spezialisierung erleben. Nicht jedes Krankenhaus wird sich für jede Fachrichtung die neusten Geräte leisten können und wollen. Wichtig ist, dass die Kliniken untereinander im Dialog bleiben und sich zu Themen austauschen, wie etwa die Spezialisierung auf einem Fachgebiet. Darüber werden wir verstärkt diskutieren müssen."

Ein Blick in die Glaskugel: Wo stehen Kliniken technologisch in 15 Jahren?

Spetzger: "Eine Voraussage, insbesondere in einer Zeit des schnellen technischen Wandels, ist immer schwer. Aber: Der vermehrte Einsatz von Assistenzsystemen wird den Trend in der Chirurgie zu minimal invasiven Eingriffen verstärken. Große Schnittoperationen werden wir immer weniger durchführen."

Görges: "Und der Trend zur Vernetzung in Kliniken wird zunehmen. Mehr Geräte werden sich mit der Klinik-IT verbinden und Ergebnisse sich im Zusammenhang so besser analysieren und Patienten besser behandeln lassen."

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