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Weingarten Moderne Goldgräber am Rande des Kraichgau: Bei Weingarten wird nach Erdöl gebohrt, das "zu schade zum Verbrennen ist"

Die Rhein Petroleum GmbH aus Heidelberg will bei Weingarten nach Erdöl bohren. Unter dem Namen "Steig 1" soll ein seit den 1950er Jahren bekanntes Erdölvorkommen zwischen Weingarten und Untergrombach erstmals erschlossen werden. Die erdölführenden Schichten sollen sich in direkter Nachbarschaft zu einem Ölfeld befinden, aus dem in Weingarten bis in die 1960er Jahre Erdöl gefördert wurde.

Öl ist aus unzähligen Produkten des Alltags nicht wegzudenken: Ohne Öl gäbe es viele Medikamente nicht, die meisten Wohnungen wären frei von Möbeln und mangels Dämmmaterialien schlecht zu heizen. "Selbst Wind- und Solaranlagen sind ohne diesen Rohstoff nicht herstellbar. Öl ist ein unersetzlicher Begleiter aller Lebensbereiche - auch der Energiewende", sagt Marcus Gernsbeck gegenüber ka-news.

"Viel zu schade zum Verbrennen"

Er ist Pressesprecher der Rhein Petroleum, aktuell einem von sechs Erdölproduzenten in Deutschland. Das Unternehmen fördert derzeit im hessischen Ried bei Riedstadt-Goddelau und im Allgäu bei Memmingen. Eine Testbohrung bei Graben-Neudorf wurde 2016 ohne Erfolg durchgeführt.

Erdöl-Probebohrungen in Graben-Neudorf
Bei Graben-Neudorf finden Arbeiten an einem Bohrturm statt. Foto: Uli Deck (Archivbild) |

Nun soll auch bei Weingarten eine Erkundungsbohrung erfolgen. Doch warum ausgerechnet hier? Das Öl aus dem Oberrheingraben weist eine sehr gute Qualität aus. In der Fachsprache wird es als süßes und leichtes Erdöl bezeichnet.

Das bedeutet, dass es arm an Schwefel, ohne Schwermetalle und reich an wertvollen Inhaltsstoffen ist, was es zu einem idealen Rohstoff für die industrielle Weiterverarbeitung macht. "Rhein Petroleum betrachtet Rohöl zuallererst als wertvollen und unersetzlichen Rohstoff, der eigentlich viel zu schade zum Verbrennen ist", erklärt Gernsbeck.

Bohrarbeiten dauern vier bis sechs Wochen

Von einem rund einen halben Hektar großen Bohrplatz im Gewann Bronnloch, zwischen Baggersee und der B3 im nördlichen Teil der Gemarkung aus, sollen die Bohrungen starten. Das Bohrziel befindet sich in rund 900 Metern Tiefe, gebohrt wird schräg auf einer Strecke von rund 1.000 Metern von Weingarten in Richtung Bruchsal. 

An der B3 zwischen Weingarten und Untergrombach soll nach Öl gebohrt werden
An der B3 zwischen Weingarten und Untergrombach soll nach Öl gebohrt werden | Bild: Heike Schwitalla

Dort werden in den so genannten Pechelbronner Schichten die erdölführenden Gesteinsschichten erwartet. Die Bohranlage wird nur für die reinen Bohrarbeiten für etwa vier bis sechs Wochen im Gelände zu sehen sein und danach unmittelbar wieder abgebaut und abtransportiert.

Aktuell werden Grundwasser-Bohrungen für das Vorhaben durchgeführt. "Nach heutigem Stand rechnen wir damit, dass Anfang April die Arbeiten zum Bohrplatzbau anfangen können. In Zuge dessen wird der Platz - ähnlich wie beim Bau einer Tankstelle - komplett versiegelt, sodass keine Flüssigkeiten von der Oberfläche in den Boden eindringen können. Außerdem ist der Platz so konzipiert, dass alle Flüssigkeiten von der Oberfläche, inklusive des Regenwassers, aufgefangen werden", sagt Marcus Gernsbeck.

Ende Mai wird in Weingarten gebohrt

Unmittelbar nach dem Einrichten des Bohrplatzes werde dann die Bohranlage angeliefert und aufgebaut. "Damit rechnen wir Mitte Mai. Danach wird innerhalb weniger Tage die eigentliche Bohrung starten, die rund vier Wochen bis Mitte Juni dauern wird. Anschließend wird der Bohrturm direkt wieder abgebaut", so Gernsbeck weiter. 

Die Bohrung kann starten, wenn der rund 39 Meter hohe Bohrturm aufgebaut ist. Die Höhe des Turms sei vonnöten, da die langen Bohrstangen darüber sukzessive in die Erde gebracht werden. Zuerst wird etwa 50 Meter senkrecht in die Tiefe gebohrt, ehe die Bohrung abgelenkt wird, um die Stelle zu erreichen, in der Rhein Petroleum förderungswürdige Mengen an Erdöl zu finden hofft.

Erdöl Probebohrungen in Graben-Neudorf
Bei Graben-Neudorf finden Arbeiten an einem Bohrturm statt. Foto: Uli Deck/Archiv |

"Sobald das Bohrziel erreicht ist, werden Messungen in der Tiefe vorgenommen: Dann wird schnell deutlich, ob tatsächlich noch Erdöl in den porösen Sandsteinen im Untergrund schlummert. Falls ja, schließt sich eine kurze Probeförderung an, anhand derer die Ergiebigkeit des Ölvorkommens geprüft wird. Diese wird einige Tage dauern, sodass etwa Anfang Juli feststeht, ob es sich lohnt, Erdöl in Weingarten zu fördern", erklärt Marcus Gernsbeck im Gespräch mit ka-news.

Ein Tanklastwagen pro Tag wäre rentabel

"Die Wirtschaftlichkeit berechnet sich nach mehreren Faktoren, von denen die Fördermenge zwar sehr entscheidend, aber nicht allein ausschlaggebend ist", sagt Gernsbeck. Neben der Fördermenge müsse auch der langjährige mittlere Ölpreis, die Kosten der Förderung und die Frage, wie viel Erdöl in welcher Zeit gefördert werden kann, einkalkuliert werden.

Ölborung bei Graben-Neudorf
Testbohrungen | Bild: Heike Schiwtalla

"Prinzipiell können wir aber sagen, dass mit der Förderung von etwa einem Tanklastwagen pro Tag die Wirtschaftlichkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit gegeben wäre. Dies entspräche etwa 33.000 Litern pro Tag", so der Pressesprecher der Rhein Petroleum weiter.

Keine Bohrtürme, kein Fracking

Eine moderne Förderanlage ist etwa so groß wie ein Fußballplatz. Sie besteht aus einem großen Tank, in dem das geförderte Öl mittels Schwerkraft von mitgefördertem Salzwasser abgeschieden wird und einer Verladestation für die Lastwagen, die das Öl zur Raffinerie nach Karlsruhe bringen. Türme - wie aus Hollywoodfilmen bekannt - gibt es bei einer Förderanlage überhaupt nicht, da ein Bohrturm rein für die wenigen Wochen der Bohrung notwendig ist. 

Fördergebiet
So kennen bestimmt viele das Aussehen der Fördertürme. In Weingarten ist es aber nur ein schlanker Turm. | Bild: Larissa Loges

"Ganz wichtig ist es uns, dass die Bevölkerung weiß, dass Rhein Petroleum kein Fracking betreibt", betont Marcus Gernsbeck. Beim Fracking wird über Tiefbohrungen das Gestein im Boden mit hohem Wasserdruck aufgebrochen - ein umstrittenes Verfahren, da dabei Risiken vor allem für das Grundwasser entstehen können.

"Rhein Petroleum betreibt ausschließlich konventionelle Erdölförderung. Wenn es in Weingarten zu einer Förderung kommen sollte, wird die Förderanlage nicht im Bronnloch errichtet, sondern bei der Kiesgrube. Im Bronnloch selbst verbliebe lediglich eine Pumpe und ein kleiner Container", versichert die Rhein Petroleum.

"Der Schutz des Trinkwassers hat höchste Priorität"

Für Mensch und Natur seien die Bohrungen nicht gefährlich. Gernsbeck ergänzt: "Nein - der Schutz des Trinkwassers hat höchste Priorität und ist nicht verhandelbar. Die Bohrung ist teleskopartig aufgebaut mit mehreren ineinander gelegten Rohren, die wiederum einzeln mit Zement abgedichtet werden."

Auf diese Weise entstehe eine Abdichtung durch mehrere Stahlrohre und Zementschichten, dort wo es Trinkwasservorkommen gibt - bis in rund 25 Meterm Tiefe - besonders dicht und sicher. Bei einer Förderung werde in diese Verrohrung hinein der Förderstrang gelegt, der einen Außendurchmesser von etwa sieben Zentimetern hat.

Kein erhöhtes Erdbebenrisiko

Auch seismische Aktivitäten, also Erschütterungen der Erde, seien nach Angabe des Rhein Petroleum-Sprecher auszuschließen. "Dafür wurde ein externes seismisches Gutachten erstellt, das zum Schluss kam, dass von einer Erdölbohrung keinerlei seismische Gefährdung ausgeht. Bei einer Dauerförderung würde trotzdem ein seismisches Monitoring- und Überwachungsnetz installiert werden", erklärt er.

Ölborung bei Graben-Neudorf
Ölborung bei Graben-Neudorf | Bild: Heike Schwitalla

"Im Oberrheingraben gibt es keine einzige historische Erdölbohrung, die induzierte Seismizität jemals ausgelöst hat. Natürliche Erdbeben im Oberrheingraben gibt es in der Regel erst ab einer Tiefe von fünf bis zehn Kilometern", so Gernsbeck abschließend.

Dauerhafte Förderung frühestens in zwei Jahren

Wenn die Probebohrung abgeschlossen und klar ist, dass sich eine wirtschaftliche Förderung lohnt, wird die Bohrung zuerst wieder sicher verschlossen und der Bohrplatz größtenteils zurückgebaut. Es bleibe lediglich ein kleiner Bohrlochkopf-Abschluss.

Bis dann wirklich dauerhaft Erdöl in Weingarten gefördert werden könnte, würde es allerdings noch eine Weile dauern. Zuerst muss ein neues Genehmigungsverfahren beim Bergamt eingeleitet werden, das bis zu zwei Jahren dauern kann. Erst dann würde mit dem Aufbau einer kleinen Förderanlage, die dann an der Kiesgrube entstehen würde, begonnen. 

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  •   Lipa
    (767 Beiträge)

    31.03.2019 13:25 Uhr
    da hätte ich doch eine Idee
    für die Verwendung des viel zu "schade-Erdöls" = man könnte doch gutes Speiseöl draus machen, für den schmackhaften Salat oder für die Zubereitung von leckeren Pommes, in Bioqualität.
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  •   ALFPFIN
    (6585 Beiträge)

    30.03.2019 11:04 Uhr
    Es würde mal interessieren,
    warum hat man in den 60iger Jahren die Förderung eingestellt. Wahrscheinlich weil die mögliche Fördermenge nicht rentabel war. Wieder werden mehr Lastwagen in der Gegend herumfahren. Ja, Erdöl wird für Aspirin, Shampoo, Babyöl und viele andere kosmetische Artikel "gebraucht". Oder ist die Förderung doch für das "Verbrennen" vorgesehen.
    Na, wenn das unsere jungen Leute lesen. Die hiesigen müssten da nicht einmal die Schule schwänzen. Einfach in der Pause und in den frei Stunden eben mal schnell mit dem Fahrrad!! zur Demo rüberfahren.
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  •   VielVorNixDahinter
    (216 Beiträge)

    30.03.2019 19:19 Uhr
    Ölförderung in den 60ern
    Ich denke, dass zwei Dinge eine Rolle gespielt haben; Zumindest in der Nachkriegszeit war die Ölförderung eine Zeit lang schon deshalb rentabel, weil die Rohstoff-Nachfrage durch den Wiederaufbau befeuert wurde. Dann darf man nicht vergessen, dass in Sachen Ölförderung allgemein durch moderne Technologien wieder Lagerstätten interessant werden, die in den 60ern noch als unrentabel eingestuft werden mussten.
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  •   BMWFahrer
    (199 Beiträge)

    30.03.2019 10:26 Uhr
    "Zu schade zum Verbrennen"
    stimmt wohl. Und wo wird das geförderte Erdöl hingebracht werden? Richtig: Zur Raffinerie Karlsruhe. Dort macht man dann Benzin, Diesel und Heizöl daraus. Mit dem was geschieht?
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