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Karlsruhe "Die Zeit der Macher ist vorbei", sagt Karlsruher Wirtschaftsexperte - der Mittelstand muss von Startups lernen

Mittelstand und Startups könnten in Charaktereigenschaften und Unternehmensstrukturen nicht unterschiedlicher sein: Prozessgetrieben, bürokratisch, erfahren und routiniert versus experimentell, risikofreudig, schnell und pragmatisch. Josef Stumpf bringt die zwei Welten zusammen und zeigt ihnen, wie sie voneinander lernen können. Die starken Persönlichkeiten, die den Mittelstand jahrelang geprägt haben, müssen lernen, ihre Mitarbeiter an Projekten zu beteiligen. "Die Zeit der Macher, der Patriarchen, der Kämpfer ist vorbei", sagt Stumpf.

Ein guter Unternehmer muss Ideen und Visionen klar kommunizieren können, um junge Mitarbeiter zu halten. Vieles können sie dabei in Kooperation mit Startups lernen. Junge Menschen wollen beteiligt werden, sinnhaft arbeiten und interessieren sich oftmals nicht mehr in erster Linie für Gehalt und Statussymbole - während im Mittelstand oftmals noch die starken Persönlichkeiten im Chef-Sessel sitzen. 

"Früher machte man alles Schritt für Schritt"

"Früher war klar: Man plant etwas, macht es Schritt für Schritt und dann funktioniert es. Heute ist das nicht mehr so - alles ist schneller und unsicherer", sagt Josef Stumpf im Gespräch mit ka-news.de. Stumpf leitet zusammen mit seiner Kollegin Gertrud W. Hilser die Wirtschaftsregion Nordbaden-Rhein-Neckar des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW). Er leitet weiterhin den Kreisverband TechnologieRegion Karlsruhe und Metropolregion Rhein-Neckar. 

  • Herr Stumpf, Sie leiten die Wirtschaftsregion Nordbaden-Rhein-Neckar des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft e.V. (BVMW) - vom wem sprechen wir, wenn wir von Mittelstand sprechen?
    "Mittelstand gibt es in unterschiedlichen Definitionen - aber es handelt sich im Großen und Ganzen um Unternehmen, die weniger als 250 Mitarbeiter haben und deren Jahresumsatz unter 50 Millionen Euro und die Jahresbilanzsumme unter 43 Millionen Euro liegt. So lautet die offizielle Definition der europäischen Kommission.

    Darüber hinaus gibt es eine qualitative Definition - es gibt auch viele Firmen, die deutlich mehr Mitarbeiter haben und sich dennoch als Mittelständer verstehen. Hier erfolgt die Definition über die Einheit von Eigentum, Leitung, Haftung und Risiko, sprich: Ihnen gehört das Unternehmen, oft ist der Unternehmer selbst in der Leitung und trägt das Risiko.

    Was ich für wichtig halte, sind die Aspekte des persönlichen Risikos und der Haftung des Unternehmers. Damit ist klar, dass Mittelstand gewisse politische Rahmenbedingungen braucht, um sich gut entwickeln zu können. Habe ich zum Beispiel eine zu hohe Bürokratisierung, verhindert das eine gute Entwicklung oder habe ich eine Steuergesetzgebung, von dem der Mittelstand stark betroffen ist, dann verringert das die Investitionen."
  • Es gibt auch einen "Club junger Mittelstand" - wen finden wir dort?
    "Hier führen wir innerhalb des BVMW junge Unternehmer zusammen. Das sind einerseits typische Startups aus dem Umfeld von Gründerzentren, die teilweise selbst Mitglied im BVMW, zum Beispiel die Technologiefabrik.

    Junger Mittelstand kann aber auch die Nachfolgegeneration in bestehenden Unternehmen sein, die bereits im Unternehmen oder in der Geschäftsführung sind. Allen gemeinsam ist, dass sie maximal 45 Jahre alt sein dürfen."

Der Unternehmerverband hat rund 400 Mitglieder und will die Metropolregion Rhein Neckar, Technologieregion Karlsruhe, den Nordschwarzwald und die Ortenau als eine Wirtschaftsregion betrachten und die Regionen über die Kammergrenzen der Industrie- und Handelskammern miteinander verbinden. 

"Früher konnte man sich als Unternehmer mit einer Sache gut durchbringen - jetzt benötigt man Fähigkeiten, die vor zehn Jahren noch nicht so wichtig waren", sagt Stumpf. "Die Zeit der Macher, der Patriarchen, der Kämpfer, ist vorbei. Als Unternehmer muss man heutzutage Fähigkeiten beherrschen, die man an keiner Universität gelernt bekommt. Kommunikation und Coaching sind die wichtigsten."

Die VUKA-Zeit ist angebrochen

Der Begriff "VUKA" fasst die Veränderungen zusammen, mit denen sich Führungskräfte aus dem Mittelstand konfrontiert sehen: VUKA steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. "Das heißt, es ändert sich alles viel schneller als vorher: Dinge, auf die ich mich verlassen konnte, sind nicht mehr sicher. Ich komme als Unternehmer in Situationen, die so komplex sind, dass ich sie nicht mehr erfassen kann, es geht um Situationen, die unterschiedliche Interpretationen zulassen", so Stumpf.

Führungskraft
Bild: Archiv/Alexander Heinl

Hinzu kommen junge Mitarbeiter, die neue Forderungen an den Arbeitgeber haben: "Vergütung ist nicht mehr der größte Anreiz, sondern Sinn, Mitbestimmung und persönliche Entwicklung. Das Unternehmen möchte verstanden werden, man möchte eingebunden und flexibel sein. Früher war klar: Man plant etwas, macht es Schritt für Schritt und dann funktioniert es. Heute ist das nicht mehr so - alles ist schneller und unsicherer."

Hier können sich etablierte Unternehmen von Startups helfen lassen: "Die Wechselwirkungen zwischen Startups und Mittelstand sind vielfältig. Es ist viel Potential vorhanden, aber es ist natürlich auch eine Herausforderung", sagt Stumpf.

Startup kann Innovationstreiber sein

Das Startup hat die Ideen, stellt Dinge in Frage und kann für den Mittelstand als Innovationstreiber dienen und bei der Digitalisierung unterstützen. Das klassische Mittelstandsunternehmen besitzt wiederum den passenden Anwendungsbereich, einen Kundenstamm und finanzielle Mittel.

  • Was können mittelständische Unternehmen von der Führungskultur in Startups lernen?
    "Junge Unternehmer gehen viel unbefangener an Dinge heran, sie sind eher bereit, neue Dinge zu denken und herkömmliche auf der Strecke zu lassen - sie sind disruptiv. Sie sind experimentierfreudiger, schneller, haben flache Strukturen - das kann einen Innovationsschub geben, bringt aber natürlich auch bestehende Strukturen durcheinander. Daher sollte man jedem - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes - seinen Raum lassen.

    Etablierte Strukturen sind an sich nichts schlechtes, sie bieten bei Prozessen und Abwicklung eine entsprechende Sicherheit. Allerdings müssen mittelständische Unternehmen lernen, junge Menschen einzubinden und zu halten. Dafür kann sich die Zusammenarbeit mit einem Startup eignen - hier kann ich an meiner Führungskultur arbeiten.
  • Und umgekehrt: Was können jungen Startups in Bezug auf Führungskultur von mittelständischen Unternehmen lernen?
    "Sie können lernen, ihre Geschäftsidee zu formen und auf den Markt zu bringen. Je nachdem in welcher Marktstufe man ist, geht es irgendwann auch darum, dass man produzieren und liefern muss. Und irgendwann geht es natürlich auch ums Geld verdienen und Rendite machen. An dieser Stelle benötigt man System, Standardisierung und Verlässlichkeit - typische Charaktereigenschaften eines etablierten Unternehmens.

    Für junge Unternehmer kann ein etablierter Unternehmer durchaus ein Mentor sein: Jemand, der gewisse Dinge schon erlebt hat, denn kein Unternehmer erlebt nur gute Zeiten. Zu sehen und zu verstehen, dass auch Misserfolge zum Unternehmertum gehören, kann helfen, nicht bei der ersten Hürde gleich aufzugeben. Auch ein Startup-Unternehmer wird sehr schnell mal erleben, dass die Euphorie der ersten Jahre abgebremst wird, weil etwas nicht funktioniert, zum Beispiel bei der Finanzierung jemand abspringt. Dann kann man im Kontakt mit dem 'Mentor' lernen, das gehört dazu."
  • Was müssen beide beachten?
    "Am wichtigsten ist zunächst einmal, dass ich Verständnis für mich selbst entwickele. Ich muss eine Bestandsaufnahme machen: Was ist gut, was ist schlecht, wo kann man zusammenfinden. Man muss gegenseitiges Verständnis entwickeln und sich klar machen, wo die Schnittstellen sind, auf welcher Ebene man zusammenarbeiten möchte. Man muss akzeptieren, dass der Gegenüber anders ist und ihn nicht an eigene Strukturen anpassen wollen.

    Wenn Mittelstand und Startup zusammenarbeiten, treffen oft unterschiedliche Generationen aufeinander. Auf der einen Seite die starke Persönlichkeit, der Macher, der viel bewegt, der Unternehmer - auf der anderen Seite junge Menschen, bei denen Bezahlung und Statussymbole nicht mehr an erster Stelle stehen, die Beteiligung wollen und Herausforderungen im Unternehmen suchen.

    Eine gute Lösung kann sein, für die Zusammenarbeit jemand Externen einzubinden, der die Prozesse steuert und der Erfahrungen mit beiden Seiten hat. Das können Berater sein, aber auch Experten aus der Gründerszene wie die Technologiefabrik Karlsruhe oder der Digital Hub in Bruchsal. Hier wird eine passende Umgebung geschaffen: Die Unternehmen stellen dort zum Beispiel Maschinen-Prototypen bereit, an denen die Startups ihre Ideen anwenden können."
  • Würden Sie sagen, dass auch in Bezug auf Führungsstruktur hier positive Wechselwirkungen hervorgerufen werden können?
    "Ich würde sogar behaupten, je eher ein mittelständisches Unternehmen mit einem Startup oder jungen Leuten zusammenarbeitet, je eher wird das positive Folgen haben. Das hängt natürlich immer von der Größe der Firma ab.

    Fruchtbare Zusammenarbeit kann dann entstehen, wenn sich mittelständische Unternehmen auf die Startup-Kultur und den damit verbundenen neuen Formen der Zusammenarbeit einlässt. Es ist nicht nur ein Innovationsthema, es ist die Chance der Entwicklung einer modernen und zukunftsträchtigen Führungskultur."

Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sollten die Rahmenbedingungen vorab geprüft werden: Was erwarten beide Seiten, wo kann man sich zusammenfinden und wo - vor allem räumlich - will man zusammenarbeiten. Wie kann ein Startup disruptiv arbeiten, ohne routinierte Abläufe, die in prozessgetriebenen Unternehmen wichtig sind, zu stören?

"Eine gute Lösung kann sein, für die Zusammenarbeit jemand Externen einzubinden, der die Prozesse steuert und der Erfahrungen mit beiden Seiten hat. Das können Berater sein, aber auch Experten aus der Gründerszene wie die Technologiefabrik Karlsruhe oder der Digital Hub in Bruchsal", sagt Stumpf. Beide Seiten muss gegenseitiges Verständnis füreinander entwickeln - nur dann können sie auch voneinander lernen. 

Was ist ein guter Unternehmer der Zukunft?

Gerade das "voneinander lernen" ist in der aktuellen Zeit der Veränderungen besonders wichtig - Stumpf empfiehlt, sich in Netzwerken auszutauschen. "Man kann voneinander lernen und sich gemeinsam entwickeln." Fehler vermeiden, die andere gemacht haben und an den eigenen Fähigkeiten arbeiten - "die lernt man nicht an der Universität."

Künftig wird es für Unternehmer noch wichtiger sein, ein guter Leader zu sein: "Das heißt vor allem auch, die Mitarbeiter mitzunehmen. Ein guter Unternehmer muss künftig Orientierung geben, das heißt: eine klare Strategie formulieren, verständlich an die Mitarbeiter vermitteln und für eine gute und kontinuierliche Kommunikation im Unternehmen sorgen. Alle, die einbezogen sind, müssen verstehen, was und warum sie es tun."

Welche 3 Tipps haben Sie an junge Gründer?

  • 1. Nicht gleich schlapp machen
    Nicht gleich an der ersten Hürde schlapp machen. Auch mit Fehlern umgehen. Keiner macht gerne Fehler, das trifft einen, wenn man etwas versemmelt. Aber man kann im Umgang mit älteren Unternehmern lernen, dass es dazu gehört.

    Bewusst und schnell scheitern lernen: Wenn etwas scheitert, das anerkennen, akzeptieren und als Entwicklungsschritt sehen. Nicht frustriert aufhören, sondern schauen, wo die nächste Entwicklungsstufe ist. Das gelingt mir umso besser, je mehr ich mich austausche, so kann ich auch vom Scheitern anderer lernen.
  • 2. Über Fehler reflektieren
    Lernen, sich von Anfang an gut in Frage stellen: Jeder gute Unternehmer sucht Ursachen immer erst bei sich und weniger von außen. Fehler sind okay, immer wieder Fehler machen ist auch okay, die gleichen Fehler häufig machen, ist dumm. Fehler wiederholen, die andere schon gemacht haben, auch nicht gut. Immer reflektieren: Warum ist mir das passiert?
  • 3. Netzwerk suchen
    Ein passendes Umfeld suchen: Hier gibt es in der Region viele Möglichkeiten, das können Startup-Zentren, Gründervereinigungen oder der Club junger Mittelstand sein. Wichtig ist, dass man mit Anderen Dinge erlebt und Beziehungen aufbaut.

ka-news-Hintergrund

Josef Stumpf spricht am Mittwoch, 18. September auf der neuen Digitalkonferenz "Zukunftstüftler" über die Zusammenarbeit von Startups und Unternehmen.

Die Tickets kosten zwischen zehn und 35 Euro. Programm und Tickets gibt es unter https://zukunftstueftler.de/

Startup Autobahn ist eine Innovationsplattform mit offenen Türen für Entrepreneure beziehungsweise Startups. Startup Autobahn unterstützt seine Teilnehmer und vermittelt sie an Kunden.

Technologiefabrik Karlsruhe ist ein erfolgreicher Tech-Inkubator bundesweit. Derzeit werden über 80 Startups im Innovations-Hub aktiv mit einem breiten Dienstleistungsspektrum unterstützt. Die Aufgaben der Technologiefabrik als Community-Builder ist es, die ansässigen Unternehmen auf ihrem Weg zu begleiten und miteinander zu vernetzen.

Neohelden ist ein Startup aus Karlsruhe, das vor einem Jahr gegründet wurde. Sie sitzen ebenfalls in der Technologiefabrik. Sie entwickeln "Neo", den digitalen Assistenten für Business. Momentan besteht das Team aus elf Mitgliedern.

ka-news.de ist offizieller Medienpartner der Veranstalter und berichtet in diesem Rahmen über die Veranstaltung.

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  •   karlsruher1955
    (1182 Beiträge)

    18.09.2019 16:10 Uhr
    So ein Quatsch
    Man sieht ja wie die Wirtschaft zugrunde geht in Deutschland. Ohne "Macher" geht dann noch weniger. Wir brauchen "Macher" hier wo die Steckdosen mittlerweile intelligenter sind, als die Abiturienten.
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  •   dipfele
    (5535 Beiträge)

    19.09.2019 00:23 Uhr
    Aber die Macher....
    … müssen auch wissen, was sie machen. Was wir nicht brauchen sind BWLer, die vorrechnen können, was alles durch Weglassen eingespart werden kann.
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  •   karlsruher1955
    (1182 Beiträge)

    19.09.2019 05:49 Uhr
    richtig
    Wir brauchen Macher, die ihr Personal ausbilden, fördern und weiterbilden. Keinesfalls nur studierte Biomasse mit Interanschluss, deren vorrangiges Ziel der Abbau der menschlichen Arbeitskraft ist.
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