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Karlsruhe Der Karlsruher Benjamin Schunke fördert IT-Talente in Ghana: "Wenn die besten Köpfe ins Ausland gehen, hat Afrika keine Chance"

Das gewohnte Umfeld, die Heimatstadt, die Familie und Freunde verlassen, um in einem fremden Land zu arbeiten - was andere sich nie vorstellen könnten, hat Benjamin Schunke gewagt. 2016 zog es ihn aus seiner Heimat Karlsruhe in den westafrikanischen Staat Ghana. Als Mitbegründer des Unternehmens getINNOtized will er dort junge IT-Talente fördern, um dem Fachkräftemangel in Deutschland entgegenzuwirken. Im Interview mit ka-news.de spricht der heute 34-Jährige über sein neues Leben in Afrika, seine vielfältigen Projekte und seinen Beruf als Social Entrepreneur.

Herr Schunke, wie genau kann man sich Ihr Geschäftsmodell vorstellen?

Bevor wir starten - ich bin einer von drei Co-Foundern bei getINNOtized. Die Geschäftsidee hat in erster Linie unser Co-Founder Ulrich Busch entwickelt. In Deutschland und weltweit steigt die Nachfrage nach qualifizierten IT-Spezialisten immer weiter an und es wird zunehmend schwerer für Unternehmen, die passenden Leute zu finden.

Gleichzeitig gibt es eine hohe Anzahl an talentierten IT-Absolventen in Afrika, die in ihrem Heimatland keinen Zugang zu adäquaten Jobs haben. Wir arbeiten mit führenden Universitäten in Ghana und Kenia zusammen, um die besten Talente zu rekrutieren. Wir investieren viel in gutes Training, reibungslose Kollaborations-Prozesse und eine intensive Qualitätssicherung. Die jungen Talente arbeiten dann von Afrika aus direkt mit unseren Kunden in Deutschland und entwickeln sich so auf internationalem Niveau weiter.

Mit Ihrem dualen Ausbildungsprogramm "Azubi Afrika" wollen Sie jungen Afrikanern neue berufliche Perspektiven bieten. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Wir finden das duale Ausbildungssystem in Deutschland sehr gelungen. Dieser Ansatz ist in Ghana und Afrika noch weitgehend unbekannt, bietet aber durch die Praxis- und Projektorientierung einen hohen Mehrwert für die Kunden und die Talente selbst. Unser Programm ist am ehesten mit dem deutschen Berufsakademie-Ansatz vergleichbar.

Benjamin Schunke Ghana
An der Uni sucht der gebürtige Karlsruher nach neuen Talenten. | Bild: privat

Wir verstehen IT wie ein Handwerk, das man praktisch erlernen kann. Theorie an der Uni ist gut und hilfreich, bereitet aber allein noch nicht optimal auf den Berufseinstieg vor. Zudem erlauben die Praxis-Phasen bei den Unternehmen auch, sich schnell in die Spezifika des Kunden einzuarbeiten. Wir wollen, dass die Absolventen unseres Programms sofort Mehrwert schaffen.

Gemeinsam mit 37 Mitarbeitern unterstützen Sie tagtäglich deutsche Unternehmen in Sachen Software. Wie einfach oder schwierig läuft diese länderübergreifende Zusammenarbeit ab?

An unseren Projekten arbeiten wir mit aktuellen Kollaborations-Tools, welche die Teamarbeit auch über Ländergrenzen hinweg stark vereinfachen. Wir schulen unsere Mitarbeiter intensiv in der interkulturellen, digitalen Zusammenarbeit. Einige Projekte - beispielsweise die Entwicklung einer App - können in wenigen Wochen abgeschlossen sein, während komplexere Projekte ein größeres Team über mehrere Monate beanspruchen.

Für das Projektmanagement ziehen wir dann auch deutsche Projektmanager hinzu, die vor Ort beim Kunden beispielsweise Konzepte mitentwickeln und gleichzeitig das Team in Afrika koordinieren. Natürlich fehlt ab und an der persönliche Kontakt, den auch eine Video-Konferenz nicht ganz ersetzen kann.

Benjamin Schunke Ghana
In Ghana hat Schunke den Strand vor der Haustür. | Bild: privat

Im Zuge des Azubi Afrika-Programms sehen wir deswegen auch Praktika in Deutschland für unsere Mitarbeiter vor. Wichtig ist uns dennoch, dass die Mitarbeiter dauerhaft von ihrer Heimat aus arbeiten können. Wir wollen den Standort Afrika stärken, nicht schwächen.

Inwieweit kann man bei Ihrem Unternehmen von einer Win-Win-Situation sprechen - sowohl für die ghanaische als auch für die deutsche Wirtschaft?

Unsere Kunden sind mit unserer Qualität sehr zufrieden und wir haben ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Dazu kommt unser Social Impact, der auch für die deutschen Kunden zunehmend relevant wird. Auch in Deutschland ist man interessiert daran, dass sich Afrika gut entwickelt.

In Afrika selbst schaffen wir qualifizierte Jobs und öffnen einen Zugang zu hochkarätigen Projekten und Kunden, der sonst nicht entstehen würde. Die Digitalisierung ist eine enorme Chance für Afrika. Wir wollen mithelfen, dass diese auch ergriffen wird.

Sie führen das Unternehmen nicht alleine - wie kam der Kontakt zu Ihren Gründerpartnern Ulrich Busch und Kwame Osei-Tutu zustande?

Zunächst muss man wissen, dass Ulrich und Kwame die Pioniere waren - ich kam erst etwas später dazu. Ich bewundere bis heute ihren Mut, denn als ich mich für Ghana entschieden hatte, war das Geschäftsmodell bereits validiert und das erste Jahr überstanden. Ulrich und ich hatten zuvor mehrere Jahre zusammen als Berater in Deutschland gearbeitet. Ein gemeinsames Projekt war der Aufbau eines Start-up Inkubators in Ghana.

Benjamin Schunke Ghana
Benjamin Schunke mit seinen beiden Co-Foundern Kwame Osei-Tutu und Ulrich Busch (v.l.) | Bild: privat

In diesem Zusammenhang kam der Kontakt zu Kwame zustande - ein sehr wichtiger Faktor, denn ohne einen lokalen Gründungspartner hätten wir kaum eine Chance gehabt, das Land zu verstehen und unser erstes lokales Team richtig aufzusetzen. Die kulturellen Unterschiede sind immens und müssen richtig gedeutet werden. Ein starker Gründungspartner ist da Gold wert.

Viele Menschen denken bei der IT-Branche zunächst an asiatische Länder. Wie kamen Sie auf die Idee in Afrika nach IT-Talenten zu suchen?

Wir sehen Afrika als den größten (und letzten) unerschlossenen Talent-Pool weltweit. Die Bevölkerung ist sehr jung, gleichzeitig steht das Thema Digitalisierung ganz oben auf der Agenda. Daraus entsteht eine hohe Anzahl an hoch motivierten und talentierten IT-Absolventen. Oft fehlen aber entsprechende Stellen im Inland.

Die Besten gehen deswegen ins Ausland - ein fataler Trend, denn Afrika braucht dringend hochqualifizierte Führungspersönlichkeiten, die vor Ort ihr Land voranbringen. Wenn die besten Köpfe ins Ausland gehen, hat Afrika keine Chance.

Vor Ihrer Tätigkeit bei getINNOtized waren Sie bereits für eine Nichtregierungsorganisation (NGO) in Südafrika tätig. Woher kommt Ihre Faszination für den afrikanischen Kontinent?

2010 bin ich mehr durch Zufall für ein erstes NGO-Praktikum in Südafrika gelandet - auf Empfehlung einer Kommilitonin. Ich hatte buchstäblich keine Ahnung von dem Land und dem Kontinent. Als ich dort ankam, war ich überwältigt von der herzlichen Kultur, der positiven Lebenseinstellung und dem fröhlich-chaotischen Alltag.

Benjamin Schunke Ghana
In Ghana herrschen eine herzliche Kultur - aber auch Probleme. | Bild: privat

Gleichzeitig waren auch die Probleme unübersehbar. Afrika ist in einem rasanten Wandel und steht vor großen, aber lösbaren Herausforderungen. Daran mitzuarbeiten macht einfach Spaß - und Talente zu entwickeln ist eine erfüllende Tätigkeit, insbesondere an einem Standort wie Afrika.

Bisher sind Sie fast ausschließlich im süddeutschen Raum aktiv. Der Kurs Ihres Unternehmens steht auf Expansion. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Wir wollen wachsen und das erfolgreiche Modell weiter skalieren. Das bedeutet, auch zunehmend Kunden in Afrika zu gewinnen, aber auch unsere Partnerschaften mit deutschen Kunden und Konzernen zu vertiefen. Das übergeordnete Ziel bleibt, signifikant mehr Arbeitsplätze in Afrika zu schaffen - selbsttragend.

Wir haben uns 1.000 Jobs in den nächsten fünf Jahren als Ziel gesetzt. Das ist sehr ehrgeizig, aber die hohe Kundennachfrage und die vielen positiven Rückmeldungen bestärken uns darin.

getINNOtized ist nicht Ihr einziges Projekt in Ghana. Mit Ihrer kürzlich ins Leben gerufenen Non-Profit-Organisation "Grow Ghana" wollen Sie die digitale Ausbildung an ghanaischen Schulen verbessern. Welche Vision verfolgen Sie mit Ihrem sozialen Engagement?

Unser Recruiting für getINNOtized zielt auf die Top ein Prozent der Studenten ab - das ist ein sehr enges Raster. Unsere Kunden erwarten Top-Performer auf internationalem Standard. Es gibt aber auch viele "Hidden Talents", die großes Potential haben, das allerdings noch entwickelt werden muss. Gerade in ländlichen, öffentlichen Schulen sind Ausstattung und Unterricht oft schlecht - viele brillante Schüler bleiben auf der Strecke, niemand sieht ihr Talent, niemand hört ihnen zu.

Benjamin Schunke Ghana
Benjamin Schunke will die digitale Ausbildung an ghanaischen Schulen verbessern. | Bild: privat

Wir wollen durch Grow Ghana mehr Chancen schaffen und interessierte Schüler bereits früh fit für einen späteren IT-Job machen. Durch unsere Erfahrung wissen wir, welche Fähigkeiten für künftige Arbeitgeber relevant sind und entwickeln diese gezielt.

Dabei unterstützen uns auch Freiwillige aus Deutschland, die jeweils für einige Wochen nach Ghana kommen, und ihre Erfahrungen mit den Schülern teilen. Für beide Seiten ist dieser interkulturelle Austausch spannend.

Sie beschreiben das Leben in Ghana als bunt, hektisch, lustig und manchmal etwas frustrierend. Wie unterscheidet sich das Leben hier von Deutschland?

Die fröhlichen, positiven Menschen, die Sonne und der Strand. Es ist nie langweilig, jeden Tag passiert irgendetwas Unvorhergesehenes. Das, was wir als Struktur und Ordnung in Deutschland geschaffen haben, gibt es in Ghana so nicht. Das kann auch aufreibend sein und manchmal ehrlich nerven - wenn zum Beispiel der Strom ausfällt, kein Wasser aus der Leitung kommt oder eine Behörde verwirrende Forderungen stellt.

Benjamin Schunke Ghana
Benjamin Schunke lebt und arbeitet dort, wo andere Urlaub machen. | Bild: privat

Man sollte auch nicht unerwähnt lassen, dass einem immer wieder Menschen mit schweren Schicksalen begegnen, die unser Sozialsystem aufgefangen hätte. Wir versuchen dies als Motivation zu nehmen, an der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes mitzuhelfen.

Besuchen Sie Karlsruhe noch gelegentlich? Gibt es etwas, das Sie an Deutschland oder dem Badischen besonders vermissen?

Ich bin leider nur ein bis zwei Mal im Jahr in Deutschland, weil die persönliche Präsenz in Afrika enorm wichtig ist. Es ist außerdem sehr aufwändig, ein Besuchsvisum für meine ghanaische Verlobte für Deutschland zu bekommen und wenn, dann reisen wir gemeinsam. Aber wenn ich in Deutschland bin, schaue ich auch immer in Karlsruhe vorbei.

Ich bin nach wie vor KSC-Fan und verfolge die Spiele normalerweise von Ghana aus. Den Stadionbesuch kann das natürlich nicht ganz ersetzen. Und ich vermisse das badische Essen, das bekommen wir in Ghana bestenfalls improvisiert hin. Aber natürlich vermisst man an allererster Stelle seine Familie - meine Eltern wohnen noch in Karlsruhe - und alte Freunde. Ghana ist ganz schön weit weg!

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Kommentare (1)
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  •   zahlenbeutler
    (1322 Beiträge)

    05.10.2019 15:09 Uhr
    solche Konzepte
    die dann tatsächlich in Praxis umgesetzt werden können, trotz sicherlich mancher Proleme vor Ort, sind ein richtiger Weg, das müßten doch normalerweise selbst die Besorgten begrüßen
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