Karlsruhe Epidemie erwünscht

brand eins-Chefin Fischer: "Die Zeit ist reif" (Foto: pr)
Aus welchem Grund sollten Menschen aus Paris, Basel oder Berlin in Karlsruhe zusammenkommen? Einer davon war das Symposium unter dem Motto "Grundeinkommen: bedingungslos", das am vergangenen Donnerstag und Freitag an der Universität Karlsruhe (TH) stattfand, veranstaltet vom Interfakultativen Institut für Entrepreneurship (IEP).

Das Ziel des Kongresses lautete: Die Idee des Grundeinkommens (ka-news berichtete) soll epidemisch werden. "In kurzer Zeit hat das Grundeinkommen einen festen Platz in unserer Gesellschaft erhalten", so Professor Götz Werner, dm-Gründer und Leiter des IEP, auf der Pressekonferenz zum zweitägigen Symposium. Der Grund für die öffentliche Resonanz ist: "Die Zeit ist reif" - meint Gabriele Fischer, Gründerin des Wirtschaftsmagazins brand eins. Das könne man laut Werner auch daran erkennen, dass die Automobilindustrie heute 15 Millionen Autos mehr herstellen könnte, als es Käufer gibt. Demnach leben wir in Überfluss, nur ist Einkommen immer noch an Arbeit gekoppelt und diese nehmen uns Maschinen zunehmend ab (ka-news berichtete).

Werner: "Wenn Sie Initiative ergreifen, wissen Sie es erst nachher"

Werner: "Hartz IV erinnert an den offenen Strafvollzug" (Foto: ka-news)
"Das einzig utopische am Grundeinkommen ist: Wir haben es noch nicht", so Doktor Sascha Liebermann von der Initiative "Freiheit statt Vollbeschäftigung". Auf unseren Willen dazu käme es an. In diesem Zusammenhang erwähnt Werner gerne Christoph Kolumbus, der ein Ziel hatte - navigieren müsste man dann, wie die gesellschaftlichen Zusammenhänge es zulassen. Angesichts immer mehr Arbeitsloser, die verzweifelt und gesellschaftlich stigmatisiert seien, sieht Professor Wolfgang Eichhorn, ehemaliger Professor für Wirtschaftswissenschaften an der TH, die Gefahr, dass unser System sich nach unten spiralisieren und in sich zusammenbrechen könnte. Das Grundeinkommen hingegen öffnet auch diesen Menschen die Möglichkeit, Initiative zu entfalten und zu tun, was sie wollen.

"Wenn Sie Initiative ergreifen, wissen Sie es erst nachher", so Werner rückblickend auf die Grundsteinlegung von dm. Was hingegen Arbeitslose oder Hartz IV Empfänger heute tun müssten, um Geld vom Staat zu bekommen, "nähert sich dem offenen Strafvollzug", betont der dm-Gründer, und hemme die Eigeninitative statt sie zu fördern (ka-news berichtete). Ökonom Eichhorn hierzu: "Wir sind in der Lage, alle in Deutschland lebenden Bürger zu versorgen, aber viele verfügen nicht über ausreichende Kaufkraft." Dieses Verteilungsproblem entstehe dadurch, dass erstens das calvinistische Prinzip nach wie vor in den Köpfen der meisten Menschen sei, dass nicht essen solle, wer nicht arbeite und das zweitens immer noch von der Annahme ausgegangen werde, dass Wohlstand alleine aus der Arbeit komme.

Werner: "Wenn die Idee gut ist, wird sie epidemisch."

Es habe jedoch auch gegenläufige Aspekte in den Workshops des zweitägigen Symposiums gegeben, so Eichhorn. Beispielsweise seien amerikanische Indianer, denen der Staat ein Grundeinkommen zahlt, untersucht worden. Das Ergebnis: Sie warten teilweise wochenlang an der Stelle, an der das Flugzeug mit dem Geld landet, um dann dass Geld schnell und unvernünftig auszugeben. Das dies auch bei Menschen mit einer Ausbildung wie in Deutschland geschehe, ist jedoch für Eichhorn sehr unwahrscheinlich.

Dass wir Vertrauen zum Bürger haben, das erkenne man auch daran, dass es keine Wahltauglichkeitstests gibt, so Liebermann. Es sei an der Zeit, dass die Einzelnen mehr Freiheit und damit auch die Verantwortung, damit sinnvoll umzugehen bekämen. Auch nach dem Symposium sollte man nicht meinen, es gebe nun ein Patentrezept oder ein Rezept mit Gelingungs-Garantie, so Werner. Zuerst müssten wir bereit sein, dorthin aufzubrechen und dann käme es auf ein gesundes Augenmaß bei der Navigation an. Abschließend meint er: "Wenn die Idee gut ist, dann wird sie sich epidemisch verbreiten."

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