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Karlsruhe "Ein Skandal" auch im Karlsruher Sommer: Lehrer stehen mit Ferienbeginn auf der Straße

Endlich Ferien! Nur nicht für landesweit 9.000 Lehrer, für die das Schuljahresende den Beginn der Arbeitslosigkeit bedeutet. Das Land verlängert ihre Verträge über die sechswöchigen Ferien nicht - und spart dadurch Millionen. Auch der Regierungsbezirk Karlsruhe ist betroffen - sehr zum Unmut vieler Interessenvertreter.

Bei den entlassenen Lehrern handelt es sich vornehmlich um Saisonlehrkräfte. Darunter sind nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) knapp 4.000 befristet Beschäftigte und über 5.000 Referendare. Im Ländervergleich ist Baden-Württemberg damit trauriger Spitzenreiter. "Ein Skandal!", empört sich auch Matthias Schneider, Landesgeschäftsführer der GEW, im Gespräch mit ka-news.

Die Schuld sieht er ganz klar bei der Landesregierung: "Von Seiten der Landesregierung wurde immer die Ergreifung von Maßnahmen versprochen, getan hat sich aber nie etwas!" Auch GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz kritisiert die Landesregierung in einer Pressemitteilung vor diesem Hintergrund als "Arbeitgeber ohne Verantwortung".

Matthias Schneider
Matthias Schneider, Landesgeschäftsführer und Pressesprecher der GEW | Bild: GEW

Durchbezahlung kostet 12,5 Millionen Euro 

Eine Durchbezahlung der befristeten Vertretungslehrer während der Sommerferien würde das Land laut Angaben des Kultusministeriums 12,5 Millionen Euro kosten. GEW-Landesgeschäftsführer Schneider sieht die Zahl jedoch für finanziell machbar. "Der Landeshaushalt und die Steuereinnahmen sprudeln", sagt er im Gespräch mit ka-news.

Das Land Rheinland Pfalz geht hier mit gutem Beispiel voran: Ab 2019 werden Vertretungslehrer hier auch während der Sommerferien bezahlt. Die GEW will sich laut Pressemeldung nun dafür einsetzen, es dem Nachbarland ab 2019 gleichzutun. "Es ist kaum vorstellbar, dass das reiche Baden-Württemberg nicht dem Beispiel von Rheinland-Pfalz folgen kann", empört sich Moritz.

Doro Moritz
Doro Moritz, Landesvorsitzende der GEW Baden-Württemberg. | Bild: GEW

Durch die Neuregelung im Nachbarland befürchtet die GEW allerdings eine Abwanderung von Lehrkräften, die in den rheinland-pfälzischen Grenzregionen leben. Das würde den Lehrermangel noch weiter verschärfen. 

Land soll Verantwortung übernehmen

Auch die Jungen Sozialen (Jusos) der SPD in Karlsruhe üben Kritik an der Untätigkeit der Landesregierung. Mitglied Lorenz Pistorius erklärte in einer Pressemeldung: "In Zeiten voller Landeskassen ist es keine Herkulesaufgabe, diese Gelder aufzubringen." Weiterhin ließen sich damit die Probleme der Schulen, zu Schuljahresbeginn das Kollegium zusammenzustellen, erheblich mindern, so Pistorius weiter.

Um "diese unwürdige und destruktive Praxis" zu beenden, fordern die Jusos Karlsruhe-Stadt Entfristungsangebote für Lehrer, die für unbefristete Stellen qualifiziert sind sowie finanzielle Sicherheit für Referendare durch Durchbezahlung oder ein Entlassungsgeld in Höhe zweier Monatsgehälter. Auch die Erhöhung der ständigen Lehrerreserve des Landes von 1666 auf mindestens 4000 fest angestellte Vertretungslehrer ist für sie essentiell.

"Angehende Lehrer erst einmal pauschal mit sechs Wochen Arbeitslosigkeit zu begrüßen, ist der falsche Weg", meint die stellvertretende Juso-Vorsitzende Maike Koch. "Nur wenn das Land endlich die Verantwortung übernimmt, können wir mittel- bis langfristig die ausreichende Versorgung mit Lehrkräften in unseren Schulen sicherstellen."

"Befristete Beschäftigung ist die Ausnahme"

Für eine Sprecherin des Kultusministeriums sind die Lehrer-Entlassungen jedoch kein Aufreger-Thema: Unbefristete Stellen gebe es genug. "Wir gehen davon aus, dass die Mehrheit der derzeit befristet beschäftigten und voll ausgebildeten Lehrkräfte eine reguläre, unbefristete Stelle haben kann", heißt es auf Anfrage von ka-news. Entsprechende Einstellungsangebote würden momentan durch das Kultusministerium geprüft.

Den Eindruck, Lehrkräfte würden ohne Grund in die Arbeitslosigkeit entlassen werden, weist das Kultusministerium "in aller Deutlichkeit" zurück. So könne beispielsweise 2.000 der zirka 4.000 befristet angestellten Pädagogen keine unbefristete Stelle angeboten werden, da sie die Voraussetzungen dafür nicht erfüllen, so die Sprecherin des Kultusministeriums. Auch die Lehrkräfte, die sich aufgrund eines bestimmten Ortswunsches bewusst für eine befristete Stelle entscheiden, seien zu beachten.

"Die befristete Beschäftigung in Baden-Württemberg ist ohnehin die Ausnahme", betont die Sprecherin. Von den zirka 110.000 Lehrkräften an öffentlichen Schulen seien nur etwa drei Prozent befristet angestellt. 

Regierungsbezirk Karlsruhe: 953 Lehrer sind befristet

Und wie sieht die Situation für Lehrer im Regierungsbezirk Karlsruhe aus? Im Schuljahr 2017/18 gab es hier 953 befristete Arbeitsverhältnisse. Davon würden 474 Lehrkräfte formal die Voraussetzungen für ein unbefristetes Anstellungsverhältnis erfüllen. Das erklärt Uwe Herzel, Pressesprecher des Regierungspräsidiums, auf Nachfrage von ka-news. 

Dennoch sei zu beachten, dass es auch hier wieder Lehrer gibt, die sich bewusst für eine befristete Stelle entscheiden, so Herzel. Wie viele Lehrer genau von den Entlassungen betroffen sind, könne man bisher noch nicht abschätzen. Würde man im Regierungsbezirk Karlsruhe aber alle befristeten Arbeitsverhältnisse über die Sommerferien weiter bezahlen, entstünden Kosten in Höhe von zirka vier Millionen Euro.

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  •   malerdoerfler
    (5645 Beiträge)

    28.07.2018 05:52 Uhr
    Ach - sind gerade Ferien?
    Egal wer sich hier zu diesem Thema äußert - CDU, SPD oder Grüne und nahestehende Gruppierungen.

    Sie hatten in den letzten 10 Jahren die Möglichkeit an dieser Praxis etwas zu ändern - nix ist passiert.

    Da wurde lieber ein funktionierendes Schulsystem zerschossen.
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  •   EmilyHobhouse
    (1431 Beiträge)

    27.07.2018 13:07 Uhr
    Skandalös!
    Fertig ausgebildete Lehrer sollten nicht befristet beschäftigt sein, das ist skandalös. Man sollte für Lehrer das Beamtentum abschaffen, den angestellten Lehrern ein höheres Gehalt bezahlen. Fortbildungen verbindlich verlangen und in die Ferienzeit verlegen. Andere engagiertere Leute würden Lehrer werden wollen. Heute wirbt der Staat mit Vergünstigungen und Sicherheiten wie Sabbatjahre, Unkündbarkeit, enorm viel Freizeit und eine so gut wie leistungsunabhängige Karriereentwicklung. Entsprechend sehen die Bewerber aus, das sind nicht unbedingt die Leute, die für diesen Job am besten geeignet sind. Lehrer mit vollem Deputat arbeiten im Schnitt 36 h/W alle Tätigkeiten eingeschlossen. In den Ferien, bis auf ein paar Organisationsstunden in der letzten Woche, keine Minute und Lehrer die das bestreiten, die lügen. Fortbildungen, Lehrerfreizeiten… finden heute in der Unterrichtszeit statt. Das Gehalt könnte wie z. B. in Musikschulen auf die tatsächliche Arbeitszeit umgerechnet werden.
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  •   Loewe
    (327 Beiträge)

    27.07.2018 13:03 Uhr
    Komisch
    warum regt ihr euch denn jetzt erst darüber auf? Dies war vor 20-30 Jahren auch schon so! Rheinland-Pfalz ist mit der Schaffung von unsozialen Arbeitsplatzbedingungen durch die Gemeinschaftsschule Spitzenreiter im Unsozialen! Das Bildungsniveau ist in RP im Keller! Nur noch im hinteren Mittelfeld und Unterricht mit über 20 Jahre alten Lehrplänen! Des Weiteren stellt Rheinland-Pfalz kaum noch ausgebildete Lehrkräfte ein, sondern steckt unausgebildete Studenten auf Dumpinglohn mit 27 h in den benoteten Unterricht! Super sozial liebe GEW! Auch im Kampf gegen die unsozialen Arbeitsplatzbedingungen hat die GEW versagt und sich fast bis zum Schluss hinter die unsoziale rote Regierung gestellt und nicht hinter die Lehrer, die den Kampf gegen die roten Diktatoren mit Privatgeldern (am Anfang) finanzierte und dann in Leipzig vor dem Bundesverwaltungsgericht siegten!
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  •   Gelbsocke
    (3959 Beiträge)

    27.07.2018 11:47 Uhr
    ...
    in diesem, unserem Lande... sagte ein Politiker so gerne:
    Unser Land hat sich seit Jahrzehnten dadurch ausgezeichnet die best mögliche Bildung allen Bevölkerungsgruppen zugänglich zu machen. Dazu gehören Menschen die sich ohne Zukunftsängste ihrer Arbeit widmen können. Wenn ich hier teilweise lese das man doch gar keine Lehrer braucht de sich in ihrer Arbeit manifestieren können oder gar die Vorschläge die Kinder auf Privatschulen zu schicken wird mir ganz flau im Magen und ich frag mich ob die Menschen mehr vergessen können als sie je gelernt haben.
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  •   107
    (394 Beiträge)

    26.07.2018 20:47 Uhr
    Wer das Volk verdummen will,
    spart am Lehrkörper.
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  •   schmidmi
    (1929 Beiträge)

    27.07.2018 09:17 Uhr
    zu spät
    ist schon lange passiert traurig
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  •   Realist22
    (247 Beiträge)

    26.07.2018 16:38 Uhr
    Wo ist das Problem?
    Für Zeit, in der nicht gearbeitet wird, gibt es auch kein Geld. Das mag für die pädagogischen Gegner der Leistungsgesellschaft zwar ein Schock sein, ist aber Realität.
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  •   Eine_Armlaenge_Abstand
    (1122 Beiträge)

    28.07.2018 00:00 Uhr
    Wollen Sie wirklich mit einem Lehrer tauschen?
    Es ist ein hartnäckiges Gerücht, dass Lehrer in den Ferien nicht Klausuren korrigieren oder Unterricht vorbereiten.

    Und der normale Tagesjob ist alles andete als leicht und locker.

    Eine Neiddebatte ist unpassend.
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  •   santana
    (1135 Beiträge)

    27.07.2018 00:19 Uhr
    Und wenn Sie Urlaub haben
    bekommen Sie dann auch kein Geld von Ihrem Arbeitgeber? Komische Einstellung.
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  •   Realist22
    (247 Beiträge)

    27.07.2018 05:23 Uhr
    Im Gegensatz
    Zu diesen Herrschaften habe ich 31 Tage Urlaub. Im Gegensatz zu diesen Herrschaften kann ich nicht zwei Wochen vor dem Urlaub in den Modus Arbeitsverweigerung gehen (=Filme schauen).
    So wie jeder andere normale Arbeitnehmer auch.
    Im übrigen wussten die guten Herrschaften ja, auf was sie sich einlassen und hätten entsprechend Rücklagen bilden können.
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