Karlsruhe Ein Besuch im Sozialen Garten Wolfartsweier: Wie der arbeitslose Theo im Beet wieder eine Aufgabe fand

Vor knapp zehn Jahren, 2009, wurde eine stillgelegte Biogärtnerei in Wolfartsweier wiederbelebt. Besonders für langzeitarbeitslose Menschen mit Brüchen im Lebenslauf wollten die Initiatoren sinnvolle und wertvolle Arbeitsgelegenheiten schaffen. ka-news hat beim Sozialen Garten ins Beet geschaut.

Beim Weg zum Sozialen Garten, hinter den Häusern und Dächern von Wolfartsweier, liegt ein schmales Gartenstück, das zunächst sehr unscheinbar wirkt. Doch insgesamt finden sich auf dem langen schmalen Pfad, eingebettet von Streuobstwiesen und Getreidefeldern, über 5.500 Quadratmeter Acker- und Gewächshausfläche auf der über 400 Gemüse-, Blumen und Kräuterarten verteilt sind.

Gerade in den Sommermonaten bedeutet das jede Menge Arbeit für die Menschen, die im Sozialen Garten wieder zu einem geregelten Arbeitsalltag kommen und im Umgang mit anderen geschult werden sollen. Der Garten ist ein Projekt vom Initial e.V. mit dem Ziel, Langzeitarbeitslose mit Suchthintergrund wieder im Alltagsleben zu stabilisieren um so den Weg in den Berufsalltag zurück zu finden.

Vom Buchbinder zum Gärtner aus Leidenschaft

Bei einem ersten Rundgang sticht vor allem ein Beet besonders ins Auge: Auf rund 200 Quadratmetern, durch Bäume im Schatten liegend, bewirtschaftet Projektteilnehmer Theo ein akkurat gepflegtes Gartenstück mit Tomaten, Kräutern und Blumen. Er ist einer von 36 Teilnehmern und einer von sechs kommunalen Beschäftigten im Sozialen Garten. Er kommt seit mittlerweile fast vier Jahren gerne in sein Beet.

Theo hat im Sozialen Garten wieder eine Aufgabe gefunden, der er sich mit voller Leidenschaft widmet. | Bild: Lukas Hiegle

Hier hat der Mittsechziger wieder eine Aufgabe, der er sich mit großer Hingabe widmet. Er sorgt dafür, dass alles wachsen und gedeihen kann. "Hier liegen meine Stärken, es ist immer schön etwas wachsen zu sehen", erzählt der gelernte Buchbinder stolz und zeigt, was er alles so in seinen Beeten anbaut.

Nachdem Theo 40 Jahre in einer Buchbinderfirma gearbeitet hatte und die Firma dann ihre Türen schloss, wurde der lebenslustige Mann mit Ende 50 arbeitslos. Damit brach für ihn eine Lebensaufgabe weg. Eine Wiedereingliederung auf dem Arbeitsmarkt erwies sich angesichts des Alters und eines gelernten Berufs, der nach und nach ausstirbt, als extrem schwierig. Im Sozialen Garten konnte Theo aber vor knapp vier Jahren seinen grünen Daumen einbringen. Als leidenschaftlicher Hobbygärtner ist Theo ein Gewinn für die Bewirtschaftung dieses Gartenstücks. Mit Spaziergängern fachsimpelt er auch gerne mal über Themen rund um den Gartenanbau.

Zwei Fachleute koordinieren die Arbeiten im Garten

Immer dabei: Agraringenieurin Birgit Horstmann und Gärtnermeister Daniel Schlager. Sie leiten die Männer und Frauen in allen Arbeiten, die während des Jahres im Garten anfallen, an. Sie helfen bei der Vorbereitung und Pflege der Kräuter-, Gemüse- und Blumenbeete in den Gärten und im Gewächshaus sowie beim Anlegen von Wegen. Auch beim beim Aussäen, Aus- und Umpflanzen, Düngen, Bewässern, Pflegen und Ernten von Tomaten, Erdbeeren oder Mais stehen die beiden mit Rat und Tat zur Seite und geben Tipps. 

Agraringenieurin Birgit Horstmann (links), Gärtnermeister Daniel Schlager und eine Projekt-Teilnehmerin begutachten die Pflanzen. | Bild: Lukas Hiegle

"Der Großteil unserer Helfer ist mit großer Motivation bei der Arbeit", erzählen Horstmann und Schlager im Gespräch mit ka-news. Besonders reizvoll an der Arbeit ist für die beiden die Kombination aus sozialer Kompetenz und Fachwissen beim Bewirtschaften der Saatprodukte.

Ein großes Bestreben des Projektes ist - neben der sozialen Eingliederung - auch zu zeigen, was alles in der Region wachsen kann ohne den Einsatz von Dünger oder Spritzmittel. "Wir arbeiten ausschließlich mit ökologischen Hilfsmitteln gegen Schädlinge und Pflanzenkrankheiten", erklären die Gärtner.

Bis zu sechs Stunden Gartenarbeit pro Tag

Insgesamt 36 Menschen arbeiten zur Zeit im Sozialen Garten. Es sind Menschen, die mit schwierigen Situationen wie Sucht, Langzeitarbeitslosigkeit, Überschuldung, sozialer Isolation, psychischen Erkrankungen oder drohender Wohnungslosigkeit belastet sind.

"Sie erhalten durch uns eine sinngebende und aufbauende Beschäftigung, die sich aus unserer Erfahrung sehr stabilisierend auswirkt", erklärt Claudia Deufel. Sie ist im Garten als eine von zwei Sozialpädagogen für die Belange der Mitarbeiter zuständig und arbeitet mit den Teilnehmern an deren Zielsetzung und Problemlösungen.

Im Sommer gibt es immer besonders viel zu tun im Garten. | Bild: Lukas Hiegle

Viele Menschen kommen täglich in den Sozialen Garten und arbeiten in zwei Schichten. Aus gesetzlichen Vorschriften darf die tägliche Arbeitszeit aber nicht länger als sechs Stunden sein. Für viele, die schon über Jahre hinweg arbeitslos sind, ist es eine große Hürde wieder den Weg zurück in einen geregelten Alltag mit festen Arbeitszeiten zu finden, berichtet Claudia Deufel. Bundesweit ist das Projekt in dieser Form einmalig.

Aber die Teilnehmer werden auch anderweitig kreativ: Viele Projekte, darunter ein Holzgerüst, an dem verschiedene Blumenarten hochwachsen oder eine Burg als sogenannter Lebensbaum für Eidechsen, Bienen und Co sind eigene Ideen, die bei den Leuten entstehen und die sie dann im Rahmen ihrer Arbeit im Sozialen Garten gestalten und diesen somit weiter entwickeln.

Teilnehmer werden vom Jobcenter vermittelt

In den Wintermonaten, wenn in den Beeten des Gartens weniger Arbeit anfällt, wird in der Holzwerkstatt gearbeitet. Dort werden Pflanzkisten, Pflanzleitern, Hocker oder andere Hilfsmittel aus Holz gefertigt. Das Material kommt von Spenden und wird von der Stadt zur Verfügung gestellt. Die hat das Projekt vor zwei Jahren auch in die Regelfinanzierung aufgenommen. Überreste der Stadtbaustellen finden sich auf den Wegen des Sozialen Gartens, die mit gespendeten Steinen, etwa von der Kombilösung, angelegt wurden.

Das Gemüse und die Kräuter in Bioqualität werden zum Großteil an soziale Einrichtungen verschenkt. Über 300 vom Jobcenter vermittelte Teilnehmer profitierten seit Beginn des Sozialen Gartens von der Arbeitsgelegenheit. Durch regelmäßige Besuche von Schulklassen und öffentliche Veranstaltungen, wie die Tomaten-Events (15. September) ist das Projekt in Karlsruhe mittlerweile gut bekannt und hat nach anfänglicher Skepsis bei der Bevölkerung zu einer großen Akzeptanz und Unterstützung beigetragen, erklärt Deufel abschließend. Auch Theo nickt zufrieden und widmet sich, wie die anderen Teilnehmer, wieder seinem Beet.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (0)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.