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Karlsruhe Wenn die Bahn Pakete bringt: Die Revolution des Güterverkehrs kommt aus Karlsruhe

Eine Bahn, die Paketbote spielt? Was erst einmal seltsam klingt, will unter anderem das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Realität werden lassen. Und: Bis wir unsere Sitze in der Bahn mit großen und kleinen Kisten und Päckchen teilen werden, könnte es gar nicht mehr allzu lange dauern.

Der Versandhandel boomt – und das nicht erst seit der Corona-Pandemie. Noch nie zuvor war es wohl so einfach und vor allem verlockend, sich seine Einkäufe per Mausklick nach Hause liefern zu lassen. Doch das macht sich in der Paketzustellung bemerkbar.

Allein die Deutsche Post DHL Group hat 2020 nach eigenen Angaben deutschlandweit eine Rekordmenge von 1,6 Milliarden Paketen ausgeliefert, das sind 0,2 Milliarden mehr als noch im Vorjahr – pro Werktag wurden damit bundesweit insgesamt rund 5,9 Millionen Pakete zugestellt.

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Der Online-Handel boomt: Jeden Tag müssen tausende Pakete ausgeliefert werden – nicht nur in Karlsruhe (Symbolbild). | Bild: Needham|Mohawkvisuals

Und: "Der langfristige Trend steigender Paketmengen wird sich ausgehend von dieser höheren Basis in Zukunft normalisieren", erklärt der Konzern im März in einer Pressemitteilung. Doch das wirft unweigerlich die Frage auf: Können die Paketdienste dieses Aufkommen stemmen?

"LogIKTram" bringt Pakete auf die Schiene

Eine Antwort auf diese Frage könnte nun aus Karlsruhe kommen, genauer gesagt von dem am 1. März gestarteten Verbundprojekt "LogIKTram". Das Vorhaben, an dem sowohl die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) als auch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) neben mehreren weiteren Partnern wie dem Forschungszentrum Informatik (FZI) federführend beteiligt sind, will den Güterverkehr auch auf kurzen und mittleren Strecken stärker von der Straße auf die Schiene verlagern – und das auch in den Innenstädten. Eine sogenannte "Gütertram" soll entstehen.

"Wir haben uns überlegt, wo es klemmt und haben festgestellt, dass die Bahn nicht immer voll besetzt unterwegs ist, dafür aber klimaneutral. Dann dachten wir: "Warum die Einkaufstaschen nicht alleine fahren lassen?", erklärt Michael Frey, stellvertretender Institutsleiter am Institut für Fahrzeugsystemtechnik (FAST), Institutsteil Fahrzeugtechnik, des KIT.

Dabei ist die Idee einer Tram, die Pakete und Waren ausliefert, nicht ganz neu: Schon in größeren Städten wie Dresden hat es erste Probebetriebe gegeben, diese wurden allerdings bald darauf wieder eingestellt, unter anderem wegen auftauchender Probleme im Betriebsablauf. "Wir haben nun gesagt: Wir können das besser", erklärt Frey im Gespräch mit ka-news.de.

Fahrgäste und Waren fahren zusammen – ohne Fahrplanchaos?

Damit die Gütertram den Sprung vom Zeichenbrett auf die realen Schienen schafft und künftig sowohl Personen als auch Waren transportieren kann, wollen die Forscher mit LogIKTram mehrere Ziele verfolgen: Die Entwicklung eines Logistikkonzepts sowie einer Informations- und Kommunikationstechnik (IKT)-Plattform für einen zukünftigen Gütertransport in Straßenbahn- und Stadtbahnwagen.

Neben Fahrgästen könnten in Zukunft hier auch Pakete ein- und ausgeladen werden (Symbolbild). | Bild: Thomas Riedel

Hierfür stellt die AVG ein älteres Fahrzeug zur Verfügung, welches speziell für die Anforderungen des Transports von Gütern angepasst und als erstes Demonstrationsobjekt getestet werden soll. Hier ist Michael Frey als Experte für Fahrzeugtechnik mit seinem Team zuständig. Er sieht die Herausforderung einer gelungenen Umsetzung der Vision vor allem in einem schnellen und reibungslosen Ein- und Ausladen der transportierten Waren. "Sie müssen automatisiert ausgeladen werden, um die Fahrpläne der mitfahrenden Fahrgäste nicht aus dem Takt zu bringen", so Frey.

Um das zu schaffen, soll die intelligente IKT-Plattform das Ladungshandling unterstützen. Michael Frey setzt aber auch auf eine variable Innenraumgestaltung: Ein elektrischer Fahrradanhänger könnte etwa als Transportbehälter genutzt werden, sodass an der Endhaltestelle nur noch ein Fahrradkurier den Anhänger anhängen und die Waren ausliefern muss – "eine sehr umweltfreundliche Lösung", sagt Frey. Gesichert werden könnten die Waren über Haken und Riegel in der Bahn.

Noch steckt das Projekt in den Kinderschuhen

Für größere Waren könnten Elektrotransporter eingesetzt werden, eventuell müsste dann aber eine größere Bahn benutzt werden, auch ein Einsatz selbstfahrender Shuttles sei für die endgültige Auslieferung denkbar. "Wir schauen uns alle Möglichkeiten an, noch sind wir hier aber ganz am Anfang unserer Überlegungen", so Frey.

Bisher ebenfalls noch ungeklärt: Wie die Bahn präzise an den Haltestellen anhalten soll, um die Transportbehälter schnell und zentimetergenau ein- und auszuladen – ebenso, wie Fahrgäste und Waren sich die Bahn künftig teilen sollen. Gleichzeitig müsse man die Kosten der nötigen Umbauten und Anforderungen gut im Auge behalten, so Frey.

Ascan Egerer, technischer Geschäftsführer bei den Verkehrsbetrieben Karlsruhe (VBK) und der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG)
Für Ascan Egerer, technischer Geschäftsführer der AVG und der VBK, bietet Karlsruhe optimale Voraussetzungen für die Entwicklung einer Gütertram. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Denn: Damit der Warentransport per Bahn für die Kunden künftig attraktiv ist, dürfe der Bau und der Unterhalt der Bahnen nicht zu viel Geld verschlingen, um die Transportkosten nicht in die Höhe zu treiben. "Wir dürfen den wirtschaftlichen Aspekt nicht außer Acht lassen, oder wir konzipieren an der Realität vorbei", sagt auch Ascan Egerer, technischer Geschäftsführer der AVG, im Gespräch mit ka-news.de.

Karlsruhe ist für Gütertram-Test ideal

Es zeigt sich: Bis die Gütertram tatsächlich über die Schienen rollen kann, wird es noch eine Weile dauern. Drei Jahre lang soll das Projekt LogIKTram nun Daten sammeln und Ideen entwickeln. Bei Erfolg soll daran ein neues Projekt, genannt "regioKArgoTramTrain" anschließen, um die theoretischen Ergebnisse in der Praxis zu testen – sowohl auf dem Betriebshof als auch im Realbetrieb.

Genutzt werden soll dabei das bestehende Schienennetz des "Karlsruher Modells", also Straßenbahn- und Eisenbahnschienen in Kombination. Das macht Karlsruhe für KIT-Experte Michael Frey auch zum idealen Testfeld für das Projekt: "So könnten auch Regio-Bahnen künftig zu Güterbahnen werden und Unternehmen aus Karlsruhe ihre Waren in die Region verschicken. Damit wäre es nicht nur eine Lösung für die Karlsruher Innenstadt, sondern auch für andere Anwendungsbereiche und andere Städte." Sogar das Ausland sei bereits auf das Karlsruher Forschungsprojekt aufmerksam geworden.

Ersetzt die Gütertram die konventionelle Paketzustellung?

Eine Bahn, die Pakete nahezu emissionsfrei auch in die Innenstädte bringt – wird damit die konventionelle Paketzustellung per Diesel- oder Elektrotransporter künftig ganz ersetzt? Daran glauben aber sowohl Michael Frey als auch Ascan Egerer nicht. "Die Zeit ist reif für neue Ideen und Lösungen in der Paketzustellung", sagt der AVG-Geschäftsführer. "Allerdings setzen wir hier eher auf Kooperation mit anderen Möglichkeiten des Warenaustauschs statt auf Konkurrenz."

Michael Frey ist Experte für Fahrzeugtechnik – mit seinem Team am KIT will er die Vision der Gütertram realisieren.
Michael Frey ist Experte für Fahrzeugtechnik – mit seinem Team am KIT will er die Vision der Gütertram realisieren. | Bild: Lydia Albrecht, KIT

Ähnlich sieht es auch Michael Frey: "Wir nutzen ja nur Dinge, die es schon gibt, für Dinge, die man braucht. Das Projekt soll die konventionelle Paketzustellung so verbessern, dass sie wirtschaftlich und umweltfreundlich ist, sie aber nicht komplett ersetzen – die Kombination aus allen Elementen macht es, eine allgemeine Lösung gibt es nicht."

Dennoch: Das Projekt kommt an. "Egal, mit wem ich bisher darüber gesprochen habe – alle finden die Idee gut und können sie auch greifen", sagt Frey. Auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) sieht das so und hat LogIKTram eine Förderung von insgesamt rund 2,75 Millionen Euro erteilt. "Der Transport muss sich künftig anders organisieren – und wenn es klappt, haben wir mit unserer Gütertram das Potenzial, ihn zu revolutionieren."

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  •   runner
    (589 Beiträge)

    11.04.2021 18:15 Uhr
    Gelesen?
    Und verstanden?
    Zitat von ka-news Ein elektrischer Fahrradanhänger könnte etwa als Transportbehälter genutzt werden ...

    Einen Anhänger kann man auch während der normalen Aufenthaltszeit rein- bzw. rausfahren.
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  •   lynx1984
    (3412 Beiträge)

    11.04.2021 18:18 Uhr
    Dafür
    braucht man kein „Projekt“, sondern lediglich 2-3 Fahrradtypen und einen langjährigen Paketzusteller der die Daumen senken oder haben kann. Als Krönung dann muss man schauen von wo nach wo die Pakete transportiert werden sollen. Das war es. Aber auch hier: eingeschränkter Nutzen, nicht universell anwendbar, störanfällig => in großer Menge nicht praxistauglich
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  •   BMWFahrer
    (613 Beiträge)

    11.04.2021 18:04 Uhr
    Aufenthaltszeiten < 1 Minute an der Haltestelle
    Und in der Zeit sollen Pakete ein- und ausgeladen werden? Wer verstaut die in der Bahn? Wer nimmt sie auf dem Bahnsteig entgegen?

    Da hilft auch kein automatisiertes Ein- und Ausladen.

    Hier geht's doch nur um Abgreifen von Fördermitteln - die an anderer Stelle viel besser investiert wären.
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  •   Rundbau-Gespenst
    (12440 Beiträge)

    12.04.2021 08:36 Uhr
    das war auch
    mein erster Gedanke.
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