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Kolumne Verkehrs-Anarchie und Autotanz

An sonnigen Wochenende treten sämtliche Verkehrsregeln außer Kraft. Stimmt so nicht? Tja, anders kann ich mir das Phänomen nicht erklären, dass so viele Verkehrsteilnehmer gleichzeitig gemeinsam die Verkehrsanarchie ausrufen.

Das Wort "Sonntagsfahrer" kommt nicht von ungefähr. Gerade bei gutem Wetter kriechen die skurrilsten Fahrertypen aus ihren Löchern. Da gibt es die Schleicher, die konsequent mit 40 km/h über die Landstraßen tuckern und hinter sich eine lange Blechschlange herziehen. Vielleicht verwechseln sie die Sonntagsfahrt mit einer Polonaise? Wäre naheliegend: Hinter den Kriechern ertönen die schönsten Hupkonzerte, die man als Hintergrundmusik für den Autotanz fehlinterpretieren könnte.

Radlerschwarm voraus

Dann gibt es an freien Tagen haufenweise Radfahrer. Im Kreisverkehr bei mir um die Ecke bin ich zu einer neuen Erkenntnis gekommen: Eine Gruppe von einzelnen Radfahrern zählt zusammen als ein großes Fahrzeug. Das folgere ich aus folgendem Erlebnis: Ich fahre in den Kreisverkehr  - auf der gegenüberliegenden Spur naht gerade ein ganzer Schwarm Radler. Der erste hätte es noch in den Kreisverkehr geschafft, ohne mich in meiner Vorfahrt zu behindern. Da sich die Sportler jedoch anscheinend nicht voneinander trennen wollen, schießen die anderen hinter ihm her - und ich muss mitten im Kreisverkehr eine Vollbremsung hinlegen.

Ich bin an Wochenenden und Feiertagen an seltsame Begegnungen gewöhnt, deswegen reagiere ich schnell, so dass niemand zu Schaden kommt. Die Radfahrer schimpfen trotzdem. Und lassen sich im Übrigen auch nicht davon abhalten, weiter vor mir in den Kreisverkehr zu fahren. Das alles nur, damit ich sie zwanzig Sekunden später wieder auf grader Strecke überhole.

Vielleicht habe ich die Situation auch nur falsch gedeutet? Es könnte sein, dass die Bremsen an freien Tagen auch Urlaub machen... so wie das zum Beispiel auch bei den Blinkanlagen der Fall ist. Denn an Wochenenden wird nicht geblinkt, da muss man seinem Gegenüber von den Augen ablesen, in welche Richtung er einbiegen will.

Es darf gelächelt werden - und singen hilft

Immerhin zeigen sich die meisten Verkehrsteilnehmer an freien Tagen auch gütiger als im Berufsalltag: Sie winken gerne die alte Dame über die Straße, erteilen mit Lichthupe Vorfahrten und verschenken freundliche Lächeleinheiten. Vielleicht ist das Ignorieren der Verkehrsregeln an sich eine gute Sache und man sollte die Anarchie auch wochentags pflegen. Einen Ansatz hierfür gibt es bereits in einigen Städten: Unter dem Begriff "Shared Space" wird versucht man eine Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer herzustellen, indem man auf Verkehrsschilder, Ampelanlagen und Fahrbahnmarkierungen verzichtet.

Aber selbst in diesem System bleiben Vorfahrtsregeln und Blinkanweisungen bestehen - wie ich finde zurecht. Da das jedoch nicht immer alle so sehen wie ich, begnüge ich mich damit, meine defensive Fahrweise beizubehalten um meinem Auto einen Blechschaden zu ersparen. Außerdem schließe ich mich einfach der guten Laune der Sonntagsfahrer an und beginne laut in meinem Auto die Radiolieder mitzusingen. Dabei verfliegen alle Wutanfälle wie von selbst.

"Tina trotzt dem Alltag" ist eine wöchentliche Kolumne auf ka-news. Sie erscheint immer donnerstags. Anregungen,  Aufregungen und sonstige Hinweise an rastatt@ka-news.de.

   
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (29986 Beiträge)

    15.07.2010 23:16 Uhr
    Diese Geschichte fällt
    im Vergleich zu den vorhergehenden ein bisschen ab, aber man kann nicht jedesmal Kracher schreiben. Das schaff nichtmal ich. zwinkern

    Weitermachen! grinsen
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (52 Beiträge)

    15.07.2010 16:05 Uhr
    Weiter so!
    Sehr geehrte Frau Bartolomeo,
    ich bemitleide Sie für das harte Leben, das Sie führen müssen und bewundere mit welcher Kraft und Würde Sie diese Anstrengungungen meistern. Sicherlich tun Sie der gesamten Gesellschaft einen riesigen Gefallen, indem Sie von Ihrem Leid berichten. So können wir alle daran teilhaben und auch ich kann nun in mein überwiegend von Freude gesegnetes Leben ein wenig mehr Leid bringen.
    Weiter so!
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  •   altruist
    (478 Beiträge)

    15.07.2010 12:57 Uhr
    Aber doch
    nicht im Verbund mit einer Gefährdung!!!!! Aber was jucktz es, solange die Räder nicht kekennzeichnet werden müssen...
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (1401 Beiträge)

    15.07.2010 16:07 Uhr
    für mich nicht ganz klar
    "Der erste hätte es noch in den Kreisverkehr geschafft, ohne mich in meiner Vorfahrt zu behindern." Heißt für mich: Es war genug Platz und es gab keine unmittelbare Gefährdung. Und den "Schwarm Radler" hat die Autofahrerin schon beim Einfahren in den Kreisverkehr gesehen.

    Das mit der Kennzeichnung der Räder ist durchaus überlegenswert. Mir ist nur bisher keine zündende Idee gekommen, wie sowas wirklich in die Praxis umgesetzt werden könnte bei über 60 Mio Fahrrädern in Deutschland. Es kann in der heutigen kaum gewünscht sein, eine Hürde für die Benutzung eines umweltfreundlichen Verkehrsmittels zu schaffen. Soll das Kennzeichen an eine Steuer/Versicherung gekoppelt sein? Ist es aufs Fahrrad oder Fahrer bezogen?
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  •   tok
    (7205 Beiträge)

    15.07.2010 12:11 Uhr
    Es kommt darauf an
    ob es mehr als 15 Radfahrer waren oder nicht.
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (1401 Beiträge)

    15.07.2010 12:41 Uhr
    StVO, §27 Verbände
    (1) Für geschlossene Verbände gelten die für den gesamten Fahrverkehr einheitlich bestehenden Verkehrsregeln und Anordnungen sinngemäß. Mehr als 15 Radfahrer dürfen einen geschlossenen Verband bilden. Dann dürfen sie zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren. Kinder- und Jugendgruppen zu Fuß müssen, soweit möglich, die Gehwege benutzen.

    (2) Geschlossene Verbände, Leichenzüge und Prozessionen müssen, wenn ihre Länge dies erfordert, in angemessenen Abständen Zwischenräume für den übrigen Verkehr frei lassen; an anderen Stellen darf dieser sie nicht unterbrechen.

    [...]
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  •   emweka
    (133 Beiträge)

    15.07.2010 23:09 Uhr
    ich kenne das auch...
    ... die "Freizeit-Tour de France" nimmt einem nicht nur im Kreisverkehr die Vorfarhrt, sondern auch an einer Ampel. Wenn der Erste bei grün über die Kreuzung fährt, huscht der Zweite bei orange an der Ampel vorbei und der Rest hat dann auch vor Rot keine Scheu. Vor ein paar Tagen selbst so erlebt!
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (1401 Beiträge)

    16.07.2010 12:27 Uhr
    kann rechtens sein
    Genau das kann rechtens sein, wenn die (mehr als 15) Radfahrer einen geschlossenen Verband bilden.
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  •   peterkurr
    (143 Beiträge)

    15.07.2010 19:44 Uhr
    aha
    dann müssen die Fahrrad-Kolonnen aber auch so in den Kreisverkehr einfahren, das der letzte Radler auch niemandem die Vorfahrt nimmt. Ich kann mit einem PKW mit Hänger ja auch nicht so in den Kreisverkehr fahren, dass mein Auto zwar niemanden behindert aber der Hänger jemandem die Vorfahrt nimmt.

    Oder sehe ich das falsch?
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  •   tok
    (7205 Beiträge)

    15.07.2010 20:29 Uhr
    ja und nein
    So wie ich das verstehe, hat ein Verbund (ob aus Zwei- oder Vierrädern) einen "Rabatt" beim Achtgeben: weil ein Verbund nicht starr ist wie ein einzelnes Fahrzeug, kann der erste, der fährt, nie genau wissen, wo der letzte ist. Und selbst wenn er es vermutet, ist es viel schwerer abzuschätzen, wie sich die SItuation für das Ende darstellen wird. Da der Gesetzgeber Verbünde erlaubt (weil viele "Fragmente" noch viel lästiger wären?) bürdet er allen anderen Verkehrsteilnehmern auf, ggf auf ihre Vorfahrt zu verzichten.
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