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Großes Kino: Mit Hut im Hühnerstall

Auf der Flucht vor der Hitze bietet das Kino einen idealen Unterschlupf: Schön klimatisiert, erfrischende Getränke, Eisnachschub ohne Ende - nicht zu vergessen die Unterhaltung durch den Film auf der Leinwand. Für die erfrischende Unterhaltung nimmt man gerne auch ein paar Tücken in Form anderer Kinosbesucher in Kauf.

Bei der Wetterlage in der vergangenen Woche hätte ich mich am liebsten in einer kühlen Wohnung versteckt, Füße in den Wassereimer, Ventilator an und Eis in den Mund. Da ich aber das Glück habe in einer Dachgeschosswohnung zu wohnen, lösten sich diese Pläne schon von selbst in Luft auf. Mein Auto hat zwar eine Klimaanlage, aber ich kann nicht den ganzen Tag ziellos durch die Gegend fahren um mir selbst Abkühlung zu verschaffen. Die Baggerseen waren überlaufen, Schwimmbäder vollgestopft mit Kindern.

Also verbringe ich im Sommer gerne Zeit im Kino. Einziger Wehrmutstropfen im Lichtspielhaus: Man ist nicht immer unter Gleichgesinnten. Zwei Stunden lang ist man an den Kinosessel gefesselt und muss sich irgendwie mit den Macken völlig Fremder arrangieren. Die negativen Seiten anderer Kinogänger erkennt man meist erst während des Films - oder kurz davor. Auf dem Platz vor mir nehmen immer die größten Sitzriesen Platz. Und das obwohl ich ein richtiger Sitzzwerg bin. Tauschen mit größeren Sitznachbarn ist zwecklos - der nächste Sitzriese kommt bestimmt und wird sich von dem Platz vor mir magnetisch angezogen fühlen. Naja, man gewöhnt sich irgendwann an die eigenen Schwächen. Meistens sehe ich irgendwie an meinem Vordermann vorbei.

Einheitliches Seufzen mit anschließendem Gegacker

Nur bei der Frau mit Hut, die sich vor mich setzt  ohne auf ihre Kopfbedeckung verzichten zu wollen, bahnt sich in mir ein kleiner Wutausbruch an. Zaghaft versuche ich es mit einer höflichen Anrede: "Entschuldigung, würde es Ihnen etwas ausmachen Ihren Hut abzusetzen?" Die Dame erweist sich als verständnisvoll, setzt lächelnd den Hut ab und dreht sich wieder um. Die Entkleidung gibt den Blick auf eine viel größere Katastrophe frei: Die Frau hat eine unglaublich ausladende Dauerwelle, meine komplette Sicht ist durch Löckchen versperrt. Da es mir peinlich wäre, sie zu bitten, die Kopfbedeckung doch lieber wieder aufzusetzen, suche ich mir in diesem Fall doch lieber einen neuen Platz. 

  Neben meinem neuen Platz sitzt ein Fußwipper. Dass die ganze Sitzbank zusammen mit seinem Fuß wippt ist mir jetzt allerdings egal, der Film fängt an. Sekunden vor der ersten Sequenz stürmt eine Horde Teenie-Mädels gackernd in die letzte Sitzreihe. Vorbei ist es mit der Ruhe. Die gesamte Teenager-Schar steht offensichtlich auf einen der Schauspieler: Bei jedem Aufflackern seines Gesichts auf der Leinwand ertönt ein einheitliches Seufzen, es folgt Gegacker und Gekicher. Das alles wäre vermutlich erträglicher, wenn sie sich nicht gerade den Hauptdarsteller als Opfer ihrer Begierde ausgesucht hätten.

Aber was soll's: Ich schaue mir schließlich eine Komödie an. Und lustig ist es, keine Frage. Zum Gegluckse aus der letzten Reihe kommen einzelne Zwischenrufe eines Spaßvogels: "Geile Titten!" und "Boah, wie kann man nur so blöd sein!" Begleitet werden diese Kommentare von einem grunzenden Lachen. Das Lachen wiederum ist so lustig, dass der halbe Kinosaal einstimmt. Dadurch fühlt sich der Komiker allerdings bestätigt, so dass weitere Anmerkungen folgen: "Ey, die würd' ich ja auch net von der Bettkannte stoßen, Alder!" Es folgt das grunzende Lachen, Saalgelächter, Gegluckse und Gekickel aus der hinteren Reihe. 

Happy End im Film - dicke Luft im Kinosaal

Es scheint so, als hätten alle einen Heidenspaß am Alleinunterhalter und an den seufzenden Teenies. Alle? Nein, nicht alle: Zehn Minuten vor Filmende steht ein Mann auf und brüllt wie von der Tarantel gebissen: "Könnt ihr nicht endlich mal ruhig sein dahinten, das geht uns allen gewaltig auf die Nerven. Schließlich haben wir für den Film bezahlt und nicht für euer Gegacker." Bedröpeltes Schweigen.

Wäre es nicht so dunkel, würde man sehen, wie die Teenager rot anlaufen und dem Spaßvogel das Popcorn im Hals stecken bleibt. Er hustet - auf die strengen Worte des Mannes fällt dem sonst so schlagfertigen Spaßmacher kein dummer Spruch mehr ein. Während der letzten Minuten hört man nur noch verhaltenes Lachen. Das was das Gegacker erreicht hat, hat der Mann mit seinem Wutausbruch definitiv geschafft: Er hat uns allen die Stimmung versaut.

"Tina trotzt dem Alltag" ist die neue, wöchentliche Kolumne auf ka-news. Sie erscheint immer donnerstags. Anregungen,  Aufregungen und sonstige Hinweise an rastatt@ka-news.de.

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Kommentare (6)
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  •   runsiter
    (11986 Beiträge)

    30.07.2010 14:03 Uhr
    Gleichzeitig
    Die Frage stellt sich schon, welche Filme Frau di Bartolomeo sich im Sommer so anschaut. Und in welchem Kino, in dem einem die pubertierenden Teens so laut auf die Nerven gehen, dass es einen Mann dazu verleitet einen Brüller loszulassen.

    Kichernde Tennies, protzende Milchgesichter, schlechtgelaunte Midlife-Typen, auftupierte Hutträgerinen, langweiliger Kinofilm: alles schon erlebt. Nur noch nicht gleichzeitig.
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  •   Freddy
    (238 Beiträge)

    30.07.2010 00:33 Uhr
    laaaaaangweilig!
    Die Kolumne nervt langsam.

    Fängt schon damit an, dass der vorgeschriebene Text gerade diese Woche so überhaupt nicht passt, von Hitze keine Spur.

    Je nach Uhrzeit sind Störer auch eher weniger oft vorhanden, weiß ja nicht was für Filme Tina sich so anschaut...

    Und nach so einem "Wutausbruch" ist die Stimmung versaut? Ich würde dafür Applaus geben und freudig weiterschauen, aber Tina scheint wohl nahe am Wasser gebaut zu sein zwinkern
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (29986 Beiträge)

    29.07.2010 23:47 Uhr
    Jaja, (Teil 1)
    wer kennt das nicht mit den Hünen. Allerdings wurde dieses Problem in modernen Kinos zumindest weitgehend abgestellt. Die sind ja inzwischen so steil, dass nahezu alle gut sehen können. Gut so.

    Aber: Richtig interessant wirds auf Konzerten. Man ist zeitig da und sucht sich ein Plätzchen, wobei man sorgfältig darauf achtet nicht in die Nähe einer der vereinzelt herausragenden Köpfe zu kommen. Mit 1,80 bewegt man sich im Schnitt (männlich) und entwickelt bereits Mitgefühl für die beiden 1,62 Mädchen vor einem. Allerdings sind sie hübsch und filigran, man kann ihnen ja bei der Zugabe immer noch anbieten sie auf die Schultern zu nehmen.
    30 Minuten vor Beginn: Von links hat sich einer angeschlichen und droht ins Sichtfeld zu geraten. Ich beobachte ihn und reagiere auf seine Bewegungen, alles gut, alles im Griff.
    Wie üblich stehe ich an genau der einen Stelle an der sich alle nach vorne durchdrücken. Das geht mir jedesmal wahnsinnig auf den Sack.
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (29986 Beiträge)

    29.07.2010 23:56 Uhr
    Jaja, (Teil 2)
    Einmal habe ich wahllos einen der es besonders eilig hatte nochmals beschleunigt. Das war ihm aber nicht recht und ich wäre um ein Haar verdroschen worden (Metallica RaR 2003).

    10 Minuten vor Konzertbeginn: Grade noch rechtzeitig ist der örtliche Basketballverein in Mannschaftsstärke angekommen und will nach vorne 'weil man ja sonst keinen Fatz sieht'. Alle kommen bei mir durch und weil es vor uns ja noch Platz hat (die Mädels konnten sie aus dieser Höhe nicht mehr erkennen) errichten sie eine Mauer, die Erich H. und Konsorten Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätte.
    Wie ich tags darauf der Zeitung entnehmen konnte soll die Bühnenshow echt toll gewesen sein...
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  •   zozimura
    (1981 Beiträge)

    29.07.2010 20:00 Uhr
    Aus Erfahrung weis ich
    da hilft nur WÜRGEN. Dann sinn se aber ruhig, die Hühner..
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  •   runsiter
    (11986 Beiträge)

    29.07.2010 18:22 Uhr
    Gut gebrüllt.
    Hätte der gute Mann allerdings vorher machen sollen, 10 Minuten vor Schluss lohnt sich es dann auch nicht mehr.
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