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Maulbronn Wie 24 Türchen Weihnachten verändern: Der Adventskalender eroberte von Maulbronn aus die ganze Welt

Der Adventskalender: 24 Türchen, von denen sich jedes zu einer kleinen Überraschung öffnet, sei es Schokolade, Beauty-Produkte oder kleine Spielzeuge. In seiner etwa 170-jährigen Geschichte hat der Adventskalender viele Entwicklungen durchlaufen - von seinen Ursprüngen als selbstgebastelte Bilder, die an die Wand gehängt wurden, über lithographischen Druck mit Versen bis zur heutigen Geschenkserie für Kinder und Erwachsene. Was allerdings die wenigsten wissen dürften: Die Geschichte des modernen Adventskalenders fängt im schwäbischen Maulbronn bei Pforzheim an.

Doch erst einmal müssen wir in der Zeit noch etwas weiter zurückgehen: Vermutlich stammt die Idee zum Adventskalender aus dem Jahr 1851. Protestantische Familien hängen in der damaligen Adventszeit 24 Bilder an die Wand. In katholischen Familien werden jeden Tag bis zum Heiligen Abend Strohhalme in eine Krippe gelegt.

In einfacheren Haushalten werden 24 Kreidestriche an die Tür gemalt, und die Kinder dürfen jeden Tag einen wegwischen. Eine andere Variante ist die Adventskerze, die jeden Tag bis zur nächsten Markierung abgebrannt wird. In der Zeit des Nationalsozialismus erfreut sich diese Variante wieder großer Beliebtheit, da die alten deutschen Bräuche während dieser Ära wiederbelebt werden.

Gebäck auf Karton - der erste Adventskalender

Die Geschichte des modernen Adventskalenders jedoch fängt ganz in der Nähe an, nämlich im schwäbischen Maulbronn bei Pforzheim. Die Ehefrau des damals dort tätigen Pfarrers Lang näht ihrem Sohn Gerhard jedes Jahr in der Adventszeit 24 Wibele (eine Art Süßgebäck) auf einen Karton und als Kind darf er ab dem 1. Dezember jeden Tag eines davon essen. Dadurch wird er inspiriert, einen kommerziellen vorweihnachtlichen Kalender herzustellen.

Nach einer Lehre als Buchhändler lässt er sich 1902 in München nieder und bringt ein Jahr später seinen Entwurf für einen Adventskalender zur Lithographischen Anstalt F. Reichhold in der bayerischen Hauptstadt. Der entstandene Kalender ist fensterlos, mit zwei Blättern – einem lithographischen Druck mit 24 kleinen, von Gerhard Lang verfassten Gedichten in nummerierten Kästchen und einem Bogen mit 24 passenden Bildern, die ausgeschnitten und auf den Bogen geklebt werden können. Er nennt ihn “Weihnachtskalender“.

Die Erstauflage boomt

Die Bilder für diesen ersten Kalender – weihnachtliche Themen wie Christbaum, Spielzeuge, Schnee, aber auch Engel und Christkind – werden von Richard Ernst Kepler aus Stuttgart gezeichnet, einem populären Illustrator und Maler von Kinder- und Jugendliteratur. Später entwickelt Kepler zahlreiche Entwürfe für Adventskalender für Lang und Reichhold, die zusammen einen Verlag in München gründen.

Weihnachtskalender - Langs Kalender "Im Lande des Christkinds“ von 1903, Nachdruck von 1915 (gemeinfrei)
Weihnachtskalender - Langs Kalender "Im Lande des Christkinds“ von 1903, Nachdruck von 1915 (gemeinfrei) | Bild: "Im Lande des Christkinds“ von 1903, Nachdruck von 1915

Langs Kalender heißt “Im Lande des Christkinds“. Jeden Tag in der Adventszeit dürfen die Kinder eines der Bilder ausschneiden und auf den Bogen mit den Gedichten kleben. Der Kalender erweist sich als extrem erfolgreich und wird überall verkauft. Zu Weihnachten 1911 kündigt Bielefelds Hofbuchhandlung in Karlsruhe das Eintreffen des Lang-Adventskalenders in der “Badischen Presse“ an: “In der Lithographischen Kunstanstalt Reichholdt [sic] und Lang ist der bekannte, zum Aufkleben von Bildern vom 1.-24. Dezember bestimmte, Kinder-Weihnachtskalender wieder erschienen.”

Die ersten “Fenster”-Kalender erscheinen in den 1920er-Jahren

In den 1920er-Jahren werden die jetzt immer öfter erscheinenden Adventskalender hauptsächlich von bekannten Kinderbuchillustratoren gestaltet. Sie ändern sich teilweise zu Abreißkalendern, die man in ein begleitendes Album kleben kann. Außerdem verbreiten sich auch Kalender mit Fensterchen, die man öffnen kann. Hinter jedem Fenster steckt ein Bild, das auf eine angeklebte Pappschicht gedruckt ist.

“Der Landbote“ aus Sinsheim beschreibt 1929 die Vorfreude der Kinder in der Adventszeit: “Jetzt tauchen im häuslichen Leben allerlei sinnige Gebräuche auf. Ihre Hüter und Pfleger sind vor allem die Kinder, deren Erwartung zu glühen anfängt. An der Wand hängt ein Weihnachtskalender, das erste Blättlein wird abgerupft. An der Lampe hängt das Bild eines Hauses mit vielen geschlossenen Fensterläden; der erste Laden wird aufgestoßen.”

"Tietz“ - Badische Presse 26.11.1926
"Tietz“ - Badische Presse 26.11.1926 | Bild: Badische Presse 26.11.1926

Zu Weihnachten 1926 gibt die Firma Tietz in Karlsruhe neben dem Eintreffen von Nikolausmasken und Engelsflügeln (sowohl für Kinder als auch für Erwachsene) auch den Verkauf von “Weihnachtskalender vom 1.-24. Dezember für unsere Kinder“ bekannt. Die Zeitspanne des Kalenders war nicht immer klar, da die Adventszeit natürlich Ende November anfängt.

Weihnachtliche Propagandamittel

In den 1920er-Jahren sind die Motive der Adventskalender teilweise eher modern – Eisenbahnen, Autos, Flugzeuge – und so sprechen diese Themen besonders Jungen an. Kalender mit religiösen Themen werden öfter durch die aktuellen Themen ersetzt. Gerhard Lang produziert sogar einmal einen Schokoladenkalender, der “Christkindleinshaus zum Füllen mit Schokolade“ heißt.

In dieser Zeit ist Ostdeutschland, vor allem Berlin und Sachsen, Schwerpunkt der Produktion von Adventskalendern. Gleichzeitig gibt es auch Teile von Deutschland, in denen der Adventskalender zwischen den Kriegen unbekannt ist, zum Beispiel in der Region um das Sudetenland. In der NS-Zeit werden christliche Themen durch völkische und germanische Motive weitgehend ersetzt. Sogar der Verlag Reichhold und Lang bringt 1933 einen Adventskalender mit dem Titel “Deutsche Weihnacht“, der unter anderem einen salutierenden Soldaten zeigt.

Bild aus dem Mittelbadischer Courier, 24.12.1931
Bild aus dem Mittelbadischer Courier, 24.12.1931 | Bild: Mittelbadischer Courier, 24.12.1931

Über die Adventszeit 1935 berichtet Karlsruhes Zeitung “Der Führer“ in einer Sprache, die hierzu passt: “Die stramm ausgerichteten Bataillone der Nikoläuse in den Fenstern der Süßwarengeschäfte haben entschlossen den Vortrupp gebildet.” Allerdings gibt es auch “Adventskalender mit den vielen, vielen Türchen, eins ums andere sorgsam zu öffnen“. Die Firma Leichtlin in der Zähringerstraße verkauft “Adventskerzen, Adventskarten und Kunstkalender“.

Adventskalender selber machen - schon damals ein Trend

Während des Zweiten Weltkriegs wird das Papier rationiert und Adventskalender müssen auf holzhaltigem Papier gedruckt werden. Jetzt werden die Adventskalender wieder gebastelt. Das “Durlacher Tagblatt“ gibt vor Weihnachten 1941 ausführliche Anweisungen, wie das zu machen ist. “Wir leben in einer harten Zeit“, schreibt die Zeitung, “aber die Welt des Kindes soll in ihr doch unangetastet bleiben.”

“Bereitet Freude durch Schenken“, schreibt “Der Führer“ im Dezember 1939, in dieser, wie es in der NS-Sprache heißt, Zeit von “Vorweihnachten“ im ersten Kriegswinter. “Wieder hängt der Adventskalender im Kinderzimmer – jeder Tag ist durch ein Sternchen, Engelchen oder ein Licht gekennzeichnet.”

Adventskalender mit Mädchen - Badische Presse 1938
Adventskalender mit Mädchen - Badische Presse 1938 | Bild: Badische Presse 1938

Nach dem Zweiten Weltkrieg werden Adventskalender wieder überall hergestellt, allerdings oft auf Papier mit schlechter Qualität. Deswegen werden weiterhin viele Kalender selbst gemacht. Die Zeitungen kündigen kurz vor Weihnachten immer Nachmittagstreffen für Kinder an, bei denen Adventskalender gebastelt werden. Seit 1945 gibt es endgültig den Standardkalender mit 24 Türchen, beginnend ab 1. Dezember, im Handel zu kaufen. Oft werden biblische Szenen dargestellt, mit einem letzten großen Türchen, hinter dem eine Krippenszene versteckt ist.

“Der Mittelpunkt des Hauses”

Nach dem Krieg ist die Adventszeit ganz besonders eine Zeit der Besinnung, der Hoffnung und des Glaubens an den Frieden. “In jedem Haus, in dem Kinder wohnen, hängt der viel bewunderte Adventskalender“, schreibt die “Bruchsaler Post“ im Dezember 1950, “und ist in diesen Weihnachtstagen der Mittelpunkt des Hauses geworden.”

Die Motive der Nachkriegskalender gehen auf die romantischen Themen der noch halbwegs heilen Welt um 1930 zurück und manche Verlage drucken alte Kalender wieder neu. Und tatsächlich sind auch die Empfindungen der Weihnachtszeit im Jahre 1930 nicht so anders wie heute.

Bild: Mittelbadischer Courier, 24.12.1931

“In diesem Jahr liegt über dieser Zeit der Schatten einer großen Wolke. Es ist wieder Notzeit“, schreibt Ettlingens “Mittelbadischer Courier” im November 1930, im Höhepunkt der Wirtschaftskrise. “Macht hoch die Tür des Adventskalenders, die Tore weit, dass die Adventsfreude einziehe. Und auch die Liebe miteinziehe“.

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  •   mueck
    (12462 Beiträge)

    23.12.2021 10:56 Uhr
    !
    Bild: Weihnachtskalender3 von Marianne Schneegans dürfte nicht gemeinfrei (erst ab 2068), sondern CC 3.0 sein, oder ist es eine andere Quelle als diese?
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  •   redaktion
    (1383 Beiträge)

    23.12.2021 12:00 Uhr
    GutenTag lieber Leser,
    bei dem Bild handelt es auch bei uns um die Quelle, die Sie angeben. Allerdings ist dort deutlich vermerkt: "This work is free and may be used by anyone for any purpose." Zu deutsch: "Dieses Werk ist frei und darf von jedem zu jedem Zweck verwendet werden."
    Da wir das Bild im Orginal verwenden und es nicht verändern, ist eine Verwendung - auch nach Rücksprache mit der Autorin des Artikels - nach unserer Auffassung frei. Um Verwirrung zu vermeiden, haben wir den Quellen-Link ergänzt. Falls Sie noch andere Quellen haben, würden wir uns freuen wenn Sie uns diese zur Verfügung stellen würden.

    Liebe Grüße
    Die Redaktion
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  •   mueck
    (12462 Beiträge)

    23.12.2021 13:16 Uhr
    !
    Mal Sprache umschalten zwinkern , bei mir steht's gleich auf deutsch und es geht weiter mit "Zu den folgenden Bedingungen:" und "Namensnennung" (erfüllt) und "Weitergabe unter gleichen Bedingungen" (nicht erfüllt, da "gemeinfrei" genannt ist(/war? steht da aber immer noch) und das wäre es erst ab 70 Jahre nach Tod der Künstlerin oder evtl. wenn es vom Künstler unter PD, CC0 o.ä. gestellt wird (nahe dran an gemeinfrei, aber nicht 100%), oben drüber ist aber "CC BY-SA 3.0 DE" verlinkt, das ist absolut nicht gemeinfrei, weil an Bedingungen geknüpft. u.a. eben auch an die Nennung dieser Lizenz. Tja, auch relativ freie Lizenzen haben kleine Tücken ... zwinkern
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  •   redaktion
    (1383 Beiträge)

    23.12.2021 14:11 Uhr
    Hallo lieber Leser,
    nochmals vielen Dank! Wir haben das Bild nun aus dem Artikel entfernt. Danke, für die Hinweise. grinsen

    Liebe Grüße
    Die Redaktion
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  •   mueck
    (12462 Beiträge)

    23.12.2021 15:45 Uhr
    !
    Das ist nun vmtl. weit über das Ziel hinausgeschossen ... Es hätte wohl gereicht, "gemeinfrei" durch die Lizenzangabe "CC BY-SA 3.0 DE" zu ersetzen, vmtl. mit Link dorthin, Details dürften irgendwo bei der Lizenz zu finden sein. Es stecken ja nur "BY" und "SA" drin und nicht auch "NC", was noncommercial hieße, und ohne NC sollte das für ka-news problemlos verwertbar sein.
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  •   Motorhead
    (1084 Beiträge)

    22.12.2021 21:59 Uhr
    Danke
    Sehr interessanter und schöner Bericht.
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