Karlsruhe Fußball-Großübertragungen in Karlsruhe: Was macht das Phänomen "Public Viewing" aus?

Heute Abend wartet auf die deutsche Mannschaft das erste unfreiwillige Endspiel dieser Weltmeisterschaft. Nach der peinlichen Auftaktpleite gegen Mexiko (0:1) muss die Löw-Elf gegen Schweden gewinnen, um nicht schon in der Vorrunde auszuscheiden. Über 25 Millionen Menschen fieberten schon gegen Mexiko mit, davon auch wieder einige Millionen beim Public Viewing. Doch woher kommt der Drang zum "Rudelgucken"? ka-news hat sich das Phänomen angeguckt.

Seit der Heim-WM 2006, dem Sommermärchen vor zwölf Jahren, sind schwarz-rot-goldene Fahnen und Großbildleinwände in Biergärten, auf Plätzen oder in Stadien nicht mehr wegzudenken. Auch in Karlsruhe gibt es im Wildparkstadion ein großes Public Viewing, dazu haben auch viele Lokale und Biergärten aus der Fächerstadt größere Übertragungen angemeldet.

Doch warum interessieren sich gerade zur Welt- oder Europameisterschaft so viele für das runde Leder? Beziehungsweise sind es überhaupt noch so viele? Und steigt wirklich das Interesse am Fußball oder ist es eher ein sozialer Aspekt, der viele zu Event-Fans werden lässt? 

Stimmung im Kollektiv erleben

Robert Gugutzer ist Professor für Sozialwissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität und beschäftigt sich als einer von wenigen seit Jahren intensiv mit dem Phänomen Public Viewing. Deshalb ist der Leiter des Instituts für Sportwissenschaften ein gefragter Gesprächspartner rund um die psycho-soziale Komponente, die beim "Rudelgucken" eine Rolle spielt.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft bezeichnete der Sportsoziologe das Public Viewing als Ritual, bei dem vielen die Partystimmung wichtiger ist, als das eigentliche Fußballspiel. Es geht darum kollektiv Stimmung zu erleben. Hinzu kommt, dass es nichts alltägliches ist und in der Regel nur alle zwei Jahre vorkommt und das an Orten, die nicht unbedingt mit Sport in Verbindung stehen, wie etwa Übertragungen im Kino. 

Soziologe Robert Gugutzer
Robert Gugutzer ist Professor für Sozialwissenschaften des Sports an der Goethe-Universität | Bild: Goethe Universität Frankfurt am Main

Parallelen zum Oktoberfest

Im Laufe der Jahre wurden die Fußball-Großübertragungen zu einem Ritual, an dem alle mehr oder weniger teilnehmen. "Mittlerweile ist es ja fast schon ein soziales Muss, dass man zumindest bei einem Public Viewing während der WM war", sagt der Experte, der das Phänomen seit Jahren soziologisch untersucht.  Er spricht von einer Tradition, die man symbolisch mitinszeniert durch Fahnen, Schminke oder Trikots.

Für den Wissenschaftler ist das Public Viewing gut mit dem Oktoberfest vergleichbar, das auch jedes Jahr hunderttausende Erwachsene zelebrieren, indem sie sich verkleiden, laut herumgrölen, singen und hoffen, ein tolles Erlebnis zu haben.

Public Viewing vor allem bei "Event-Fans" beliebt

Public Viewing ist nach Gugutzers Auffassung also eher ein Gemeinschaftsritual im Rahmen eines großen Sportereignisses, bei dem es darum geht, kollektiv etwas zu erleben, nämlich in erster Linie die Atmosphäre. Das Gruppenerleben ist die Faszination am Public Viewing, da beim gemeinsamen Fußball schauen viel eher Stimmung entsteht, als wenn man das Spiel alleine vor dem Fernseher verfolgt.

Im Laufe der Jahre, in denen sich der Sportsoziologe mit Public Viewing beschäftigt, hat sich bei ihm der Eindruck verfestigt, dass für viele, die zum Public Viewing gehen, die Partystimmung im Vordergrund steht. Durch die Stellung des Fußballs kommen zum "Rudelgucken" verhältnismäßig viele Menschen, die sich sonst nur sehr wenig mit Fußball beschäftigen und dafür interessieren. 

Die "ganzjährigen Fußballfans", die sich wirklich für das Spiel interessieren, schauen lieber alleine oder im kleinen Kreis, erklärt der Experte im Interview mit der SZ. Schließlich gibt es bei Großübertragungen einige Faktoren, wie beispielsweise schlechte Sicht oder einstrahlende Sonne, die vom eigentlichen Spielgeschehen abklenken. Für den interessierten Fußballfreund sei das inakzeptabel, erklärt Gugutzer. 

Gugutzer: "Die Begeisterung nimmt ab!"

Nach dem Höhepunkt der vierwöchigen Fußball-Partystimmung 2006 scheint die Begeisterung für öffentliche Fußball-Liveübertragungen von Turnier zu Turnier mittlerweile abzunehmen. Diesen Eindruck teilt auch Gugutzer. Im SZ-Interview spricht er von einem Event, das zur Routine-Veranstaltung geworden sei, zu dem man halt hingehe, weil alle hingehen.

Eine spontane Begeisterung wie 2006 entstehe nur noch selten. "Es war damals interessant, weil es neu war", sagt der Sportsozialwissenschaftler. Weitere Faktoren für die Begeisterung sei das gute Wetter gewesen, sowie die Tatsache, dass die WM im eigenen Land stattfand. 

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