Karlsruhe "Wir lebten in der Steinzeit": Die lange Geschichte der alten Karlsruher Hauptfeuerwache

Ganze 95 Jahre lang diente die alte Hauptfeuerwache in Karlsruhe ihren Mitarbeitern als Einsatzzentrale, als Identifikationsstätte und manchmal sogar als Heimat. Nun, wo die Feuerwehr in ihre neue Zentrale in der Oststadt zieht, verabschieden sich junge und altgediente Feuerwehrleute vom alten Hauptquartier und schwelgen in Erinnerungen. Wie hart die Arbeit als Feuerwehrmann etwa in den 50er-Jahren war und was die Wache alles mitgemacht hat - ka-news.de hat mit den ehemaligen Kameraden gesprochen.

Abgedunkelte Wände, altmodische Bauart, gepflasterter Innenhof und abgetretene Holzböden - schon beim Eintreten spürt man förmlich das Alter der ehemaligen Hauptfeuerwache in der Karlsruher Ritterstraße. 

Ritterstraße 48: Die alte Feuerwache heute. | Bild: Lars Notararigo

Als der Karlsruher Architekt Hermann Billing seine Idee der Hauptfeuerwache 1924 und 25 zu Papier brachte, ahnte er wahrscheinlich noch nicht, wie lange sein Werk den Karlsruher Wehrleuten ein Zuhause bieten würde.

Doch nun findet die Nutzung des historischen Baus ihr Ende: Die alte Feuerwache wurde Anfang Mai von der Ritterstraße in die Zimmerstraße in der Oststadt verlegt. Ihre Mitarbeiter nehmen den Umzug mit "einem weinenden Auge" hin, wie der Pressesprecher der Feuerwehr, Markus Pulm, es ausdrückt. Und wen würde das wundern, im Licht der Geschichte, die dieses Gebäude umgibt?

"Wir lebten in der Steinzeit"

"Mit dem Bau der alten Feuerwache 1926 wurde in Karlsruhe erstmals eine Berufsfeuerwehr eingeführt", beginnt Bernd Wiechmann, der altgediente Leiter der Branddirektion. Zum Abschiedsfest der alten Feuerwache Ende April kamen er und weitere pensionierte Mitarbeiter des Brandschutzzentrums zusammen, um ein wenig von der langen Geschichte des Wachgebäudes zu erzählen. "Zuvor waren allein freiwillige Mitglieder für die Brandbekämpfung im Karlsruhe des vergangenen Jahrhunderts zuständig."

von links: Karlheinz Hock, Bernd Wiechmann, Doris Wilcke, Reiner Schindler und Klaus Handt | Bild: Lars Notararigo

Und diese Berufsfeuerwehr residierte sicherlich anders als zu heutigen Zeiten. Von 40-Mann-Schlafsälen und 60 Wochenstunden spricht der Feuerwehrmann außer Dienst, Reiner Schindler. Zu seinem Dienstantritt 1970 sei dies ebenso Gang und Gebe gewesen, wie andere Verzichte, die aus heutiger Sicht zum Standard gehören.

Im Garten der Feuerwache: Ein Treffpunkt an dem viele Erinnerungen hängen. | Bild: Lars Notararigo

"Wir hatten damals keine anständige Schutzkleidung!", erklärt Klaus Handt, ebenfalls altgedienter Feuerwehrmann. Und auch die Heizungsmethoden seien auf einem Stand gewesen, der zu heutiger Zeit ein wenig befremden mag.

Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A9/45/2/20

"Der Großteil der Wache wurde von einem einzelnen Koksofen beheizt", erzählt Schinder und Wiechmann ergänzt: "Wir nannten ihn das 'U-Boot' und sämtlicher Müll ist darin gelandet." Es habe früher einen Heizungsbeauftragten gegeben, der seinen Arbeitstag im Keller verbrachte. "Heute wäre so etwas kaum denkbar." Schindler ergänzt scherzhaft: "Wir lebten damals in der Steinzeit."

"Ein Feuerwehrauto muss gepflegt werden, bevor es kaputt geht!"

Doch auch wenn noch nicht die heutigen sicherheitstechnischen Möglichkeiten vorherrschten, habe das Feuerwehrpersonal seine Pflichten sehr ernst genommen - gerade im Bereich der Wartung und Pflege ihrer Einsatzzentrale. "Die Tore der Feuerwache sind immer noch die originalen", so Wiechmann.

Diese Aufschrift prangt an den Toren der Feuerwehrfahrzeug-Garage, sodass sie für jeden Fahrer sichtbar ist. | Bild: Lars Notararigo

Natürlich mussten auch die Feuerwehrfahrzeuge regelmäßiger Kontrolle unterzogen werden. "Ein Feuerwehrauto muss repariert werden bevor es kaputt geht, ein Problem mit dem Fahrzeug während eines Einsatzes wäre fatal!"

Daher seien die Wartungen äußerst gründlich vonstatten gegangen. Und zwar alle in derselben Werkstatt im Innenhof, die für die meisten der heutigen Fahrzeuge nicht mehr annähernd genügend Platz biete, wie der aktuelle Branddirektor Florian Geldner erklärt. 

Bild: Lars Notararigo

Erst 1979 bis 81 wurde die Feuerwache vollständig saniert und auch auf einen deutlich moderneren Stand gebracht. Hautnah miterlebt hat das der 1980 eingeschworene Feuerwehr-Direktor Bernd Wiechmann. "Es floss viel eigene Arbeit in diese Sanierung. Und gerade diese Mitarbeit trug in hohem Maße dazu bei, dass die Feuerwache für uns alle zu einer Heimat wurde."

Die Heimat Feuerwache 

"Die meisten der Feuerwehrmänner haben damals direkt bei der Wache gewohnt", meint Karlheinz Hock. Mit 41 Dienstjahren hält er den Rekord innerhalb der Karlsruher Berufsfeuerwehr. "Der Feuerwehr-Direktor vor Bernd Wiechmann hatte sogar ein Zimmer in der Wache selbst."

Trotz Pandemie: Zum Abschiedstermin erscheint Karlheinz Hock auf jeden Fall. | Bild: Lars Notararigo

Zu seinem Eintritt 1955 gab es, so seine Erinnerung, rund 80 Mitarbeiter. Diese waren verteilt auf rund 50 Dienstwohnungen im unmittelbaren Umfeld einer jüngeren Ritterstraße. "Die Wohnungen wurden von Handwerkern gebaut, die Schulden bei der Stadt hatten. Für meine Wohnung hab ich damals 32,50 Mark im Monat bezahlt." Das wären nach heutigem Stand 70,75 Euro.

Ein für die Feuerwehrleute zur Verfügung gestelltes Wohngebäude. (1962)
Ein für die Feuerwehrleute zur Verfügung gestelltes Wohngebäude. (1962) | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 41/60/d

Die Nähe zur Zentrale sei auch nötig gewesen, denn die Feuerwehrleute der 50er und 60er-Jahre "waren länger auf der Feuerwache als überhaupt Zuhause." Erst im Jahre 1973 seien die Wochenstunden gekürzt worden, was den Brandbekämpfern sechs Stunden mehr Freizeit gewährte.

Zwischen Dienstsport und Handwerksarbeiten

Was Freizeitaktivitäten angeht, hätten die damaligen Feuerwehrleute aber durchaus ein gewisses Maß an Entschädigung erhalten: "Wir hatten ein Pensum an Dienstsport zu erfüllen. Es gab Fußball, Leichtathletik und Schwimmen. Zu der Zeit brauchte man bei der Feuerwehrwehr noch einen Leistungsschein als Schwimmer."

Vor allem aber "mussten die Jungen während der Arbeitszeit bei allen Aufgaben, auch bei Handwerksarbeiten, mithelfen", fährt Hock fort. Die zweite Wache, die noch heute in der Weststadt genutzt wird, sei dabei ein Sammelsurium verschiedenster Handwerksbetriebe gewesen. "Es gab Schreiner, Schuhmacher, Schneider - dorthin mussten wir alle zwei Wochen."

Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A7/135/2/29

"Die Feuerwache wurde von den eigenen Mitgliedern instand gehalten. Und jeder hat sein Handwerk mit eingebracht", so Hock. Doch gerade über das Maß an Arbeit habe sich eine Kameradschaft herausgebildet, die auch über das Pensionsalter hinaus erhalten blieb.

So nimmt etwa der ehemalige Feuerwehrmann Klaus Handt jedes Jahr an den 1983 eingerichteten Pensionärstreffen teil, die bis zur Corona-Pandemie auch von den anderen alten Kameraden selten verpasst wurden, wie er erklärt. Der Grund? "Die Feuerwache hat für uns eine menschliche Seite, etwas Familiäres", erzählt der 73-Jährige. "Wir, die Feuerwehr, sind für alle da. Egal für wen, egal wann."

Ein letzter Gang durch die alte Wache

Doch nun müssen sich auch die alten Kameraden von ihrem einstigen Lebens- und Arbeitsplatz trennen. Ein letztes Mal streifen die fünf Pensionäre beim Abschiedsfest Ende April durch die Räume der alten Feuerwache. Sich verabschieden, wie sie ka-news.de im Gespräch erklären. Der noch aktive Feuerwehrmann Joachim Orloff indessen schraubt symbolisch die Namensplakette der Feuerwehr von der Fassade der alten Wache. Er selbst habe sie vor einigen Jahren dort angebracht, wie er erzählt.

Bild: Lars Notararigo

Die gute Nachricht: Ganz seiner Funktion als Rettungsleitstelle wird das alte Wachgebäude auch in Zukunft wohl nicht beraubt. Zwar soll die Frage, wer es als nächstes bezieht, nicht vor Juli geklärt werden, aber es ist bereits jetzt herauszulesen, dass es auch zukünftig als Rettungszentrum dienen soll. So geht die Geschichte des historischen Gemäuers weiter - auch dann, wenn die Karlsruher Feuerwehr schon längst in ihr neues Hauptquartier übersiedelt ist.

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