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Karlsruhe Tasten, Hören, Riechen: Blinde ka-news-Praktikantin auf dem Christkindlesmarkt

Für Sehende ist es sicher schwer, sich vorzustellen, wie Blinde die Welt um sich herum erleben. Wie erlebt jemand den Weihnachtsmarkt, der nichts sehen kann? ka-news-Praktikantin Lucia Hoffmann ist blind. Sie hat den Christkindlesmarkt auf dem Friedrichsplatz besucht und berichtet von ihren Erlebnissen. Tasten, Hören, Riechen und Schmecken - ein Erfahrungsbericht.

Als blinde Frau alleine den Weihnachtsmarkt in Augenschein zu nehmen, ist eine sehr schöne Erfahrung. Dort gibt es nämlich nicht nur sehr viel zu sehen, sondern auch zu fühlen, hören, riechen und schmecken! Es duftet nach Zimt und Reibekuchen. Ich höre die Kirchturmuhr von Sankt Stephan, die durchdringende Sirene eines Kinderkarussells - und schon bin ich mittendrin.

Vorteil am Weihnachtsmarkt: keine Bahnen

Es ist kalt, aber trocken. Genau das richtige Wetter für einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt. Da ich blind bin, bin ich mit meinem weißen Blindenstock unterwegs. Zusätzlich orientiere ich mich nach Gehör sowie an Bordsteinen, Straßenüberquerungen oder Hauseinfahrten. Da Weihnachtsmarktbuden nur einmal im Jahr für einen bestimmten Zeitraum aufgebaut werden, kenne ich mich dort nicht aus und muss mir die weihnachtliche Gegend völlig neu erschließen. Das ist ungefähr vergleichbar mit den ständig wechselnden Baustellen in Karlsruhe. Hierauf muss man sich auch immer wieder neu einstellen. Eben öfter etwas Neues - langweilig wird es nicht.

Aber im Gegensatz zu den zahlreichen Baustellen, bietet der Weihnachtsmarkt klare Vorteile: Es fahren dort keine Straßenbahnen, der Lärm von Baggern und Bohrern wird abgelöst durch sanfte Kirchenglocken, das Brutzeln von Öl in der Pfanne eines Reibekuchenstandes oder den klappernden Glühwein-Tassen. Statt nach Teer, duftet es hier nach herrlichen Gewürzen oder leckerer Bratwurst.

Liebevoll gestaltete Auslagen

Statt an Bauzäune oder Absperrungen, stoße ich auf dem Weihnachtsmarkt mit meinem Stock an schöne, kleine Holzhütten. Greife ich dann mit meiner Hand in die liebevoll gestalteten Auslagen der verschiedenen Stände, finde ich dort lackiertes Holzspielzeug, warme gestrickte Wollmützen und Schals oder glasierte Keramiktassen und Duftlampen. Tannenzweige, Misteln und Deko aus Tannenzapfen und Holzsternen machen mein Bild des Karlsruher Christkindlesmarktes rund und vollständig.

"Was gibt es denn an ihrem Stand?", frage ich nach gerade aus. Meinen Stock habe ich in meiner rechten Hand, mit meiner linken Hand berühre ich die aus Holzbrettern gezimmerte Vorderfront einer Weihnachtsmarktbude. Eine nette junge Frau gibt mir sofort Auskunft: "Wir haben ganz verschiedene tolle Sachen". Aus ihrer ausführlichen und sehr lebendigen Beschreibung bekomme ich Lust auf mehr. Ich entscheide mich dafür, mir einen Teller mit einer Teelichthaube zeigen zu lassen. Die Frau reicht mir eine von einem Teelicht erwärmte Schale, die oben offen ist. Ich habe so ein Gebilde noch nie in der Hand gehabt. "Es ist eine Landschaft mit Tannenbäumen und Tieren zu sehen", rundet die Frau mein Bild ab. Zur Farbe erzählt die Verkäuferin, dass es schlicht weiß sei: "Damit viel Licht von der Kerze durchscheinen kann."

Zickzack zwischen den Buden

Ich gehe schließlich weiter. Nach einigem Zickzack zwischen den Buden und dem auf und ab der wechselnden Bodenbeläge von Asphalt, Holzlatten und einem weichen Untergrund, bekomme ich Hunger: Zeit für ein Crêpe. Der zweite, mindestens genauso wichtige Grund für diese duftende, warme Leckerei, sind meine kalten Hände. Denn meine Finger sind mittlerweile zu kalt, um noch weiter die Sachen genau ertasten zu können.

In der Pause, während ich auf mein Crêpe warte, erkundige ich mich bei den ebenfalls auf ihr Essen wartenden Passanten, was es denn um mich herum noch für Hütten gebe. Ausgestattet mit vielen neuen Infos und gestärkt, starte ich in die zweite Runde.

"Meine Nase kommt voll auf ihre Kosten"

Mir fällt auf, dass es an besonders vielen Ständen Krippenfiguren gibt. Alle möglichen Größen und Figuren, aber auch die unterschiedlichsten Materialien finden sich: da stehen Holzfiguren aus ausgesägten Tannenbäumen, aber auch Kunststofftiere. Ein sehr schönes Erlebnis sind für mich Hütten mit Räucherkegeln oder Duftlampen und Duftkerzen. Denn hier kommt meine Nase voll auf ihre Kosten.

Mit vielen neuen Eindrücken und guter Weihnachtsmarktstimmung trete ich den Rückweg an. Baustellen, ich komme! Versuche ich mich zu meiner Linie 1 durchzufragen, höre ich immer wieder: "Am Markt, da wird gebaut" oder "Da kann ich ihnen gar nichts sagen, da ist Baustelle". Die meisten Auskünfte lauten ähnlich. Kurz darauf spricht mich ein junger Mann an, dass er auch zur Haltestelle müsse. Er bietet mir an, mich zu begleiten. Also auf zu Zäunen, Baggern und Absperrgittern!

Lust auf Weihnachtsmarkt? Weihnachtsmärkte in und um Karlsruhe haben wir für Sie in unserem Weihnachtsmarkt-Dossier zusammengefasst. Einfach hier klicken!

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Kommentare (2)
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  •   petsto69
    (900 Beiträge)

    06.12.2013 11:42 Uhr
    Kompliment...
    ... ein schöner Erfahrungsbericht, welcher uns "Sehenden" einen Einblick in die Welt eines blinden Menschen gibt.
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  •   saavik
    (1477 Beiträge)

    05.12.2013 18:41 Uhr
    Danke
    Danke für diesen Einblick. Es wirkt fast so wie ein normaler Gang über den Christkindlesmarkt. Gerade die Gerüche sind es, die man auch als Sehende wahrnimmt. Es wirkt fast so als wäre der einzige Unterschied zwischen uns, dass die Autorin die Auslagen an den Ständen nicht sehen kann.
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