In der Öffentlichkeit kommen sich die Menschen mitunter trotz des Abstandsgebotes nahe. Nachdem die Corona-Verbote Stück für Stück gelockert wurden, herrscht in den Bussen, Bahnen und Einkaufszentren wieder reger Publikumsverkehr. Doch die Pandemie ist noch nicht besiegt. Aus diesem Grund soll künftig eine sogenannte Tracing-App die Bürger warnen, wenn sie jemandem zu nahe gekommen sind, der positiv auf das Corona-Virus getestet wurde. 

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Eine App soll die Nutzer warnen, wenn sie in Konrakt mit Infizierten standen. (Symbolbild) | Bild: pixabay.com © Pexels

Veröffentlicht ist die App noch nicht, die Eckdaten der Anwendungen sind aber bereits bekannt: Ihre Nutzung soll für die Bürger freiwillig sein, die Datenweitergabe an das Robert-Koch-Institut (RKI) darf abgelehnt werden und Bewegungsprofile werden nicht erfasst. Das geht aus dem Beschluss von Bund und Ländern von Mittwoch, 6. Mai, hervor.

Die Nutzer müssen Bluetooth aktivieren

Das Grundprinzip der App: Wird ein Nutzer positiv auf das Virus getestet, kann er dies in der Anwendung eintragen. Daraufhin werden alle Mobiltelefone ermittelt, die in der Nähe des Infizierten erkannt wurden. Menschen, die Kontakt zu der erkrankten Person hatten und die App ebenfalls installiert haben, werden daraufhin benachrichtigt.

"Dabei wird die Information benötigt, dass sich zwei Telefone in einer gewissen Distanz zueinander aufgehalten haben - alle anderen Daten müssen theoretisch nicht erfasst werden", sagt Thorsten Strufe, Professor für praktische IT-Sicherheit am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). "Allerdings kann selbst diese eine Information sensibel sein und sollte geschützt werden."

Prof. Thorsten Strufe, KIT, Institut für Telematik (Informatik)
Thorsten Strufe, Professor am Institut für Telematik (Informatik). | Bild: KIT

Damit sich das Virus von Person auf Person überträgt, müssen sich die Menschen in unmittelbarer Nähe zueinander befinden. Diese Information soll die Tracing-App erfassen können. "Die große Hypothese ist, dass die Abstands-Erkennung mit Bluetooth funktioniert", erklärt Strufe.

Sehr genau sei das allerdings nicht. Je nach Handy-Modell könne es hierbei zu starken Verzerrungen kommen, die die Genauigkeit der Abstands-Messung um den Faktor zehn verschlechtern. 

Positives Testergebnis stellen User selbst ein

Grundlegend für das Funktionieren einer derartigen Anwendung ist, dass die Nutzer angeben, sobald sie positiv auf das Virus getestet werden. "Um hierbei Missbrauch vorzubeugen, muss es eine Schutzfunktion geben", so Thorsten Strufe im Gespräch mit ka-news.de. "Denkbar ist, dass die Ärzte oder das zuständige Gesundheitsamt den infizierten Personen Passwörter erteilen, um Falschmeldungen zu vermeiden."

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Erst wenn die App erfasst hat, dass die Person mit dem Virus infiziert ist, kann sie andere Smartphone-Nutzer informieren. Dieser Schritt wird "Matching" genannt. Es wird abgeglichen, welche anderen Mobiltelefone sich in den vergangenen drei Wochen in der Nähe des Telefons des Erkrankten aufgehalten haben. 

Anonym bleiben - und dennoch Personen warnen

Ein großes Streitthema bei der Entwicklung der App ist der Datenschutz. Denn die Information, welche Person am Virus erkrankt ist, ist sehr sensibel. Aus diesem Grund sollen die Smartphones nur Pseudonyme an andere Geräte senden, die die Identität der Nutzer verbergen. "Es gibt langfristige und kurzfristige Pseudonyme", erklärt Thorsten Strufe. Ein einfaches Beispiel für ein langfristiges Pseudonym sei die Nummer des Personalausweises.

Prof. Thorsten Strufe, KIT,  Institut für Telematik (Informatik)
Thorsten Strufe, Professor am KIT am Institut für Telematik (Informatik). | Bild: KIT

"Bei langfristigen Pseudonymen kann leichter herausgefunden werden, welche Identität sich dahinter verbirgt", so Strufe weiter. "Es werden derzeit viele Diskussionen geführt, wie die Pseudonyme gewählt werden." Würde die Tracing-App sogenannte kurzfristige Pseudonyme verwenden, könnten diese innerhalb nur weniger Minuten wechseln. Dabei sei eine Variante, die kurzfristigen aus den langfristigen Pseudonymen abzuleiten. 

Wo werden die Daten gespeichert und ausgewertet?

Ein weiterer Streitpunkt in Sachen Datenschutz ist die Frage, ob der Datenabgleich - das Matching - zentral auf einem Server oder dezentral auf den Mobiltelefonen erfolgen soll. Für Letzteres müssten sich die Handys in regelmäßigen Abständen einen Online-Datensatz herunterladen. 

Wird der Datenschutz betrachtet, stellen sich bei den beiden Ansätzen unterschiedliche Schwierigkeiten ein. "Das Problem bei einem zentralen System ist, dass der Server eine Art 'sozialen Grafen' erstellen kann", erklärt Informatikprofessor Strufe.

Netzwerkkabel in einem Serverraum. Foto: Sebastian Kahnert/Archivbild
Netzwerkkabel in einem Serverraum. Foto: Sebastian Kahnert/Archivbild | Bild: dpa

Zwar handle es sich hierbei um ein anonymisiertes Netz, doch solche Graphen könnten sich in einigen Fällen leicht de-anonymisieren lassen. Ein weiteres Risiko: Bei einem Datenleck würden alle Daten auf einen Schlag angegriffen werden. 

Dem entgegen steht der dezentrale Ansatz. "Das Problem hierbei ist, dass Personen untereinander, wenn sie vor einer potentiellen Infektion gewarnt werden, leichter feststellen können, wer infiziert ist", so Strufe weiter. 

Für schnelle Tests: Bürger sollen die App nutzen

Die Wissenschaftler des KIT und des FZI Forschungszentrum Informatik empfehlen, die beiden Funktionsweisen zu kombinieren: Die Daten sollen auf den Mobiltelefonen gespeichert werden und nur im Falle einer positiven Diagnose auf zentrale Server geladen werden. Darüber hinaus soll es nicht nur einen dieser Server geben, sondern die Tracking-Daten auf mehrere Standorte verteilt werden. 

Unter anderem sollen die Unternehmen SAP und Telekom die App für Deutschland entwickeln. Der Zeitpunkt, ab wann den Bürgern die Anwendung zur Verfügung steht, kann noch nicht genau festgesetzt werden. Doch eines ist laut Bund und Ländern sicher: Sobald sie verfügbar ist, "wird es darauf ankommen, dass breite Teile der Bevölkerung diese Möglichkeit nutzen." 

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