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Karlsruhe Mythos Männerstadt: Wie männlich ist Karlsruhe?

Überall Männer, kaum Frauen: Karlsruhe gilt weithin als Männerstadt. Warum das weibliche Geschlecht eigentlich in Überzahl ist und Männer nicht in den "Sperma-Express" steigen müssen - eine Aufklärung.

"Karohemd und keine Frau – wir studieren Maschinenbau." Hinter diesem Spruch steckt die weitläufige Meinung: In Karlsruhe sind Frauen in der Unterzahl. Doch der Schein trügt. In Karlsruhe gibt es 2.900 mehr Frauen als Männer. Nach Angaben des Amtes für Stadtentwicklung lag Ende der 1950er-Jahre der Frauenanteil hier sogar bei 54 Prozent. Seitdem ist er kontinuierlich auf heute 50,5 Prozent gefallen. Also ist Karlsruhe gar nicht so männlich, wie behauptet?

"Kommt darauf an", meint die Karlsruher Geschlechterforscherin Annette Treibel-Illian von der Pädagogischen Hochschule (PH). Grundsätzlich sei eine Stadt nicht männlich oder weiblich. Diese Adjektive träfen nur auf Personen zu. Ob jemand Karlsruhe als Männerstadt wahrnehme, komme immer auch auf das Milieu an, in dem er sich befinde.

So werde man im Badischen Staatstheater vermutlich mehr Frauen antreffen als auf dem KIT-Campus, so die Forscherin. Auch die jeweilige Lebenssituation spiele eine Rolle. Ein junger Mann auf "Brautschau" beispielsweise störe sich möglicherweise eher an einer Überproportion von Männern als ein 45-jähriger verheirateter Familienvater.

Die Qual der Partnerinnenwahl

Glaubt man den Statistiken, dann könnten junge Männer in Karlsruhe tatsächlich Probleme bekommen, eine Partnerin zu finden. Denn gerade in der Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen - also in den Studentenjahrgängen - gibt es einen deutlichen Männerüberschuss. So sind am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) derzeit 75 Prozent der 22.500 eingeschriebenen Studenten männlich. An der Hochschule Karlsruhe Technik und Wirtschaft sogar 80 Prozent.

Karlsruhe brüstet sich schließlich damit, eine der wichtigsten IT-Regionen Deutschlands zu sein. Zudem gelten Fachbereiche wie Elektrotechnik und Maschinenbau immer noch als Männerdomänen, in denen der Frauenanteil eher gering ist.

Alexandra Bobke ist eine der wenigen Frauen, die am KIT Maschinenbau studiert - 90 Prozent der übrigen Studenten in ihrem Studiengang sind Männer. "Am Anfang war es schon komisch", so die 23-Jährige. Die Studentin besuchte vor ihrer Zeit in Karlsruhe eine Mädchenschule in Schweinfurt. Sie habe schon damit gerechnet, dass hier hauptsächlich Männer studierten. "Aber es war anfangs schon ungewohnt." Mittlerweile habe sie sich daran gewöhnt, dass sie in den Seminaren häufig die einzige Frau ist. "Insgesamt finde ich aber nicht, dass Karlsruhe eine Männerstadt ist", so Bobke.

Allein unter Männern

"Männer spielen gerne mit Autos und finden Flugzeuge toll. Da ist es doch naheliegen, dass Männer auch technische Berufe studieren", sagt Michael Kröck, ebenfalls Maschinenbau-Student. Das liege eben ein bisschen in der Natur der Sache. Allerdings empfindet auch der 25-Jährige Karlsruhe nicht als Männerstadt. Der gefühlte Männerüberschuss sei nicht allzu extrem. "Es ist ja nicht so, dass man hier das Gefühl hat, man sei in einem Gefängnis oder Zivi-Wohnheim", schmunzelt er.

Uneins sind sich dagegen die ka-news-Leser. Zwar sind sich 44,7 Prozent der Teilnehmer an unserer nicht repräsentativen Monatsumfrage sicher, dass Karlsruhe "sehr männlich" ist. 34,8 Prozent dagegen finden: "Männlich? Weiblich? Karlsruhe ist keins von beidem". Nur 3,3 Prozent sind der Ansicht: "Nicht männlich - Karlsruhe ist eindeutig eher eine Frauenstadt!"

Die Legende vom "Sperma-Express"

Hartnäckig halten sich Geschichten darüber, dass Studenten aus Karlsruhe am Wochenende mit der Bahn – etwas neckisch auch "Sperma-Express" genannt - zu speziellen Partys mit "Männerversteigerung" nach Germersheim flüchten, um dort Frauen kennenzulernen. "Das halte ich für eine Legende", so Kröck entschieden. Er habe zwar auch schon davon gehört, kenne aber niemanden, der das mache. Und er studiere jetzt seit vier Jahren hier.

Über zu wenige Frauen muss sich ein PH-Student nicht sorgen. Denn an der PH bietet sich ein ganz anderes Bild: etwa 80 Prozent Frauenanteil, Männer Mangelware.

Männer? Mangelware!

Die Soziologie Doktorandin Inken Hasselbusch hat selbst an der PH studiert: "Auf den ersten Blick sieht es vielleicht so aus, dass Karlsruhe eine Männerstadt ist. An der PH sind sie allerdings ’Mangelware’." Zudem relativiere sich außerhalb der universitären Einrichtungen der Eindruck von der "Männerstadt" Karlsruhe. Die Stadt als ausgesprochen "männlich“ zu beschreiben, würde Karlsruhe nicht gerecht. Es komme eben immer darauf an, in welchem Umfeld man sich befinde.

Übrigens: Derjenige, der sich voller Tatendrang in die Bahn nach Germersheim schwingt, sollte sich vielleicht vorher bewusst machen: In Germersheim oder Heidelberg ist statistisch gesehen der Gesamtanteil von Frauen nur minimal höher als in Karlsruhe

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  •   dipfele
    (5593 Beiträge)

    27.02.2012 12:24 Uhr
    Emanzipation
    das sich jünger Frauen weniger in der Öffentlichkeit zeigen, liegt wohl an der Furcht vor "Anmache" oder gar sexueller Belästigung. Ausserdem besteht die Gefahr, dass sich durch weibliche Koketterie harmlose Männer zu Sexmonstern verwandeln. Und welche Frau will schon vergewaltigt werden, noch dazu vom "falschen" Mann.
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