Karlsruhe In der Unterwelt: Karlsruhes dunkle Seiten

An manchen Orten wird es niemals richtig hell - andere haben einen eher düsteren Ruf. Für die März-Ausgabe von ka-news zum Blättern haben wir das etwas andere Karlsruhe besucht und sind in den Landgraben hinuntergestiegen. Außerdem: Karlsruhes Rotlicht-Bezirk und wie die Fächerstadt von einem Blinden wahrgenommen wird.

Karlsruhe wird ein anderes, wenn die Nacht über den Häusern liegt. Manche Ecken werden unheimlich, in anderen beginnt das Leben. Nachtschwärmer ziehen um die Häuser, blinkende Herzen tauchen das Liebesviertel in der Brunnenstraße in düsteres Licht. Doch es gibt auch Ecken, die sind schon am Tag stockdunkel.

Der Eingang in die dunkle Karlsruher Unterwelt liegt im Stadtteil Mühlburg. Hier kann man hinabsteigen in den sogenannten Landgraben. Der historische Abwasserkanal fließt acht Kilometer quer durch die Stadt und hat bis heute eine wichtige Funktion im Karlsruher Kanalsystem. "Wir sind hier etwa sechs Meter unter der Erde", sagt Paul-Gerhard Reinle, Betriebsleiter der städtischen Kanalbetriebe. Ohne die Arbeitsleuchten an der Gewölbewand aus Sandstein wäre es hier stockdunkel. Es ist feucht und kühl. Das vorbeifließende Abwasser stinkt.

Die Frischwasser-Ader wird zum stinkenden Kanal

"Früher war das ein offener Kanal", erklärt Reinle. Der denkmalgeschützte Kanal wurde 1588 vom Schloss Gottesaue bis zur Alb in Mühlburg gebaut und später bis zur Pfinz erweitert. Er war eine "Frischwasser-Ader" der Stadt. Dies änderte sich mit der Zeit. "Irgendwann haben die Menschen begonnen ihr Küchen- und Badewasser in den Kanal zu schütten", erläutert Reinle. Auch Fäkalien durften eingeleitet werden. Der Entwässerungskanal wurde so zum Abwasserkanal. Über die Jahrzehnte hinweg wurde der Gestank immer schlimmer und machte den Bewohnern zunehmend zu schaffen.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde schließlich damit begonnen, ein Gewölbe über den Graben zu bauen. Das minderte die Geruchsbelästigung für die Anwohner. Heute gehört der unterirdische Landgraben zum über 1.100 Kilometer langen öffentlichen Kanalnetz der Stadt Karlsruhe. Etwa 50 Millionen Kubikmeter Abwasser fließen jährlich insgesamt durch das Kanalsystem bis zur Kläranlage in Neureut. Hier gelangt das gereinigte Wasser schließlich in den Rhein.

Die Reinigung ist Handarbeit

Mit 70 Personen hält die Abteilung Kanalbetrieb das gesamte Kanalnetz funktionsfähig. Den insgesamt 16 Arbeitskolonnen stehen fünf Hochdruckspülfahrzeuge, zwei Saugfahrzeuge und drei Sinkkastenreinigungsfahrzeuge zur Verfügung. Um Verstopfungen zu vermeiden, werden die Kanäle in regelmäßigen Abständen gereinigt.

"Das ist viel Handarbeit", so Reinle. Gewöhnt man sich an den Gestank und die Dunkelheit? „Mit der Zeit schon. Wir arbeiten in der Unterwelt. Wir verdienen unser Geld eben unter der Erde“, so Reinle. Auch wenn der Großteil der Arbeit gar nicht mehr im dunklen Kanalsystem stattfinde. Besuchergruppen können den Landgraben übrigens besichtigen - Infos gibt es unter 0721/133-7441.

Wie ein Blinder Karlsruhe erlebt

Gerhard Jaworek, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS), lebt immer mit der Dunkelheit. Er ist von Geburt an blind, kennt keine Farben. Jaworek erfährt die Stadt daher anders als sehende Menschen. "Ein geschlossenes Stadtbild gibt es für einen Blinden nicht. Ein Blinder kennt die Wege, die er geht", erläutert er.

Jaworek definiert die Stadt über Geräusche, Gerüche und markante Punkte. "Das kann ein plätschernder Brunnen, Kopfstein-Pflaster, ein Stromkasten oder ein Baum sein", so Jaworek. Gerne spaziert er durch den Schlossgarten. Die Luft, das Gezwitscher der Vögel, der Duft der Blumen, das gefalle ihm. Denn der Lärm der vielen Baustellen mache die Orientierung in der Innenstadt derzeit sehr schwer, so Jaworek. Man höre die Ampel-Signale nicht mehr, Bagger und Presslufthämmer übertönten den Verkehr. "Das ist an manchen Stellen lebensgefährlich", so Jaworek. Düstere Atmosphäre spüre er, ohne sie zu sehen. "Tiefgaragen mag ich überhaupt nicht. Hier fühle ich mich unwohl. Es stinkt und ist beklemmend. Das ist für mich ein dunkler Ort."

Düsteres Rotlicht-Milieu

Düster wirkt auf viele Bürger auch das Rotlicht-Milieu. Dunkelheit bedeutet Hochkonjunktur für die Prostituierten, denken viele. Doch das Geschäft mit der schnellen Nummer findet gar nicht hauptsächlich im Dunkeln statt. "Prostitution ist ein Ganztagsgeschäft", sagt Werner Schumacher von der Arbeitsgruppe Rotlicht der Kriminalpolizei Karlsruhe. Gerade in der Mittagspause und kurz nach Feierabend würden Prostituierte aufgesucht. Die Freier hätten so vermutlich eine bessere Ausrede parat. Es seien ja schließlich nicht alle Singles, so Schuhmacher.

Schuhmacher und seine Kollegen von der AG Rotlicht beobachten derzeit im Stadt- und Landkreis etwa 90 sogenannte "Sex-Objekte". Darunter Einzimmerwohnungen, aber auch Laufhäuser mit 20 bis 25 Prostituierten. Täglich gehen im Stadt- und Landkreis Karlsruhe etwa 200 Prostituierte ihrer Arbeit nach, schätzt er. "Das variiert aber stark nach Uhrzeit und Wetter." In den Ferien oder bei Regen seien weniger Damen unterwegs. Prostitution sei nur außerhalb das Sperrbezirks erlaubt. Dieser erstrecke sich von der Oststadt über die Innenstadt bis zur Südstadt. Die Brunnenstraße bilde hier eine Ausnahme.

Keine Vergnügungssteuer für Bordelle

Doch nicht nur Bordelle würden aufgesucht. Seit etwa einem Jahr blühe der Karlsruher Straßenstrich wieder auf. An der Wolfartsweierer Brücke nahe der Ottostraße stehen täglich etwa vier bis acht Prostituierte, so Schuhmacher. "Da war eine Zeit nicht so viel los, seit etwa einem Jahr wurde der dortige Straßenstrich wieder belebt." Und das nicht nur in absoluter Dunkelheit.

Die Stadt verdient an den Sex-Diensten übrigens nicht mit. Eine sogenannte Vergnügungssteuer für Prostituierte und Bordellbetreiber, wie es sie etwa in Hamburg gibt, gebe es in Karlsruhe nicht, so das Karlsruher Ordnungsamt.

Das neue Heft liegt ab sofort in vielen Cafés, im KIT und in Geschäften in der Innenstadt aus. An diesem Samstag wird ka-news zum Blättern außerdem wieder von Promotern direkt verteilt.

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