Tagsüber gehen sie anschaffen - in Bordellen oder auf dem Straßenstrich. Die Nächte verbringen sie in Hotels und Pensionen. Sie haben keine Adresse, ihre ursprüngliche Heimat ist oft tausende Kilometer entfernt. Das ist der Alltag von vielen Prostituierten in der Fächerstadt, über 70 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund.   

Brunnenstraße
Die Brunnenstraße in Karlsruhe, ein Rotlichtviertel mitten in der Stadt. | Bild: Kube

Die Sprachbarriere und das Leben am Rande der Gesellschaft erschwert es den Frauen, sich selbst Hilfe zu suchen. Um sie zu unterstützen, gibt es seit dem Jahr 2014 die Beratungsstelle "Luis.e". Da die Sexarbeiterinnen oftmals nicht selbst zur Beratung gehen, sucht seit nun fünf Jahren ein kleines Team von vier Mitarbeiterinnen die Frauen in Karlsruhe auf. 

 

 

Zweimal im Jahr gehen sie in jedes der rund 80 Bordelle der Stadt. Jeden Montag ist "Straßenstrich-Nacht", in der sie mit einem Bus unterwegs sind und die Frauen auf dem Strich beraten. Um die Frauen zu finden, fahren sie in diesen Nächten mehrere Stellen in Karlsruhe an - unter anderem den Bahnhof in Durlach.

"Die Frauen haben keine andere Perspektive"

Eine von den Sozialarbeiterinnen, die wohl den besten Einblick in das Leben der Prostituierten haben, ist Anita Beneta. Sie ist darüber hinaus Bereichsleiterin für Migration und Integration. "Die Frauen machen den Job nicht freiwillig, sie sind oft in ihrer Situation gefangen", sagt sie im Gespräch mit ka-news.de.

Das größte Problem sei Migration, die meisten Frauen stammen aus Osteuropa, aus Bulgarien, Ungarn oder Rumänien. "Um ihnen zu helfen müssen wir uns ganz genau anschauen, wie sie leben. Hier geht es um sie, nicht um uns."

Von der Beratungsstelle Luis.e des Diakonischen Werkes.
Anita Beneta, Sozialarbeiterin der Beratungsstelle Luis.e. | Bild: Andreas Friedrich

Die Frauen können sich nicht frei für oder gegen die Prostitution entscheiden. "Sie haben oft keine andere Perspektive und treffen ihre Entscheidung unter finanziellem Druck. Von Freiheit kann erst die Rede sein, wenn sie eine echte Alternative haben", sagt Meri Uhlig, Integrationsbeauftragte der Stadt Karlsruhe.

Laut Schätzungen der Polizei arbeiteten in Karlsruhe im Jahr 2018 rund 250 Frauen als Sexarbeiterinnen, die Dunkelziffer ist vermutlich um einiges höher. Alleine während ihrer Besuche in den Etablissements haben die Mitarbeiterinnen von Luis.e im vergangenen Jahr 369 Frauen angetroffen, knapp weitere 100 auf dem Straßenstrich.

"Die Prostituierten auf dem Strich haben es am härtesten, es ist die reine Armutsprostitution", erzählt Beneta. Rund 30 bis 50 Euro bekommt eine Frau auf dem Straßenstrich pro Kunde.

 

 

Um die Frauen aus dem "Dunkel" ins Licht zu holen und der Prostitution klare Rahmenbedingungen zu setzen, trat vor zwei Jahren, am 1. Juli 2017, das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) in Kraft. Seitdem muss jede Prostituierte bei der Stadt, in der sie arbeitet, ihre Tätigkeit anmelden. Darüber hinaus gibt es Gesundheitsberatungen und eine Kondompflicht. Das übergeordnete Ziel des Gesetzes: Es soll den Frauen helfen.

Prostituierte müssen sich anmelden - und Steuern zahlen

Die eigentlichen Probleme, mit denen die Frauen zu kämpfen haben, löst es allerdings nicht. "Mit dem Gesetz hat sich die Lage der Frauen nicht verbessert", sagt Anita Beneta. "Sie bekommen nach der Anmeldung nun zwar ein Dokument - ich nenne es den 'Hurenpass' -  und müssen am Ende des Jahres Steuern zahlen, doch ein Teil der Gesellschaft sind sie nicht, es macht ihre Lebenssituation nicht besser."

Sozialarbeiterinnen der Beratungsstelle Luis.e.
Anita Beneta (l) undGabriela Babiuc (r) suchen mit ihrem Team die Prostituierten auf, ob in den Etablissements oder auf dem Strich.

Die meisten Sexarbeiterinnen arbeiten selbstständig. Selbst, wenn sie in den bodentiefen Fenstern der Bordelle der Brunnenstraße stehen, bedeutet das nicht, dass sie dort angestellt sind. "Sie haben keinen Arbeitsvertrag und somit oft keine Krankenversicherung, bekommen stattdessen das Geld bar in die Hand - damit haben sie keine Chance in Karlsruhe eine Wohnung zu finden", so Beneta im Gespräch mit ka-news.de.

"Ausstiegswohnungen würden den Frauen helfen"

Viele der Frauen, die sich an die Beratungstelle Luis.e wenden, möchten aussteigen. Wie können sie dabei unterstützt werden, einen alternativen beruflichen Weg gehen? "Hilfreich wären vor allem Ausstiegswohnungen", so die Einschätzung von Beneta. Darüber hinaus sei für die Frauen wichtig, die deutsche Sprache zu lernen - damit sie nicht nur hier arbeiten, sondern auch in der Gesellschaft ankommen können.

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Vor rund zwei Jahren, am 1. Juli 2017, trat das neue Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Es soll Rahmenbedingungen für das Prostitutionsgewerbe schaffen. Der Kernpunkt war die Einführung einer Erlaubnispflicht: Jede Sexarbeiterin muss seitdem ihre Tätigkeit anmelden.

Alle Frauen müssen, bevor sie sich anmelden können, eine gesundheitliche Beratung wahrnehmen. Danach muss diese Beratung bei Frauen über 21 Jahren einmal im Jahr, bei Frauen unter 21 Jahren einmal im halben Jahr wiederholt werden. Dabei werden die Frauen allerdings nicht untersucht, sondern lediglich beraten.

Darüber hinaus ist seitdem das Tragen eines Kondoms beim Geschlechtsverkehr der Sexarbeiterinnen mit ihren Kunden Gesetz: Es besteht "Kondompflicht". Betreiber von Bordellen sind außerdem verpflichtet, auf die Kondomflicht hinzuweisen.

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