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Karlsruhe KIT-Präsident: "Verlust des Elite-Titels hat internationalem Ruf nicht geschadet"

Professor Holger Hanselka ist seit fast vier Monaten Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Der 52-Jährige spricht im Interview mit ka-news über die Zukunft des KIT, den Verlust des Elite-Titels und warum er die Abschaffung der Studiengebühren ziemlich gelassen sieht.

Herr Professor Hanselka, Sie sind seit Oktober 2013 Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Wie fühlt es sich denn an, Chef vom größten Forschungszentrum Deutschlands und gleichzeitig dem größter Arbeitgeber der Stadt zu sein?

Das KIT ist tatsächlich eine sehr große und eine sehr komplexe Einrichtung. Ich bin jetzt seit drei Monaten hier. Die Aufgabe ist so einnehmend und so intensiv, dass ich bisher noch nicht die Zeit hatte, darüber nachzudenken, wie es sich anfühlt. Was ich aber sehr wohl sagen kann, ist, dass die Aufgabe in Summe sehr faszinierend und herausfordernd ist. Und ich bin mir bewusst, dass es ein "dickes Brett zu bohren" gilt.

Was sind Ihre Hauptbaustellen?

Das KIT ist erst vier Jahre alt. Vor vier Jahren hat man zwei Einrichtungen zusammengeführt, die eine völlig unterschiedliche Geschichte und völlig unterschiedliche interne Systeme und Abläufe haben. Das geht nicht mit einer Unterschrift. Man kann nicht sagen: Heute heiraten wir und ab dann ist alles ganz einfach und fertig. Die entsprechenden Arbeitsabläufe und Prozesse beider Einrichtungen müssen zusammengeführt werden und hinter jedem Arbeitsablauf und Prozess stecken Menschen. Diese Menschen müssen die neuen Abläufe annehmen und mit Leben füllen. Dieser Prozess wurde seit 2009 gut vorangetrieben, aber er ist bei Weitem noch nicht abgeschlossen. Als ich am 1. Oktober 2013 angetreten bin, hatte das KIT bereits über einen langen Zeitraum intern sehr intensiv um eine einheitliche Struktur gerungen. Trotzdem hatte diese den Aufsichtsrat damals nicht überzeugt. Und das war die erste Aufgabe, die ich schnell erledigen und umsetzen wollte. Schließlich bin ich nicht zum KIT nach Karlsruhe gekommen, um die nächsten sechs Jahr über Strukturen zu reden, sondern ich möchte natürlich über Strategien und Inhalte reden.

Wir haben es durch gemeinsame Anstrengungen aller Akteure - sowohl im KIT wie auch in den Ministerien und dem Aufsichtsrat - geschafft, diesen Knoten mit der ungelösten Strukturfrage zu durchschlagen und haben tatsächlich eine neue und einheitliche Struktur für das ganze KIT beschlossen, die seit dem 1. Januar 2014 gilt. Die konsequente Umsetzung dieser neuen Struktur wird zunächst anstrengend für alle Beteiligten, jeder muss sein Rolle finden. Aber es ist mittel- und langfristig befreiend, weil sie für schnelle und eindeutige Prozesse innerhalb des KIT sorgt.

Ein Baustein ist die Internationalisierung. Sie haben kürzlich eine stärkere internationale Ausrichtung des KIT angekündigt. Derzeit studieren 4.192 Ausländer am KIT. Wollen Sie das KIT bei Studenten aus dem Ausland interessanter machen?

Verbunden mit meinem Dienstantritt habe ich einen 10-Punkte-Plan vorgestellt. Dieser 10-Punkte-Plan schreibt die Arbeit des Präsidiums für die nächsten drei Jahre vor. Von diesen 10 Punkten heißt ein Punkt "Internationalisierung". Internationalisierung heißt aber nicht zwingend mehr ausländische Studierende. Derzeit kommen 17 Prozent der Studierenden am KIT aus dem Ausland; der Anteil ist steigerungsfähig. Wir müssen unsere Studierenden auch international ausbilden. Das geht sehr gut, wenn wir auch Studierende aus dem Ausland bei uns haben. Die Internationalisierungsstrategie gilt aber nicht nur für Studierende, sondern auch für Doktoranden und Professoren, die das KIT durch ihre wissenschaftlichen Ergebnisse wieder ein Stück nach vorne bringen.

2012 war ein schwarzes Jahr für das KIT. Die Hochschule ist bei der zweiten Phase der Exzellenzinitiative durchgerasselt. Inwiefern hat den der Verlust des Elite-Titels dem internationalen Ruf des KIT geschadet?

Dem internationalen Ruf hat das nicht wirklich geschadet, weil der Elite-Status und die Exzellenzinitiative rein nationale Instrumente sind. Im Ausland wird das in keiner Weise in dieser Intensität wahrgenommen. National und natürlich in unserem Selbstbild ist es aber durchaus ein Verlust - ganz ohne Frage. Letztendlich ist die gesamte Exzellenzinitiative eine Form von Projektförderung, um Bundesmittel auch Universitäten zugute kommen zu lassen. Das hängt mit dem Föderalismus und mit dem bestehenden Kooperationsverbot im Grundgesetz zusammen, das es dem Bund bis dato verbietet, Universitäten finanziell zu unterstützen - es sei denn, man formuliert Projektförderungen.

Also die Exzellenzinitiative ist nur ein Instrument vom Bund, um Einfluss auf die Hochschulen zu nehmen?

Ja, Einfluss  - aber im positiven Sinne, um auch Veränderungen und Bewegung zu erzeugen. Ich bin ein begeisterter Verfechter der Exzellenzinitiative, denn sie hat die gesamte Universitätslandschaft in Deutschland einmal kräftig durchgeschüttelt. Jede Hochschule musste sich fragen: wo stehe ich, stehe ich da richtig oder muss ich mich bewegen? Das hat die gesamte Universitätsforschung und auch die Lehre sowie die Nachwuchsförderung in Deutschland bewegt. Karlsruhe hat in der ersten Phase 2006 durch sein innovatives und überzeugendes Konzept großes Glück gehabt und ist in allen drei Ebenen erfolgreich gewesen - plötzlich war man Exzellenzuniversität. In der zweiten Phase 2012 hat man ein Forschungscluster verloren und damit ist automatisch der Titel verloren gegangen. Das ist ein deutlicher Verlust und diesen Verlust brauchen wir auch nicht schön reden.

Dem KIT sind durch den Verlust des Elite-Titel 60 Millionen Euro durch die Lappen gegangen. Hat das negative Auswirkungen auf die Qualität der Lehre und Forschung am KIT?

Unser Gesamthaushalt beträgt jährlich 800 Millionen Euro, davon sind jetzt 60 Millionen nicht mehr da. Das heißt: Bezogen auf den Gesamthaushalt ist das schade, es ist aber nicht so, dass man davon Bankrott geht. Die Lehre an sich ist nicht betroffen. Wir haben keinen Professor dadurch verloren. An zusätzlichen Leistungen, Programmen und Maßnahmen, die im Rahmen der Exzellenzinitiative geschaffen wurden, konnte sicher das eine oder andere nicht mehr in diesem Umfang fortgesetzt werden.

Aber ich denke, dass wir durch die Exzellenzinitiative gelernt haben, was uns und unseren Studierenden wichtig ist und was wir von dem erhalten wollen, auch wenn wir das Geld nicht mehr haben. Dadurch, dass ein Teil der Mittel verloren gegangen ist, muss man sich jetzt besinnen und muss jetzt bestimmte interne Strukturmaßnahmen durchführen, Prozesse optimieren und Dinge tun, die man in den vergangenen Jahren nicht tun musste, weil man mit zusätzlichen Mitteln Dinge überbrücken konnte. Was wir jetzt tun, hätten wir sonst 2017 getan. Denn dann endet die Exzellenzinitiative für alle.

Das KIT muss mit weniger Mitteln auskommen, aber gleichzeitig steigen die Studentenzahlen. Im Wintersemester studierten am KIT insgesamt 24.528 Menschen - so viele wie nie zuvor. Wie kommt das KIT mit dieser Herausforderung zurecht?

Das waren im wesentlichen Bundesmittel, die uns jetzt verloren gegangen sind. Aber für die Lehre und die Studierenden ist das Land verantwortlich. Das Land versorgt uns mit einer Grundfinanzierung. Zudem hat das Land Zusatzgelder aufgelegt - wie das Programm Master 2016. Das ist ein Ergänzungsprogramm des Landes für alle baden-württembergischen Universitäten, um welches man sich bewirbt und dann Zuschläge bekommt. Damit lassen sich zusätzliche Professuren einrichten und zusätzliches Personal einstellen. Diese Gelder vom Land stehen zur Verfügung, um den Ansturm von Studierenden bewältigen zu können. An der Stelle haben wir also durch die Exzellenzinitiative mit Blick auf die Betreuung des einzelnen Studierenden keinen Nachteil.

Die grün-rote Landesregierung hat zum Sommersemester 2012 die allgemeinen Studiengebühren abgeschafft. Wie stark fehlen diese Gelder dem KIT?

Die Studiengebühren sind abgeschafft, aber das Land hat Kompensationsgelder bereitgestellt, das sind die sogenannten Zweitmittel. Die Erstmittel sind die Grundfinanzierung. Die Drittmittel sind die Mittel, um die wir uns selbst auf dem Forschungsmarkt bemühen. Die Zweitmittel sind die Mittel, die das Land den Universitäten zur Verfügung stellt; diese sind aber keine freien Mittel für die Grundfinanzierung, sondern projektbezogene Mittel. Das hat etwas mit Qualitätssicherung zu tun. Für die vernünftige und gerechte Verteilung der Mittel haben wir Kommissionen. Dort wird entschieden, für was die Gelder verwendet werden. In diesen Kommissionen sind auch Studierende vertreten.

Unterm Strich fehlt Ihnen also gar nichts durch den Wegfall der Studiengebühren?

Nein, die weggefallenen Studiengebühren sind dadurch kompensiert. Allerdings nur für ein bestimmtes Zeitfenster - bis 2016. Und danach müssen wir - das ist aber kein KIT-Problem, sondern ein Problem für alle baden-württembergischen Hochschulen - sicherstellen, dass uns dieses Geld danach auch weiter zur Verfügung steht. Sollten wir es nicht erhalten, dann müssten wir Leistungen zurückfahren, was wir aber nicht wollen. Der Studierende ist für uns das höchste Gut, da wollen wir nicht sparen. Mittelfristig gesehen kann man heute übrigens davon ausgehen, dass es in den nächsten fünf bis zehn Jahren wieder weniger Studierende geben wird.

Nach Ansicht ihres Vorgängers Eberhard Umbach kommen die deutschen Universitäten nicht ohne Studiengebühren aus. Sollten ihrer Meinung nach die Studiengebühren wieder eingeführt werden?

An dieser Stelle bin ich völlig entspannt. Letztendlich ist das eine Entscheidung der Gesellschaft. Wir als Universität sind Teil der Gesellschaft und sind auch ein Dienstleister. Unsere Dienstleistung, die wir im Bereich der Lehre erbringen, ist, dass wir ausbilden. Die Gesellschaft wählt die Politik, die Politik hat ihre Mechanismen und trifft Entscheidungen. Wenn die politischen Mehrheiten so sind, dass etwas eingeführt oder abgeschafft wird, dann müssen wir uns als Einrichtung darauf einstellen. Wenn wir Studiengebühren haben, dann brauchen wir intern einen Prozess, wie wir die Studiengebühren geschickt für die Lehre einsetzen und wenn die Gesellschaft und damit auch die Politik sagen, wir wollen das nicht, dann brauchen wir ein anderes Instrument. Am Ende müssen wir darauf achten, dass die Mittel, die wir brauchen, um qualifiziert ausbilden zu können, bei uns ankommen.

Zur Person: Holger Hanselka, Jahrgang 1961, studierte Allgemeinen Maschinenbau an der Technischen Universität Clausthal. 1988 ging er als wissenschaftlicher Mitarbeiter zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und spezialisierte sich dort auf die Themen Leichtbau und Faserverbundstoffe. Nach einer Professur an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg folgte er 2001 dem Ruf nach Darmstadt als Direktor des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit und Leiter des Fachgebiets "Systemzuverlässigkeit und Maschinenakustik" an der TU Darmstadt. Von 2006 bis 2012 war Hanselka Mitglied des Präsidiums der Fraunhofer Gesellschaft. Von 2010 bis Herbst 2013 hatte er das Amt des Vizepräsidenten der TU Darmstadt inne.

Ist der Druck und die Arbeitsbelastung für Studenten an deutschen Unis heute zu hoch? War der heutige KIT-Präsident damals ein Party-Student? Wird am KIT Militärforschung betrieben? Die Antworten von KIT-Präsdient Holger Hanselka lesen Sie heute Nachmittag im zweiten Teil des ka-news-Interviews.

Das Gespräch führte Moritz Damm

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  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    24.01.2014 04:42 Uhr
    Bin ich froh
    mich nicht mit solchen Statussymptomen rumschlagen zu müssen. Ein Apparat war das ja schon immer, aber es wird eben schlimmer. Immer mehr Häuptlinge, immer weniger Indianer. Die Studenten heute können einem echt leidtun, müssen buckeln wie irre und nachher auch Taxi fahren. Aber das ist wenigstens eine ehrliche Arbeit.
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