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Karlsruhe KIT-Präsident: "Belastung der Studenten ist nicht höher als früher"

Psychischer Druck und hohe Arbeitsbelastung: Überfordern die Unis die Studenten heutzutage mit ihren Anforderungen? Wird am KIT Militärforschung betrieben? Und war er früher ein Party-Student? KIT-Präsident Holger Hanselka gibt im ka-news-Interview die Antworten.

Studenten leiden zunehmend unter Stress, Leistungsdruck, Zukunftsangst. In den Bachelorstudiengängen klagen Studierende über hohe Arbeitsbelastung. Laut verschiedener Studien sind so viele Studenten wie nie zuvor in psychologischer Behandlung - viele nehmen Antidepressiva. Überfordern die Unis die Studenten heutzutage mit ihren Anforderungen?

Durch die Bachelor-Master-Einführung haben sich die Programme verändert. Als ich noch Vizepräsident der TU Darmstadt war, haben wir in Erhebungen danach gefragt, wie die Belastung der Studierenden in früheren Modellen im Vergleich zu heutigen Modellen war. Und wenn man das in Summe analysiert, stellt man fest: das ist gleich geblieben. Es ist nicht mehr und es ist nicht weniger geworden. Aber es ist anders geworden. Früher hatte der Studierende mehr Individualität und mehr Freiheit. Jetzt ist er stärker in ein Korsett gezwängt und muss in diesem Korsett mehr liefern. Das kann man als Druck, aber auch als "geführt werden" verstehen. Ob es dem Studierenden nützt oder schadet, das ist sehr individuell. Es gibt Menschen, die das eher genießen und brauchen, und es gibt die Menschen, die mehr die Freiheit benötigen.

Der junge Mensch hat es heute insgesamt sehr schwer sich zu orientieren, weil die Welt - und das ist auch das Positive - unendlich viele Möglichkeiten bietet. Aber unendlich viele Möglichkeiten bedeuten auch: die Qual der Wahl. Irgendwann muss man sich festlegen und sich für einen Weg entscheiden. Das ist heute die große Herausforderung. Die Lehrbelastung würde ich nicht im Zentrum sehen. Sondern eher insgesamt das äußerst vielfältige gesellschaftliche Umfeld, das es heute den jungen Menschen nicht so einfach macht.

Aber ist es nicht schade, wenn die Studierende heute an den Unis in ein Korsett gezwungen werden? Sollte die Zeit des Studiums nicht auch Freiräume für ehrenamtliches Engagement, politische Aktivitäten und auch lockere Freizeitgestaltung bieten? Das sind doch alles wichtige Faktoren für die persönliche Entwicklung.

Ich bin selbst Vater von drei Kindern. Die Diskussion können wir auch eine Stufe davor in die Schule schieben. Brauchen wir nun neun Jahre oder acht Jahre bis zum Abitur? Alle diejenige, die von den acht Jahren Abitur betroffen sind, stellen fest, dass die Kinder keine Zeit mehr haben nachmittags zum Fußballverein oder in den Chor zu gehen, weil Schule und Lernen den ganzen Tag beanspruchen. Auch das ist wiederum eine gesellschaftspolitische Diskussion, die da stattfindet. Es gibt die einen, die sagen, wir wollen, dass die Kinder von morgens bis abends betreut werden, das ist Aufgabe des Staates. Und es gibt die anderen, welche sagen, wir brauchen mehr Individualität. Diese beiden Welten treffen aufeinander. Ähnliches findet natürlich im universitären System auch statt.

An der Universität und am KIT ist im ersten Teil des Studiums - im Bachelor - alles etwas enger geregelt, aber im Master ist dann alle Freiheit da. Ganz anders war das früher auch nicht. Früher gab es das Vordiplom und das Diplom. Und jeder, der studiert hat, wusste, das Vordiplom ist kein Zuckerschlecken. Im Hauptdiplom konnte man die Fächer wählen, die einen in besonderer Weise begeisterten. Ich würde sagen, da haben wir bis heute hohe Freiheit und hohe individuelle Gestaltungsmöglichkeiten im System, so dass ich glaube, für die jungen Menschen ist das Studium nicht das Problem. Wenn wir da in Richtung Depressionen und Krankheiten schauen, dann würde ich die Ursachen eher als Summe aller Einflüsse unserer Umwelt sehen, die auf die jungen Menschen heute einwirken. Natürlich ist die Universität ein Teil der Umwelt, aber da gibt es noch viel anderes. Und die junge Gesellschaft muss lernen damit umzugehen.

Sie selbst haben in den 80er Jahren Maschinenbau an der Technischen Universität Clausthal studiert. Wenn Sie zurückblicken: Was war einfacher als heute?

Damals gab es nicht so viel Auswahl. Ich selbst habe ein Ingenieurstudium absolviert. Ich konnte mich damals entscheiden, will ich lieber Maschinenbau oder Elektrotechnik machen: Das eine waren die mit den Schrauben und das andere waren die mit dem Strom. So einfach ließ sich das unterteilen. Wenn ich heute die Fächervielfalt betrachte und sehe, wie heute alles - zu Recht - miteinander vernetzt ist, bedeutet das gleichzeitig aber auch: die technische Welt an sich ist interdisziplinärer und komplexer geworden.

Daher war es früher einfacher eine Wahl zu treffen: Wenn ich nur zwischen zwei Dingen auswählen kann, dann entscheide ich mich für eines. Wenn ich zwischen 150 Dingen auswählen kann, bin ich mir nie sicher, ob ich genau das richtige gewählt habe. Das würde ich als einen Nachteil der heutigen Zeit sehen. Der große Vorteil ist natürlich, dass heute die jungen Menschen im Studium schon früh auf das vorbereitet werden, was das wirkliche Leben ausmacht. Weil das wirkliche Leben dann leider doch nicht so eindimensional ist, man denkt nicht in "Strom und Schraube" Das wirkliche Leben ist eben deutlich vielschichtiger und komplexer und darauf werden die Studierenden heute früher vorbereitet als wir in den 80er Jahren.

Was für ein Studententyp waren Sie? Eher fleißiger Lerner oder Party-Student?

Ich habe ja ein Ingenieurstudium studiert und Ingenieure zeichnen sich dadurch aus, dass sie optimieren. Und optimieren heißt, wir wollen mit minimalen Ressourcenaufwand maximalen Nutzen erzielen. (lacht)

Dem KIT wird immer wieder vorgeworfen auch für militärische Zwecke zu forschen. Wird am KIT Militärforschung betrieben?

KIT macht keine Rüstungsforschung. Wir sind uns aber sehr wohl bewusst, dass es bei technischen Entwicklungen immer einen Dual Use geben kann. Mit diesem Fachbegriff wird die Möglichkeit bezeichnet, dass Technik für völlig unterschiedliche Zwecke verwendet werden kann. Das unendlich oft zitierte Beispiel dafür ist das Streichholz. Sie können das Streichholz verwenden, um in der Weihnachtszeit ihre Adventskerze anzuzünden, und es ist einfach schön, was sie tun. Sie können damit aber auch den ganzen Weihnachtsbaum anzünden und ihr ganzes Haus brennt ab und das Haus des Nachbarn auch, dann ist das etwas ganz Fürchterliches, was Sie an Schaden angerichtet haben. Das können Sie auch übertragen auf Ingenieursanwendungen.

Aktuell in Zeiten von Energiesparen und Energiewende ist das Thema Leichtbau ein Mega-Thema. Natürlich machte es Sinn, Autos, Flugzeuge und Fahrräder möglichst leicht zu bauen. Den Leichtbau setzen sie aber auch ein, um Militärflugzeuge zu bauen. Wenn Sie jetzt Werkstoffforscher im Bereich des Leichtbaus sind, dann machen Sie wissenschaftliche Grundlagenforschung. Was später ein industrieller Verwerter mit den Grundlagen macht, darauf können Sie als Wissenschaftler keinen Einfluss nehmen. Aber wir haben im KIT ethische Leitlinien erarbeitet, die der Senat verabschiedet hat. In diesen Leitlinien sagen wir, jeder einzelne Wissenschaftler verpflichte sich, sehr gewissenhaft mit dem umzugehen, was er tut.

Die wissenschaftliche Arbeit solle dem Erkenntnisgewinn, dem nachhaltigen Nutzen für die Menschheit und dem Schutz der Umwelt dienen sowie friedlichen Zwecken verfolgen. Jedem KIT-Angehörigen stehen zwei Ombudspersonen und eine Ethikkommission als Ansprechpartner bei diesen Fragestellungen zu Seite. Gleichzeitig wachen die Ombudspersonen und die Ethikkommission über die Einhaltung der ethischen Leitlinien und können von jedem Mitglied des KIT auf ethische Konfliktsituationen angesprochen werden.

Auch prüfen wir Forschungsanträge anhand der ethischen Leitlinien. Sie müssen aber auch sehen: Wenn sie einen Vertrag mit einem Autobauer oder einen Elektronikhersteller im Bereich der Medizintechnik oder Energieforschung abschließen - solche Unternehmen stellen natürlich auch Geräte her, die sich als technische Weiterentwicklungen in Kriegsgebieten wiederfinden - dann können sie im Moment des Forschens gar nicht vorhersehen, welche vielfältigen Anwendungen sich zu einem späteren Zeitpunkt ergeben.

Wie kürzlich bekannt wurde, hat das KIT auch im Auftrag des US-Militärs geforscht. Beim Pentagon ist doch schon klar, um was es geht.

Wir leisten Forschung - auch im Auftrag Dritter. Grundsätzlich ist zu sagen: In den USA findet Forschungsförderung anders statt als in Deutschland und Europa. Die USA haben im Prinzip nur das Militärministerium und das Energieministerium, welche überhaupt die Forschungseinrichtungen fördern. Und tatsächlich, wir haben das geprüft, es gab am KIT Forschungsaufträge, die aus Ministeriumsgelder der Vereinigten Staaten finanziert worden sind. Dabei ging es aber ausschließlich um Grundlagenforschung.

Hier lohnt ein Blick auf die Mechanismen der Forschungsförderung in den USA, denn dann sieht man, dass dort das Verteidigungsministerium auch Grundlagenforschung finanziert. In einem Projekt am KIT ging es um Geothermie. Bei einem zweiten Projekt ging es um Strömungsmechanik mit Blick auf die Vorhersage von Wirbelstürmen. Insgesamt sind innerhalb der letzten zehn Jahre fünf Projekte auf diese Weise finanziert worden. Bei allen Projekten handelt es sich um reine Grundlagenforschung ohne militärischen Charakter.

UStA und Friedensaktivisten fordern bereits seit längerer Zeit eine Zivilklausel, die militärische Forschung am KIT unterbinden soll. Aber eine solche Selbstverpflichtung, ausschließlich für zivile Zwecke zu forschen, gibt es vom KIT bisher nicht. Warum nicht?

Die Zivilklausel würde uns überhaupt nichts nützen. Die Zivilklausel ist ein Totschläger-Argument. Wenn sie die Zivilklausel haben, dann müssen sie die Forschung in der Technik einstellen, weil sie über den Dual-Use-Ansatz letztendlich jedes Thema mit einem "sowohl" als einem "auch" belegen können. Das Instrument Zivilklausel ist für ein Land wie Deutschland, das von Technologien, Innovationen und Entwicklungen lebt, nicht sinnvoll - und auch rechtlich nicht zulässig, denn sie würde die im Grundgesetz garantierte Wissenschaftsfreiheit einschränken.

Außerdem haben wir am KIT durch unsere ethischen Leitlinien ein hervorragendes Instrument, mit dem wir die Menschen in die Pflicht nehmen sowie an die Verantwortung jedes einzelnen appellieren und wir haben Mechanismen, mit denen wir das überprüfen. Das ist für uns ein wirksames Instrument. Zivilklausel würde am Ende bedeuten, dass wir viele technische Entwicklungen wie Beispiele den MP3-Player oder das Internet gar nicht hätten und heute auch nicht nutzen könnten.

Zur Person: Holger Hanselka, Jahrgang 1961, studierte Allgemeinen Maschinenbau an der Technischen Universität Clausthal. 1988 ging er als wissenschaftlicher Mitarbeiter zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und spezialisierte sich dort auf die Themen Leichtbau und Faserverbundstoffe. Nach einer Professur an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg folgte er 2001 dem Ruf nach Darmstadt als Direktor des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit und Leiter des Fachgebiets "Systemzuverlässigkeit und Maschinenakustik" an der TU Darmstadt. Von 2006 bis 2012 war Hanselka Mitglied des Präsidiums der Fraunhofer Gesellschaft. Von 2010 bis Herbst 2013 hatte er das Amt des Vizepräsidenten der TU Darmstadt inne.

Über die Zukunft des KIT, den Verlust des Elite-Titels und über die Abschaffung der Studiengebühren, spricht KIT-Präsident Holger Hanselka im ersten Teil des ka-news-Interviews.

Das Gespräch führte Moritz Damm
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  •   candyman
    (7188 Beiträge)

    02.02.2014 11:40 Uhr
    und die erde
    Ist eine Scheibe... BachelorSystem am Ar***...
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  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    25.01.2014 03:25 Uhr
    Der Hanselka
    wird mir so langsam sympathisch. Er muss halt nicht wirklich was arbeiten und hat somit alles richtig gemacht. Und er hat drei Kinder die hoffentlich keine Gauner werden, weil sie in einem gestopften Haus in KA aufwachsen. Also soweit alles im grünen Bereich. zwinkern
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  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    25.01.2014 03:30 Uhr
    Ich gebs zu,
    ich bin neidisch.

    Aber nicht missgünstig, das ist ein Unterschied!
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  • unbekannt
    (10716 Beiträge)

    24.01.2014 20:34 Uhr
    Äh 2 Kommentare hier?
    Ich dachte gar keiner.
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  •   Laetschebachschorsch
    (3147 Beiträge)

    24.01.2014 18:22 Uhr
    Früher war ...
    Hauptschule mit 14 Jahren abgeschlossen und die meisten Schüler absolvierten eine Berufsausbildung mit Abschluss. Heute ist der vergleichbare Abschluss die mittlere Reife und die Ausbildungsstätten müssen Eignungstests durchführen (lassen), da auf die Zeugnisnoten kein Verlass ist. Vergleichbares bei den Abiturienten, viele sind für ein Studium nicht geeignet, haben aber die schulischen Voraussetzungen. Sie kosten nur unnötige Studienplätze. Woher kann das kommen? Vielleicht auch davon, dass man die Jugendlichen zu wenig und zu spät fordert, aber auch fördert. Dazu kommt bei einigen die Null-Bock-Einstellung und in der Schule der Hinweis, dass bei uns in Deutschland keiner durch das Netz fällt, sondern vom Sozialsystem aufgefangen wird - hat mich als Vater fast umgehauen, diese Motivation.
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