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Karlsruhe Trauma Straßenbahnunfall: Hilfe für die Fahrer

In diesem Jahr wurden nach Angaben der Polizei Karlsruhe im Stadtgebiet bei bisher 78 Straßenbahnunfällen 40 Personen verletzt, teilweise schwer. Im Mai starb eine Frau beim Zusammenprall mit einer Straßenbahn. Auch die Fahrer leiden unter den Erlebnissen. Das Kriseninterventionsteam der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) kümmert sich daher schon am Unfallort um die geschockten Menschen im Führerhaus.

Schuldgefühle, Herzklopfen, Zittern und Schweißausbrüche: Schreckliche Unfälle lösen bei Straßenbahnfahrern häufig starke Reaktionen aus. "Einen Menschen zu überfahren ist das Schlimmste was einem Straßenbahnfahrer passieren kann", sagt Michael Schork, Koordinator des VBK-Krisenteams, im ka-news-Gespräch.

Bei einem Straßenbahnunfall benötigen nicht nur die Verletzten schnelle Hilfe, auch der Fahrer braucht rasche Unterstützung, so Schork. "Wir sind dazu da, die Fahrer nach einem Unfall zu betreuen, mit ihnen zu sprechen und gegebenenfalls an professionelle Helfer zu verweisen", erklärt er. Etwa 50 Mal im Jahr rücken die speziell geschulten Unfallbetreuer aus.

Die Seele ist verletzt

Die Krisenhelfer schirmen die Fahrer am Unfallort vor der Öffentlichkeit ab, versorgen sie mit Wasser, Traubenzucker oder einer Decke. Es seien die kleinen Handreichungen, die in einer solchen Extremsituation dem Fahrer sehr helfen, schildert Schork. "Wir signalisieren ihnen: Ich bin jetzt für dich da." Ähnlich wie bei der medizinischen Ersten Hilfe sei es entscheidend, dass der Fahrer am Unfallort so früh wie möglich betreut werde. Das helfe das traumatische Ereignis zu verarbeiten.

"Ziel ist es, eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTB) zu verhindern", erklärt Schork. Denn traumatische Ereignisse könnten zu psychischen Störungen, Sucht oder Depressionen führen. "Auch wenn der Fahrer körperlich unversehrt scheint, seine Seele ist verletzt", betont der Krisenhelfer. Albträume, Unruhe und Angst sind nach einem Unfall normal. Bleiben die Symptome aber länger und ein normaler Alltag scheint nicht mehr möglich, spricht die Medizin von einer PTB.

Fahrer oft von Schuldgefühlen geplagt

"Schreckliche Erlebnisse durch Verkehrsunfälle sind die häufigste Ursache für eine Posttraumatische Belastungsstörung", sagt Hans Kastl, Psychiater am Städtischen Klinikum in Karlsruhe, gegenüber ka-news. Allerdings erleiden aktuellen Studien zufolge nur 14 Prozent der Menschen, die einen schrecklichen Unfall erleben, tatsächlich eine PTB. In den meisten Fällen gelinge mit schneller Unterstützung die Verarbeitung des traumatischen Ereignisses sehr gut. "Schnelle Hilfe ist doppelte Hilfe", bestätigt der Mediziner.

Die Krisenhelfer hören aufmerksam zu, trösten und unterstützen. Manche Fahrer wollen sofort über das Unglück sprechen, andere seien sprachlos, sagt Schork. Manchmal sei es wichtig, nichts zu sagen. Die Ruhe ertragen. Einfach da sein. "Auch wenn das manchmal sehr schwierig ist."

"Wir lassen keinen alleine"

Wie geht es den Verletzten? Habe ich alles richtig gemacht? Das seien häufige Fragen, die betroffene Fahrer stellen. "Wir dramatisieren nicht, aber wir verschweigen auch die Realität nicht", so Schork. Es dürfe nicht passieren, dass ein Fahrer im Glauben nach Haus geht, der Verletze habe schwer verletzt überlebt, daheim erfährt er aber durch die Medien, die Person ist gestorben. "Er würde zusammenbrechen."

Überhaupt sei es wichtig, dass ein Fahrer nach einem solchen Schockerlebnis nicht alleine gelassen werde. Die Unfallbetreuer klären daher ab, ob Angehörige oder Freunde zu Hause sind. Wenn nicht, sei es auch schon vorgekommen, dass Kollegen über Nacht bei dem Fahrer bleiben. "Wir lassen keinen alleine", betont Schork. Auch organisieren die Krisenhelfer gemeinsam mit dem Fahrer die nächsten Tage nach dem Unfall. Begleiten ihn zum ärztlichen Dienst, unterstützen ihn bei der Unfallmeldung und fahren mit ihm zur Unfallstelle - wenn er das wünscht.

Phantasie grausamer als Realität

"Es ist sehr wichtig, dass das soziale Netz im Unternehmen greift. Wir versuchen die Fahrer wieder an den Dienst heranzuführen." Einige fahren bereits ein paar Tage nach dem Unfall wieder Bahn, manche können nie wieder arbeiten. Auch lange Zeit nach dem Unfall sind die Kollegen vom Krisenteam für die Betroffenen da. "Sie können sich jederzeit an uns wenden", versichert Schork. Das Betreuungsteam sei rund um die Uhr telefonisch erreichbar.

Wie verkraftet er selbst die Bilder an der Unfallstelle? "Wir reden innerhalb des Teams viel über die Ereignisse und unserer Gefühle", so Schork. Wichtig sei zudem, dass er bevor er zu einem Unfall ausrücke, viele Informationen über den Unfallhergang habe. So könne er sich auf der Fahrt zum Unfallort gedanklich darauf vorbereiten. "Die Phantasie ist grausamer als die Realität", meint Schork. Allein 2010 sind 126 Personen bei 108 Straßenbahnunfällen verletzt worden, zwei starben.

Die Angst fährt immer mit

Bei den meisten Unfällen treffe die Fahrer keine Schuld, sagt Schork. "Die Bahn fährt an eine Signalanlage, plötzlich rennt aus einer Gruppe von Leuten eine Person direkt vor den Wagen. Da haben sie keine Chance", verdeutlicht er. Der Fahrer wisse in diesem Moment, dass es trotz eingeleiteter Notbremsung nicht mehr reiche. Ein Autofahrer könne noch versuchen das Lenkrad herumzureißen. Die Bahn kann nicht ausweichen. Der Zusammenprall ist unausweichlich. "Das ist die totale Hilflosigkeit", so der Krisenhelfer.

Ein Straßenbahnfahrer der VBK, der nicht mit Namen genannt werden möchte, schildert gegenüber ka-news seine tägliche Anspannung: "Wenn man in die Innenstadt fährt, geht der Puls hoch, man ist extrem angespannt." Gerade die vielen Baustellen würden es derzeit sehr schwer machen, weil es sehr viele unübersichtliche Ecken gebe, aus denen plötzlich eine Person hervorschießen könne, so der Fahrer. "Die Angst einen Fehler zu machen, fährt ständig mit." Ein Intercity habe nur ein kleines Fenster - eine Straßenbahn dagegen eine riesige Panoramascheibe. "Wenn man da jemand überfährt, nimmt man das ganz anders wahr."

Schork versteht die Fahrer - er fährt selbst Bahn

"Wenn mir ein Fahrer erzählt, was für eine große Belastung es ist durch die Fußgängerzone zu fahren, dann kann ich das nachempfinden, weil ich weiß wie das ist", sagt Unfallbetreuer Schork. Er war selbst jahrelang Straßenbahnfahrer und ist als Leiter der Fahrbetriebe auch heute noch als Fahrer unterwegs.

Michael Schork arbeitet seit 30 Jahren bei den VBK. 1999 gründete er das Kriseninterventionsteam. Zuerst war er Einzelkämpfer, heute besteht das Team aus elf speziell geschulten Mitarbeitern von VBK und AVG. Im Notfall verlässt Schork oder einer seiner Teammitglieder umgehend den Arbeitsplatz und leistet Kollegenhilfe.

Mehr zum Thema
Straßenbahnunfälle in Karlsruhe: Unfälle, Umleitungen, Verspätungen - aktuelle Nachrichten zur Verkehrslage im AVG-, VBK- und KVV-Netz in Karlsruhe.
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  • unbekannt
    (19 Beiträge)

    08.09.2011 11:10 Uhr
    Fahrzeiten Bus - Strabfahrer
    In Deutschland ( das einzige Land in Eurpoa) darf ein Bus - oder Strabfahrer im Linienverkehr 6 Stunden am Stück fahren die Wendezeit was auf dem Papiersteht wird als Pause angerechnet ob er sie tatsächlich hat ist egal.So steht es im Gesetzestext. Die Bundesregierung hat vor dem Europäschen Parlament( was Frankreich Italien und andere Länder verlangten) des öfteren schon Gesetzesänderungen abwürgen können.Da dort im Linienverkehr die 4,5 Stunden Regelung zählt.
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    07.09.2011 13:06 Uhr
    //habe stelle hohe Anforderungen an Profi-Fahrer!//

    Aber wehe diese Profifahrer wollen dann auch noch als solche bezahlt werden. Hast du dann auch Verständnis für die Forderungen der Fahrer?

    Was das Tempo anbelangt sollte man immer bedenken, das Bahnen An- und Abfahrtszeiten haben, die sich nicht die Fahrer aussuchen, oder denkt jemand wenn sie schneller fahren haben sie früher Feierabend?
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  •   ObenLang
    (2745 Beiträge)

    07.09.2011 17:15 Uhr
    Zu An- und Abfahrtszeiten
    Sind diese //Zitat: An- und Abfahrtszeiten// (gerade im Baustellenzeitalter) in erster Linie unter dem Aspekt der Verkehrsicherheit verantwortungsvoll gewählt oder eher ambitiös im Sinne des gewünschten Durchsatz???
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    07.09.2011 17:46 Uhr
    Gewählt sind An- und Abfahrtszeiten mit Sicherheit NICHT von den Fahrern, und um die geht es hier.
    Aber Hauptsache mal die Baustellen untergebracht....
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  •   ObenLang
    (2745 Beiträge)

    07.09.2011 18:07 Uhr
    Zeitplan
    Ist das //Zitat: mit Sicherheit NICHT von den Fahrern // so zu verstehen, dass der Fahrplan die Fahrer manchmal nötigt "doch etwas agressiver ans Werk zu gehen" oder nur Frust über das ungefragte Aufdrücken einer an sich optimalen Vorgabe von oben an die Fahrer???
    Nur WER bestimmt unter welchen Aspekten wie schnell man durch die Stadt muss, wenn nach obigem Kommentar die Fahrer wohl nicht einbezogen werden???

    Wieso Baustellen unterbringen? Wird schwer mir verständich zu machen, dass die Baustellen den (mal unterstellten) Zeitdruck entschärfen oder der Übersichtlichkeit der Verkehrssituation dienen
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    07.09.2011 18:41 Uhr
    //Ist das //Zitat: mit Sicherheit NICHT von den Fahrern // so zu verstehen, dass der Fahrplan die Fahrer manchmal nötigt "doch etwas agressiver ans Werk zu gehen" oder nur Frust über das ungefragte Aufdrücken einer an sich optimalen Vorgabe von oben an die Fahrer???//

    Lieber ObenLang, man kann meine Kommentare verstehen, man muss aber nicht.

    Von "aggressiv ans Werk gehen" hatte ich nichts geschrieben, bestätigt aber Ihre Ursprungshaltung zu Strabafahrern am Anfang des Themas.
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  •   bin-dann-mal-wech
    (153 Beiträge)

    07.09.2011 12:42 Uhr
    die ersten Ansätze waren gut...
    wo gearbeitet wird, passieren Fehler....
    ...nur sind mir das hier zuviele. Leider habe ich als Anwohner und Beobachter sehr rabiate Aktionen der Tram beobachten müssen (MAN FÄHRT NICHT VOLLGAS IN VOLLE KREUZUNGEN), die die meisten PKW-Fahrer vermieden hätten ...deshalb meine immer kritische Haltung zur Straba. Ich habe stelle hohe Anforderungen an Profi-Fahrer!
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  •   melotronix
    (2250 Beiträge)

    07.09.2011 11:19 Uhr
    ..
    Warum liest man eigentlich nicht mal eine Statistik von Strassenbahnunfällen in den letzten Jahren. Ich wette die Kurve geht steil nach oben. Hallo ka-news, recherchieren sie!
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  •   ObenLang
    (2745 Beiträge)

    07.09.2011 12:07 Uhr
    Im Mittel ca. jeder 3. Tag ein Unfall
    das ist schon viel.
    Nein nicht gleich beisen, ich weiß die Fahrer haben kaum eine Möglichkeit mögliche systemische Fehler "weiter oben" zu beseitigen.
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    07.09.2011 10:25 Uhr
    An den Autor
    Herr Damm, sehr interessanter Artikel und schön das auch mal diese, oft vergessene, Seite beleuchtet wird.
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