Karlsruhe Von der Munitionsfabrik zum Medienzentrum: Die spektakuläre Geschichte des ZKM Karlsruhe

Das ZKM, heute ein einzigartiges und weltweit bekanntes Kulturzentrum und Museum in Karlsruhes Südweststadt, war einst Szene einer Massenproduktion von Kriegsmaterial, denn: In den Gebäuden befand sich eine der wichtigsten Munitionsfabriken Deutschlands.

Das Werk wird 1872 als Patronenhülsenfabrik gegründet. 1878 wird Wilhelm Lorenz Inhaber dieser Firma und ab 1883 bekommt er die Genehmigung zur Herstellung scharfer Munition. Nach dem Verkauf der Firma an Ludwig Loewe und Co 1889, beliefert die Fabrik das preußische Heer mit Geschossen und umfasst mehrere Standorte. Im Jahr 1896 wird der Firmensitz nach Berlin verlegt und Karlsruhe bleibt als Zweigniederlassung bestehen. Die Firma wird jetzt in Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik (DWM) umbenannt.

1916 arbeiten 9.000 Menschen in der Waffenfabrik

Im Ersten Weltkrieg wird die Produktion von Kriegsmaterial enorm gesteigert und die DWM stellt außer Handgranaten und Patronenhülsen auch Maschinen- und Mausergewehre her. 1915 schließt das Deutsche Reich einen Milliardenvertrag mit der DWM für eine über die Kriegszeit hinausgehende "Munitionsbeschaffungsagenda". Zu diesem Zweck soll der Hallenbau A ausgebaut werden.

Obwohl die komplette Expansion erst 1918 fertig wird und damit mehr oder weniger zu spät für die große Kriegsmaschinerie, werden hier im Ersten Weltkrieg trotzdem jährlich mehrere hundert Millionen Infanteriegeschosse, Patronenhülsen und Zündhütchen. 1915 hat das Werk 6.000 Arbeitskräfte, 1916 sind es bereits 9.000.

Im Zuge der Entmilitarisierung Deutschlands gemäß des Versailler Vertrags soll das Gebäude nach dem Ersten Weltkrieg abgebrochen werden. Der Grund: Die Auflagen des Vertrags verbieten Deutschland die Produktion von Kriegsmaterial. Infolgedessen wird das Werk in Karlsruhe am 20. Dezember 1918 stillgelegt und der Bau soll verschwinden.

Mit den Nationalsozialisten kam der Aufschwung

Nach einem Besuch der alliierten Mächte wird jedoch entschieden, dass die einst überaus produktive Fabrik jetzt keine Gefahr mehr darstellt. Die Munitionsmaschinen waren bereits demontiert und in anderen Teilen des Reichs gelagert. Das Werk enthält nur noch Einrichtungen zur Fertigung von Produkten, die nicht unter das Rüstungsverbot fallen. So kann der Hallenbau A doch bestehen bleiben.

Nach dem Krieg produziert die DWM Haushaltsartikel wie Dosen, Behältnisse und Metallschläuche. Trotz der allgemein schlechten wirtschaftlichen Lage in der Weimarer Republik steigt die Zahl der Angestellten von 600 auf 1.177 zwischen 1919 und 1925. Zu dieser Zeit trägt die Firma den Namen Berlin-Karlsruhe Industriewerke AG.

Blick über das ZKM.
Blick über das ZKM. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Doch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 fügt die Firma, in Erwartung großer Munitionsaufträge, diesem Namen den Zusatz "vormals Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik" an. Bereits 1927 hat sie heimlich Munitionsaufträge für die damalige deutsche Reichswehr übernommen.

Ab 1936 geht die Wiedermilitarisierung des nationalsozialistischen Deutschlands mit der Besetzung des Rheinlands los, entgegen der Auflagen des Versailler Vertrags. Ab 1936 werden Munition und Geschützhülsen wieder in Massen produziert und die zwischengelagerten Munitionsmaschinen werden zurückgeholt.

Als das Personal knapp wird, müssen die Frauen ran

Nach dem Frankreichfeldzug im Juni 1940 kommen dann die großen Aufträge. In Karlsruhe werden unter anderem Gewehre, Geschütze und Munition produziert, aber keine Flugzeuge oder Panzer. Die Nachfrage nach Munition und Waffen ist so groß, dass die Fabrik den Personalbestand kräftig aufstocken muss. Mitte 1941 fängt der Russlandfeldzug an und viele Arbeiter werden zur Wehrmacht eingezogen.

Die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik (DWM) und ihre Zerstörung im 2. Weltkrieg.
Die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik (DWM) und ihre Zerstörung im 2. Weltkrieg. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 225/30

Die Firma versucht die Lücken durch Frauen zu schließen und stellt im Winter 1941 5.000 neue Arbeitskräfte ein, ein Teil davon Frauen. Obwohl dies nicht so ganz mit dem Bild der Frau in der NS-Ideologie zusammenpasst, arbeiten im September 1942 1.152 Frauen bei der DWM, 1944 waren es sogar 2.000, gegenüber 2.500 Männern.

Hinzu kommen tausende von Zwangsarbeitern – zum Teil Kriegsgefangene und zum Teil unter Zwang erworbene Kräfte aus den eroberten Gebieten. Der Großteil dieser Arbeiter wohnt in einfachen Holzbaracken in ärmlichen Verhältnissen in Grünwinkel. Im Schnitt arbeiten sie 60 Stunden pro Woche und müssen während eines Luftangriffs Brände löschen, Bomben entfernen und entschärfen. Dabei haben die alliierten Bomber beim Luftangriff ganz gezielt dieses Gelände im Visier.

Die Fabrik im Fadenkreuz der Alliierten

Der "Bomber’s Baedeker" von 1944, der "Leitfaden zur wirtschaftlichen Bedeutung der deutschen Städte", ausgegeben vom britischen Ministerium für wirtschaftliche Kriegsführung, listet die deutschen Städte auf, in denen kriegswichtige Schlüsselindustrien angesiedelt sind. Hier wird die DWM erwähnt – neben dem Rheinhafen und dem Rangierbahnhof ein Kriterium für die gezielte und unerbittliche Bombardierung von Karlsruhe im Zweiten Weltkrieg.

"Das Werk Karlsruhe ist das Stammwerk der Deutschen Waffen- und Munitionswerk AG", heißt es im Baedeker. "Es ist eines der größten deutschen Hersteller von Leuchtspurmunition und Brandgeschossen und stellt auch Maschinen für Munitionsfabriken her."

Auszug aus dem Bomber’s Baedeker
Auszug aus dem Bomber’s Baedeker | Bild: gemeinfrei

Vor 1944 waren die Luftangriffe auf die DWM unwesentlich, aber ab Mitte 1944 wird der Betrieb durch die Luftangriffe behindert. Anfang 1944 produziert die DWM 2,5 Millionen Patronen im Monat. Ende 1944, als der Umsatz mit Munition acht Millionen Mark erreicht, gibt es vermehrt Ausfälle in der Produktion und die Zwangsarbeiter werden zur Aufräumungsarbeiten eingesetzt.

Die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik (DWM) und ihre Zerstörung im 2. Weltkrieg.
Die Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik (DWM) in Karlsruhe und ihre Zerstörung im 2. Weltkrieg. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 225/25

Überreste der Fabrik-Anlagen noch heute im ZKM sichtbar

Nach dem Krieg wird die Firma in IWK AG und ab 1970 IWKA (Industrie-Werke Karlsruhe Augsburg) umbenannt. 1989 wird das ZKM als Stiftung des öffentlichen Rechts gegründet und 1993 wird das inzwischen denkmalgeschützte Gebäude renoviert.

(Symbolbild)
(Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

Im Erdgeschoss hat man bei der Sanierung die ursprünglichen Schienen und Eisenbahngleise, auf denen das fertige Kriegsmaterial abtransportiert wurde, im Holzpflasterboden markiert. 1997 wird das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe offiziell eröffnet.

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