Karlsruhe Verkehrsregeln für Kinder: Bereits in den 1960er-Jahren gab es in Karlsruhe ein Autokino

Seit 22. April darf man auf dem Messeplatz das neue Autokino täglich erleben. Mit einer großen Auswahl von Filmen, Snacks und Getränke vor Ort sowie Platz für 600 Autos können Besucher das Kino im Retro-Stil genießen. Aber was viele nicht wissen - es ist nicht das erste Mal, dass ein Autokino in der Fächerstadt seine "Türen" eröffnet.

Am 7. August 1963 erscheint ein 15 Meter langer Sattelschlepper auf dem Karlsruher Festplatz. Auf der Seite entlang steht in Großbuchstaben "Autokino für Verkehrssicherheit". Der Besitzer ist ein junger Mann aus Hamburg, Paul Alexander Deutzenberg, der Verkehrserziehung auf eigene Faust praktiziert.

In dem großen Raum hinter dem Fahrerhaus hat Deutzenberg neben Schlafzimmer, Essecke, Wohnzimmer und Vorführraum auch einen großen Zuschauersaal eingerichtet, der Platz für bis zu 70 Schulkinder bietet.

Jeden Tag drei Filme - Eintritt frei

Jeden Tag laufen drei Filme zur Verkehrserziehung - und der Eintritt ist umsonst. Unterstützt von der Bundesverkehrswacht, dem HUK-Verband und einer Mineralölgesellschaft ist das Autokino von Paul Deutzenberg dennoch ein Privatunternehmen. Deutzenberg ist der Alleinbesitzer, Fahrer, Vorführer und Manager.

Autokino "Verkehrssicherheit des Hamburgers Paul Alexander Deutzenberg".
Autokino "Verkehrssicherheit des Hamburgers Paul Alexander Deutzenberg". | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A10a/122/2/re

Er reist von Stadt zu Stadt, um seine Filme zu zeigen - einfach, weil er an der Sache Spaß hat und mit seiner privaten Kampagne gegen den Tod auf der Straße kämpfen möchte. Dabei will er die Arbeit der offiziellen Organisationen, die in dieser Sache aktiv sind, ergänzen.

Idee vom Vater übernommen

Die Idee hat Deutzenberg, früher Textilkaufmann, eigentlich von seinem Vater übernommen. Vor dem Zweiten Weltkrieg arbeitet Deutzenberg Senior als Werbeleiter einer chemischen Fabrik, der mit seinem Vorführwagen durch das Land fährt.

Nach dem Krieg, als die Zahl der Autos und der Straßenunfälle deutlich zunimmt, lässt er den großen Vorführwagen umbauen, um auf diese Art und Weise kostenlose Verkehrserziehung zu bieten. Nachdem es ihm gelungen ist, die Unterstützung der oben genannten Organisationen zu sichern, fängt er 1958 seinen Kreuzzug gegen Straßenunfälle an.

Über eine Millionen Besucher

Als sein Vater 1960 stirbt, kündigt Paul Deutzenberg seinen Job und übernimmt den Wagen. Seitdem widmet er sich auch dem Thema Verkehrssicherheit für Kinder. So macht er am meisten Halt auf den Schulhöfen - seine Hauptzielgruppe ist die Jugend, was in der Art der Filme widerspiegelt wird. Das Kino besitzt 18 an Kinder gerichtete Spielfilme, aus Deutschland, Frankreich, USA, der Schweiz und Schweden.

Paul Alexander Deutzenberg in seinem Vorführraum.
Paul Alexander Deutzenberg in seinem Vorführraum. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A10a/122/2/li

Deutzenbergs Ziel ist es, die Kinder durch die Ereignisse der Filmgeschichten unbewusst zum richtigen Verhalten im Straßenverkehr zu erziehen. Bis zum 16. August gibt es, außer am Wochenende, drei Vorstellungen jeden Tag: um 14 Uhr für Kinder und zwei Abendvorstellungen für Erwachsene. Über eine Million Zuschauer in der Bundesrepublik haben das Autokino bis zu diesem Zeitpunkt besucht.

20 Jahre später: Stadt lehnt Autokino ab

Zwanzig Jahre später im Juni 1983 wird ein Antrag auf ein Autokino nach amerikanischem Modell von der Stadtverwaltung Karlsruhe abgelehnt. Das dafür anvisierte Gelände befindet sich in Unterschmallen/Unterreut und gehört der Deutschen Bundesbahn. Es bleibt aber noch unklar, wann genau die Bahn dieses Gelände bebauen wird. Deswegen wird der Antrag auch auf eine "vorübergehende" Einrichtung gestellt.

Gelände der Deutschen Bundesbahn in Unterreut/Blick auf das Wiesengelände.
Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A45/177/7/27

Langfristig plant die Bahn einen Container-Bahnhof auf dem Gelände zu errichten, strebt allerdings auch an, das Gelände bis zur Erfüllung dieses Vorhabens für andere Zwecke zu nutzen. Dabei unterstützt sie auch die Aktion, ein Autokino einzurichten.

Flächenverbrauch sei zu hoch

Doch obwohl die Stadtverwaltung zugesteht, dass ein "Autokino einen für seinen rentablen Betrieb ausreichend großen Benutzerkreis möglicherweise anziehen wird", sieht das Bürgermeisteramt "im Hinblick auf das anderweitige vorhandene Angebot an Filmtheatern" kein Bedarf für ein solches Autokino.

Das Rathaus meint "die Notwendigkeit für eine solche Einrichtung nicht so recht zu erkennen", auch nicht vorübergehend. Außerdem sei der Flächenverbrauch eines solchen Vorhabens, angesichts des Bedarfs an Gewerbeflächen und der nur begrenzt zur Verfügung stehenden Fläche im Stadtgebiet nicht zu vertreten.

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Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de: Alte Seifenfabriken und Milchzentralen oder Eindrücken von der Kaiserstraße aus den 50er Jahren - in der Serie "Es war einmal" nimmt ka-news seine Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Hier finden Sie Gespräche mit Zeitzeugen und Impressionen aus der über 300-jährigen Geschichte der Fächerstadt.

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