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Karlsruhe Nach fast 80 Jahren: In Karlsruhe wurden acht verschollen geglaubte Wandtafeln gefunden - und das ist ihre Geschichte

Eine visionäre Darstellung, ein Paar, das sich auf den Weg in die glorreiche Zukunft von Karlsruhe macht – so interpretiert Stefanie Patruno, Leiterin der Städtischen Galerie in Karlsruhe, die Szene im "Deutschen Morgen". Das große symbolhafte Wandbild (2,45 auf 2,60 Meter) des rechtsradikalen Malers Hans Adolf Bühler ist eines von acht Wandtafeln aus den 1920er Jahren, die vor kurzem bei Sanierungsarbeiten im Keller von Haus Solms in der Bismarckstraße in Karlsruhe entdeckt wurden.

Ähnlich beschrieb auch Oberbürgermeister Julius Finter das Bild bei der Einweihung der insgesamt 20 Wandbilder vor fast 100 Jahren im Rathaus: "Schaffen wir die sittliche Voraussetzung dafür, dass unsere Stadt – wie der Künstler es hier andeutet – aus der schweren Not des Weltkrieges einem neuen deutschen Morgen entgegenschreitet."

Albert Käuflein (l.) und OB Frank Mentrup neben dem wiederentdeckten Bild "Deutscher Morgen". | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Anlass für die damalige Schaffung der Wandtafeln ist der 100. Jahrestag der Einweihung des von Friedrich Weinbrenner erbauten Rathauses. Bereits im Juli 1924 wird der Entwurf von Hans Adolf Bühler, einem deutschtümelnden Maler, der zu den Traditionalisten gehört, zugestimmt. Die großformatigen Wandmalereien sollen im Bürgersaal hängen und "die Geschichte der Landeshauptstadt in ihren bedeutendsten Persönlichkeiten bis in unsere Tage zum Ausdruck bringen", erklärt Kunsthistoriker Joseph Beringer 1926.

Skizzen von 3 der Wandbildern bei der Einweihung des Bürgersaales mit den neuen Wandbildern im Jahr 1926 (Karlsruhe Tagblatt März 1926)
Skizzen von 3 der Wandbildern bei der Einweihung des Bürgersaales mit den neuen Wandbildern im Jahr 1926 (Karlsruhe Tagblatt März 1926) | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

54 bedeutende Karlsruher und Badener porträtiert

Bühlers Tafeln zeigen 54 Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kunst, die mit Karlsruhe und Baden verbunden sind. Die Figuren hat er jeweils als Dreiergruppe auf einer Tafel wiedergegeben. Zwei Rundbilder, "Deutscher Morgen" und "Des Markgrafen Traum", eine Darstellung von Karl Wilhelms berühmtem Traum von der künftigen Fächerstadt, vervollständigen die Sammlung.

Der Markgrafen Traum von Hans Adolf Bürger.
Der Markgrafen Traum von Hans Adolf Bürger. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVa 801

Zwischen 1942 und 1944, aufgrund der heftigen Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg, werden die Wandtafeln demontiert und an einem bislang unbekannten Ort gelagert. Nach Kriegsende kommen zwölf der Tafeln in den Bestand der Städtischen Kunstsammlungen, während die restlichen acht als Kriegsverlust gelten.

Der Karlsruher Rathaussaal ausgemalt von Hans Adolf Bürger
Der Karlsruher Rathaussaal, ausgemalt von Hans Adolf Bürger | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8 BA/Burger 25

Nach ihrer Entdeckung im Haus Solms hat man sechs Stück nun zur Renovierung in die Städtische Galerie gebracht. Die letzten zwei Bilder konnten noch nicht aus den Kellerräumen entfernt werden, da sie nicht durch die Türen passen.

"Die Tafeln sind ein Kulturdenkmal"

"Die Tafeln sind von stadthistorischem Wert und somit ein Kulturdenkmal", erklärt Kulturbürgermeister Albert Käuflein bei einem Pressegespräch im Haus Solms am Donnerstag. Die Wiederauffindung der Tafeln, dessen zwiespältige Geschichte mit der Persönlichkeit Bühlers zusammenhängt, soll im Rahmen einer Ausstellung im Stadtmuseum dokumentiert werden.

Bild: Katherine Quinlan-Flatter

"Es stellt sich die Frage, wie hätte man Anfang der 1930er Jahre mit einer solchen Persönlichkeit umgehen müssen", sagt Oberbürgermeister Frank Mentrup. Denn: Der Maler Hans Adolf Bühler hatte als überzeugter Nationalsozialist eine einflussreiche Machtposition in der kulturellen und politischen Landschaft Karlsruhes inne.

Bühler ist Vorreiter der Ausstellung für "Entartete Kunst"

Bühler wird 1932 Rektor der Kunstakademie und 1933 Direktor der Badischen Kunsthalle, Vorstandsmitglied des Badischen Kunstvereins und des Reichsverbands bildender Künstler. In den 1920er-Jahren ist die avantgardistische Kunst an der Kunstakademie sehr stark vertreten. Seit 1931 NSDAP-Mitglied, sorgt der retrospektive Bühler dafür, in seinem Kampf gegen den "Kunstbolschewismus", dass neun Professoren von der Kunstakademie entlassen werden.

"Vor einer Diktatur findet in der Regel eine vorbereitende kulturelle Ausrichtung statt – eine solche Entwicklung wollen wir zukünftig verhindern", so Mentrup. In der geplanten Ausstellung wolle man sich nicht nur mit den Fragen der Kulturpolitik im Kontext dieser Zeit auseinandersetzen, sondern auch auf die Persönlichkeit des rechtsradikalen Malers eingehen.

Der Karlsruher Rathaussaal ausgemalt von Hans Adolf Bürger.
Der Karlsruher Rathaussaal, ausgemalt von Hans Adolf Bürger. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8 BA/Burger 26

1933 organisiert Bühler in der Badischen Kunsthalle die Ausstellung "Regierungskunst 1919 bis 1933", die ein Vorreiter zur Münchener Ausstellung "Entartete Kunst" im Jahr 1937 ist. Hier zeigt er die von der Karlsruher Kunsthalle während der Weimarer Republik erworbenen Gemälde. Bühlers Ausstellung, deren Inhalt die Zeitung "Der Führer" vom 8. April 1933 als "in allen Teilen negativ" beschreibt ist für "Volksgenossen" unter 18 Jahren verboten und zeigt, wie "14 Jahre lang mit Staatsgeldern gewissenlos vorgegangen" worden ist.

"Billigste Erotik" und "blöder Nihilismus" ziehen sich wie ein roter Faden durch die Werke, heißt es, wie zum Beispiel "Christus am Kreuz mit der Gasmaske" von Georg Grosz. Als Gegensatz zeigt Bühler anschließend Bilder aus der klassischen Landschaftsmalerei von Daur, Schönleber und Volkmann.

"Die Bilder sind heimatlich oberrheinisch gerichtet"

Ein Jahr nach seiner Einstellung muss Bühler 1934 seine Stelle als Rektor der Kunstakademie an Otto Haupt abtreten. Die Gründe dafür sind unbekannt. "Es wäre interessant, die Geschichte hinter seiner Entlassung zu erforschen", sagt heute Stefanie Patruno, Leiterin der Städtischen Galerie. "Ob er eventuell nur kurzfristig eingesetzt wurde, um gezielt die Kollegen zu kündigen?"

Bei der Einweihung des Bürgersaales Anfang 1926 erklärt Bühler in seiner Rede, dass seine Werke nichts anderes wollen, als das, was die Kunst am Oberrhein von alten Zeiten gezeigt hat – Sinnenfreudigkeit, Wahrheit und Dichtung. Er appelliert an die Menschen, die neuen Künste mit ihrer Negativität und "unfruchtbarem Geschwätz" nicht zu unterstützen.

Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Die Wandtafeln werden nicht gleich allgemeine Zustimmung finden, sagt Bühler, da sie sich "zu wenig" nach Paris und Berlin richten. "Die Bilder sind heimatlich oberrheinisch gerichtet", erklärt der Maler, was man an den farbenfrohen, höchstdekorativen und detaillierten Motiven des "Deutschen Morgens" merkt.

"Jetzt ist die Frage: Wie gehen wir damit um?"

Bühler repräsentiert mit seinen Werken den Zeitgeist: Direkt nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs streben unterschiedliche Bewegungen den Wiederaufbau Deutschlands in einer kritischen Zeit an, während gleichzeitig versucht wird, an den traditionellen deutschen Werten und der Kultur festzuhalten und "gefährliche" neue Ideen zu unterdrücken.

"Wenn alles andere hinweggespült ist vom Strande des Lebens, bleiben die Kunstwerke", sagt Bühler. Über die Gemälde im Bürgersaal erklärt er, "Was das Werk selber bedeutet, das wird eine spätere unbekannte Zeit richtig beurteilen."

Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Diese spätere Zeit scheint nun gekommen zu sein. Gemeinsam mit dem Institut für Kunstgeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) möchten die Stadt und die Städtische Galerie gemeinsam an der kulturpolitischen Geschichte der Bilder arbeiten. "Es ist jetzt die Frage", sagt OB Mentrup, "wie gehen wir damit um?"

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  •   andip
    (11221 Beiträge)

    27.09.2021 12:14 Uhr
    Na ja
    "Was das Werk selber bedeutet, das wird eine spätere unbekannte Zeit richtig beurteilen."
    Die Vita diese Malers mag zwar recht zweifelhaft gewesen sein, aber ein Bild sollte man unabhängig davon beurteilen.
    Ausserdem hatte der damalige Gemeinderat diese Bilder genehmigt, also müsste man dem dann auch irgendwelche Vorwürfe machen.
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  •   UngueltigDannZuLang
    (390 Beiträge)

    27.09.2021 14:46 Uhr
    Na ja, nicht ganz
    einem Gemeinderat irgendwelche Vorwuerfe machen, dass er 1924 Bildern eines Malers zugestimmt hat, der 1931 in die NSDAP eingetreten ist und sich spaeter als Kultur-Saeuberer betaetigt hat? Muss man nicht.
    (Man muss es auch nicht verteidigen.)

    Kunst ist nicht nur Dekoration. Sie enthaelt auch Aussagen. Und um ein Kunstwerk einordnen zu koennen, muss man auch den Kontext kennen, in dem sie entstanden ist. (Kunst kann auch Propaganda sein, wie im Nationalsozialismus, Stalinismus usw.)

    Wuerde mich freuen, wenn man diese Bilder irgendwann mal sehen koennte. Dann kann das jeder fuer sich selbst beurteilen.

    (Hoffentlich muss ich darauf nicht so lange warten, wie auf die Wandtafeln von ... - ach sie wissen schon)
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  •   UngueltigDannZuLang
    (390 Beiträge)

    27.09.2021 15:03 Uhr
    Was mich fast noch mehr interessiert als die Bilder,
    sind die '54 Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kunst, die mit Karlsruhe und Baden verbunden sind', die darauf abgebildet sind.
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  •   Waterman
    (6735 Beiträge)

    27.09.2021 13:51 Uhr
    Außerdem
    werden zur Buße Wandkacheln von Meister Lüpertz im öffentlichen Raum aufgehängt.
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  •   bingobongo
    (612 Beiträge)

    27.09.2021 09:03 Uhr
    "...da sie nicht durch die Türen passen"
    ...und wie kamen sie dann da rein? *SCNR*
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  •   mueck
    (12316 Beiträge)

    27.09.2021 14:34 Uhr
    !
    Auf die Antwort auf diese spannende Frage warte ich auch noch ...
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  •   andip
    (11221 Beiträge)

    27.09.2021 15:43 Uhr
    Vielleicht
    hat man nach der Einlagerung irgendwelche zusätzlichen Mauern hochgezogen mit einer zu kleinen Tür?
    Ich kenne mich im Haus Solms nicht aus, aber das ist eigentlich nicht so riesig, dass es da Keller gibt, in denen man einzelne Räume nicht mehr wiederfindet.
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  •   UngueltigDannZuLang
    (390 Beiträge)

    26.09.2021 17:08 Uhr
    Dieser Artikel steht zu Recht ganz oben
    Das sind Beitraege, die ich mag.

    Und dieser ist nicht nur aktuell, sondern auch sehr gut geschrieben. Ganz davon abgesehen, dass ich was gelernt habe.

    Ich habe das schon mindesten einmal geschrieben: Die Artikel von Frau Quinlain-Flatter sind mir Grund genug sonntags ka-news zu lesen.
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  •   Beiertheimer
    (1348 Beiträge)

    26.09.2021 15:58 Uhr
    War auch gerade mal in meinem Keller
    leider hab ich da nichts gefunden. Vielleicht liegt es an der Größe des Gebäudes. Da war wohl jemand hyperaktiv wenn man zum Finden 80 Jahre braucht.
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  •   mueck
    (12316 Beiträge)

    27.09.2021 14:33 Uhr
    !
    Es wurde ja nicht danach gesucht:
    " die vor kurzem bei Sanierungsarbeiten im Keller von Haus Solms in der Bismarckstraße in Karlsruhe entdeckt wurden."
    Also Zufall
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