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Karlsruhe Karlsruher Berühmtheiten von nebenan: Hermann Billing - ein Leben für die Architektur

Ob der Vater des Automobils oder ein Widerständler gegen den Nationalsozialismus - bekannte Persönlichkeiten als Ex-Nachbarn sind in Karlsruhe gar nicht mal so selten. Wer lebte wo in den zahlreichen Straßen und Gässchen der Fächerstadt? In der neuen Reihe "Karlsruher Berühmtheiten von nebenan" hat ka-news.de sich bekannte (Wahl-)Karlsruher und ihre Wohnstätten genauer angeschaut. Heute: Hermann Billing - der Architekt, der "viel Schönes" für Karlsruhe geschaffen hat.

Bei der Bürgerausschuss-Sitzung am 18. Februar 1904 in Karlsruhe gibt es um den geplanten Brunnen am Stephanplatz viel Wirbel. Hier beabsichtigt der Architekt und Designer Hermann Billing, eine nackte junge Frau im Jugendstil zu platzieren. "Man muss bedenken", äußert sich der Stadtverordnete Baumeister, "dass hauptsächlich das Marktpublikum sich an dem Brunnen aufhalten wird und die Leute werden sich über die nackte Figur lustig machen."

Der Architekt rächt sich

Der Stadtverordnete verlangt, nach dem Vorbild anderer Städte, "ein Mädchen aus dem Volk im Volkstracht" auf dem Brunnen darzustellen. Dagegen, so berichtet die Badische Landes-Zeitung zwei Tage später, kontert der Stadtverordnete Held, er freue sich, "dass es in hiesiger Stadt Männer gebe, die etwas wirklich künstlerisch Schönes schaffen können".

Die nackte "Stephanie" auf dem Brunnen am Stephanplatz.
Die nackte "Stephanie" auf dem Brunnen am Stephanplatz. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Man wird sich einig: Professor Billing hat schon viel Schönes für Karlsruhe geschaffen - die Ausführung des Brunnens soll deshalb ihm übertragen werden. Bei der Errichtung des Brunnens rächt sich Billing mit einer nackten Bronzefigur von Hermann Binz, die in einem Kreis voyeuristisch blickender Männerköpfe steht. Die 14 Gesichter sind Karikaturen bekannter Karlsruher Persönlichkeiten - und insbesondere der Gegner des Projekts.

Karikaturen bekannter Karlsruher Persönlichkeiten finden sich in dem Brunnen am Stephanplatz hinter der Postgalerie.
Karikaturen bekannter Karlsruher Persönlichkeiten finden sich in dem Brunnen am Stephanplatz hinter der Postgalerie. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Das 1905 fertig gestellte Werk löst einen Skandal aus: Viele Menschen sind empört, nicht nur im Bürgerausschuss. Vor diesem Hintergrund erhält Billing in den darauffolgenden Jahren keine großen Aufträge mehr in Karlsruhe, sondern hauptsächlich von außerhalb.

Talentiert, aber sprunghaft

Der Architekt Hermann Billing, der das Bild Karlsruhes stark geprägt hat und als einer der bedeutendsten Jugendstil-Architekten in Südwestdeutschland gilt, wird 1867 im Karlsruher "Dörfle" geboren. Er ist das dritte von 13 Kindern des Maurers Christian Billing und seiner Frau Lisette.

Hermann Billing
Hermann Billing | Bild: gemeinfrei

Die Familie lebt seit dem 18. Jahrhundert im Dörfle, doch nachdem seinem Vater gelingt, sein Geschäft zu einem großen Unternehmen aufzubauen, ziehen sie 1870 ziehen sie in die Wilhelmstraße, in das zu dieser Zeit neue Viertel Südstadt.

Christian Billing möchte seinen talentierten Sohn in das Geschäft einbeziehen und schickt ihn deshalb auf die Kunstgewerbeschule. Doch Hermann bricht die Schule nach einem Jahr ab und macht seinen Militärdienst. Danach arbeitet er ein Jahr lang im Familienunternehmen. Ein angefangenes Architekturstudium an der Technischen Hochschule Karlsruhe bricht Billing ebenfalls nach vier Semestern ab und arbeitet in Architektenbüros in Berlin und Aachen.

Billings Gebäude machen ihn schon damals berühmt

1892 heiratet er die Brauereibesitzer-Tochter Selma Anwandter, die er in Berlin kennengelernt hat. Mit ihrem Vermögen ist es ihm möglich, ein privates Architektenbüro in Karlsruhe zu gründen. Durch seine avantgardistischen Wettbewerbsentwürfe wird der Architekt schnell deutschlandweit bekannt. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts bekommt Billing, der inzwischen ein eigenes Haus in der Eisenlohrstraße in Karlsruhe für seine Frau und fünf Kinder gebaut hat, immer umfangreichere Projekte - und die Auftragslage wird stetig besser.

Billings Haus in der Eisenlohstraße.
Billings Haus in der Eisenlohrstraße. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Um die Bauaufgaben zu bewältigen, stellt er den Architekten Josef Mallebrein als Geschäftspartner ein und etabliert Zweigstellen in Baden-Baden und Mannheim. Nachdem er 1900 sein Büro in Frankfurt am Main eröffnet, bekommt er im gleichen Jahr noch eine Tochter und ein Jahr später noch einen Sohn.

In dieser Zeit baut Billing Gebäude, die teilweise heute noch bestehen und die ihn schon zur damaligen Zeit berühmt machen, unter anderem die Hof-Apotheke in der Kaiserstraße, die gesamte Baischstraße, in die 1902 auch Fritz und Clara Haber (geb.: Immerwahr) ziehen, und die Friedenskirche in der Karlstraße, die 1968 allerdings abgerissen wurde.

Designer, Architekt, Künstler

Obwohl der Architekt selbst kein Studium abgeschlossen hat, werden ihm die Ehrendoktorwürde und der Titel des Ehrensenators verliehen. Neben seinem Architekturbüro ist er auch als Professor an der Universität Karlsruhe sowie an der Kunstakademie tätig und hält den Posten eines Oberbaurats inne. Nach dem Skandal mit der "Stephanie", wie die Jugendstilfigur am Stephanplatz im Volksmund heißt, muss Billing zunächst seine Aufträge außerhalb Karlsruhes suchen.

In seinen dazu zählenden bekanntesten Projekten - wie die Kunsthalle Baden-Baden (1909) und die Kunsthalle Mannheim (1907) - weist er eine Art Jugendstil auf, die zum Neoklassizismus überleitet. In Bremen, Duisburg, Kiel und in ganz Baden errichtet Billing Brücken, Türme, öffentliche Gebäude und Wohnhäuser und ist gleichzeitig als Designer und Innenarchitekt tätig. Dazu malt und zeichnet er und tritt 1896 dem Karlsruher Künstlerbund bei.

Hermann Billings Haus in der Leopoldstraße.
Hermann Billings Haus in der Leopoldstraße. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Obwohl sein Baustil vom Historismus bis zum Neuen Bauen reicht, haben sich seine künstlerischen Tätigkeiten im Wesentlichen in der Zeit des Jugendstils abgespielt. 1905 bekommt Billing einen unehelichen Sohn - für die damaligen Zeiten ein Skandal, woraufhin sich seine Frau von ihm scheiden lässt. Insgesamt ist Billing dreimal verheiratet - mit seiner dritten Frau wohnt er in einem Jugendstilhaus in der Leopoldstraße, in der 1904 Max Himmelheber geboren wird, der Erfinder der Spanplatte.

Nach dem Ersten Weltkrieg wird es still um Billing

Hermann Billing nimmt als Offizier am Ersten Weltkrieg teil. Danach zieht er sich als Architekt zurück, es folgen nur noch wenige Bauausführungen, wie der Kolpingplatz von 1927 bis 1934 und bis 1938 Teile der Bebauung am Ettlinger Tor-Platz. Von diesen Plänen wird letztendlich jedoch nur das Gebäude der Oberpostdirektion gebaut, heute Sitz der Karlsruher Volkswohnung. 

Dennoch ist Billing als Architekt außerordentlich produktiv, mit 284 Bauten, Projekten und Innenausstattungen zwischen 1892 und 1938. Da er kein Anhänger des Nationalsozialismus ist, zieht er sich in seinen letzten Lebensjahren vollkommen zurück und stirbt 1946. Noch zu seinen Lebzeiten, im Jahr 1928, wird nahe des Ettlinger Tors in der Südweststadt ihm zu Ehren eine Straße nach ihm benannt. 

Vor dem Haus in der Leopoldstraße steht eine Gedenktafel für Hermann Billing.
Vor dem Haus in der Leopoldstraße steht eine Gedenktafel für Hermann Billing. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter
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  •   Waterman
    (6592 Beiträge)

    28.02.2021 17:54 Uhr
    Ein kleines Wäldchen
    war früher in der Südostecke des Stephanplatzes und hat den Skandalbrunnen sozusagen im Dickicht der Bäume bis in die 70er Jahre versteckt, aber auch die Jahre überstehen lassen.
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  •   UngueltigDannZuLang
    (317 Beiträge)

    27.02.2021 15:47 Uhr
    Um mal ganz unbadisch zu schmeicheln
    aber Frau Quinlan-Flatter hat einen Artikel ganz nach meinem Geschmack geschrieben.
    Es gibt so viel interessantes in KA. Man muss er nur sehen (wollen/koennen). Danke.
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  •   Reger
    (624 Beiträge)

    27.02.2021 20:24 Uhr
    Finde ich auch
    Wenn man die Augen offen hält, findet man selbst Interessantes.
    Vor einiger Zeit habe ich am südlichen Ende der Waldstraße an einer Hauswand eine Erinnerung an eine in Karlsruhe geborene Schriftstellerin gefunden. Ich will nicht mehr verraten. Vielleicht wissen Sie es aber schon.
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  •   UngueltigDannZuLang
    (317 Beiträge)

    28.02.2021 16:11 Uhr
    Heute habe ich noch nichts rausgefunden
    obwohl ich daran vorbeigeradelt sein muesste.

    Eine Gedenktafel fuer einen Heinrich Vierordt habe ich gesehen. Nach einem kurzen Blick in Wikipedia weiss ich, dass es zwei davon in KA gab. Ein Bankier (Stifter des Bads) und einen Dichter. Nun gut. Dass das Bad nicht nach dem ersten Bademeister benannt wurde, habe ich mir schon gedacht.

    Aber ich habe erst heute gemerkt/gesehen, dass Frau Quinlan-Flatter schon lange sehr gute Artikel schreibt. Manchmal hilft halt auch der Zufall und eine Portion Sauerstoff.
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  •   Reger
    (624 Beiträge)

    28.02.2021 16:48 Uhr
    Marie Luise Kaschnitz
    Radeln Sie oder laufen Sie aus der Innenstadt kommend zum letzten Haus auf der rechten Seite.
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  •   UngueltigDannZuLang
    (317 Beiträge)

    28.02.2021 21:18 Uhr
    Manchmal hilft es auch
    mit den Leuten ins Gespraech zu kommen. Und nicht nur zu gucken. Danke.
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  •   UngueltigDannZuLang
    (317 Beiträge)

    28.02.2021 01:30 Uhr
    Nein, weiss ich noch nicht
    Aber bald ...
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  •   Reger
    (624 Beiträge)

    27.02.2021 14:49 Uhr
    Stephanie
    Interessanter Beitrag über den Architekten.
    So richtig klar geworden ist mir der Skandal um diese Figur nicht.
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  •   silberahorn
    (10915 Beiträge)

    27.02.2021 19:04 Uhr
    Der Skandal
    wird darin bestanden haben, dass bekannte Persönlichkeiten beleidigt wurden, indem man sie als karikiert als Männer darstellte, die doch ganz gerne nackte Frauen anschauen.

    Eine nackte Frau ist insofern kein Problem, als es viele männliche Nackte als Skulptur davor auch schon lange gab. Es könnte schon eher das Problem darin bestanden haben, dass mit der Nacktheit ein soziales Gefälle aufgezeigt werden sollte (hat nichts mehr anzuziehen).
    Die Zeit vor der Jahrhundertwende war davon geprägt, dass es viele Neureiche gab, was man auch ganz deutlich an den damaligen Bauten bemerken kann. Daneben wird es eben auch die Verlierer gegeben haben, die eventuell ausgebeutet wurden, manche davon auch sexuell.
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  •   Reger
    (624 Beiträge)

    27.02.2021 20:16 Uhr
    Danke
    für freundliche Erklärung.
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