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Karlsruhe Karlsruher Berühmtheiten von nebenan: Ludwig Marum - Politiker, Samariter, Opfer

Ob der Vater des Automobils oder ein Widerständler gegen den Nationalsozialismus - bekannte Persönlichkeiten als Ex-Nachbarn sind in Karlsruhe gar nicht mal so selten. Wer lebte wo in den zahlreichen Straßen und Gässchen der Fächerstadt? In der neuen Reihe "Karlsruher Berühmtheiten von nebenan" hat ka-news.de sich bekannte (Wahl-)Karlsruher und ihre Wohnstätten genauer angeschaut. Heute: Der jüdische SPD-Politiker Ludwig Marum, der 1934 im KZ bei Bruchsal ermordet wird.

Laut einem Bericht des Geheimen Staatspolizeiamtes - der Gestapo - am 29. März 1934, hat sich der frühere Staatsrat und Karlsruher Reichstagsabgeordnete Ludwig Marum, der sich seit Mai 1933 in Schutzhaft befindet, in der vorausgegangenen Nacht in seiner Zelle im Konzentrationslager Kislau bei Bruchsal erhängt. Es bestehe die Vermutung, dass Marum "in einem Anfall von Schwermut die Tat vollbracht hat", da seine Haftentlassung ihm "nicht in Aussicht gestellt werden konnte". 

Große Teile der Bevölkerung glauben die Geschichte des Selbstmords aber nicht. Die Beisetzung seiner Urne auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe gestaltet sich zu einer Demonstration, an der über 3.000 Personen teilnehmen. Seine Mörder werden erst nach dem Krieg im Jahr 1948 verurteilt.

Marum setzt sich für Benachteiligte ein

Ludwig Marum, der aus einer jüdischen Familie stammt, wächst in Bruchsal auf und studiert Jura in Heidelberg und München, bevor er sich der badischen SPD anschließt und sich als Rechtsanwalt in Karlsruhe niederlässt. Von 1911 bis 1921 ist er Mitglied des Karlsruher Bürgerausschusses und wird 1914 in den Badischen Landtag gewählt. 1919 wird er Abgeordneter der Badischen Nationalversammlung, dem ersten Parlament in der neuen Republik.

Die Wendtstraße 3 - hier hat Ludwig Marum gewohnt.
Die Wendtstraße 3 - hier hat Ludwig Marum gewohnt. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Marum gilt als ehrenhafter und beliebter Bürger und ist eine zentrale Figur in der badischen Politik. Er kümmert sich besonders um benachteiligte Menschen, vielleicht, weil er selbst in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist.

So kämpft er für die Abschaffung der Todesstrafe und sowohl gegen Diskriminierung unverheirateter Mütter als auch für die Rechte unehelicher Kinder. Ein Anliegen war ihm auch der gleiche Lohn für Männer und Frauen. Mittellosen Kunden stellt er seine Anwaltsleistungen kostenlos zur Verfügung.

Zielscheibe des Antisemitismus

In dem neu gewählten Badischen Landtag ist Ludwig Marum von 1919 bis 1928 Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion und danach Reichstagsabgeordneter. Aber bei der 1933 neu gewählten Regierung ist er nicht beliebt: In der Weimarer Republik hat er für die Ideale der Demokratie gekämpft und sich aktiv gegen die aufstrebende NSDAP engagiert. Als Jude ist er zudem Zielscheibe von antisemitischem Hass.

"Stolpersteine" von Ludwig Marum und seiner Frau vor ihrem Haus in der Wendstraße 3.
"Stolpersteine" von Ludwig Marum und seiner Frau vor ihrem Haus in der Wendstraße 3. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Am 10. März 1933 wird Marum gleichzeitig mit den Führern der Arbeiterbewegung in Baden und anderen Sozialdemokraten verhaftet und soll auf unbestimmte Zeit in sogenannte Schutzhaft kommen. Am 16. Mai des gleichen Jahres wird er, zusammen mit dem früheren badischen Staatspräsidenten Adam Remmele und fünf weiteren führenden badischen Sozialdemokraten, aus dem Gefängnis im westlichen Teil der Stadt von SA- und SS-Einheiten abgeholt.

Öffentliche Demütigungsfahrt durch Karlsruhe

Von hier aus werden sie in einer demütigenden Fahrt im offenen Polizeiwagen durch die Straßen von Karlsruhe zum Polizeipräsidium öffentlich überführt. Eine riesige Menschenmenge steht vor dem Gefängnis, die die völlig überraschten Sozialdemokraten bei ihrem Erscheinen "mit schrillen Pfeifen, Pfui- und Niederrufen" empfingen, wie in Karlsruhes Zeitung "Der Führer" vom 17. Mai berichtet wird.

Laut Zeitung schreitet vor dem ersten Polizeiwagen eine zweireihige SS-Kolonne zur Freimachung der Straßen. Hinter dem ersten Wagen folgt ein SA-Wagen, und der Zug ist an beiden Seiten und am Schluss von zahlreichen SA-Leuten flankiert, die das Publikum von der Fahrbahn auf den Gehweg zurückdrängen. Remmele sitzt mit Grünebaum, dem früheren Redakteur von Karlsruhes SPD-Zeitung, zusammen, dann folgen die restlichen Männer und hinten, zwischen zwei Polizeibeamten, sitzt Marum.

Ludwig Marum
Ludwig Marum | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schmeiser 16398

Die Polizeiwagen dieser groß inszenierten Schaufahrt fahren im Schritttempo durch eine dichte, "oft achtgliedertiefe Menschenmauer", heißt es. Ununterbrochen ertönen beleidigende Rufe wie "Arbeiterverräter". Während der Fahrt wird der gesamte Straßenbahn- und Autoverkehr lahmgelegt. Rotfrontanhänger, die versuchen gegen die Geschehnisse zu protestieren, werden auf der Stelle verhaftet und auf dem Polizeiwagen mit transportiert.

Die Chance zur Flucht verstreicht

Vom Polizeipräsidium aus werden die Männer in das neu errichtete Konzentrationslager Kislau bei Bruchsal gebracht. Hier wird Ludwig Marum fast ein Jahr bleiben, glaubt aber, er wird sich gegenüber der neuen Regierung auf den Rechtsstandpunkt stellen können. Obwohl man ihm zu Beginn seiner Haft in Kislau die Möglichkeit zur Flucht bietet, indem er für zwei Tage Freigang erhält, nimmt er dies nicht wahr, da er sein Ehrenwort gegeben hat, wieder zurückzukehren.

Mehrere Stolpersteine: Abgeordnete des Badischen Landtags, vor der Stadtbibliothek im Neuen Ständehaus, auch Ludwig Marum ist darunter.
Mehrere Stolpersteine: Abgeordnete des Badischen Landtags, vor der Stadtbibliothek im Neuen Ständehaus, auch Ludwig Marum ist darunter. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Marum glaubt fest daran, dass die NS-Regierung ihm nur seine wirtschaftliche Existenz ruinieren will. Nach und nach werden die anderen sechs Sozialdemokraten entlassen, müssen aber unterschreiben, dass sie sich nie wieder politisch betätigen werden. Marum unterschreibt nicht, da er an baldige Entlassung glaubt. Obwohl Adam Remmele ihm davon abrät, besteht Marum auf eine Verlegung aus dem allgemeinen Schlafsaal in eine Einzelzelle. Am 29. März 1934 wird er in seiner Zelle ermordet.

Marums Mörder kommen vor Gericht

Nach seiner Ermordung verlässt Ludwig Marums Familie Deutschland und lebt in großer Armut in Paris - nicht zuletzt, weil sie vor ihrem Verlassen Deutschlands von den Behörden ausgeplündert werden. Die Regierung sperrt auch die Auszahlung von Ludwig Marums Lebensversicherung, weil sie von der Familie Marums Haftkosten ersetzt bekommen wollen. Seine Frau Johanna kehrt später nach Deutschland zurück, ebenso sein Sohn Hans, Tochter Elisabeth wandert nach New York aus.

Die Wendtstraße.
Die Wendtstraße. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Seine zweite Tochter Eva Brigitte allerdings ereilt ein ebenfalls tragisches Schicksal: Sie wird 1943 im Konzentrationslager Sobibor ermordet. Vier von Ludwig Marums fünf Mördern indes müssen sich später vor Gericht verantworten - allerdings zu sehr unterschiedlichen Haftstrafen von drei Monaten bis 15 Jahren. Der letzte wird im Jahr 1960 entlassen.

Der fünfte Mörder wird nicht angeklagt, er ist schon 1943 in Russland gefallen. Zum Gedenken an Marums Wirken wird 1946 die Maxaustraße in der Karlsruher Weststadt in Ludwig-Marum-Straße umbenannt.

 

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  •   Nacional
    (596 Beiträge)

    21.03.2021 11:37 Uhr
    haben die Menschen aus der Geschichte gelernt?
    nicht viel, wenn man heutige Wahlerumfragen in der Ex-DDR sieht, in denen fast 25% für Braune Hetzer und Lügner stimmen würden
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  •   UngueltigDannZuLang
    (207 Beiträge)

    20.03.2021 19:32 Uhr
    Ja.
    Danke auch von mir. Das ist einfach gut. Und wenn jemand daran interessiert ist, noch mehr lernen zu wollen: An der Ludwig-Marum-Strasse gibt es eine Fanny-Hensel-Anlage. Warum wird die nicht am Mendelsohn-Platz erwaehnt?
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  •   Reger
    (534 Beiträge)

    20.03.2021 16:31 Uhr
    Vielen Dank
    für diesen Artikel und die Erinnerung an Herrn Marum.
    Die damaligen Verbrechen müssen im Gedächtnis bleiben, da der zivilisierte Umgang unter uns Menschen sehr leicht zerstört werden kann.
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  •   likeka
    (606 Beiträge)

    20.03.2021 16:14 Uhr
    Danke!
    Vielen Dank für diesen Text, handelt es sich doch um einen der ehrbarsten Bürger Karlsruhes.
    Aufrichtig, unbeugbar gegen das von einer Mehrheit getragene Terrorregime Hitlers. Er hat für seine Überzeugungen, eine liberale, soziale Demokratie mit dem Leben bezahlt und doch strahlt er eine solche Würde aus.
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