6  

Karlsruhe Karlsruher Berühmtheiten von nebenan: Friedrich Weinbrenner - der Visionär, der die Fächerstadt formte

Ob der Vater des Automobils oder ein Widerständler gegen den Nationalsozialismus - bekannte Persönlichkeiten als Ex-Nachbarn sind in Karlsruhe gar nicht mal so selten. Wer lebte wo in den zahlreichen Straßen und Gässchen der Fächerstadt? In der neuen Reihe "Karlsruher Berühmtheiten von nebenan" hat ka-news.de sich bekannte (Wahl-)Karlsruher und ihre Wohnstätten genauer angeschaut. Heute: der Oberbaudirektor Karlsruhes - Friedrich Weinbrenner.

Die Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 ist die entscheidende Schlacht in den Befreiungskriegen zwischen den Verbündeten Russland, Preußen, Österreich und Schweden gegen Napoleon Bonaparte. In Erinnerung an diese Schlacht soll ein Denkmal in Leipzig errichtet werden, wofür Architekten und Bildhauer eingeladen werden, Vorschläge einzureichen.

Weinbrenner darf sein Denkmal nicht bauen

Auch der Karlsruher Architekt Johann Jakob Friedrich Weinbrenner, der das Erscheinungsbild der Fächerstadt bereits stark geprägt hat, reicht einen Entwurf ein. Doch im Jahr 1815 verbietet der König von Sachsen, Friedrich August I, alle Feiern zur Erinnerung der Schlacht – Friedrich August verlor die Schlacht nämlich an der Seite von Napoleon. Die Errichtung eines Denkmals wird also unmöglich.

Weinbrenners Haus neben dem Ettlinger Tor.
Weinbrenners Haus neben dem Ettlinger Tor. | Bild: 498-1 Nr. 1304 (Link: http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1079053-1)

Erst 1900 wird in Leipzig der Grundstein eines vom Bruno Schmitz entworfenen Denkmals gelegt und 1913 der Schlussstein gesetzt. In Karlsruhe wird bereits im Oktober 1814 ein Fest – "eine Gelegenheit zur frohen patriotischen Begehung der Befreiung Deutschlands" veranstaltet, wie die Großherzogliche-Badische Staatszeitung von damals berichtet.

Gefeiert wird mit Mittagstafel, Ball, "türkischer Musik" und Feuerwerk zusammen mit dem "von Herrn Oberbaudirektor Weinbrenner entworfenen und in entsprechender Größe nachgebildeten deutschen National-Denkmal der Leipziger Schlacht".

Weinbrenners Odyssee 

Doch der Weg zum "Oberbaudirektor" war ein weiter. Weinbrenners Vater Johann ist Hofzimmermeister in Karlsruhe und betreibt ein erfolgreiches Geschäft. Als er im Alter von 45 Jahren stirbt, muss Friedrich, geboren 1766 und zu diesem Zeitpunkt knapp 16 Jahre alt, den Zimmereibetrieb übernehmen.

Weinbrenner ist hier aber unbefriedigt und sehnt sich nach größeren Dingen. Er geht in die Schweiz, wo er als Bauführer arbeitet, und später nach Wien, Dresden und Berlin, um Architektur zu studieren. Überall lernt er Architekten und Maler kennen und knüpft zahlreiche Freundschaften.

Weinbrenner ist durch die Antike motiviert und vor Allem vom Klassizismus beeinflusst, zum Beispiel von Carl Gotthard Langhans, der das Brandenburger Tor in Berlin baute. Dies sieht man deutlich in seinem ersten Entwurf für den neuen Marktplatz in Karlsruhe. Weinbrenner reist von 1792 und 1797 nach Italien, um Architektur und Kunst zu studieren. Von hier aus erfährt er, dass der Markgraf Karl Friedrich beabsichtigt, den Karlsruhe Marktplatz neu zu gestalten – für das Projekt gibt es einen internationalen Wettbewerb.

Ein Streit vertreibt den Architekten aus Karlsruhe

Dank der napoleonischen Neuzuordnung der deutschen Territorien steigt die Residenzstadt Karlsruhe zur Hauptstadt des neuen Großherzogtums Baden auf. Der junge Architekt reicht einen Plan ein, der die "neuesten Trends" mit einbezieht.

Wilhelm Jeremias Müller, Bauinspektor in Karlsruhe, ist von Weinbrenners Entwurf überhaupt nicht begeistert und obwohl die Pläne beim Markgraf Anklang zu finden scheinen, wird eine Entscheidung nicht getroffen. Weinbrenner kommt 1797 nach Karlsruhe zurück und wird vom Markgrafen als Bauinspektor angestellt.

Müller wird Baudirektor, aber obwohl Markgraf Karl Friedrich mit Weinbrenners Plänen zufrieden ist, geht das Vorhaben nicht weiter. Gereizt durch die Situation zieht Weinbrenner nach Straßburg, wo er 1798 Margaretha Arnold, die Tochter des Straßburger Stadtbaumeisters, heiratet und dadurch zum französischen Staatsbürger wird.

Die Kirche Kirche St. Stephan ist ebenfalls ein Bauwerk Weinbrenners.
Die Kirche Kirche St. Stephan ist ebenfalls ein Bauwerk Weinbrenners. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Die Streitigkeiten mit Müller sind darauf zurückzuführen, dass die beiden Architekten komplett unterschiedliche Ansichten haben – der eine ist vom Barockstil und der andere vom Klassizismus begeistert. Doch Weinbrenner kehrt wieder in seine Heimatstadt zurück – zumal die französische Revolution noch in Frankreich tobt – und wird 1800 Leiter einer staatlich geförderten privaten Bauschule.

Von Karlsruhe in die Welt: der "Weinbrenner-Stil"

1825 geht diese Schule mit anderen Hochschulen in der neu gegründeten "Polytechnischen Schule Karlsruhe" auf - die Vorgängerin des heutigen Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Müller stirbt 1801 und Weinbrenner wird daraufhin Baudirektor. Endlich wird sein Plan umgesetzt. Seine Hauptaufgabe besteht in der Umwandlung der kleinen Stadt in die Hauptstadt von Baden. Als Vertreter des Klassizismus in Karlsruhe hat er viele Teile der Innenstadt gestaltet.

Das Karlsruher Rathaus. | Bild: Thomas Riedel

Sein persönlicher Stil lehnt sich an die römische Antike, Palladio (die Renaissance in Oberitalien) und die französische Revolutionsarchitektur an. In seiner privaten Schule am Ettlinger Tor bildet er mehr als 100 Schüler aus, die aus dem ganzen deutschsprachigen Raum kommen. Diese verbreiten den "Weinbrenner-Stil" auch in zahlreiche andere Länder.

Vor allem aber in Karlsruhe und Baden-Baden entwirft Weinbrenner private und öffentliche Bauten, entwickelt die grundsätzliche Stadtplanung und gestaltet Teile der Grünanlagen. In Karlsruhe entwirft der Architekt die zentrale Nord-Süd-Achse der Stadt, die sogenannte Via Triumphalis und den Marktplatz.

Weinbrenner entwirft die Via Triumphalis

Er baut das Rathaus, das Markgräfliche Palais, die evangelische Stadtkirche, die Münze, das Mühlburger und Ettlinger Tor, neben dem er sein eigenes Wohnhaus errichtet. Beide Tore sind inzwischen abgerissen. Zudem ist er der Architekt der Via Triumphalis. Viele Weinbrenner-Bauten werden im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, unter anderem das Rathaus und die Stadtkirche, werden aber wieder im ursprünglichen Stil aufgebaut.

Die Stadtkirche samt Ludwigsbrunnen am Marktplatz, beides hat Weinbrenner entworfen. | Bild: Thomas Riedel

Auch viele andere Gebäude werden zerstört, zum Beispiel das Ständehaus – der erste Parlamentsneubau in Deutschland – und das Amalienschlösschen. Weinbrenner stirbt 1826 nach schwerer Krankheit. In der Weststadt sind eine Straße und ein Platz nach ihm benannt. Begraben liegt der Stadtbaumeister in einer seiner eigenen Bauwerke: der evangelischen Stadtkirche am Marktplatz.

Mehr zum Thema
Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de: Alte Seifenfabriken und Milchzentralen oder Eindrücken von der Kaiserstraße aus den 50er Jahren - in der Serie "Es war einmal" nimmt ka-news seine Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Hier finden Sie Gespräche mit Zeitzeugen und Impressionen aus der über 300-jährigen Geschichte der Fächerstadt.

Haben Sie eine Anregung, Fragen zu einem alten Gebäude oder können uns etwas über das frühere Karlsruhe erzählen? Dann schreiben Sie uns per Mail oder per ka-Reporter-Formular. Wir freuen uns auf Ihre Geschichten!

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (6)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   Waterman
    (6559 Beiträge)

    13.03.2021 16:40 Uhr
    Ständehaus
    Dass das Ständehaus nicht wieder aufgebaut wurde, ist gelinde gesagt ein Skandal. Wie auch im Artikel erwähnt, wurden viele Gebäude wieder original aufgebaut.
    Nur das Ständehaus ließ man liegen, gab Teile des Grundstückes an die Kirche und räumte die Überreste ab, um an der Stelle des ersten Parlamentneubaus in Deutschland jahrelang einen Parkplatz zu unterhalten.

    Man brauche das ja nicht mehr, weil die Hauptstadt des Südweststaates ja Stuttgart ist und man die Badischen Ambitionen, sagen wir mal positiv, nicht befördern wollte.
    Was da jetzt als Erinnerungsstätte verkauft wird, lässt Weinbrenner sicherlich im Grabe rotieren.

    Mir wird schon zu Lebzeiten jedes Mal übel, wenn ich dran vorbeilaufe.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   reinhardo48
    (30 Beiträge)

    13.03.2021 11:32 Uhr
    Wertschäzung ...?
    Dass der WEINBRENNER PLATZ ... nicht... im ZENTRUM der Stadt - in ihrem HERZEN- liegt, sondern
    irgendwo im Westen, zeigt deutlich die wahre Wertschäzung der Stadt und ihrer Gestalter für diesen
    so großartigen Architekten!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Waterman
    (6559 Beiträge)

    13.03.2021 17:01 Uhr
    Im Kern ist zuzustimmen
    Karlsruhe ist etwas unglücklich bei der Wahl von Plätzen und Straßen für Menschen, die von der Stadt eigentlich gerne als wichtig genannt werden.
    Dazu zählen sicher auch die Benzstraße und die Tullasstraße.

    Der neueste Fehlgriff ist in meinen Augen, den neuen Kriegstraßentunnel nach einer ehemaligen adligen Dame zu benennen. Das ist für eine Republik im 21. Jahrhundert sicher ein hilfloser Fehlgriff.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   80er
    (6015 Beiträge)

    13.03.2021 16:10 Uhr
    Naja....
    ...ich finde nicht dass der Weinbrennerplatz irgendwo im Westen der Stadt ist. M. E. hat der Platz durchaus eine wichtige Funktion. Jeder Karlsruher kennt den Platz.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   ALFPFIN
    (7686 Beiträge)

    13.03.2021 09:55 Uhr
    Er schaut ein
    bisschen verdrießlich, der Herr Weinbrenner. Wie würde er heute auf seine Heimatstadt schauen, möglicherweise genauso verdrießlich. 😉

    "aber obwohl Markgraf Karl Friedrich mit Weinbrenners Plänen zufrieden ist, geht das Vorhaben nicht weiter. Gereizt durch die Situation zieht Weinbrenner nach Straßburg"

    Wohin würde er denn heute aus Frust weiter ziehen, wenn er mit den jahrelangen Verzögerungen unserer Bauobjekte und den endlosen Kosten konfrontiert werden würde.

    Aber Gott sei Dank ist er ja wieder in seine Heimatstadt zurückgekommen.

    Danke, ka-news, dass Sie uns Weinbrenner mal wieder in Erinnerung gebracht haben.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Waterman
    (6559 Beiträge)

    13.03.2021 16:49 Uhr
    Karlsruher Bruddler
    Es zeigt einfach, dass um fast alles in Karlsruhe gerne und lange gestritten wird.
    Nicht nur die Planung und Bau des Marktplatzes damals war eine Sache von 25 Jahren, auch die Verlegung des Bahnhofs von der Kriegsstraße an seinen heutigen Ort war 10 Jahre umstritten.
    20 Jahre für die Kombi liegt also im bester Tradition. grinsen
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.