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Karlsruhe "Ein Zeichen des Friedens": Jugendliche aus fünf Ländern pflegen Kriegsgräber auf Karlsruher Hauptfriedhof

In einem Projekt mit der Zielsetzung "Gemeinsam für den Frieden" sind dieses Jahr vierzehn Jugendliche gemeinsam mit ihren Betreuern aus fünf verschiedenen Ländern zusammengekommen, um an den Gräbern der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe zu arbeiten. Das Projekt des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Landesverband Baden-Württemberg, fördert Verständnis und Vertrauen, auch für die Vergangenheit, zwischen den Ländern Europas. Neben der Arbeit an den Kriegsgräbern erlebten die jungen Menschen während ihres zwölftägigen Aufenthalts sowohl interessante Städtebesuche in Heidelberg und Überlingen, als auch kulturelle Angebote in Vorträgen und Veranstaltungen. Am 11. August besuchte Oberbürgermeister Frank Mentrup die Gruppe bei der Arbeit und kam mit den Jugendlichen ins Gespräch.

Auf dem Karlsruher Hauptfriedhof liegen mehrere Gräberfelder für Opfer der beiden Weltkriege, darunter sowohl Zivilisten und Soldaten, als auch Euthanasieopfer des Dritten Reichs. Insgesamt sind das Tausende von Gräbern und sie haben alle ewiges Grabrecht.

Volksbund Baden-Württemberg lädt ein

Der Volksbund Baden-Württemberg veranstaltet jedes Jahr einen Workshop in Baden-Württemberg für junge Leute, die diesen Sommer aus Deutschland, Polen, Rumänien, Bulgarien und Ukraine kommen und zwischen 16 und 24 Jahre alt sind. Uwe Reinisch leitet ehrenamtlich in seinem Sommerurlaub das internationale Camp in Baden-Württemberg.

Bild: Katherine Quinlan-Flatter

"Es ist mir eine Herzensangelegenheit, die jungen Leute zusammenzubringen," sagt Reinisch, akademischer Mitarbeiter an der Hochschule Aalen, "und ihnen die Möglichkeit zu geben, internationale Freundschaften zu knüpfen." Die Arbeit macht er seit 2004. Ihm ist es wichtig, durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit, die Zukunft zu gestalten.

"Wie Jean-Claude Juncker sagte, wer an Europa zweifelt soll Soldatenfriedhöfe besuchen", sagt er. Ein Soldatengrab sei Europa. "Dieser zweite Besuch von internationalen Jugendlichen in Karlsruhe, das Kennenlernprogramm und die Pflege der Gräber ist ein wunderbarer Beitrag vom Volksbund", sagt Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup beim Treffen mit den jungen Leuten am vergangenen Mittwoch.

"Karlsruhe ist  Stadt der Offenheit und Internationalität"

Mentrup hofft, dass diese gemeinsame Friedensarbeit eine Vorbereitung auf späteres Engagement sei. Er dankt der Gruppe und dem Volksbund für ihren grenzüberschreitenden Beitrag für Frieden in Europa. "Karlsruhe ist eine Stadt der Offenheit und Internationalität", sagt Mentrup weiter. "Es wäre meine Hoffnung, dass Sie über soziale Medien eine Art Netzwerk aufbauen könnten, die die Friedensarbeit unter Jugendlichen fördert, eine Freundschaft für die Zukunft schafft und ein europäisches Projekt für den Frieden etabliert."

Bild: Katherine Quinlan-Flatter

"Wir sind froh, dass wir es geschafft haben, internationale Teilnehmer zu bekommen“, ergänzt Uwe Reinisch. "Wir versuchen den internationalen Austausch herzustellen und ein Netzwerk zu ermöglichen. Und wenn die Sonne scheint gibt es gute Stimmung bei der Arbeit."

Lenya ist 16 Jahre alt und kommt aus Speyer. "Für mich sind die Gräber ein Mahnmal für die Zukunft", sagt sie. "Meine erste Begegnung mit dem Volksbund war über meinen Urgroßvater. Durch das Pflegen werden die Gräber sichtbar und zu einem Ort des Gedenkens. Man lernt hier viel über andere Länder und setzt ein Zeichen für den Frieden."

Jugendliche haben verschiedene Motivation

Die 19-jährige Olha kommt aus der Ukraine und arbeitet zum dritten Mal im Camp in Deutschland. Ihre Motivation liegt darin, dass sie eine Art Botschafterin für ihr Land sein und die Vorstellungen von Stereotypen brechen möchte. "Ich interessiere mich auch für Geschichte und den Zweiten Weltkrieg", erklärt Olha. "Und hier lernt man viele interessante junge Leute kennen."

Bild: Katherine Quinlan-Flatter

"Finden Sie bei Ihren Eltern Unterstützung oder sind diese eher kritisch?", fragt Mentrup. Die Antwort: "Die erste Reaktion war schon etwas komisch und verwundert, aber mit der Zeit kam immer mehr Verständnis für unsere Arbeit auf."

Julian, 18, kommt aus Polen, aus der Region des ehemaligen Oberschlesiens. Seine Vorväter haben sowohl gegen als auch mit den Deutschen in den Kriegen gekämpft. "Mein Urgroßvater war in der K. und K. Armee und kämpfte für die Deutschen bei Verdun", erklärt Julian. "Aber 1921, beim dritten Aufstand in Oberschlesien, kämpfte er auf der polnischen Seite gegen die Weimarer Republik. Und im Zweiten Weltkrieg haben drei Männer aus meiner Familie als ‘Volksdeutsche‘ gekämpft."

Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Er fände es sehr spannend, Leute aus anderen Ländern kennenzulernen. Gleichzeitig möchte er etwas tun, um seinen Vorvätern für ihren Einsatz zu danken. "Manchmal ist es herzzerreißend", sagt er. "Aber ich habe das Gefühl, ich bringe Europa enger zusammen und lerne neue Freunde kennen."

"Eine einzigartige Erfahrung"

Kristian aus Bulgarien ist 23. "Vor sechs Jahren war ich auf einem deutschen Gymnasium und ein Freund erzählte mir vom Volksbund. Zuerst dachte ich, ich möchte Deutschland sehen, neue Leute kennenlernen. Aber im Camp fühlt es sich an, als ob wir eine große Familie wären, mir wurde bewusst, dass wir wichtige, nützliche Arbeit machen, dass wir die Menschen näher zueinander bringen und etwas bewirken."

Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Florin Badau ist einer der ehrenamtlichen Betreuer und kommt aus Rumänien. Er arbeitet seit vier Jahren in den Camps. Über seine Deutschlehrerin hat er von der Arbeit des Volksbunds erfahren. Er interessiert sich auch sehr für Geschichte.

"Ich habe Leute aus zehn Nationen kennengelernt", erzählt Florin. "Es ist eben eine einzigartige Erfahrung." Florins Großvater habe im Zweiten Weltkrieg gekämpft und hat ihm immer von seinen Erlebnissen erzählt. "Das war teilweise meine Motivation und ich bin froh, dass ich es mache.

"Eure Urgroßeltern und Großeltern haben vielleicht gegen meine gekämpft", sagt Mentrup. "Deswegen ist es eine ganze große Geste der Verständigung, diese Gräber zu pflegen. Was Sie hier machen ist auch eine politische Entscheidung, ein Zeichen des Friedens, von internationaler Verantwortung und eine Vorbereitung für die Zukunft."

Alle Bilder der Grabpflege als Galerie:

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Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de: Alte Seifenfabriken und Milchzentralen oder Eindrücken von der Kaiserstraße aus den 50er Jahren - in der Serie "Es war einmal" nimmt ka-news seine Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Hier finden Sie Gespräche mit Zeitzeugen und Impressionen aus der über 300-jährigen Geschichte der Fächerstadt.

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