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Rheinstetten Der "Geister-Bahnhof" bei Rheinstetten: Existierte nahe der Neuen Messe tatsächlich eine vierte Scheinanlage?

Eine "Kopie" von Karlsruhe, die die echte Fächerstadt im Zweiten Weltkrieg vor alliierten Bomben schützen sollte - das sind die heute nahezu unbekannten "Scheinanlagen". Vor knapp drei Jahren berichtete ka-news.de zum ersten Mal über die um Karlsruhe verstreuten Überreste der drei Attrappen. Nun wurde bekannt: Es könnte eventuell sogar noch eine vierte gegeben haben.

Kaum eine deutsche Stadt hat im Ersten Weltkrieg so viele Luftangriffe erlitten wie Karlsruhe. Die Stadt galt bereits beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als besonders bombardierungsgefährdet. Durch die Simulation der Fächerstadt, des Rheinhafens und des Industriegebiets sollten die Bombardierungsziele der feindlichen Bomber vorgetäuscht werden und bewirken, dass die Bomben auf Stellen im Wald fielen.

Die drei Scheinanlagen, die von der Luftwaffe errichtet wurden, hatten alle südamerikanische Decknamen und sind im Kriegstagebuch des Luftgaukommandos VII erwähnt. "Venezuela", vermutlich auf dem Gelände des heutigen Campus Nords, simulierte mit eingeschnittenen Wegen und komplexen Lampensystemen die Stadt selbst. "Columbia", in der Nähe eines Baggersees bei Weingarten, stellte den Karlsruher Rheinhafen nach.

Wurde die "Panama"-Anlage gefunden?

Laut Angaben der Luftwaffe im Rahmen der "Geheimen Kommandosache" wurde die dritte Anlage, genannt "Panama", bei Ettlingen im Hardtwald errichtet und bildete das Industriegebiet ab. Diese Anlage konnte allerdings nie wirklich lokalisiert werden - bis jetzt.

Kürzlich sind Informationen über eine vermutliche Scheinanlage nahe der Messe Karlsruhe bei Rheinstetten aufgetaucht, die weder bei Ettlingen liegt, noch ein Industriegebiet simuliert hat. Es ist dabei nicht klar, ob sie eine mögliche vierte Scheinanlage gewesen ist oder ob es sich um die verschollene "Panama" handelt.

Doch wie das? Als die Stadt Rheinstetten vor etwa zwei Jahren die potentielle Kampfmittelbelastung am Messering in Forchheim untersuchen wollte, hatte sie die Firma Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH im bayerischen Estenfeld beauftragt, eine Vorerkundung durchzuführen. Das Gutachten wurde 2019 erstellt und die Auswertung enthält unter anderem Luftbilder aus den Kriegsjahren.

Scheinanlage soll Karlsruher Bahnhof imitiert haben

Laut diesem Gutachten wurden bereits ab 1939 Panzergräben, Verteidigungsstellen und Bunker errichtet, die unter dem Namen "Mörscher Riegel" zum Verteidigungsgürtel des Westwalls gehörten. Weiterhin sei bei Forchheim ganz in der Nähe des heutigen Messegeländes "eine Scheinanlage angelegt, die eine Nachbildung des Karlsruher Bahnhofs darstellten sollte". Die hier verwendeten Signalleuchten seien bei feindlichen Einflügen eingeschaltet worden.

Die neue Messe in Rheinstetten.
Die neue Messe in Rheinstetten. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Anhand der Luftbilder sei es laut des Gutachtens nun möglich gewesen festzustellen, dass die Scheinanlage wahrscheinlich im Jahre 1944 entstanden ist. Obwohl das recht spät für den Bau einer neuen Scheinanlage erscheint, ist es nicht ausgeschlossen.

Ursprung der Anlage noch unklar

In Württemberg wurden Scheinanlagen noch bis 1943 gebaut – in Karlsruhe allerdings hatten die bekannten bestehenden drei Anlagen bis zu dieser Zeit auf Grund des verbesserten Radars ihre Funktion verloren und sind nach Ansicht des Experten Norbert Prothmann von der Forschungsgruppe Untertage e.V. aller Wahrscheinlichkeit nach 1943 wieder abgebaut worden.

Die Forschungsgruppe Untertage mit Sitz in Stuttgart erforscht und dokumentiert Luftschutzanlagen, Bunker und andere Untertageanlagen in der Region. Bereits seit mehreren Jahren recherchiert der Hobbyhistoriker über das Thema Scheinanlagen in Karlsruhe.

Das Gutachten stellte weiter fest: "Bereits die ersten Luftbilder vom 19. April 1940 zeigen im Süden des Auswertungsgebiets mehrere Bunkeranlagen und Stellungen." Laut Prothmann zeige das Luftbild auch Strukturen, die eher für eine Flakstellung, von denen aus Flugabwehrkanonen abgefeuert wurden, typisch sind.

Flakstellung: Luftwaffen-Soldaten beim Laden eines 8.8 Zentimeter-Flak-Geschützes mit Granaten.
Flakstellung: Luftwaffen-Soldaten beim Laden eines 8.8 Zentimeter-Flak-Geschützes mit Granaten. | Bild: Bundesarchiv, Bild 101I-65-3999-24/Walther/CC-BY-SA 3.0

"Es könnte vielleicht ein Luftbild von 'Panama' sein", sagt Norbert Prothmann. "Oder diese Scheinanlage könnte auf dem Areal von 'Panama' errichtet worden sein, als Nachfolge-Anlage. 'Panama' könnte aber auch an einer anderen Stelle gewesen sein und diese Anlage war hier 1944 wirklich neu errichtet worden. All das wissen wir derzeit nicht."

Die "Geisteranlage" bei Rheinstetten

Dass eine Scheinanlage zur Nachbildung eines Bahnhofs auf diesem Gelände errichtet wurde, belegt auch ein Heft von Reinhold Kästel, der die Zeit des Nationalsozialismus als junger Mensch in Forchheim erlebt hat. In diesen "Forchheimer Geschichten und Notizen" von 2005 erzählt er von einer "Geisteranlage", die eine Ablenkung für die alliierten Bomber in der Nähe des Westwalls darstellen sollte. "Sobald feindliche Flugzeuge im Anflug auf Karlsruhe waren, wurde die Geisteranlage in Betrieb genommen."

Der Westwall, das 630 Kilometer lange Verteidigungssystem entlang der Westgrenze im Dritten Reich, der aus über 18.000 Bunkern, Stollen und Panzersperren bestand, verlief südlich von Karlsruhe zwischen Rheinstetten und Ettlingen als "Ettlinger Riegel". Sogar Adolf Hitler besuchte den Westwallbau 1938 in Rheinstetten.

Besuch Hitlers in Mörsch.
Besuch Hitlers in Mörsch. | Bild: Stadtarchiv Rheinstetten

"Nach dem Abzug der Westwallarbeiter war es wieder still in der Gemeinde geworden", schreibt Kästel. Aber die Stille hielt nicht lange: Ende August 1939 wurde mobilisiert und kurz nach der Kriegserklärung kursierten die ersten Gerüchte einer Räumung des Grenzgebiets, der sogenannten "Roten Zone", zu der auch Forchheim gehörte.

Rheinstetten bleibt von Bomben verschont

Die Zone war ein 400 Kilometer langes und etwa zehn Kilometer breites Freimachungsgebiet entlang der deutsch-französischen Grenze, das Aufmarschgebiet für potentielle Angriffe aus Frankreich. Die Evakuierung wurde dann jedoch ziemlich chaotisch umgesetzt.

Evakuierung der Stadt Rheinstetten.
Evakuierung der Stadt Rheinstetten. | Bild: Stadtarchiv Rheinstetten StdtAR_FS_13_3_42

Lastwagen, Busse und Personenwagen standen als Transportmittel bereit, jedoch wusste niemand, wer wohin gebracht wurde. Insgesamt wurden 90.000 Menschen aus der Karlsruher Gegend evakuiert, die Bürger aus Rheinstetten landeten zum großen Teil in Württemberg in der Nähe von Heilbronn.

"Der Glaube, den Gegner durch die Errichtung eines Geisterbahnhofs in die Irre zu führen, war eine weitere akute Bedrohung für Forchheim", schreibt Kästel. Doch der Aufwand blieb erfolglos: Keine Bombe fiel auf die Anlage und damit wurde Forchheim Schaden erspart.

Marinebatteriebunker im Hardtwald.
Marinebatteriebunker im Hardtwald. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Noch heute lassen sich Zeugnisse über die militärischen Aktivitäten in der Gegend der Rheinstettener Scheinanlage finden: Die Marinebatterien im Hardtwald zwischen Rheinstetten und Ettlingen, die als Geschützstände für große Kanonen errichtet wurden, stehen heute noch als monumentale Ruinen im Wald.

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Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de: Alte Seifenfabriken und Milchzentralen oder Eindrücken von der Kaiserstraße aus den 50er Jahren - in der Serie "Es war einmal" nimmt ka-news seine Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Hier finden Sie Gespräche mit Zeitzeugen und Impressionen aus der über 300-jährigen Geschichte der Fächerstadt.

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  •   Gegengerade1975
    (234 Beiträge)

    23.05.2021 10:30 Uhr
    Evakuierung der Stadt Rheinstetten?
    Die gibts doch erst seit den 1970ern?
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  •   Kruppstahl
    (1333 Beiträge)

    24.05.2021 22:22 Uhr
    Ich habe von Zeitzeugen,
    die dort zur Zeit des WKII gelebt haben, schlimme Dinge über die Bombardierungen der dortigen Flak Stationen und des Ausbildungsgeländes (heutiger Flughafen) gehört.
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  •   Icy
    (172 Beiträge)

    24.05.2021 13:54 Uhr
    Da gab es erstmal auch nur die Gemeinde Rheinstetten,
    "Stadt Rheinstetten" kam nochmal einiges später.
    Die einzelne Stadteile sind als eigene Dörfer allerdings sehr viel älter.
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  •   schoenix
    (350 Beiträge)

    22.05.2021 21:53 Uhr
    Im Hardtwald nördlich des Adenauerrings
    beim Trimdichpfad und weiter östlich (nördlich der Waldstadt) sind auch noch so ein paar Reste von Bunkeranlagen zu finden. Spontan würde ich sagen, für den Westwall ist das zu nah an der Stadt und zu weit östlich. Keine Ahnung was das ist, ich bin da nur bei verschieden Spaziergängen drüber gestolpert.
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  •   Schillerlocke
    (579 Beiträge)

    24.05.2021 20:10 Uhr
    Meinen Sie die alte Schießmauer?
    Das wäre dann kein Bunker sondern ein Kugelfang für Schießübungen oder waren es sogar Hinrichtungen?

    Egal, jedenfalls auch so ein gruseligeromantischer lost place
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  •   Rundbau-Gespenst
    (12802 Beiträge)

    23.05.2021 12:06 Uhr
    gesprengte Bunker gab es auch
    bei der Kirchfeldsiedlung hinter dem Sportplatz an der G-F-K (General-Fahnert-Kaserne).
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  •   silberahorn
    (10956 Beiträge)

    23.05.2021 04:50 Uhr
    Wertgegenstände
    mussten auch untergebracht und überwacht werden. Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, nur als ein Beispiel genannt, hatte für den Zweiten Weltkrieg fast keine Verluste zu verzeichnen. Es gab Auslagerungen von Kunstwerken in mehrere Bergungsorte. Und nicht nur offizieller Besitz diverser Systemfreunde wurde versteckt.
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  •   barheine
    (702 Beiträge)

    22.05.2021 20:14 Uhr
    Man sollte einmal sämtliche Wälder in der Region aus der Luft per Lidar ablichten. Ich glaube, man würde noch viele spannende Dinge finden – auch aus der Römerzeit.
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  •   Kruppstahl
    (1333 Beiträge)

    24.05.2021 22:15 Uhr
    Das macht man aus Kosten- und Geheimhaltungsgründen nicht
    Die lassen das lieber unbekannt verrotten, bevor jemand etwas findet und nicht adäquat nach den Richtlinien des Denkmaschutzes bei der Freilegung vorgeht.
    Bestes Bedispiel ist, daß das Land BW Sondengänger als Raubgräber verunglimpft (sogar per Flugzettel).
    Die Stellen , welche von Sondlern begangen werden, würde das Amt niemals absuchen. Wenn dann mal was interessantes entdeckt wird, maulen sie rum wegen unsachgemäßer Ausgrabung, weil selbst die Lage eines Stoffetzens in der Erde Hinweise auf irgendwelchen Mist geben "könnte".
    Oftmals wird nach solchen kKleinfunden nicht einmal weitergesucht. Der ursprüngliche Finder aber angezeigt.
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  •   Rundbau-Gespenst
    (12802 Beiträge)

    25.05.2021 11:44 Uhr
    was nicht mehr als Recht ist,
    denn die Kanäle, in die das "Ergrabene" verschwindet sind oftmals anrüchig bis kriminell und verhindern, dass wirklich wichtige Funde der Allgemeinheit (Museum o.ä.) nachhaltig verborgen bleiben.

    Auch sollte man die Totenruhe nicht stören, die ja z.B. viele Sammler von Militaria bis 1945 kaum zu kratzen scheint.
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