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Karlsruhe Bei Anruf Mord: Hat ein Unbekannter aus Karlsruhe vom Erzberger-Mord vor 100 Jahren gewusst?

Matthias Erzberger | Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1989-072-16/Kerbs, Diethart/CC BY-SA 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en

Ein Unbekannter ruft am 26. August 1921 bei der Badischen Presse in Karlsruhe an, um sich nach einem Attentat auf den Politiker Matthias Erzberger zu erkundigen. Zwei Stunden später trifft die Meldung ein: Erzberger wurde erschossen. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe rätselt - wer war der mysteriöse Anrufer? Und wer hat den heute berühmten Mord verübt, der inzwischen 100 Jahre zurückliegt?

Kurz vor 13 Uhr am 26. August 1921 geht ein Anruf bei der Redaktion der Badischen Presse in Karlsruhe ein. Eine männliche Stimme fragt, ob etwas Neues über den Reichstagsabgeordneten Matthias Erzberger bekannt sei. Das Redaktionsmitglied am Telefon antwortet, dass in diesen Zeiten vor den Wahlen in Baden alle möglichen Mitteilungen über Erzberger kämen.

Das wäre es aber nicht, was er wissen möchte, sagt der Anrufer, der sich weigert, seinen Namen zu nennen – es handele sich um etwas ganz anderes, was er nicht erzählen möchte und außerdem will er sich nicht lächerlich machen. Schließlich fügt er hinzu, er wird sich in einer halben Stunde wieder melden, um zu fragen, ob bis dahin etwas von einem Attentat bekannt sei und legt auf.

Wer war der mysteriöse Anrufer?

Der mysteriöse Anrufer meldet sich nicht mehr, jedoch erhält die Karlsruher Redaktion ungefähr zwei Stunden später die drahtliche Nachricht, dass der frühere Reichsfinanzminister Matthias Erzberger, einer der wichtigsten Politiker der Weimarer Republik, Opfer eines Attentats bei Bad Griesbach im Schwarzwald geworden sei. Erzberger wurde bei einem Spaziergang kurz nach 12 Uhr mittags von zwei Männern erschossen.

Die Redaktion der Badischen Presse stellt fest, dass die telefonische Anfrage zu einem Zeitpunkt erfolgte, zu dem keine Nachricht über den Mord hätte nach Karlsruhe gelangen können. Offensichtlich musste außer den Tätern noch andere Personen von dem beabsichtigten Attentat gewusst haben. Sie hält es für ihre Pflicht, die Information an die Staatsanwaltschaft weiter zu geben. Die Untersuchung des Mordfalls wird von der Generalstaatsanwaltschaft in Karlsruhe übernommen: Wer war der Unbekannte am Telefon?

Eine neue Politiker-Generation

Doch zuerst zu Matthias Erzberger: Er wird am 20. September 1875 in Buttenhausen in Württemberg als Sohn eines Schneiders geboren. Er ist ein begabtes Kind, das sich früh für die Politik interessiert. Zuerst als Lehrer tätig wird Erzberger Redakteur des Deutschen Volksblatts in Stuttgart und ist Ende des 19. Jahrhunderts daran beteiligt, christliche Gewerkschaften in Mainz zu gründen. Er heiratet 1900 und wird Vater zweier Töchter und eines Sohnes.

Matthias Erzberger gehört der neuen Generation von Berufspolitikern an. Im Jahr 1903 wird er für die Zentrumspartei als jüngster Abgeordnete in den Reichstag gewählt und wird Mitglied des Haushaltsausschusses.

Während des Ersten Weltkriegs tritt Erzberger in Regierungsdienste ein und wird am 4. Oktober 1918 im Kabinett Baden, der letzten Regierung während des Kaiserreichs, mit der Führung der Geschäfte eines Staatssekretärs beauftragt. Mitte Oktober erkrankt Erzbergers Sohn, der im Ersten Weltkrieg dient, an der Spanischen Grippe und stirbt.

Erzberger wird zum "Novemberverbrecher"

Reichskanzler Prinz Max von Baden schlägt Erzberger als Vertreter des Kriegskabinetts für die Friedensverhandlungen mit den Alliierten vor und der Politiker wird gedrängt, zu den Verhandlungen nach Frankreich zu fahren. Jedoch können in den viertägigen Verhandlungen nur wenige Erleichterungen bei den harten Konditionen des Waffenstillstands erreicht werden.

Am frühen Morgen des 11. November 1918 unterschreibt Erzberger den heute berühmten Waffenstillstandsvertrag von Compiègne - ein Akt, der ihm zum Verhängnis wird: Er wird als "Novemberverbrecher" und "Erfüllungspolitiker" diffamiert. Das Attentat in Bad Griesbach am 26. August 1921 ist schon der zweite Versuch, ihn zu ermorden.

Unterschreibung des Waffenstillstandsabkommens am 11. November 1918 in Compiègne, Künstler unbekannt, von 1918.
Unterschreibung des Waffenstillstandsabkommens am 11. November 1918 in Compiègne, Künstler unbekannt, von 1918. | Bild: gemeinfrei

Nach dem ersten Mordversuch am 26. Januar 1920 durch Fähnrich Oltwig von Hirschfeld, der in Berlin zweimal auf Erzberger schießt, kehrt Erzberger in die Politik zurück, fürchtet aber die Folgen. Das Ereignis hat bei ihm einen tiefen Schock hinterlassen.

"Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen"

"Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen", sagt er seiner Tochter Maria. Seit Juni 1919 hat er kurzfristig die Position als Reichsfinanzminister und damit die Verantwortung für die katastrophale finanzielle Hinterlassenschaft des Kriegs übernommen und schafft eine Finanzreform, deren Grundsätze heute noch bestehen. Erzberger bewerkstelligt auch ein reichseinheitliches Bahnsystem.

Im August 1921 ist Erzberger auf Erholungsurlaub im Schwarzwald und wohnt seit fünf Tagen mit Frau und Tochter in dem katholischen Mutterheim in Bad Griesbach. Vor mehreren Tagen, berichtet die Badische Presse in Karlsruhe, haben zwei junge, etwa 25 Jahre alte Männer, die sich als Versicherungsagenten ausgegeben haben, in dem Heim nach der Familie Erzberger Fragen gestellt, bekamen aber von den katholischen Schwestern eine abweisende Antwort. Die Männer bleiben jedoch in Bad Griesbach und machen bei der Bevölkerung einen verdächtigen Eindruck.

Matthias Erzberger
Matthias Erzberger | Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1989-072-16/Kerbs, Diethart/CC BY-SA 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en

Unterwegs mit seinem Freund, dem Reichsabgeordneten Carl Diez, wird Erzberger schließlich am 26. August von den beiden Männern überfallen und aus nächster Nähe erschossen. Diez wird im Oberarm verwundet und wird ins Krankenhaus nach Oppenau gebracht. Der Regen erschwert die Verfolgung der Mörder, berichtet die Badische Presse. Es wird aber vermutet, dass sie mit dem Automobil in Richtung Freudenstadt entkommen sind.

Von Karlsruhe nach Berlin - der Mord erregt bundesweit Aufsehen

Während Generalstaatsanwalt Franz Schlimm aus Karlsruhe den Fall betreut, untersucht Gerichtschemiker Popp aus Frankfurt die Leiche. Auch die Berliner Polizei ist darauf vorbereitet, ein Kommando ihrer Mordkommission nach Bad Griesbach zu schicken. Seit Anfang Juni fahndet sie gegen einen jungen Mann, der in Gesprächen mit Berliner Persönlichkeiten gedroht hat, Erzberger zu erschießen.

Blick entlang der Erzberger Straße, links das Wohngebiet am Südende des alten Flugplatzes.
Blick entlang der Erzberger Straße, links das Wohngebiet am Südende des alten Flugplatzes. | Bild: Carmele | TMC Fotografie

Die Reichsregierung setzt eine Belohnung von 100.000 Mark für die Ermittlung der Täter. Für die Austeilung dieser Summe ist die Badische Polizei zuständig. "Erzberger ist in erster Linie mitschuldig an dem unglücklichen Ausgang des Weltkriegs sowie an die Annahme des so verheerenden Versailler Frieden", wirft ihm die Bayerische Zeitung am Tag nach dem Mord vor.

Die Basler Zeitungen sind milder in ihrer Kritik und zählen sowohl Erzbergers gute als auch seine weniger gute Seiten auf. In Paris heißt es jedoch, Erzberger sei von Politikern ermordet worden, die es ihm nicht verzeihen konnten, dass er die deutsche Niederlage sanktionierte.

Karlsruhe ehrt den berühmten Politiker

Zu Ehren von Erzberger wird in Karlsruhe nach seinem Tod 1927 die Straße Am Entenfang in Erzbergerstraße umbenannt. Für die Nationalsozialisten jedoch gilt der demokratische Politiker der Weimarer Republik als Verräter des deutschen Volkes - als Hitler an die Macht kommt wird der Straßenname wieder in Am Entenfang umgetauft.

Ehemaliger Luftschutzbunker an der Erzbergerstraße in der Karlsruher  Nordstadt. Der Hochbunker schützte die Bewohner der Umgebung und das nahegelegene Flugplatzpersonal des alten Flugplatzes (Heute Naturschutzgebiet).
Ehemaliger Luftschutzbunker an der Erzbergerstraße in der Karlsruher Nordstadt. Der Hochbunker schützte die Bewohner der Umgebung und das nahegelegene Flugplatzpersonal des alten Flugplatzes (Heute Naturschutzgebiet). | Bild: Carmele|TMC Fotografie

Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch, im Jahr 1946, wird die lange Hindenburgstraße in Karlsruhe in Erzbergerstraße umbenannt. In dieser Straße befindet sich auch einer der größten Luftschutz-Hochbunker, der während des Krieges zum Schutz der Bewohner Karlsruhes gebaut wird. Ein Gedenkstein an der Straße zwischen Bad Griesbach und Freudenstadt erinnert an die Tat.

Erzbergers Mörder werden erst 25 Jahre später verurteilt

Wer der mysteriöse Anrufer bei der Badischen Presse in Karlsruhe war und was er scheinbar über den Mordanschlag wusste, bleibt jedoch bis heute ein Rätsel. Der ehemalige Kapitänleutnant Manfred von Killinger erteilte den Mordauftrag an die beiden ehemaligen Marineoffiziere Tillessen und Schulz – beide Angehörige der rechtsradikalen Organisation Consul, des Freikorps Oberlands und des Germanenordens.

Gedenkstein für Matthias Erzberger auf der Straße zwischen Bad Griesbach und Freudenstadt.
Gedenkstein für Matthias Erzberger auf der Straße zwischen Bad Griesbach und Freudenstadt. | Bild: gemeinfrei

Vielleicht war es Killinger selbst, der bei der Redaktion anrief, um zu erfahren, ob sein Auftrag bereits ausgeführt wurde? Fakt ist: Zuerst ins Ausland geflüchtet, kehren die Täter 1933 nach Deutschland zurück und werden amnestiert. Bei einem zweiten Prozess im Jahr 1946 wird Tillessen erst freigesprochen, dann 1947 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Schulz wird zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, jedoch werden beide Täter schon 1952 entlassen.

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