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Karlsruhe Von Trümmern und Wirtschaftswundern: So war die Industriestadt Karlsruhe vor der Zeit als IT-Hauptstadt

Wirtschaftswunder, Auto-Boom und KSC-Pokalsiege - die 1950er Jahre waren von Fortschritt und positiver Stimmung geprägt, die die Karlsruher in vielen Bereichen erleben konnten. Ein Blick in die Karlsruher Stadtchronik zeigt, wie sich die Fächerstadt in dieser Zeit entwickelte.

Heute gilt die Fächerstadt als Motor für Digitalisierung und stellt mit über 4.200 IT-Unternehmen maßgebliche Weichen für die kommenden Jahrzehnte. Zudem umfasst Karlsruhe neben der IT-Wirtschaft auch zukunftsorientierte Hochschulen, Forschungs- und Kultureinrichtungen sowie andere von der Digitalisierung betroffene Branchen. Durch diese Vernetzung hat Karlsruhe gute Voraussetzungen zum Leitstandort der Digitalisierung zu werden. Doch wie sah das vor der Zeit von Smartphone, Internet und Email aus?

Wenige Arbeitslose

Bereits bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich Karlsruhe von einer Beamtenstadt zu einem der wichtigsten industriellen Zentren entwickelt. Die wertvollsten Zweige waren die Metall- und Maschinenbauindustrie. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen viele deutsche Städte in Trümmern - auch die Fächerstadt. Doch der Wiederaufbau ließ nicht lange auf sich warten und im Mai 1950 begann das sogenannte Wirtschaftswunder. 

Ein wichtiger Punkt der verbesserten Lebensqualität für die damals etwa 200.000 Einwohner war die sinkende Arbeitslosigkeit, denn ein fester Arbeitsplatz bedeutet ein sicheres Einkommen und das Haushaltsbudget konnte wachsen. Am 20. April 1954 meldete das Arbeitsamt den Rückgang der Erwerbslosen gegenüber dem Vorjahr um 50 Prozent auf rund 7.800. Zum Vergleich: Bei einer Einwohnerzahl von knapp 310.000 beträgt die Zahl der Erwerbslosen in Karlsruhe aktuell 7.890.

Singer, Haid und Neu, Pfaff: Die größten Arbeitgeber

Zu den größten Arbeitgebern in den 1950er Jahren gehörte die Maschinenfabrik Gritzner, die 1957 von der Kaiserslauterner Pfaff AG übernommen wurde. Bereits 1920 beschäftigte das Durlacher Unternehmen über 3.500 Mitarbeiter. Insbesondere die Produktion von Nähmaschinen entwickelte sich in der Fächerstadt rasant. Über einen eigenen Gleisanschluss wurden zeitweise 3.000 Nähmaschinen pro Tag versandt. Auch nach dem Krieg lag der Produktionsschwerpunkt weiterhin auf Nähmaschinen - doch auch Mopeds und Motorräder wurden dort gebaut.

Die Firma Haid und Neu, die 1860 in der Waldstraße als Werkstatt für Telegraphenapparate, elektrische Läutewerke sowie Maschinen aller Art eröffnet wurde, konzentrierte sich ebenfalls sehr früh auf die Nähmaschinenherstellung. Es dauerte nicht lange und die Werkstatt in der Waldstraße reichte nicht mehr aus. Der Firmensitz wurde zunächst in die Kaiserstraße verlagert und wenig später wurde an der heutigen Haid-und-Neu-Straße ein großes Werk errichtet. Bis zum Ende des Jahrhunderts verließen eine halbe Million Nähmaschinen das Unternehmen. 1958 übernahm die Singer SG die Nähmaschinen-Firma.

Singer Werke Blankenloch
Der Wegweiser "Singer Werke GmbH Werk Blankenloch". | Bild: A 16 82/1/30/ Stadtarchiv Karlsruhe

In den 1960er Jahren begann dann die Rationalisierung, Modernisierung und der Abbau der Belegschaft. 1968 wurde ein Teil der Produktion nach Blankenloch verlegt, wodurch in der Karlsruher Oststadt viele Arbeitsplätze verloren gingen. Anfang der 80er Jahre wurde die Fabrik stillgelegt. Die beiden Karlsruher Nähmaschinen-Giganten gehören mittlerweile zusammen, denn seit 1999 ist Singer eine 100-prozentige Tochter der Pfaff AG und nennt sich Pfaff & Singer Vertriebs-GmbH.

"Tante Emma Läden" verschwinden

Mit dem Wirtschaftswunder veränderte sich auch das Kaufverhalten der Karlsruher. Nach und nach wurden die vielen "Tante Emma Läden" durch Handelsketten verdrängt. Auch die großen Warenhäuser trugen dazu bei und prägten seit der Jahrhundertwende das Stadtbild.

Während das Karstadt-Gebäude sowohl den Ersten als auch Zweiten Weltkrieg nahezu unzerstört überstanden hatte und als eines der wenigen erhaltenen Beispiele der Kaufhausarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts gilt, musste das Kaufhaus Union nach dem zweiten Weltkrieg sieben Jahre lang wieder aufgebaut werden und wurde im Zuge dieser Arbeiten modernisiert. Im September 1953 wurden dort beispielsweise die ersten Rolltreppen in Karlsruhe installiert. 

City Filmtheater
Blick auf das City-Filmtheater mit Kinoreklame und den Eingang zur Pfannkuch-Filiale im Erdgeschoß im Juli 1960. | Bild: A7_100_4_23/Stadtarchiv Karlsruhe

Aber nicht nur die großen Warenhäuser beeinflussten das Konsumverhalten. Zum Sterben der "Tante Emma Läden" haben maßgeblich die Einführung von Selbstbedienungsläden geführt: Am 11. Dezember 1952 eröffnete die Firma Pfannkuch an der Ecke Kaiser-/Herrenstraße den ersten Selbstbedienungsladen in Karlsruhe - was zu einer Revolution des Einkaufverhaltens führte.

Zeitalter der Autos bricht an

Die Fortschritte machten auch bei der Automobilbranche nicht Halt. Insgesamt wurden in Deutschland fast 220.000 Autos im Jahr 1950 gebaut - das waren doppelt so viele als im Vorjahr. In der Fächerstadt waren Ende desselben Jahres 7.747 Kraftfahrzeuge zugelassen. Die Mobilität stand zu dieser Zeit hoch im Kurs und zweifelsfrei war ein eigenes Auto ein Traum der Wirtschaftswunder-Zeit.

Die steigende Anzahl an Automobilen im Stadtgebiet machte sich jedoch schnell bemerkbar. So bekam Karlsruhe am 5. September 1952 Südwestdeutschlands größte Autogarage mit etwa 200 Abstellplätzen in der Karlstraße südlich der Mathystraße. Kurze Zeit später wurden erstmals Parkuhren auf dem Marktplatz aufgestellt.

Im Februar 1956 wurde eine Verkehrsampel am Marktplatz in Betrieb genommen, die mit der Ampel an der Ritterstraße zu einer grünen Welle abgestimmt war. An großen Straßenkreuzungen regelte bei starkem Verkehrsaufkommen noch ein Verkehrspolizist in weißem Lackmantel und weißen Handschuhen den Straßenverkehr. Zwei Jahre später eröffnete die Firma Karstadt hinter dem Rathaus die erste Karlsruher Tiefgarage mit Platz für 50 Fahrzeuge.

Tiefgarage beim Karstadt
Ein Pkw in die Tiefgarage einfahrend. Links im Hintergrund das Kaufhaus Karstadt. | Bild: A 6 a 151/1/11/ Stadtarchiv Karlsruhe

Die Idee der beiden Tangenten

Am 14. November 1961 feierte man die Zulassung des 50.000 Karlsruher Kraftfahrzeugs. Aufgrund des erhöhten Verkehrsaufkommens musste die Stadt allerdings nicht nur mit weiteren Parkmöglichkeiten handeln. So wurde am 12. Dezember 1961, nach einer fünfjährigen Planung, der Karlsruher Verkehrslinienplan vom Gemeinderat gebilligt. Dieser sah unter anderem den vierspurigen Ausbau der Kriegsstraße, eine Nord-und eine Südtangente, eine nordwestliche Umgehungsstraße für Durlach und eine Neutrassierung der B36 zwischen Knielingen und Neureut vor.

Auch der öffentliche Personennahverkehr wurde größer: Bereits 1929 wurden elektrische Straßenbahnwagen in Karlsruhe eingesetzt. Die Fahrgäste saßen sich auf zwei langen Holzbänken gegenüber und die Bahn startete erst, nachdem der Schaffner eine Leine zog und damit eine Glocke betätigte. Im Juli 1957 fuhr die erste elektrische Lokomotive im Hauptbahnhof Karlsruhe ein. Die Elektrifizierung der Bundesbahn im Bereich Karlsruhe war am 30. August 1959 mit der Einweihung der Fahrleitungsmeisterei abgeschlossen.

Grundstein für das Straßenbahnnetz gelegt

Am 2. März 1957 wurde dann auch der Grundstein für das spätere Stadtbahnnetz gelegt, als ein Vertrag zwischen dem Land Baden-Württemberg, den Städten Karlsruhe und Ettlingen sowie den Landkreisen Karlsruhe und Calw über die Gründung einer Betreibergesellschaft, die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG), geschlossen wurde. Das Straßenbahnnetz wurde daraufhin immer weiter ausgebaut.

Pferdegespann
Von einem Pferdegespann gezogener und mit Girlanden geschmückter Transportwagen während seiner letzten Fahrt. | Bild: A14_4_1_10 A//Stadtarchiv Karlsruhe

Am 5. Mai 1961 stellte die Stadt erstmals Straßenbahn-Schaffnerinnen ein, um der damaligen Personalnot Herr zu werden. Leidtragende dieser großen Mobilitätsrevolution gab es natürlich auch: So wurde am 10. Januar 1967 das letzte Karlsruher Pferdegespann der Firma Steffelin außer Dienst gestellt.

Karlsruher SC bekommt neues Stadion

Im Juli 1955 fand mit dem internationalen Leichtathletiksportfest die erste Veranstaltung im neu erbauten Wildparkstadion statt. Denn nach der Fusion des FC Phönix und des VfB Mühlburg zum Karlsruher SC wurde 1952 mit dem Bau eines modernen Stadions begonnen.

Am 7. August 1955 wurde das Stadion offiziell durch Karlsruhes Oberbürgermeister Günther Klotz an den Karlsruher SC übergeben. Im Eröffnungsspiel am selben Tag trennten sich vor 45.000 Zuschauern der amtierende Pokalsieger KSC vom Deutschen Meister Rot-Weiss Essen mit einem 2:2-Unentschieden. In den 1950er Jahren galt das Wildparkstadion als eines der modernsten Stadien in Deutschland.

Filmstars kamen scharenweise nach Karlsruhe

Aber nicht nur populäre Sportler tummelten sich in der Fächerstadt, auch nationale und internationale Filmstars kamen nach Karlsruhe. 16 Jahre lang fand die 1948 vom Karlsruher Verleger Karl Fritz ins Leben gerufene Bambi-Filmpreis-Verleihung in der Schwarzwaldhalle statt. Am 19. April 1963 fand die Veranstaltung zum letzten Mal in der Fächerstadt statt, da das Unternehmen von Karl Fritz und damit der Bambi vom Burda-Verlag übernommen wurden.

Bambi-Verleihung in Karlsruhe
Lil Dagover, Senta Berger, Sophia Loren, Heinz Rühmann, Liselotte Pulver und Viktor de Kowa auf der Bühne der Schwarzwaldhalle sitzend, jeweils mit Bambi-Trophäe (v.l.n.r.). | Bild: A11_63_3_23/Stadtarchiv Karlsruhe

Die Geschichte der Fächerstadt ist so vielfältig wie die Bürger selbst - und die Zukunft wird sicher viel für Karlsruhe bereithalten. Großprojekte wie der Bau der Kombilösung werden das Angesicht der Stadt weiter verändern. Und wer weiß, welche nachhaltigen Veränderungen digitale Fortschritte wie das Autonome Fahren mit sich bringen werden. Im 70 Jahren werden andere auf unsere Zeit zurückblicken und sich fragen, wie das damals wohl so war...

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  •   Realist22
    (247 Beiträge)

    26.06.2018 16:51 Uhr
    Eine IT-Hochburg
    So so. Nun ja, im Vergleich mit dem Umland vielleicht. Aber im internationalen Vergleich ist Deutschland genauso wie Karlsruhe eher ein kleines Licht in der IT-Branche.
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  •   Der_dunkle_Turm
    (639 Beiträge)

    26.06.2018 02:57 Uhr
    Der Pfannkuch, das Kaufhaus Schneider und im City
    lief "Das süße Leben". Dazu noch die stilvollen Karossen der alten Autos.

    Ich mag solche alten Fotos.
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  •   chris
    (666 Beiträge)

    25.06.2018 19:56 Uhr
    KARLSRUHE No1 im Ländle!
    Wenn mal die U-Bahn und das Straßentunnel fertig sind und die Kaiserstraße im neuen Glanz erscheint, ist KA für mich klar die No 1 im Ländle. Stuttgart hat riesige Probleme mit der "Kessellage", Mannheim hat zwar ne schöne Innenstadt, aber die Peripherie ist nicht so schön wie die in KA. Ulm ist zwar schön, aber zu weit im Osten. Freiburg hat Charme aber eben zu klein. KA hat sich gigantisch entwickelt...neuer Wildpark kommt noch, hinterm Hbf wieder riesig gebaut! Schlachthof-Zentrum genial! IKEA und und und...tolle Entwicklung...so etwas gab es 40 Jahre nicht in KA!!! Wenn einer nach 20 Jahren zurückkehrt, der erkennt KA nicht mehr! Das Meiste ist wirklich sehr positiv. Fehlt nur noch ein KSC in der 1. Liga zwinkern
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  •   Senfdazu
    (226 Beiträge)

    26.06.2018 06:12 Uhr
    😎
    Seit wann hat Mannheim 'ne schöne Innenstadt. Und überhaupt: was, wie und wo ist Mannheim 😉
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  •   Lipa
    (813 Beiträge)

    25.06.2018 22:29 Uhr
    Schade
    dass die Messe KA nicht zwischen KA und Durlach angesiedelt wurde und dann in der Nähe das neue KSC Stadion.
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  •   Lipa
    (813 Beiträge)

    25.06.2018 18:08 Uhr
    IWK
    Die IWK wurde im Bericht vergessen zu erwähnen. Zu den größten der Arbeitgeber zählte in den 60er Jahren die IWK. Soweit ich mich erinnern kann beschäftigte das Unternehmen damals 6000 bis 8000 (?) Arbeiter und Angestellte.
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  •   Darth_Vader
    (779 Beiträge)

    25.06.2018 19:58 Uhr
    Die IWKA zu erwähnen wäre voll Nazi.
    Da wurden Waffen und Munition für den Adolf gefertigt. Deshalb lässt man das wohl weg. Man ist ja politisch überkorrekt.
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  •   Jossele
    (33 Beiträge)

    26.06.2018 12:00 Uhr
    Politisch Korrekt
    Totschweigen gilt im allgemeinen NICHT als politisch korrekt. Das wäre eher, die IWK als wichtigen Arbeitgeber zu erwähnen und auf ihre Rolle im 3. Reich hinzuweisen. Statt "pc" würde ich eher auf eine Vermeidungsstrategie tippen, weil ka-news bei einem solchen Wohlfühlartikel keine heiklen Themen anstoßen und politische Diskussionen auslösen will.
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  •   Lipa
    (813 Beiträge)

    25.06.2018 22:07 Uhr
    sorry
    "hast keine Ahnung" nehme ich gerne zurück.
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  •   Lipa
    (813 Beiträge)

    25.06.2018 22:03 Uhr
    sorry
    hast keine Ahnung. Welches Unternehmen in dieser Größenordnung hat nicht an der Produktion von Waffen und Munition teilgenommen. Der Lichthof 10, der nun für exclusive Kultur verwendet wird, genau dort wurde Munition hergestellt. Die Verantwortlichen dieser Kultureinrichtung wären nun alles Nazis ? Mann oh Mann. Ist das ein krude Logik.
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