Karlsruhe Seit über 30 Jahren ist er Hüter der Karlsruher Stadtgeschichte: Ernst Otto Bräunche

Das 1885 gegründete Karlsruher Stadtarchiv ist die älteste von der Stadt selbst unterhaltene Kultureinrichtung. Mit rund 5.000 Regalmetern Archivalien ist es Aufbewahrungsort für die über 300 Jahre alte Stadtgeschichte der Fächerstadt. Gehütet und gepflegt wird die Stadtgeschichte von Archivleiter Ernst Otto Bräunche und seinen Mitarbeitern.

Ernst Otto Bräunche ist der Leiter des Karlsruher Stadtarchivs. Er legte 1985 seine zweite Staatsprüfung für den höheren Archivdienst ab. Im selben Jahr zog er nach Karlsruhe und bekam hier einen Job als wissenschaftlicher Archivar im Generallandesarchiv Karlsruhe. Kurze Zeit später wechselte er zur Stadt Karlsruhe und wurde Leiter des Stadtarchivs.

Stadtarchiv Karlsruhe
Das Karlsruher Stadtarchiv ist heute in einer ehemaligen Pfandleihe in der Innenstadt-Ost untergebracht. | Bild: Julia Wessinger

Herr Bräunche, wie sind Sie zu Ihrem doch recht außergewöhnlichen Beruf gekommen?

Wir müssen ganz vorne anfangen: Ich habe in Freiburg Germanistik und Geschichte studiert - ich wollte eigentlich Lehrer werden. Durch eine Ausstellung über die Machtergreifung in Freiburg und Südbaden im Jahr 1933, an der ich während meines Schulreferendariats beteiligt war, habe ich dann aber doch den letzten und damit entscheidenden Anstoß zur Archivarbeit bekommen.

Ich wurde also Archivreferendar im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart und an der Archivschule in Marburg. Nach meiner kurzen Zeit im Generallandesarchiv übernahm ich die Leitung des Stadtarchivs – bis heute.

Sie sind also bereits seit über 30 Jahren in derselben Position. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Meine Arbeit hat sich eigentlich in vielerlei Hinsicht verändert. Am Anfang meiner Zeit im Stadtarchiv haben wir viele Publikationen veröffentlicht, zu denen ich auch größere Beiträge verfasst habe. Es entstanden beispielweise Werke zur Industriearchitektur von Karlsruhe, zur Geschichte der Juden oder auch viele Ortsgeschichten.

Stadtarchiv Karlsruhe
Leiter Ernst Otto Bräunche präsentiert stolz das älteste Buch im Karlsruher Stadtarchiv. | Bild: cob

Meine Möglichkeiten, Beiträge selbst mitzuschreiben, sind jetzt aber geringer geworden, da die Aufgaben im Archivmanagement zugenommen haben. Dazu gehören auch die Planung und Durchführung von Restaurierungsprojekten, seit einigen Jahren ein weiterer Schwerpunkt in der Arbeit des Stadtarchivs.

Und welche Veränderungen hat das Stadtarchiv hinter sich – Stichwort Digitalisierung?

Auch hier haben sich die Aufgabenbereiche sehr verändert. Das Stadtarchiv war 1985 noch eine ganz kleine Institution – wir waren gerade einmal drei Mitarbeiter. Damals hatte das Archiv noch keine Computer, die ersten wurden 1988 beschafft.

Stadtarchiv Karlsruhe
Das Karlsruher Stadtarchiv hütet insgesamt rund 5.000 Regalmeter Archivalien. | Bild: Julia Wessinger

16 Jahre später – also 2004 – haben wir auch die ersten Mittel zur Digitalisierung unserer Bestände bekommen und sind damit glücklicherweise relativ früh auf diesen Zug aufgesprungen. Noch heute sind wir das Kommunalarchiv mit den meisten Digitalisaten in der Deutschen Digitalen Bibliothek. Insgesamt haben wir ungefähr 2,5 Millionen Digitalisate – Tendenz steigend.

Können Sie allgemein erklären, wie das Stadtarchiv seine Bestände beschafft?

Wir sind hier im Stadtarchiv grundsätzlich zuständig für die Übernahme der Akten und Unterlagen, die in der Stadtverwaltung produziert werden. Das funktioniert so: Die städtischen Ämter und Einrichtungen müssen uns alle Unterlagen anbieten, die sie zur Aufgabenerfüllung nicht mehr benötigen.

KSC Sportclub Mühlburg Phönix
Auch Akten, die sortiert werden: Zeugnisse aus der KSC-Geschichte. Alte Unterlagen des Karlsruher Sportclubs Mühlburg-Phönix. | Bild: cob

Das waren früher Akten, Amtsbücher, Urkunden, Pläne und Fotos – heute sind in steigendem Umfang auch digitale Akten dabei. Wir entscheiden dann, was dauernd, sozusagen für die Ewigkeit aufzubewahren ist. Verwaltungsakten werden zu Archivalien, wenn sie der Rechtssicherheit der Stadt dienen oder Bedeutung für die Stadtgeschichte haben.

Stadtarchiv Karlsruhe
Karlsruher Geschichte im Stadtarchiv. Pro Jahr kommen zirka 100 laufende Meter an Akten hinzu. | Bild: cob

Insgesamt übernehmen wir ungefähr fünf Prozent von dem, was in den Ämtern erarbeitet wird. Der zweite Teil unserer Aufgabe ist der Sammlungsauftrag. Wir interessieren uns also für Vereins- und Firmendokumente, für Nachlässe und in vielen Fällen auch für das Privatfotoalbum, das die Großeltern angelegt haben. Das heißt, wir sind nicht nur das Archiv der Stadtverwaltung, sondern auch das Archiv der Stadtgesellschaft.

Herr Bräunche, eine abschließende Frage: War früher wirklich alles besser?

(lacht) Ich finde nicht, dass früher alles besser war. Aber ich finde, es ist heute wichtig, zu wissen, wie es früher war, zu wissen, dass sich die Menschen, die hier gelebt haben, für die Stadt eingesetzt haben, sie aufgebaut und weiterentwickelt haben.

Karlsruher Stadtarchiv
Der "dickste Brocken" im Karlsruher Stadtarchiv.´: Ein Buch aus dem Jahr 1706. | Bild: cob

Es ist wichtig, zu wissen welche Anstrengungen und auch Rückschläge damit verbunden waren zum Beispiel durch die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, die Karlsruhe wie alle anderen deutschen Städte betroffen haben. Gerade der Wiederaufbau nach 1945 und die Integration zahlreicher Flüchtlinge und vertriebener Menschen war eine große Leistung. Um die Zukunft gestalten zu können, sollte man die Vergangenheit kennen und aus der Geschichte lernen.

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Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de: Alte Seifenfabriken und Milchzentralen oder Eindrücken von der Kaiserstraße aus den 50er Jahren - in der Serie "Es war einmal" nimmt ka-news seine Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Hier finden Sie Gespräche mit Zeitzeugen und Impressionen aus der über 300-jährigen Geschichte der Fächerstadt.

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