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Karlsruhe Irre Spielregeln: Wie Phönix Karlsruhe vor 106 Jahren Deutschmeister wurde

Es klingt alles so vertraut, sportlich gesehen: Heute vor exakt 106 Jahren, am 30. 5.1909, besiegte KSC-Vorgängerverein Phönix Karlsruhe den hohen Favoriten Viktoria Berlin mit 4:2 - und wurde überraschend Deutscher Meister. Doch wer glaubt, dass es sich damals um ein "normales" Fußballmatch gehandelt hatte, der irrt gewaltig, denn zur Kaiserzeit galten (nicht nur beim Kicken) noch ganz andere Regeln.

Ob Schiedsrichter Gottfried Hinze, praktischerweise zugleich DFB-Präsident, beim Finale in Breslau ein Maßband in der Tasche hatte, ist nicht überliefert. Er hätte es eigentlich haben müssen. Grund: Der Unparteiische aus Duisburg hatte laut Reglement zu überprüfen, ob die Lederstreifen an den Schuhsohlen der Fußballer exakt 12 Millimeter breit, die Lederklötzchen (Vorgänger der heutigen Stollen) exakt 12 Millimeter hoch sowie rund waren – und exakt 12 Millimeter Durchmesser aufwiesen.

"Stiefelverstoß"

Kein Scherz: Wer vor oder während des Spieles mit etwas anderem erwischt wurde, flog wegen "Stiefelverstoßes" vom Platz! Die Schuhe waren ein Thema für sich: Die mächtigen, überknöchelhohen Kickstiefel aus weißem oder schwarzem Chrom- sowie "Cebra"-Leder (geliefert z.B. aus Pirmasens) waren bereits in trockenem Zustand mehr als 600 Gramm schwer (heutzutage sind Fußballschuhe z.T. 135 Gramm leicht), bei Regen sogen sie sich schnell voll und wogen schon mal das Doppelte. Und für Torwächter und Abwehrspieler gab es noch "dickere Brummer" – sie waren noch schwerer und "mit Absatz gearbeitet". Kurios: Bei Nässe waren auch "Gummiwulsten" (so genannte Rubbers) auf den Schuhen erlaubt!

Phönix-Kapitän Arthur Beier und seine Mannen hatten aber Glück: Am Endspieltag war es zwar für Mai deutlich zu kalt, aber es regnete augenscheinlich nicht – was die vier überlieferten Bilder vom Finale beweisen. Die Fotos lassen auch erkennen, dass die Badener mit der Mode gingen und die Schienbeinschoner schon (wie heute normal) unter den Stutzen trugen – einige Mitglieder der berühmten Karlsruher Kickers um Fußball-Pionier Walther Bensemann zeigten sie noch stolz über den Strümpfen.

Waschkörbe voller belegter Brötchen und Fleisch aus der Flasche

Die Karlsruher hatten im Match bekanntlich mit Müdigkeit zu kämpfen, da sie eine 23-stündige Bahnfahrt nach Breslau in den Knochen hatten – damals fuhren Sportler noch in der dritten oder sogar in der (nicht mehr existenten) vierten Klasse, um Kosten zu sparen. Zwei Tricks sollen die Schwarzblauen schließlich gerettet haben: Zum einen wurden sie von Sponsoren mit Waschkörben voller belegter Brötchen versorgt und vor dem wichtigen Spiel aufgepäppelt, zum anderen sollen die Kicker um die Nationalflügelflitzer Emil Oberle (links) und Karl Wegele (rechts) jede Möglichkeit im Zug zu "Gymnastikprogrammen" genutzt haben.

Nicht bekannt ist dagegen, ob die Phönixler zum damaligen Wundermittel Bovril griffen, dass in den Zeitungen eifrig beworben und offensichtlich auch eifrig konsumiert wurde (z.B. vom Marathon-Sieger von Olympia 1908, John J. Hayes). Nix für Feinschmecker: Bovril war Fleisch in flüssiger Form und wurde direkt aus der Flasche getrunken – Guten Appetit! Ein Aufwärmen im klassischen Sinne war unbekannt, die Badener veranstalteten dafür vor dem Match ein fröhliches "Tortreten", man schoss also Torwächter Otto Michaelis ein – der beim Finale über einem Spielertrikot (!) traditionell seinen weißen Pullover und dazu seine weiße Kappe trug (beim offiziellen Foto-Shooting nach dem Spiel hatte er beides bereits wieder ausgezogen).

Abseitsregeln mal anders

Auch hinsichtlich des eigentlichen Spiels würden sich heutige Kicker die Augen reiben: Die Abseitsregel existierte zwar vor 100 Jahren schon (allerdings hoben damals drei und nicht zwei Mann vor dem Ball das Abseits auf), dafür mussten die Phönix-Verteidiger Ernst Karth (rechts) und Robert Neumaier (links) wissen, dass es exakt acht Gründe für einen Elfmeterpfiff gab, nämlich "Beinstellen, Treten, Springen auf den Gegner, Handspielen, Halten, Stoßen, von hinten Anrennen" – und für "heftiges und gefährliches Anrennen"! Die Fouls waren genau definiert: "Springen auf einen Gegner" wurde nur dann gepfiffen, wenn der Spieler "beide Beine vom Erdboden weg hatte".

Apropos Abseits: 1907 war zwar Abseitsstehen in der eigenen Spielhälfte bereits abgeschafft worden, doch bis 1920 war das sehr wohl noch bei Einwürfen möglich. In den 1880er-Jahren war ein Einwurf einhändig erlaubt gewesen, 1909 immerhin noch seitlich. Selbst das Toreschießen sah zur Kaiserzeit anders aus: Denn wer weiß, ob Arthur Beiers (Abstauber-)Tor in der 30. (oder 33.) Minute zum 1:1-Ausgleich nach einem Freistoß auch 16 Jahre später gefallen wäre, denn bis 1925 war es unüblich, bei Freistößen eine Mauer zu stellen – generell stand nur ein Verteidiger im langen Eck. Dafür war es laut DFB aber ausdrücklich erlaubt, „Freistöße rückwärts zu treten“!

Und tatsächlich wurde über den KFV-Star Max Breunig bekannt, dass er selbst bei Länderspielen rückwärts gedribbelt und geschossen hatte. Die Berliner hätten bei dem Freistoß (der damals noch allgemein Strafstoß hieß) übrigens auch z.B. einen Zuschauer oder einen Teddybär ins Tor stellen dürfen. Kein Witz: Die Regeln erlaubten, bei einem Eckball, Freistoß oder Elfmeter „einen anderen Tormann” zu nominieren – den man nach bestandener Aufgabe wieder auswechseln konnte. Austauschbar waren auch die Linienrichter, die bei „Missverhalten“ vom Schiedsrichter jederzeit durch andere anwesende „Sportsleute“ ersetzt werden konnten. Auch die Halbzeit (es stand 2:1 für Phönix nach einem schönen Schuss von Stürmer Wilhelm „Nolle“ Noe) war in Breslau nicht für Erholung und lange Ansprachen von Spielercoach Beier gedacht: Laut DFB wurde damals nur fünf Minuten Pause gemacht, die der Schiri aber nach eigenem Empfinden ausdehnen konnte.

Spiele ab 10 Grad Celsius verboten

Der Unparteiische war im Übrigen damals noch nicht „Luft“ – prallte also ein Ball von Schieds- oder Linienrichter ins Netz, zählte der Treffer nicht. In der Schlussphase – „Feenix“ führte inzwischen 4:2 durch Treffer von Torjäger Hermann Leibold und abermals Noe – retteten neben Goalie Michaelis mehrmals Pfosten und Latte den badischen Sieg. In den 1880er Jahren wäre das noch schief gegangen, da bis dahin offiziell ein loses Band als Querlatte fungierte – das „Strippentor“ wurde dann aber schnell abgeschafft. Aber auch 1909 kam es öfter vor, dass der Schlussmann bei einer Parade die noch nicht fixierte Latte (absichtlich oder unabsichtlich) vom Tor fegte – der Schiedsrichter hatte dann die schwere Entscheidung zu treffen, ob der Schuss ins Tor gegangen wäre. Michaelis’ Job war in jeder Hinsicht nicht beneidenswert, galt es damals doch als regelgerecht, den Torhüter mitsamt Ball über die Linie zu werfen.

Dabei war das Spiel 1909 schon richtig modern geworden: Die ersten Fußball-Regeln von Konrad Koch anno 1875 beinhalteten noch, dass jegliche Spiele ab 10 Grad (zu warm!) verboten waren, die Kicker sich auf dem Platz nicht hinlegen, „müßig herumstehen“ oder ohne Erlaubnis den „Rock“ ablegen durften – es sei denn, sie trugen ein „wollenes Hemd“! Damals kämpften 24 Spieler um den Ball, Handspiel war erlaubt, es gab 20 Punkte für ein Tor und 10 für einen Schuss übers Tor. Vor 140 Jahren scheinbar auch wichtig: Laut Pädagoge Koch sollte kein Spieler gegen den Ostwind anrennen müssen ...

"O wonnevolles Fußballspiel"

Es ist nicht belegt, ob die siegreichen Deutschen Meister aus Karlsruhe nach dem Spiel überhaupt duschen durften. Denn vielerorts wurde damals nur so genanntes Matchwasser zur Verfügung gestellt, damit sich die Sportler wenigstens von dem „anhaftenden Schmutz“ grob reinigen konnten.

Wer Meister ist, muss auch alle Feste tapfer ertragen: Nach dem Bankett in Breslau, jubelnden Fans an den Bahnhöfen von Schlesien bis ins Badnerland, Hurra-Rufen beim Empfang von tausenden Karlsruhern am Hauptbahnhof, einem Kutschen-Korso bis zur Party im Vereinslokal „Löwenrachen“ und der offiziellen Meisterfeier im Varieté-Theater „Colosseum“ ging es am 14. bis 16. August in Pforzheim fröhlich weiter.

Beim 13. Verbandstag des Süddeutschen Fußballverbandes brauchten die frischgebackenen „Deutschmeister“ starke Nerven. Nach Beginn „im großen Saale des Brauhauskellers“, einem gemeinschaftlichen Mittagessen („Gedeck zwei Mark, Damen willkommen“) und einem Rundgang durch die Stadt verloren die Karlsruher zwar am 15. August um 16.30 Uhr“ ihr (Freundschafts-)Wettspiel gegen Pforzheim mit 1:2, aber waren beim Festbankett im Städtischen Saalbau ab 20 Uhr abends natürlich Ehrengäste. Die erhalten gebliebene Festschrift jubelte sogar „Heil Phönix!“ Bevor es endlich zur „Übergabe der Meisterschaftspokale und – diplome“ ging, mussten die Phönix-Spieler u.a. nicht nur zünftige Männerchöre, lustige Lieder („O wonnevolles Fußballspiel“) und das Orchesterwerk „Die Schmiede im Wald, Ein Idyll“ über sich ergehen lassen, sondern auch „Lebendige Bilder, Szenen aus dem Fußballspiel“, die vielversprechende Namen wie „Einwurf“, „Glücklich gerettet“, „Sieg“ oder „Huldigung“ trugen, und „Plastische Darstellungen“ wie „Kugelstoßer“, „Achilles“ oder „Marathonläufer“.

Krise bei KFV und Phönix - Gedicht sollte vermitteln

Nach der Ehrung standen noch eine „Konzert-Polka mit zwei Piccolo-Flöten“, „Tutti-Frutti, Potpourri“ und ein Ball auf dem Programm. Es nahm kein Ende: Wer wollte, durfte am nächsten Tag zu „organisierten Schwarzwaldwanderungen ins Enz- und Nagoldtal aufbrechen.“ Wie schnell Ruhm allerdings vergehen kann, mussten Phönix (und Konkurrent KFV) nach den „fetten Jahren“ 1909 und 1910 erfahren.

Als es bei beiden Vereinen kriselte, erschien in der „Süddeutschen Sportzeitung“ folgendes Gedicht – in schönstem Dialekt:

„’s letsch Johr isch e G’rücht rumgloffe

in dem ganze deutsche Ländle:

,Karlsruh’ hätt dr ,Schlag’ getroffe,

s gäb do nigs mehr zu bemäntle.

Könnt net stehe mehr, noch laafe.

Alle sei bankrott und schleife;

Uff ,Versteigerung’ sei zu kaafe:

Titel – Lorbeer – Jubelschleife.

S ging scho uff dr letschte Schnapper.

S Teschtament sei unterschriebe.

Nur der Traum vom Goalgeklapper

sei von ,Karlsruh’ übrig bliebe.“

Final-Statistik: 30. Mai 1909 in Breslau (vor 1500 Zuschauern): Phönix Karlsruhe – Viktoria Berlin 4:2 (2:1) Torfolge: 0:1 Worpitzky (16. Minute?), 1:1 Beier (30. oder 33.), 2:1 Noe (34.), 3:1 Leibold (55., 60. oder 62. Minute), 4:1 Noe (65.), 4:2 Röpnack (83.). Aufstellungen: Michaelis, Karth, Neumaier, Schweinshaut, Beier, Heger, Wegele, O. Reiser, Leibold, Noe, Oberle (Karlsruhe); Scranowitz, Hahn, Fischer, Moeck, Knesebeck, Hunder, Gelbhaar, Dumke, Worpitzky, Röpnack, Bock (Berlin).

 

Der Autor und Journalist Thomas Alexander Staisch hat über den KSC-Vorgängerverein Phönix Karlsruhe das Buch "Die Deutschmeister 1909 - eine vergesse Meisterschaft" geschrieben. Der Karlsruher FC Phönix 1894, der Vorgängerverein des Karlsruher SC, wurde vor 120 Jahren gegründet. ka-news griff daher in diesem Jahr in die Fotokiste: weitere historische Bilder garniert mit spannenden Anekdoten aus der Geschichte des Karlsruher FC Phönix 1984 finden Sie hier!

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  •   minuskumpel
    (589 Beiträge)

    30.05.2015 14:50 Uhr
    Wie war
    das eigentlich mit dem public viewing damals? Gabs da den Schupi schon?
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  • unbekannt
    (387 Beiträge)

    30.05.2015 14:44 Uhr
    noch ganz andere Regeln.
    Waren selbst für mich als "Nichtfußballer" interessante fakten.
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  •   DreiFragezeichen
    (1402 Beiträge)

    30.05.2015 12:11 Uhr
    Wieso sind diese Regeln irre?
    Mit Rasierschaum den Rasen vollspritzen ist mindestens genau so irre grinsen
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  •   minuskumpel
    (589 Beiträge)

    30.05.2015 14:48 Uhr
    Vor allem dann,
    wenn der Spieler den Schaum mit dem Stiefel wegwischt, kaum dass der Schiri ihm den Rücken zudreht, und einen Schritt nach vorne geht. So geschehen in der 85. Minute am Donnerstag, beim Freistoss des KSC von links.
    Das scheint ziemlich wenigen aufgefallen zu sein. Ist eigentlich eine klare Karte, wenigstens gelb, wenn nicht rot.
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  • unbekannt
    (387 Beiträge)

    30.05.2015 14:48 Uhr
    Mit Rasierschaum
    Vor dem Rasieren benutze ich doch auch Rasierschaum. Ist doch richtig vor dem Rasenmähen.....oder? (grins)
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  •   Robert1959
    (1677 Beiträge)

    30.05.2015 08:57 Uhr
    anzumerken auch,
    das 1869 das Handspiel für den Tormann verboten war!
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  •   Rundbau-Gespenst
    (9709 Beiträge)

    30.05.2015 07:38 Uhr
    "Hurra-Rufen beim Empfang von tausenden Karlsruhern am Hauptbahnhof"
    es ist anzumerken, dass der damalige Hauptbahnhof an der Kriegsstraße lag.
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