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Karlsruhe Es war einmal: Das "Flaggschiff der Milchzentralen" stand in Karlsruhe!

Bis 1989 stand in Karlsruhe das "Flaggschiff der Milchzentralen". Seit 1906 wurde - zunächst in der Gerwigstraße, später in der Durlacher Allee - Milch produziert. Vom Förderband der Milchzentrale liefen unter anderem die erste H-Milch und die erste Sauermilch in Süddeutschland. Vertrieben wurde die "Karlsruher Milch" ab 1972 unter dem Markennamen "Goldsiegel."

Wo früher die Maschinen der Milchzentrale liefen, befindet sich heute der Hauptsitz der Energie Baden-Württemberg (EnBW): An der Kreuzung Durlacher Allee/Ostring. Die EnBW übernahm 1995 das Gelände und errichtete dort die heutigen Verwaltungsgebäude des Energiekonzerns, welche 1997 fertiggestellt und bezugsfertig waren. Vor der Ansiedlung des Energieriesen war dies über 50 Jahre lang der Standort der Karlsruher Milchzentrale.

Ehemalige Mitarbeiter erinnern sich

Zwei, die sich noch an die Zeit der Milchzentrale erinnern können, sind Peter Hauder und Harald Jöhnck. ka-news hat sich mit den ehemaligen Mitarbeiten im EnBW-Verwaltungsgebäude, dem Standort ihrer alten Arbeitsstätte, getroffen. Beide schauen sich im modernen Empfangsbereich um und versuchen, sich in eine Zeit zurück zu versetzen, als hier noch Molkereiprodukte vom Band liefen. "Es ist lange her", sagt Hauder - und etwas Wehmut schwingt in seiner Stimme mit.

An genau dieser Stelle stand vor 30 Jahren das Verwaltungsgebäude der Milchzentrale Karlsruhe. Peter Hauder wurde 1959 in der Milchzentrale angestellt und war bis zur Schließung 1989 als Betriebsleiter tätig. Harald Jöhnck ist 1970 zur Milchzentrale gekommen und war verantwortlich für die Rohmilchverarbeitung. Beide hatten das Handwerk des Molkereifachmanns gelernt.

Harald Jöhnck (links) und Peter Hauder an alter Stätte in der EnBW Cafeteria im Gespräch mit ka-news
Harald Jöhnck (links) und Peter Hauder am Standort ihrer alten Arbeitsstätte - der heutigen EnBW-Cafeteria. | Bild: Thomas Riedel

Wie war es damals so in der Milchzentrale? Vor allem sehr kollegial, erinnert sich Jöhnck. Für Jöhnck ist der Zusammenhalt unter den Arbeitskollegen bis heute unvergessen. Nach getaner Arbeit habe man noch Zeit gehabt, um sich mit den Kollegen auszutauschen, so Jöhnck, das gebe es so heute nicht mehr.

Auch Hauder erinnert sich: Nach Feierabend habe sich die Belegschaft fast täglich im Hotel "Zum Krug" in der Gerwigstraße getroffen. So kamen die Mitarbeiter abteilungsübergreifend miteinander ins Gespräch - die Kollegen der Produktion mit den Mitarbeitern der Verwaltung, erzählt der ehemalige Milchzentralen-Mitarbeiter im Gespräch mit ka-news.

Gründung 1906, Neubau 1936

Im Jahre 1906 wurde die genossenschaftliche Milchzentrale im Gebäude der Dampfmolkerei Witt in der Gerwigstraße 34 gegründet. Nach vielen Jahren wurde dann die genossenschaftliche Milchzentrale Karlsruhe GmbH gemeinsam von der Badischen Landwirtschaftlichen Hauptgenossenschaft eGmbH (Vorläufer der ZG Raiffeisen), mit dem Badischen Molkereiverband e.V. und der Karlsruher Milchhändlergenossenschaft eGmbH weitergeführt.

Die Milchzentrale mit Blick vom heutigen Messplatz.
Die Milchzentrale in der Durlacher Allee (Blick vom heutigen Messplatz). | Bild: Broschüre der Milchzentrale Karlsruhe

Karlsruhe sollte nicht der einzige Standort bleiben: Zahlreiche regionale Außenstellen kamen hinzu, unter anderem in Rastatt, Bruchsal, Bretten und Flehingen. 1936 zog die Milchzentrale in einen Neubau an der Durlacher Allee 89 um. Der Betrieb galt nicht zuletzt aufgrund der ersten H-Milch (1965) und Sauermilch (1977) in Süddeutschland als "Flaggschiff der Milchzentralen" in Deutschland. Die Erzeugnisse kamen seit 1972 unter dem Markennamen Goldsiegel in den Handel.

Karlsruher Milch und die "Trinkerlen Fitty"

Viele Karlsruher kennen die Milch unter dem Markennamen "Goldsiegel" noch: Sie wurde bis Ende der 80iger Jahre vertrieben. Christian Heck ist einer dieser Karlsruher, der sich an die Milchprodukte erinnert: Der 1973 in Karlsruhe geborene Heck ist mit Goldsiegel aufgewachsen. "Selbst in der Schule wurde die Milch und die 'Trinkerle Fitty' in verschiedenen Geschmacksrichtungen vom Hausmeister verkauft". Fitty Orange und Apfel waren seine Lieblingssorte, erinnert sich der heute 44-Jährige an die Kinder- und Jungendzeit.

Diese Erzeugnisse wurde in der Milchzentrale Karlsruhe hergestellt.
Diese Erzeugnisse wurde in der Milchzentrale Karlsruhe hergestellt. | Bild: Broschüre Milchzentrale Karlsruhe

Aber die schönen Kindheitserinnerungen sind getrübt: Was Heck bis heute mit der Milch verbindet, ist die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986. "Man war sehr lange verunsichert", so Heck. Der damals 13-jährige Christian durfte aus Sorge der Eltern wochenlang keine Milch mehr zu sich nehmen. Die Angst vor der schädlichen Wirkung der radioaktive Strahlung war groß. Es wurde auch vor dem Konsum von Milchprodukten gewarnt, kann sich Heck noch gut erinnern.

Die Reaktorkatastrophe ging auch an der Milchzentrale nicht spurlos vorüber: Betriebsleiter Hauder erinnert sich an den Umsatzrückgang, welcher auf die Tschernobyl-Katastrophe zurückzuführen war. Doch nicht Tschernobyl, sondern Veränderungen in der Landwirtschaft und eine europäische Regelung (die Milchquote) führten zur Schließung der Michzentrale im Jahr 1989.

Milchquote bedeutet das Ende der Milchzentrale

1984 wurde EU-Milchquote eingeführt: Sie sollte den Milchpreis stabilisieren. Jeder Milcherzeuger verfügte daraufhin über eine Referenzmenge. Wurde diese überschritten, wurden Strafabgaben fällig. Erst 2015 wurde die Milchquote abgeschafft. Die Schließung der Karlsruher Milchzentrale sei damals für alle Mitarbeiter ein Schock gewesen, erinnern sich Hauder und Jöhnck. Selbst als die Produktion eingestellt war und es keine Arbeit mehr gab, mussten Mitarbeiter während dem Ab- und Rückbau der Produktion und Verwaltung anwesend sein. Zuletzt arbeiteten in der Karlsruher Milchzentrale etwa 130 Beschäftigte.

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Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de: Alte Seifenfabriken und Milchzentralen oder Eindrücken von der Kaiserstraße aus den 50er Jahren - in der Serie "Es war einmal" nimmt ka-news seine Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Hier finden Sie Gespräche mit Zeitzeugen und Impressionen aus der über 300-jährigen Geschichte der Fächerstadt.

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