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Karlsruhe Auf Spurensuche: Was ist eigentlich das "Badisch" in Karlsruhe?

Für Neu-Baden-Württemberger gibt es dialektisch betrachtet oftmals nur zwei Varianten: Badisch und Schwäbisch. Den sträflichen Fehler beides gleichzusetzen beziehungsweise zu verwechseln machen die meisten wohl nur einmal und umschifft das Thema dann. Melanie Müller möchte sich mit dem Kleckerwissen über die neue Wahlheimat nicht zufriedenstellen und hat sich auf Spurensuche des "Badischen" und seiner historischen Wurzeln begeben.

"Das eine 'Badisch' gibt es nicht", erklärt Tobias Streck. Er leitet die Arbeitsstelle "Badisches Wörterbuch" an der Universität in Freiburg und erscheint auf Anhieb der perfekte Ansprechpartner. "Im Volksmund ist verbreitet vom badischen Dialekt die Rede - und es ist ja auch naheliegend, dass in Baden 'Badisch' gesprochen wird", so Streck. War das Naheliegendste also doch nicht zu kurz gedacht?

Das Karlsruher "Badisch" ist eigentlich "Fränkisch"

Tatsächlich werde in Baden aber sehr unterschiedlich gesprochen. "Nämlich im Norden 'Fränkisch' und im Süden 'Alemmanisch', wobei sich diese Dialektgebiete natürlich noch weiter untergliedern lassen." Kurze Orientierung: Süden, Norden, ja. Dann müsste demnach in Karlsruhe Fränkisch gesprochen werden - oder zumindest eine Variante davon. Den historischen Hintergrund liefert Streck gleich noch dazu: "Badisch ist, historisch betrachtet ein politischer Begriff. Die sprachwissenschaftlichen Bezeichnungen 'Fränkisch' und 'Alemannisch' gehen letztendlich auf die historischen Siedlungsräume der Franken und der Alemannen zurück."

Ein Puzzleteil mehr im Wissensschatz, den Rudolf Bühler vom Projekt "Sprachalltag in Nord-Baden-Württemberg" der Universität in Tübingen (ja, das liegt in Schwaben, aber das Projekt befasst sich auch mit der Karlsruher Region) noch um die sprachwissenschaftliche Einordnung zu ergänzen weiß: "Sprachwissenschaftler unterscheiden die einzelnen Dialektgebiete anhand bestimmter Lautmerkmale." So gebe es beispielsweise eine "Germersheimer Linie". Aber was unterscheidet die Menschen in ihrer Mundart, je nachdem auf welcher Seite von Germersheim sie leben? Nördlich von Germersheim sei laut Bühler ein "Apfel" noch ein "Appel". Zurückzuführen sei das auf alte germanische Laute, wieder ein historischer Baustein.

 

Generell scheint es rund um Karlsruhe herum mehrere Linien zu geben, was Bühler bestätigt: "Ab einer Linie zwischen Rastatt und Karlsruhe wird das Ihnen vertraute 'Badisch' gesprochen" - das ja, wie bereits gelernt, eine Variante des Fränkischen ist. Bühler präzisiert das sogar noch, indem er das Stichwort "südfränkischer Dialekt" fallen lässt. Von Karlsruhe bis Heilbronn und in den Odenwald erstrecke sich diese Dialektform typischerweise. Zirka ab Pforzheim gebe es den schwäbisch-fränkischen Übergangsbereich, ab hier wird also schon teil-geschwäbelt.

Von Linien, Grenzen und Unterschieden

Bühler kann sogar den Karlsruher Raum noch weiter aufteilen. Nicht verwunderlich - irgendwie scheint jedes Dorf seine eigene Sprache zu sprechen. 1982 sei der Raum einmal in den "Ettlinger Raum", den "Karlsruhe-Bruchsaler Raum" und den "Kraichgauer Raum" aufgeteilt worden. Südlich von Karlsruhe sei beispielsweise der "Nebel" mit lang gestrecktem "e" der "Neewel" - in Karlsruhe und nördlich davon mit kurzem "e" der "Newwel". "Stadtmundart unterscheidet sich oft von den in der Umgebung gesprochenen Dialekten", weiß Bühler weiter zu berichten. "Es gibt sicher auch welche, die Unterschiede innerhalb der Stadt Karlsruhe hören wollen", so Bühler weiter. Wie soll man die alle jemals erkennen und unterscheiden können?

Noch eine weitere Frage bleibt offen. Es gibt doch EIN "Badisches" (!) Wörterbuch. Wie kann es ein Wörterbuch zu einer Sprache geben, die es so eigentlich gar nicht gibt? Tobias Streck von der Uni in Freiburg weiß die Antwort: "Das liegt daran, dass sich die Bearbeitungsgebiete der sogenannten 'großlandschaftlichen Dialektwörterbücher' an politischen Gebieten orientieren. Es hat aber sicherlich auch finanzielle Gründe." Vielleicht wäre eine Anschaffung eine Überlegung wert.

Ein Übungssatz

Übrigens: Für Nicht-Badener kennt Streck einen Übungssatz: "Zwoi woiche Oier in oire Roih." (= "Zwei weiche Eier in einer Reihe.") Wer sich dabei nicht die Zunge verdreht, hat in jedem Fall das Potential zum Badener.

Badisch for Beginners - badisch für Anfänger? Unter dem Stichwort Badisch Babbedeggl (Badisch Führerschein) erklärt ka-news in loser Folge, was den gemeinen Badener vom Rest der Welt unterscheidet. Achtung - Ironiegefahr. Alle bisherigen Folgen der Serie gibt es hier.

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Kommentare (7)
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  • unbekannt
    (1673 Beiträge)

    01.10.2013 20:59 Uhr
    ich kann zu dieser "serie" nur sagen ...
    ... dummes gessabel.
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  • unbekannt
    (10 Beiträge)

    01.10.2013 16:02 Uhr
    Zwoi woiche Oier in oire Roih.
    Muss doch eher heissen
    Zwoi woiche Oier in oinere Roih.

    (Klugsch..ssmodus aus)
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  •   NackterMann
    (669 Beiträge)

    01.10.2013 15:56 Uhr
    Jesses was labern
    Mir dann hier in Mittelbaden?

    Elsässisch/Schwabofränkisch?
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  •   Kanalpirogel
    (321 Beiträge)

    01.10.2013 19:18 Uhr
    Wenns weit genug südlich ist:
    Niederalemannisch.
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  •   Rundbau-Gespenst
    (9709 Beiträge)

    01.10.2013 13:04 Uhr
    @ ka-news: "Neu-Baden-Württemberger"
    was issn das für 'ne Spezies?

    Man kann nicht beides sein!!!

    Schluß mit den andauernden Annäherungsversuchen durch die Schwaben!
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  •   NackterMann
    (669 Beiträge)

    01.10.2013 15:57 Uhr
    Bis vor kurzem
    Dachte ich noch hinterm Schwarzwald gibt's nix mehr...
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  •   tok
    (7205 Beiträge)

    01.10.2013 15:38 Uhr
    dann eben
    Neu-Alemannen-Fränkin
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