Karlsruhe 80 Jahre Reichspogromnacht: Die Nacht, in der auch in Karlsruhe die Synagogen brannten

In der Nacht vom 9. November 1938 brennen die Synagogen in ganz Deutschland, Tausende von jüdischen Geschäften werden zerstört, Wohnungen geplündert und Menschen ermordet. In den Tagen danach werden etwa 26.000 Juden in Konzentrationslager verschleppt. Auch Karlsruhe verliert Synagogen und ist Schauplatz von Terrorakten. Auslöser für die Reichspogromnacht soll das Attentat auf den Legationsrat Ernst vom Rath durch den 17-jährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan in Paris sein.

Am 7. November 1938 verschafft sich der 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan Zutritt zur deutschen Botschaft in Paris und verlangt mit einem Legationssekretär zu sprechen. Seine Eltern sind von der Aktion zur Abschiebung jüdischer Polen aus dem Deutschen Reich betroffen. Grynszpan wird zum Amtszimmer des 29-jährigen Legationsrats Ernst vom Rath gebracht, wo er fünf Schüsse "im Namen von 12.000 Juden" auf den jungen Diplomaten feuert. Später behauptet Grynszpan, die beiden kennen sich aus der Pariser Homosexuellenszene und hatten miteinander ein Verhältnis. In der Tat ist vom Rath ein in der Pariser Szene bekannter Homosexueller mit dem Spitznamen "Notre Dame de Paris".

Bild zu Reichspogromnacht in Karlsruhe
Der junge Diplomat Ernst vom Rath, auf den geschossen wurde. | Bild: Bild gemeinfrei

Tod des Diplomaten unter rätselhaften Umständen

Vom Rath wird notoperiert. Adolf Hitler schickt seinen Begleitarzt zur Unterstützung nach Paris. Vom Raths Zustand, der sich zuerst gebessert hat, verschlimmert sich nach dem Besuch des Begleitarztes drastisch. Er entdeckt eine schwere Darmtuberkulose. Es wird davon ausgegangen, dass der Arzt Hitler prompt darüber informiert hat. Am 9. November um 17.30 Uhr stirbt vom Rath, angeblich an seinen Verletzungen. Grynszpan kommt in Untersuchungshaft.

"Der 9. November ist eine wahrhafte Schicksalsstunde in der deutschen Geschichte geworden", schreibt die Karlsruher Ausgabe von "Der Führer" am 9. November 1938. Dabei nimmt die Zeitung Bezug auf den 15. Gedenktag des NSDAP-Bierkellerputsches von 1923. An diesem Abend feiert die Partei mit Glanz und Gloria in München – und vom Raths Ableben kommt gerade gelegen.

Pogrom wurden zwar nicht organisiert, aber auch nicht verhindert

In einer Hetzrede löst Propagandaminister Josef Goebbels einen gegen die Juden gerichteten Pogrom aus. Er macht klar, dass die Partei antijüdische Aktionen zwar nicht organisieren, aber auch nicht behindern werde. Das Attentat von Grynszpan und der Tod vom Raths werden als Vorwand und Anlass für die darauf folgenden Terrorakte genommen. "Es ist der Startsignal für den Völkermord", sagt Solange Rosenberg, jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Karlsruhe im Gespräch mit ka-news. "Die Menschen wurden aufgehetzt, die Juden zu hassen!"

In ganz Deutschland geht ein systematisch organisierter Terror los. SA- und NSDAP-Mitglieder brennen über 170 Synagogen nieder, etwa 7.000 jüdische Geschäfte werden zerstört und zahlreiche Personen getötet. In Karlsruhe wird die hölzerne Synagoge der orthodoxen Israelitischen Religionsgemeinschaft in der Karl-Friedrich-Straße ganz zerstört. Zudem wurden die Synagoge im damals noch eigenständigen Grötzingen zerstört.

Die von Josef Durm errichtete Synagoge der liberalen jüdischen Gemeinde in der Kronenstraße ist aus Stein und konnte nicht angezündet werden. Außerdem stand hinter der Synagoge ein Benzinlager – man hatte vielleicht Bedenken, dass dieses auch noch in Brand versetzt werden könnte. Doch auch sie wurde Opfer der Zerstörungswut.

Reichspogromnacht in Karlsruhe
Ansicht nach der Zerstörung in der "Reichskristallnacht", hier die Neue Synagoge in der Kronenstraße | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVc 160

Schon früher verlor Karlsruhe eine Synagoge

"Etwa 70 Jahre früher, 1871, brannte die alte Synagoge von Weinbrenner an diesem Platz nieder", erklärt Yves Bara, Mitglied der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe. "Der Großherzog war damals persönlich dabei, um die Löschaktivitäten zu überwachen und kam zur Einweihung der neuen Synagoge. Das zeigt den Kontrast zwischen dem Kaiserreich und dem Leben unter dem nationalsozialistischen Regime!"

Terrorakte der Nacht wurden nicht vermeldet

Die Karlsruher Zeitungen melden in den nächsten Tagen weder ein Wort über die Terrorakte des 9. November, noch über die darauf folgende Aktion gegen die Juden. Statt dessen erscheinen ausführliche Berichte über die Feierlichkeiten in München und über vom Rath, der nun als Märtyrer für den Kampf der deutschen Freiheit dargestellt wird. "Der jüdische Mörder in Paris und mit ihm das gesamte Weltjudentum haben ihr Ziel erreicht", schreibt die Karlsruher Ausgabe von "Der Führer" vom 10. November 1938.

In Rache- und Protestaktionen werden Juden öffentlich angegriffen. Annemarie Heimann-Geierhaas, damals Studentin an der TH Karlsruhe berichtet: "Bereits am Morgen nach der 'Kristallnacht' erschüttern mich auf dem Weg zur TH die zerstörten Synagogen. Von einem Hörsaal war Lärm auf der Kaiserstraße zu hören. Wir konnten sehen… wie ein Jude, ein älterer Mann, mit erhobenen Armen von einer grölenden Meute Richtung Marktplatz getrieben wurde. Plötzlich stieg eine Frau, die in Richtung Durlacher Tor unterwegs war, von ihrem Fahrrad, ging auf den Gehweg und schlug diesem wehrlosen Mann ins Gesicht. Es packte mich ein unsagbares Grauen!"

Empörung im Ausland

Die Zeitung "The Times" in London ist über den Pogrom empört und berichtet tagelang im Detail über die grauenerregenden Ereignisse in Deutschland, die die ganze Welt erschrecken. "Eine Strafe von einer Milliarde Mark wird von der jüdischen Gemeinde als Sühne für den Mord des Herrn von Rath verlangt", berichtet "The Times". Außerdem müssen die Juden alle durch die NSDAP verursachten Schäden an Geschäften und Wohnungen selber bezahlen. Das Abtragen der Brandreste geht auch auf Kosten der jüdischen Gemeinde.

Ausmaß war Jahre zuvor noch nicht zu erahnen

"Man muss immer die Augen auf haben, und sich gegen die Anfänge wehren", sagt Yves Bara, "Fünf Jahre vor diesen Ereignissen hat niemand gedacht, dass man vorhatte, die Juden umzubringen!" Dennoch meint er, in Karlsruhe wird sehr aufgepasst. "Karlsruhe ist eine Stadt, die das Zusammenleben – unabhängig von Religion – akzeptiert, fördert und schützt", führt er fort.

Solange Rosenberg sieht das genauso. "Hier in Baden gibt es eine alte demokratische Tradition", erklärt sie. "Alle anerkannten Religionen werden sehr respektiert – es wurde nie verboten, eine andere Religion zu haben. Insgesamt herrscht hier eine Atmosphäre, in der man sich wohl fühlt!" Man muss aber trotzdem aufmerksam sein und auf Tendenzen achten, die nicht akzeptabel sind, mahnt sie.

Herschel Grynszpan stirbt wahrscheinlich kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Sachsenhausen. 1960 wird er offiziell für tot erklärt. Sein Bruder und seine Eltern, dessen damaliges Schicksal vielleicht der Auslöser für das Attentat war, überleben den Holocaust.

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