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Karlsruhe Teure Immobilienverkäufe in der Südstadt: Verliert Karlsruhe seinen letzten Kiez?

Per Definition ist ein Kiez ein Stadtteil in inselartiger Lage und einem identitätsstiftenden Zugehörigkeitsgefühl in der Bevölkerung. Zu keinem Karlsruher Stadtteil passt diese Beschreibung so gut, wie zur Südstadt. Doch die Anwohner haben Angst vor unersättlichen Investoren, fürchten um ihren Kiez. Sie fordern daher gemeinsam mit dem Gemeinderat eine Erhaltungssatzung für ihr Viertel.

Der Auslöser für die Diskussion in der Südstadt war der Verkauf des Gebäudes, in dem fast 20 Jahre das Restaurant "Walhalla" zu finden war. Zwei weitere Häuser in der Augartenstraße gingen an den gleichen Investor.

Schutz der Südstadt und ihrer Bürger

Die Südstädter, allen voran Martina Hillesheimer, Vorsitzende der Bürger-Gesellschaft der Südstadt (BGS), haben die Befürchtung, es könnte nun eine Welle der "Luxussanierungen" beginnen. "Diese Entwicklung würde dem Charakter der Südstadt elementar widersprechen", so Hillesheimer einem Brief an die Öffentlichkeit. Daher fordert sie eine Erhaltungssatzung beziehungsweise einen Milieuschutz für die Südstadt. 

Martina Hillesheimer, Vorsitzende der Bürger-Gesellschaft Südstadt, ist besorgt um den Stadtteil. | Bild: Anya Barros

Dieser Idee schlossen sich im Mai 2019 die Gemeinderatsfraktionen der Linken, der Grünen, der FDP und der Kult an. "Um den besonderen Charakter und die Durchmischung im Stadtteil zu schützen, wird eine Erhaltungssatzung zum Milieuschutz auf Basis der Umwandlungsverordnung des Landes erarbeitet", so die Stadträte in ihrem gemeinsamen Antrag.

Damit soll § 172 des Baugesetzbuches (BauGB) greifen und so könnte, laut der Stadträte, die "gewachsene Struktur im Viertel geschützt werden". Sie verweisen dabei auf andere Städte in Deutschland. Dort werde gezeigt, dass die Strukturen geschützt werden müssen, um den Charakter der Stadtteile beizubehalten und nicht Opfer einer Gentrifizierung zu werden. 

Wer sich die Miete nicht leisten kann, wird verdrängt

Knapp 21.000 Menschen leben in der Südstadt - aus allen Schichten, in jedem Alter und mit den verschiedensten Hintergründen. Ein Schmelztiegel mitten in Karlsruhe also. Damit das auch in Zukunft noch der Fall sein wird, wurde der Antrag zum Milieuschutz gestellt. "Viele in der westlichen Südstadt lebende Menschen können sich Mieten, die über dem Mietpreisspiegel liegen, nicht leisten und würden aus dem Stadtteil verdrängt werden", äußert Hillesheimer Bedenken. 

Erschwerend kommt hinzu, dass der Bürgergesellschaft die Hände gebunden sind. "Wir können nichts machen, denn wir wurden auf das juristische Problem hingewiesen, dass wir Gefahr laufen, eine Unterlassungsklage zu bekommen, wenn wir offenlegen, wo welche Gebäude gekauft wurden", so Hillesheimer. "Aber das hindert uns nicht daran, dennoch aktiv zu werden. So haben wir etwa dem Oberbürgermeister einen Brief geschickt, um schon jetzt auf die Problematik in der Südstadt aufmerksam zu machen!" Denn, so Hillesheimer weiter, Ende des Jahres - wenn die Stadt sich mit dem Thema befassen möchte - sei es dafür zu spät. 

Bild: Thomas Riedel

Die ersten Häuser und Grundstücke sind aber schon verkauft, da ist sich Martina Hillesheimer sicher - allein in der Augartenstraße seien es nach den Infos der BGS vier oder fünf Häuser. 

Bild: Thomas Riedel

Was mit dem Gebäude, in dem beispielsweise das Restaurant Walhalla untergebracht war, passieren soll, ist unbekannt. Der Karlsruher Investor hat auf die Anfrage von ka-news.de bis Redaktionsschluss nicht reagiert. 

  • Bestehende Erhaltungssatzungen in Karlsruhe
    Seit den 1990er Jahren gibt es in der Fächerstadt bereits Gebiete, in denen eine Erhaltungssatzung gilt. Das sind beispielsweise der Ortskern von Bulach oder Beiertheim, einzelne Flurstücke der Breite Straße oder die ehemalige Amerikanersiedlung (Paul-Revere-Village) in der Nordstadt.
    Zuletzt wurde im April 2019 vom Ortschaftsrat Durlach für eine Erhaltungssatzung zum Schutz der Altstadt abgestimmt. 

Unter diesen Immobilienverkäufen leiden die Südstädter wohl schon jetzt. "Die ersten haben schon Mieterhöhungen bekommen, zwar im gesetzlichen Rahmen, aber sie sind da", weiß Hillesheimer im Gespräch mit ka-news.de zu berichten. "Teilweise, so haben es die Mieter an uns herangetragen, wurde die Miete aber auch von den neuen Eigentümern erheblich erhöht." Die BGS ist daher um jeden Hinweis dankbar, wenn Bewohner der Häuser Mieterhöhungen erhalten oder gar ausziehen müssen. 

Aufwendige Sanierungen in der Karlsruher Südstadt und die damit einhergehende Verdrängung der Bürger, soll verhindert werden In seiner kommenden Sitzung möchte die Stadt einen entscheidenden Schritt in Sachen Milieuschutz in der Südstadt gehen.
Aufwendige Sanierungen in der Karlsruher Südstadt und die damit einhergehende Verdrängung der Bürger, soll verhindert werden In seiner kommenden Sitzung möchte die Stadt einen entscheidenden Schritt in Sachen Milieuschutz in der Südstadt gehen. | Bild: Thomas Riedel

Ein Blick auf ein Wohnungsportal im Internet zeigt, dass teilweise 30 Euro pro Quadratmeter für die Kaltmiete in der Südstadt aufgerufen werden. Das bestätigt auch Martina Hillesheimer, für die Vorsitzende der BGS ist diese Tatsache "ein Unding".

Diese Wohnungsanzeige (Stand 7. Oktober 2019) ruft 30 Euro pro Quadratmeter auf. | Bild: Screenshot@ka-news.de

Doch: Laut Stadtverwaltung liegen derzeit keine Hinweise zu "Luxussanierungen" oder Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen vor. Auch gebe es keine Indizien auf eine Gentrifizierung in der Südstadt. "Hinweise darauf können durch die Analyse von Bevölkerungs- und Sozialdaten gewonnen werden", weist die Stadt in einem Schreiben an die Gemeinderäte vom Mai 2019 hin.

Teile der Südstadt zu betrachten ist sinnvoller

So geben Zahlen zur Arbeitslosigkeit oder die Zahl der Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit und der Anteil der Anwohner über 65 Jahre Aufschluss über den Veränderungsdruck. "Die Südstadt ist sehr heterogen, daher ist es sinnvoll, diese Indikatoren auf einer räumlich kleineren Eben als der des gesamten Stadtviertels zu betrachten. Relevant sind hier der nördliche und südliche Teil der Südstadt", so die Stadt weiter. 

Bild: Thomas Riedel

Der Stadtteil verändert sich - das zeigen die Entwicklung der letzten Jahre. So sank beispielsweise der Anteil von Senioren in der nördlichen Südstadt zwischen den Jahren 2014 und 2018. Dies lasse jedoch laut Stadtverwaltung "weder im nördlichen noch im südlichen Teil der Südstadt Anzeichen für einen möglichen Gentrifizierungsprozess erkennen". Laut BGS und Martina Hillesheimer hat genau dieser aber bereits begonnen. 

Noch im Herbst diesen Jahres möchte sich die Stadtverwaltung der Sache aber annehmen. Dazu werde aktuell die Vorarbeit geleistet und statistische Daten erhoben, heißt es aus dem zuständigen Dezernat auf Nachfrage von ka-news.de.

ka-news.de Hintergrund:
§ 172 des BauGB, die sogenannte Erhaltungssatzung, besagt, wann bauliche Anlagen und die Eigenart von Gebieten erhalten bleiben. Konkret bedeutet das: Die Gemeinde kann in einem Bebauungsplan oder durch eine sonstige Satzung Gebiete bezeichnen, in denen 
1. zur Erhaltung der städtebaulichen Eigenart des Gebiets auf Grund seiner städtebaulichen Gestalt
2. zur Erhaltung der Zusammensetzung der Wohnbevölkerung oder
3. bei städtebaulichen Umstrukturierungen 
der Rückbau, die Änderung oder die Nutzungsänderung baulicher Anlagen der Genehmigung bedürfen.

So sollen die Anwohner in diesem Gebiet vor unerwünschten Veränderungen geschützt werden. Wenn diese Erhaltungssatzung zum Schutz der Wohnbevölkerung Anwendung findet, spricht man von einem Milieuschutz. 

Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Stadt dann auch ihr Vorkaufsrecht geltend machen. Der ausführliche Absatz im Baugesetzbuch finden Sie unter http://www.gesetze-im-internet.de/bbaug/BJNR003410960.html#BJNR003410960BJNG004606116 (externer Link)
 

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  •   stefko
    (2329 Beiträge)

    10.10.2019 11:22 Uhr
    Freie vs. soziale Marktwirtschaft!
    Und letztere ist es, welche sich D auf die Fahne geschrieben hat. Dies bedeutet eben auch, dass es möglich ist per Gesetz/Erlass/usw. in die Martentwicklung steuernd und regulierend einzugreifen.

    Bzgl. dem Terminus "Trendviertel" - dies wurde die Südstadt erst, als eben die kritisierte Entwicklung ihren Anfang nahm.
    Wer noch einen Diercke Atlas aus den 80ern/90ern zur Hand hat, dem empfehle ich mal einen Blick in den hinteren Buchdeckel. Dort bildet eine Karte (als Bsp. für thematische Kartographie) die Wohnqualität in KA ab. Die Südstadt wird da noch mit [--] bewertet, was mich damals schon zum Lachen brachte ... zwinkern
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  •   lynx1984
    (3454 Beiträge)

    10.10.2019 12:05 Uhr
    soziale Marktwirtschaft
    Muss aber nicht garantieren, dass man zu niedrigen Mieten in einem zentrumsnahen Stadtteil einer boomenden Stadt wohnen bleiben kann. Immerhin sind seit den Diercke Ausführungen über 30 Jahre vergangen... Und von 270T Einwohner auf knapp 320TEinwohner hoch. => Verknappung des Wohnraums ist absolut natürlich genau wie die damit einhergehende Verteuerung.
    Wichtig ist (damit es sozial bleibt), dass für alle genügend Wohnraum insgesamt da ist. Aber genau da geraten wir an Grenzen was natürlich weiter die Preise befeuert...
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  •   stefko
    (2329 Beiträge)

    10.10.2019 12:45 Uhr
    Wichtig ist (damit es sozial bleibt) ...
    nicht nur genügend Wohnraum sondern auch bezahlbarer. Durch Gentrifizierung und Sanierung der Südstadt wird ja auch kein zusätzlicher Wohnraum geschaffen, sondern dieser eher noch verringert. Beispielweise durch Zusammenlegung zweier 2ZW zu einer großen 4ZW.

    (Relativ) unabhängig von der Preisentwicklung, entsteht auch das Problem, dass sich ein (noch) relativ urspünglicher Stadtteil in Schickimick-Quartier verwandelt, das junge Pärchen begeistert in den ach so trendigen und bunten Stadtteil zieht und sobald das erste Blag da ist, sich über den Lärm und die Kneipe zwei Häuser weiter beschwert/klagt.

    KA hat es schon einmal vor- und plattgemacht ... heute trauert fast jedem Dörfle nach ...

    Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich habe generell nichts gegen Sanierung und Erhalt von Bausubstanz. Hier geht es jedoch darum heuschreckenartige Investoren zu stoppen, deren einziges Ziel die Gewinnmaximierung ist und alles andere am Arsch vorbei geht.
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  •   lynx1984
    (3454 Beiträge)

    10.10.2019 17:14 Uhr
    Grundprinzip
    bezahlbar wird der Wohnraum automatisch, wenn dieser ausreichend vorhanden ist. Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Kein Vermieter würde sog. „Luxussanierungen“ (was totale Übertreibung ist) vornehmen, wenn der Markt nicht höhere Mieten für hochwertige Wohnungen in guter Lage bieten würde.
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  •   patrickkk
    (2304 Beiträge)

    10.10.2019 11:39 Uhr
    ...
    Jo das mit dem Atlas ging noch in die 00er rein. Hab ich in der Schule auch mit Schmunzeln festgestellt grinsen.
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