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Karlsruhe Gelände an der Stuttgarter Straße voller Kampfmittel und Schadstoffe: "Wenn das Grundwasser hochschwemmt, dann ist der Boden hochgradig verseucht"

Zwischen den Bahngleisen und der Südstadt-Ost, entlang der Stuttgarter Straße, finden sich heute noch Kleingärten. Allerdings, wenn es nach den Plänen der Stadt geht, wird sich das bald ändern. Auf dem Areal soll in Zukunft die ESG Frankonia Platz finden, weil der Verein an der Durlacher Allee für mehr Wohnraum und Gewerbe weichen muss. Doch der neue Platz bringt viele Probleme mit sich - und birgt Gefahren.

Schon zum wiederholten Male stand das Thema Stuttgarter Straße in diesem Jahr auf der Tagesordnung für den Karlsruher Gemeinderat. Auch für die November-Sitzung war das geplant - und schon wieder wurde es abgesagt. Aus gutem Grund, denn für das Gelände entlang der Stuttgarter Straße besteht noch viel Rede- und noch mehr Überprüfungsbedarf. Das erklärte Frank Mentrup, Oberbürgermeister der Fächerstadt, in einem Pressegespräch am Dienstag. 

Plangrund­la­gen (Stadtplan, Luftbild) | Bild: Stadt Karlsruhe, Liegen­schaft­samt

Areal war häufig Ziel von Luftangriffen im Krieg

Über 14 Hektar misst das Areal zwischen Bahndamm und Stuttgarter Straße, noch finden sich dort unzählige Kleingartenparzellen. Am östlichen Ende entsteht derzeit die neue Hauptfeuerwache, die Integrierte Leitstelle (ILS) steht bereits, ebenso ein Hotel. Und wer sich daran erinnert, weiß, dass dort mehrfach Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wurden. Das Gebiet wurde heftig bombardiert.

Stuttgarter Straße Kampfmittel
Etwa 180 Bombentrichter (gelbe Punkte) sind auf dem Gebiet. | Bild: Stadt Karlsruhe/Gartenbauamt

"Es war immer wieder Ziel von Fliegerangriffen und wir haben dort etwa 180 Bombentrichter", erklärt Oberbürgermeister Frank Mentrup gegenüber ka-news. "Auch heute noch haben wir dort mehrere Kampfmittel-Verdachtsfälle!" Die Kampfmittel sind also das eine Problem auf dem Gelände. 

Etwa 4 Meter hoch wurde das Areal mit Schutt aufgefüllt

Die andere Herausforderung ist die Belastung des Erdreichs mit Schadstoffen. "Das Areal war eine Senke, die ist noch während des Krieges und auch danach mit Bauschutt und Trümmern 4 bis 5 Meter hoch aufgeschüttet worden und auch in dieser Erdmasse liegen also Schadstoffe", sagt das Stadtoberhaupt. Und die ist an einigen Stellen auf dem 14 Hektar großen Areal nicht unerheblich.

Warum also hält die Stadt Karlsruhe an ihrem Plan fest, dort die etwa 160 bestehenden Kleingärten neu zu strukturieren und die ESG Frankonia an die Stuttgarter Straße umzusiedeln? "Immer dann, wenn etwa von unten Wasser hochgedrückt wird, dann ist es an verschiedenen Stellen hochgradig schadstoffverseucht. Da kann man schlecht guten Gewissens sagen, dass wir das lieber gar nicht anfassen und dann muss man es eben noch 20 Jahre so weiterführen", so Mentrup im Gespräch mit ka-news weiter. Es sei der "moralische Druck", etwas zu tun. 

Bagger entsorgen Bauschutt
Bagger entsorgen Bauschutt (Symbolbild). | Bild: pixabay

Schadstoffe der Klasse Z2 wurden gefunden

Die Leiterin des Gartenbauamtes, Cornelia Lutz, führt weiter aus: "Es ist nichts ungewöhnliches, dass in solchen innerstädtischen Lagen Bau- und Trümmerschutt verbaut wurde", sagt sie im Gespräch mit ka-news. "Aber im Bereich des ersten Bauabschnitts, dort wo die ersten Kleingärten schon abgerissen wurden, haben wir im Oberboden Z2-Material gefunden. Und das ist kein gutes Ergebnis!" Denn die Entsorgung von solchem Material kann teuer werden, das sieht man am Abbau der Erdwälle des Wildparkstadions. Auch dort findet sich belastetes Material. 

Schadstoffe
Darstellung der Einbauklassen anhand des Zuordnungswerts. laga-online.de |

Allein für die die Sondierung nach weiteren Kampfmitteln und für den Erdaushub und die Entsorgung der Schadstoffe im Boden sind über 57 Millionen Euro vorgesehen - insgesamt liegen die Kosten für die Neugestaltung der Stuttgarter Straße bei 89 Millionen Euro. 

Stuttgarter Straße Bebauungsplan
So soll der Bebauungsplan aussehen: Die Kleingärten werden im Westen neu strukturiert, in der Mitte des Areals findet die ESG Frankonia ihren Platz und am östlichen Ende werden die Tennisplätze vom TV Grün-Weiß entstehen. | Bild: Stadt Karlsruhe/Gartenbauamt

Bis Ostern 2019 sollen Prüfmaßnahmen und Sondierungen auf dem stadteigenen Grundstück dauern, dann erst wird der Karlsruher Gemeinderat über das Projekt entscheiden. "Vor 2023 ist nicht daran zu denken, dass die ESG Frankonia an der Stuttgarter Straße ein neues Vereinsgelände bekommt", so Oberbürgermeister Frank Mentrup weiter.

ka-news Hintergrund: In dem Areal wurden Bauschutt und Trümmer verbaut, die belastet sind. Das kann nicht einfach weggeworfen oder weiter verbaut werden. "Es gibt verschiedene Richtlinien und Verordnungen für die Entsorgung und Verwertung von Bauschutt", erklärt ein Experte für Entsorgung aus Karlsruhe gegenüber ka-news. "In der Verwaltungsvorschrift (VWV) Boden des Landes Baden-Württemberg ist ein Grenzwert definiert, das gleiche gilt auch gesondert für Bauschutt", so der Experte. Was über Material der Stufe Z2 hinausgeht, muss auf einer Deponie entsorgt werden. Z2 beschreibt den Zuordnungswert (= die Obergrenze der Einbauklasse, also in welcher Form das Bodenmaterial nochmal verwendet werden darf).

Ergibt die sachkundige Untersuchung, dass der Erdaushub im Sinne der Länderspezifischen Listen (Spiegeleinträge) gefährlich ist, kann er nicht einfach entsorgt werden: Bei der Sonderabfallagentur (SAA) meldet der Entsorger seinen gefährlichen Müll und die gewünschte Entsorgungsdeponie an. Zusätzlich müssen dann Nachweise der Proben und ein Gutachten eingereicht werden. Die SAA überprüft die Untersuchungen – erst dann gibt es eine Freigabe zur Entsorgung auf einer Deponie.

Die Gebühren für die Entsorgung sind nicht eindeutig zu beziffern. "Je nach Belastung kostet die Entsorgung 20 bis 40 Euro pro Tonne, das kann aber auch in die Hunderte gehen", erklärt Experte weiter. Hinzu kommen Transportkosten in Höhe von rund 20 Euro pro Tonne.

In einigen Fällen ist ein Verbauen von Z2-Material zulässig - laut LAGA 20 (LAGA = Länderarbeitsgemeinschaft Abfall) betrifft dies den eingeschränkten Einbau mit definierten technischen Sicherungsmaßnahmen, beispielsweise in Lärm- oder Sichtschutzwällen. Hierbei müssen Umweltschutzmaßnahmen gewährleistet sein, es darf zu keiner Bodenveränderung, Schadstoffanreicherung oder Verunreinigung des Grundwassers kommen. Die Bauweise darf nicht oder nur gering wasserdurchlässig sein. Material mit Schadensklasse höher Z2 muss jedoch auf einer Deponie entsorgt werden. 

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  •   Route66
    (1758 Beiträge)

    28.11.2018 14:42 Uhr
    Und wie das
    möglich ist. Da die Mafia, besonders in BW, schon länger in der Industrie angekommen ist, sorgt sie u. A. auch für illegale und/oder rechtswidrige Entsorgung von Sondermüll. Die Bauunternehmer sind dankbar, dass sie nicht aufwändig und teuer entsorgen lassen müssen und schwupps sind alle zufrieden.

    Hier nur ein Beispiel was in Deutschland läuft:

    Sondermüll
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  •   chris
    (666 Beiträge)

    28.11.2018 10:20 Uhr
    Sanierung Stuttgarter Straße 89 Mio
    89 Mio übersteigt die Kosten für den Bau des neuen Wildparks (76 Mio nur der Stadionkörper). Ich rechne nun nur noch in der Einheit "Wildpark". Staatstheater am Ende dann 400 Mio. Wenn man seriös bleibt, muss das Gift aus der Stuttgarter Straße weg. Allein schon zum Schutze der jetzigen Einwohner und wegen den nachfolgenden Generationen. Wenn die Straße dann "sauber" ist, bitte Umwidmung von "Stuttgarter Straße" in "Sauber Straße". Wer will schon nach Stuttgart. zwinkern Aber Spaß bei Seite. Ich finde OB Mentrup macht es richtig...KARTEN AUF DEN TISCH! Transparenz schaffen für eine besser ZUKUNFT. PS: Die Kleingärten am Gleisbaudreieck sind dann aber auch alle verseucht...die Stadt weiß das sehr genau. Aber man trägt da auch nicht die schuld. Das war eben nach dem Krieg so.
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  •   chris
    (666 Beiträge)

    28.11.2018 10:16 Uhr
    IKEA-Gelände mega verseucht
    Nur mal so am Rande...der Bau des IKEA verögert sich deshalb "MASSIV" , weil der Boden total verseucht war. Wenn in der Stuttgarter Straße dieses Wasser nun sogar an die Oberfläche tritt. Prost Mahlzeit! BIO-Tomaten und Salate vom FEINSTEN....aber vermutlich kommt bald das Dimenti von der Stadt..."alles halb so wild"... mmmhhh.
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  •   Vollbürger
    (61 Beiträge)

    29.11.2018 13:04 Uhr
    Ikea
    Da kam einfach der Deckel drauf zwinkern))
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  •   SagMalWas
    (326 Beiträge)

    28.11.2018 09:51 Uhr
    Wow
    Wenn man sich die Bilder oben anschaut, bekommt ESG Frankonia dann einen Sportplatz und ein paar Tennisplaetze fuer geschaetzte 89 Millionen. Respekt. Da koenne die dem KSC dann fast das Wassser reichen.

    Aber mal im Ernst, wenn ich einen Kleingarten irgendwo in Karlsruhe haette, wuerde ich sofort eine Bodenprobe machen lassen. Ist jetzt nicht das erste mal, dass ich sowas hoere.
    Die Faechergaertner mussten z.B. beim alten Schlachthof/ Schloss Gottesaue alle ihre Beete in Hochbeete umbauen, weil der Boden zu verseucht ist.
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  •   Route66
    (1758 Beiträge)

    28.11.2018 09:57 Uhr
    Für mich
    besteht die Sauerei darin, dass man Kleingärten auf verseuchtem Gelände zugelassen hat.
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  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    28.11.2018 10:51 Uhr
    Das war
    damals halt nicht so wichtig. Gewusst haben sie das ja. Chemisch war man auch schon in den 50ern so weit, dass man wusste, dass es mit dem Wegräumen der Blindgänger nicht getan ist. Aber dem wurde keinerlei Bedeutung zugemessen, man muss sich nur mal die Arbeitsschutzbedingungen von damals und bis in die 80er hinein anschauen. Gefährlich war nur das was man gesehen hat oder was sofortige Auswirkungen am Körper zeigte. Heute wirds teilweise in die andere Richtung übertrieben aber das ist dann wieder eine andere Geschichte.
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  •   Route66
    (1758 Beiträge)

    28.11.2018 12:43 Uhr
    Klar
    damals war das auch nicht so wichtig und die Langzeitschäden für den Menschen noch nicht so erforscht wie heute. Aber...... ab den 90ern spätestens wusste man um die Folgen und hat die Hobbygärtner trotzdem weiterwurschteln lassen. Und das finde ich unverantwortlich. Der Umgang mit der Gesundheit seiner Bürger gefällt mir nicht. Auf der einen Seite "Rauchen ist schädlich... Alkohol und Drogen töten und bla" und auf der anderen Seite dürfen! Menschen in Asbestwohnungen leben, Kinder in Asbestschulen lernen und Kleingärtner schadstoffbelastetes Gemüse futtern. Siehe auch den PFC-Skandal Rastatt und Umgebung: ohne Bürgerinitiative wäre die Schädlichkeit nie rausgekommen.
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  •   stefko
    (2096 Beiträge)

    28.11.2018 12:52 Uhr
    Wie man's macht, ist's verkehrt
    Prinzipiell gebe ich Dir recht, aber hätte die Stadt zB. vor 10/15 Jahren den Anbau und Verzehr von Obst und Gemüse in diesen Kleingärten verboten, was wäre passiert? Wahrscheinlich ein mords Gemaule:
    "Ah wah, dess Gmies fresse I scho seit zwonzig Johr un nix isch bassiert"
    "Griene Spinner, hänn die nix zu due"
    "Die do obbe wolled bloß luxussaniere"
    "ah komm, geh ma fort"
    ... zwinkern
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  •   Route66
    (1758 Beiträge)

    28.11.2018 13:30 Uhr
    ja stimmt
    Aber so wäre jeder informiert gewesen und ich denke so mancher hätte sich woanders einen Garten zugelegt. Ich ganz sicher.
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