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Eine Reportage von Daniel Cornicius Liebesgrüße aus der Schmuddelecke: Zu Besuch auf der Erotikmesse

Wo noch vor gut zwei Monaten die CDU zum Auftakt des 23. Bundesparteitages in Karlsruhe christdemokratische Spitzenpolitiker und Medienvertreter zusammenbrachte, gastierte am Wochenende eine zwar weniger glamouröse, dafür jedoch mindestens ebenso aufregende Veranstaltung: In der Karlsruher Gartenhalle präsentierte sich die Erotikmesse "Eros & Amore". Dabei zeigte ein regionaler Familienbetrieb, dass Bürgerlichkeit und Erotik keine unüberbrückbaren Gegensätze sind.

Schon im Eingangsbereich der Gartenhalle fällt der Unterschied zum CDU-Presseempfang auf: War der optisch eher wenig ansprechende Zugangsflur des Gebäudes am 14. November mit Event-Teppichboden, allerlei Effekt-Lichtern und sonstigen Deko-Accessoirs salonfähig aufbereitet, gewährt der Erotikmesse-Veranstalter den Blick themengerecht auf das nackte Gemäuer. Vielleicht schon ein assoziativer Hinweis auf das Showprogramm? Wohl nur in der Gedankenwelt wild um sich interpretierender Kulturschaffender.

Beim Schlendern durch die Messegänge wandert der Blick über die Warenauslagen der Stände rechts und links. Es fällt auf, dass die Erwartung auf innovative Produktneuheiten findiger Unternehmen, die angesichts der Bezeichnung "Messe" entstehen könnte, zunächst enttäuscht wird: So präsentiert sich dem Besucherauge größtenteils ein überraschend fantasieloses Produktportfolio, das an vergleichsweise schmucklosen Ständen feilgeboten wird. Neben Massageölen, Dessous und Haarentfernungsgeräten dominieren vor allem Plastikvibratoren und Videofilme das Sortiment. Kaum etwas, das nicht auch schon früheren Generationen die Schamesröte ins Gesicht getrieben hatte.

Es geht weiter zur Hauptbühne der Erotikmesse. An der Stelle, wo Angela Merkel im November ihre Begrüßngsworte an die Besucher des Presseempfangs richtete, räklelt sich gerade das Erotik-Model Hally Thomas unter musikalischer Begleitung vor einer dicht gedrängten Menschenmenge, deren Männeranteil geschätzt um die 90 Prozent betragen dürfte. Sie hat die meisten Kleidungsstücke bereits abgestreift und deutet der aufgeregten Menge an, dass der Slip als nächstes fallen werde. Über den Köpfen der Zuschauer drängen sich dicht die Apple-IPhones, die den Blick auf Thomas' Intimbereich für die Ewigkeit festhalten sollen. Vielleicht ein kleiner Trost für die Anleger der zuletzt stark kursgebeutelten Apple-Aktie - die Erotikbranche gilt ja bekanntlich als recht krisensicher.

Als die Show zu Ende ist, setzt sich ein Pulk von Zuschauern eilends in Bewegung, um zum nächsten Programmpunkt - ein Striptease der ungarischen Erotikdarstellerin Trinity Smith auf einer Nebenbühne - einen Platz ganz vorne zu ergattern. Danach geht es wieder zur Hauptbühne, wo die ebenfalls aus Ungarn stammende Erotikdarstellerin Cristina Bella ihre körperlichen Reize freizügig entfaltet. Zwischen den Acts können sich Besucher in einem aufgestellten Showkäfig mit einzelnen entblätterten Damen zum Andenken fotografieren lassen. In dem abgetrennten Bereich "Moulin Rouge" wird gegen Aufpreis noch eine Extra-Show angeboten.

Der Bio-Dildo

Obwohl auch Paare unterschiedlichen Alters in die Gartenhalle gekommen sind, um sich neugierig nach einer möglichen Bereicherung für die erotische Zweisamkeit umzusehen, sind es die jungen Männer zwischen 20 und 40 ohne weibliche Begleitung, die den größten Teil der Besucher stellen. So mag sich auch das Showprogramm auf deren Vorlieben eingestellt haben: Unnatürlich große Brüste, übertriebene Solariumbräune, aufgespritze Lippen. Ist das alles, was von dem Wunsch der 68er nach sexueller Befreiung übrig geblieben ist?

Gerade, als der Gedanke an gesellschaftfähige Erotik zu entschwinden droht, sticht ein auffällig grüner Messestand ins Auge: WaldMichelsHoldi. Was zunächst aussieht wie ein simpler Vibratoren-Händler, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Vorzeigeprojekt innovativen Unternehmertums, das ganz im Aufklärergeist Oswald Kolles daherkommt. Denn es geht kurz gesagt um Bio-Vibratoren für gesundheitsbewusste Erotikfreunde. Seit fünf Jahren ist die Familie Thüry mit ihrer Firma WaldMichelsHoldi mittlerweile auf dem Markt und bietet handgedrechselte Vibratoren aus Holz an, die auf okölogische Verträglichkeit setzen.

Erotik meets Bürgerlichkeit

"Wir benutzen nur Rohstoffe aus der Region", erläutert Elmar Thüry, der das Familienunternehmen aus Buchen im Odenwald leitet. Die Idee zur Herstellung sei aus einem Hobby heraus entstanden, jedoch habe der Erfolg und die hohe Nachfrage dazu geführt, dass die Familie die hergestellten Geräte nun professionell vermarktet. Dabei geht es den Thürys vor allem um die Gesundheit der Kunden: "Die billige Plastikware aus China besteht zum großen Teil aus Weichmachern, die giftige Soffe freisetzen", erklärt Thüry am mitgebrachten Drechseltisch, während seine Frau Maria ein interessiertes Mittvierziger-Pärchen berät. Da diese Stoffe über die Schleimhäute aufgenommen würden und in der Folge sogar das Erbgut schädigen könnten, wollen die Thürys eine biologische Alternative anbieten, erklärt der Unternehmer.

Tatsächlich machen die ausgestellten Exponate einen handwerklich soliden Eindruck - die viel zitierte deutsche Wertarbeit eben. Elmar Thüry berichtet über selbst entwickelte biologische Lacke, Fichtenholz aus dem Odenwald, spezielle Kundenwünsche, Motorenzulieferer, die nur ökologisch verträgliche Werkstoffe verwenden, und Modelle, die von der erwachsenen Tochter designt wurden. Am Ende wird klar: Bei WaldMichelsHoldi handelt es sich um ein mustertaugliches Beispiel soliden mittelständischen Unternehmergeistes, das man in dieser Branche so nicht erwartet hätte. Zudem scheint das Marketingkonzept des Familienbetriebs, der noch zwei Söhne und eine Tochter samt Partner beschäftigt und mittlerweile sogar ausbildet, genau den Nerv der Zeit zu treffen: Öko ist in - auch beim Sex.

Es ist fraglich, ob die Erotkbranche jenseits der überdrehten Werbeindustrie eine "bürgerliche Revolution" erleben wird, die das Feld für Interessierte aus allen gesellschaftlichen Schichten - die es ja ohne Zweifel gibt - öffnet und den Schmuddelcharakter ins Rotlichmilieu verbannt oder komplett verdrängt. Der Bio-Dildo-Hersteller aus dem Odenwald kann bis dahin als Beispiel herangezogen werden, dass die Liaison zwischen Bodenständigkeit und Erotik durchaus möglich ist.

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Kommentare (27)
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  •   Smartraver
    (7579 Beiträge)

    24.01.2011 09:41 Uhr
    Also den Namen von Personen...
    und den zum Fotografieren benutzten Handys zu nennen ist ja wohl mit dem Pressecodex nicht vereinbar, oder? zwinkern

    Und Öko ist auf dem Gebiet ja auch nichts neues. Man denke nur an die Formenvielfalt von Obst und Gemüse zwinkern
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (8066 Beiträge)

    24.01.2011 10:58 Uhr
    Steilvorlage :-)
    Ein Herz für Gemüse
    ;-)
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    unbekannt
    (14 Beiträge)

    24.01.2011 12:51 Uhr
    Genauu...
    Gurke oder Zucini ???? grinsen
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    unbekannt
    (8066 Beiträge)

    24.01.2011 13:01 Uhr
    Keine
    Ahnung, aber ein überzeugender "Darsteller" zwinkern
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    unbekannt
    (408 Beiträge)

    24.01.2011 09:39 Uhr
    20 Euro Eintritt
    find ich nicht zuviel. das ist angemessen.
    wer beim KSC, auf der tribüne 29 euro bezahlt, ist eher bekloppt.
    war mit meiner frau dort, und wir haben uns köstlich amüsiert.
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  •   abakus
    (1066 Beiträge)

    24.01.2011 01:58 Uhr
    Spielzeugs
    Wenn ich mit Plastik spielen will, dann hol ich den Legokasten aus dem Keller...
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    unbekannt
    (5411 Beiträge)

    23.01.2011 23:20 Uhr
    NICHT aus der Schmuddelecke,
    wo seit ihr meine hübschen Mädels von mir und unserer dortigen Zeit u.a.
    Casino Alm II, Black Horse, Whiskey and GoGo usw..
    z.B.
    Daggie ..., Petra Voss, Ilse Psotka, Carmen Fiedler, Marion Kappler, Karin Östereicher, Beate ..., Siggi Kucich, Gisela Schulze, Carmen Lutz, Angelika Kehrer, Ingrid Haselwander, Liccia ... und mehrere.
    Ich hoffe, es geht euch Allen gut.
    War ´ne tolle Zeit und wäre klasse, wenn wir uns mal wieder sehen könnten, ich weiss, eine etwas verrückte Idee, war aber schon immer
    anders als die Anderen!
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    unbekannt
    (5411 Beiträge)

    25.01.2011 20:06 Uhr
    vergessen ...
    Dorle und Bärbel Ott, Christel Vielhauer, Ingrid Zuber aus HD, Marlies Denzer, ...
    BITTE MELDEN !!!!!!!!!!!!!
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    unbekannt
    (14337 Beiträge)

    23.01.2011 23:55 Uhr
    ringo, alter Angeber!
    ich glaub kaum, daß wir uns kennen!
    Des wär jo ä Katastroph! zwinkern
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    unbekannt
    (5411 Beiträge)

    24.01.2011 14:49 Uhr
    hi,
    liebe daisyy, habe ja nicht behauptet, mit jeder was "richtiges" gehabt zu haben, aber wenn Du .diese" Daisy, im Verbund mit den anderen Namen und Orten in Verbindung bringen würdest, dann würdest Du ja zumindest eingrenzen können und das kann ich deinem Text (leider) nicht entnehmen.
    Gruss Wolfe (Beatmusik)
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