Wie sieht das Leben hinter Gittern aus? Und wie setzt man sich eigentlich als Frau im Vollzugsdienst gegen Drogendealer, Vergewaltiger und Co. durch? Um das herauszufinden, bin ich an einem sonnigen Mittwochmorgen mit Martina Seismig verabredet. Sie ist Justizvollzugsbeamtin in der JVA Karlsruhe und gewährt mir einen seltenen Einblick in ihren Berufsalltag. Ihren wirklichen Namen möchte sie aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht sehen, wir haben daher ein Synonym gewählt.

Besuch in der JVA Karlsruhe
Als Justizvollzugsbeamtin muss sich Martina Seismig durchsetzen gegen die männlichen Häftlinge können. | Bild: Melissa Betsch

Doch von vorne: Von außen scheint die JVA Karlsruhe unauffällig und beinahe unscheinbar - als ich in der Riefstahlstraße in der Karlsruher Weststadt ankomme, herrscht um mich herum emsiger Betrieb: Schüler, Studenten, Arbeitnehmer, Jung und Alt laufen oder radeln an mir vorbei, warten an der nah gelegenen Bahnhaltestelle auf ihren Zug oder genießen die strahlende Sommersonne. Niemand achtet auf mein Ziel - das alte Sandsteingebäude, welches sich imposant zwischen einigen Bäumen am Straßenrand erhebt. 

Die JVA in Karlsruhe.
Imposant und doch unscheinbar: Kaum jemand würde auf den ersten Blick ein Gefängnis hinter dieser Fassade vermuten. | Bild: Melissa Betsch

Hier befindet sich die Justizvollzugsanstalt (JVA) Karlsruhe, hier bin ich mit Frau Seismig verabredet. Bevor es überhaupt losgehen kann, muss ich aber zuerst die Sicherheitskontrolle der Vollzugsanstalt passieren. Bis auf Notizblock, Kugelschreiber und Fotoapparat muss ich alles abgeben, was ich bei mir trage. Und obwohl ich weiß, dass ich nur zu Besuch hier bin - ein wenig fühle ich mich nun plötzlich selbst wie ein neuer Gefangener. Erst als der Beamte an der Pforte sein Go gibt, darf ich den dreistöckigen Zellentrakt im Innern des Gebäudes betreten. 

In der JVA sitzen nur U-Häftlinge

Hier erwartet mich ein Anblick, wie man ihn auch aus vielen Vorabend-Krimis und Filmen kennt: Zelle an Zelle reiht sich in einem scheinbar endlos langen Gang aneinander, einheitlich gekleidete Häftlinge erscheinen auf dem Flur, andere werden von uniformierten Beamten wieder in ihre Räume gebracht.

Besuch in der JVA Karlsruhe
Endlos lange Flure und eine Zelle neben der anderen: So sieht einer der Zellentrakte der JVA Karlsruhe aus. | Bild: Melissa Betsch

Rund 110 Straftäter - allesamt männlich - können in der JVA Karlsruhe untergebracht werden, doch nur die wenigsten von ihnen bleiben lange. "Wir haben hier nur Häftlinge in Untersuchungshaft, sie sind daher nicht länger als etwa ein Jahr bei uns", sagt mir Seismig.

Die 28-Jährige kam zu Beginn ihrer zweijährigen Ausbildung zur Justizvollzugsbeamtin - genauer gesagt zur "Obersekretärin im Justizvollzug" - im Jahr 2015 in die JVA nach Karlsruhe. Ihr Beruf davor: Frisörin. Warum dieser krasse Jobwechsel? "Das war wie so oft Zufall. Man kennt jemanden, der jemanden kennt und so weiter", sagt sie.

"Ich habe die Entscheidung noch keinen Tag bereut!"

Ihre Familie habe auf ihre Entscheidung allerdings mit gemischten Gefühlen reagiert: "Von großer Angst bis hin zu 'Dass du das mal machst, habe ich doch schon immer gesagt', war alles dabei. Ich selbst jedenfalls habe die Entscheidung bisher noch keinen Tag bereut!", sagt die Beamtin und muss schmunzeln. "Der Beruf ist einfach so unglaublich vielseitig."

So hat Seismig neben dem klassischen Stockwerksdienst - wie Zellenkontrolle, Essensausgabe und Freizeitkoordination - auch noch ganz andere Aufgaben zu verrichten: "Ich begleite die Häftlinge zum Arzt und zu ihrer Arbeit in der Schreinerei, der Küche oder der Montage." Zudem plant sie die Termine der Gefangenen, wie Anwaltsgespräche und Besuche von Angehörigen.

Besuch in der JVA Karlsruhe
Auch Sport wie Fuß- oder Basketball gehört zu den Freizeitbeschäftigungen der Gefangenen. | Bild: Melissa Betsch

Letztere sind - wie auch die Anzahl der erlaubten Telefonate - auf zwei Stück pro Monat und dann auch auf nur wenige Minuten beschränkt. "Für die Insassen sind wir quasi die Lebensführer und oft auch einzigen Ansprechpartner", erklärt mir die junge Beamtin.

Besuch in der JVA Karlsruhe
Ein kleines Räumchen unter der Treppe: Von hier aus dürfen die Gefangenen zwei Mal pro Monat ein Telefonat tätigen - die Beamten hören dabei immer mit. | Bild: Melissa Betsch

"Ich muss oft den 'Mama-Ersatz' spielen"

Da komme es auch schon einmal vor, dass sie plötzlich ungewollt zum Trostspender werde. "Ich muss tatsächlich recht oft den 'Mama-Ersatz' spielen, selbst für unsere gewaltigsten Kerle", sagt sie, während wir unseren Rundgang durch die insgesamt drei Stockwerke fortsetzen. Das können wir allerdings nur dank des Generalschlüssels, mit dem Seismig nahezu jede Tür im Haus auf- und zuschließen kann - und davon gibt es eine ganze Menge.

Besuch in der JVA Karlsruhe
Der wichtigste Schlüssel am Bund von Seismig: Der Generalschlüssel, damit lassen sich nahezu alle Türen der Anstalt öffnen. | Bild: Melissa Betsch

Nahezu pausenlos dreht sich der schwere Schlüssel in ihrer Hand, schließt auf, schließt wieder ab - ist das nicht furchtbar lästig? "Man gewöhnt sich daran", erwidert die 28-Jährige und lacht. Mittlerweile ist es laut um uns herum geworden, die Insassen kommen gruppenweise von ihrer täglichen Stunde Hofgang zurück. Andere erledigen Putzdienste oder besuchen Freizeitangebote wie den Deutschkurs.

Höflichkeit statt rauem Umgangston

Seismig unterhält sich mit vielen der Häftlinge, fragt nach ihrem Befinden, sie lachen gemeinsam, machen kleine Scherze. Die Männer begegnen ihr dabei ausnahmslos respektvoll, grüßen und wünschen uns beiden einen Guten Morgen. Mich erstaunt diese fast schon freundschaftliche Atmosphäre, hätte ich doch stattdessen einen eher rauen Umgangston erwartet. 

Besuch in der JVA Karlsruhe
Martina Seismig kam im Zuge ihrer Ausbildung zur Justizvollzugsbeamtin 2015 zum ersten Mal in die JVA Karlsruhe. | Bild: Melissa Betsch

Ich frage nach: Ist das immer so harmonisch? "Grundsätzlich stehen wir mit den Gefangenen auf Augenhöhe, jeder schätzt die Ehrlichkeit und Höflichkeit seines Gegenübers. Das macht auch die Deeskalation in Ernstfällen oft einfacher", sagt die 28-jährige Justizbeamtin und fügt aber an: "Befreundet sind wir mit den Häftlingen natürlich nicht. Ich darf trotz allem schließlich nicht vergessen, wo ich mich hier befinde. Von Taschendieben bis hin zu Mördern ist hier alles vertreten."

"Egal ob Schwarzfahrer oder Vergewaltiger - ich behandle alle gleich"

Und trotzdem: Läuft man nicht etwa Gefahr, ein zu persönliches Verhältnis zu den Inhaftierten aufzubauen? "Gerade am Anfang habe ich nach Dienstschluss eine große Menge emotionalen Ballasts mit nach Hause genommen. Mit der Zeit habe ich aber gelernt, beispielsweise gar nicht mehr nach dem Grund für die Inhaftierung zu fragen", erklärt Seismig. "So ist es egal, ob ich nun zum Beispiel einen Schwarzfahrer oder einen mehrfachen Vergewaltiger vor mir habe - ich kann jeden gleich behandeln und meine persönlichen Gefühle ausblenden!"

Apropos persönliche Gefühle: Musste die junge Frau auch schon Erfahrungen mit sexueller Belästigung machen? "Gott sei Dank noch nicht", sagt die JVA-Mitarbeiterin ernst. Sätze wie "Du bist aber hübsch" oder "Wollen wir nicht mal einen Kaffee trinken gehen" seien in der Vergangenheit aber schon gefallen. "Sogar einen Liebesbrief habe ich mal untergeschoben bekommen - so etwas muss ich dann gleich dem JVA-Leiter melden."

Im Männervollzug haben weibliche Beamte Vorteile

Dass es die Vollzugsbeamtin und ihre neun Kolleginnen im Umgang mit den Inhaftierten schwerer haben als ihre männlichen Kollegen, kann sie mir allerdings nicht bestätigen - im Gegenteil: "Frauen wirken auf die Häftlinge deeskalierender als Männer. Die Gefangenen sehen Gleichgeschlechtliche oft eher als Rivalen an."

Besuch in der JVA Karlsruhe
Ein kleines Fenster - mehr haben die Gefangenen nicht zur Verfügung, um das Geschehen vor ihrer Zelle zu beobachten. | Bild: Melissa Betsch

Sollte es doch einmal zu einem Ernstfall kommen, fühlt sich Seismig nach eigener Aussage aber gut vorbereitet. "In der Ausbildung mussten wir verschiedene Training-Szenarien mit möglichen Extremsituationen durchlaufen, das hat mir persönlich sehr viel geholfen!"

Bedienstete und Gefangene begegnen sich auf Augenhöhe

Während die Inhaftierten nun wieder in ihren Zellen eingeschlossen werden, neigt sich mein Besuch in der JVA Karlsruhe langsam aber sicher dem Ende entgegen. Ich bin beeindruckt von der offenen und freundlichen Art, mit der sich sowohl Bedienstete als auch Gefangene hier auf Augenhöhe begegnen - trotz der nicht immer ganz einfachen Umstände.

Besuch in der JVA Karlsruhe
Letztendlich bin ich froh, dass mein Aufenthalt in der JVA Karlsruhe nur ein Besuch war. | Bild: Melissa Betsch

Nachdem ich an der Pforte meine abgegebenen Habseligkeiten wieder an mich genommen habe, stehe ich nun wieder auf dem kameraüberwachten Vorplatz und die schwere Stahltür hinter mir schließt sich. Obwohl ich nur wenige Stunden hinter den Gefängnismauern verbracht habe, bin ich umso erleichterter, diese nun wieder hinter mir lassen zu können - ein Luxus, der schließlich nicht jedem vergönnt ist.

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