"Ich hab' erst letztens in der S-Bahn einen kleinen Freudentanz hingelegt, als ich an diesem Schild vorbeigefahren bin", kommentiert Nutzer Y im Modeblog "C'est la vie, chérie". Dort lässt sich schon seit Wochen eine detaillierte Anfahrtsbeschreibung zum Primark in Karlsruhe nachlesen - inklusive S-Bahn-Plan und Tipps, wo die nächsten Toiletten zu finden sind.

Toilettentipps und Anfahrtsbeschreibungen im Netz

Vorfreude auch bei Sabrina: Auf ihrem Blog "Feenkuss" schreibt die 27-Jährige voller Vorfreude "Heute kam die offizielle Mail von Primark. 4.000 Quadratmeter werden mein Shoppingherz höherschlagen lassen." Ähnlich liest sich ein Blogeintrag auf "Cyber-Mieze": "DER PRIMARK KOMMT NACH KARLSRUHE!!!! *wuuuuheeeyyyy* Ich bin so übertrieben happy, schon Ende diesen Jahres kommt er da hin, die Umbauarbeiten laufen schon und OH MEIN GOTT. Ich muss da hin!"

So geht es seit Wochen, nein, seit Monaten: Blogartikel und Kommentare, die sich nur um eines drehen: Primark eröffnet seine erste baden-württembergische Filiale. Aber warum der Hype? Wieso wird um die Eröffnung eines einzelnen Geschäftes so ein Theater gemacht. Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, habe ich mich unter die shoppingwütige Meute begeben, die sich bei der Primark-Eröffnung in Karlsruhe tummelte.

Justin Bieber? Nein, Primark-Eröffnung

Waren Sie schon einmal auf einem Justin Bieber-Konzert? Ich nicht. Und dennoch kann ich mir seit heute morgen in etwa vorstellen, wie es dort zugehen muss. Während die Bauzäune vor der Karlsruher Post Galerie durch Security-Absperrungen ersetzt wurden, schlängelte sich auf dem kahlen Pflaster ein knallroter Teppich vorbei an Türstehern und kreischenden Jugendlichen hin zu einer großen Glastür, auf der in blauen Lettern "Primark" prangte.

"Stehen Sie auf der Gästeliste?" Wer diese Frage wahrheitsgemäß mit "ja" beantworten konnte, durfte eintreten, eine Stunde vor allen anderen. Und da stand ich also, inmitten vermeintlicher Internet-Blog-Berühmtheiten - und Socken. Manchmal ploppte ein blauer Primark-Luftballon gegen meinen Kopf, als ich versuchte mich durch die Massen zu drängen. Aufpassen musste man jedoch nicht nur wegen der Lufballons von oben, sondern auch wegen Putzteufeln von unten, die penibel jeden einzelnen Fußabdruck weg zu wischen versuchten. 

Zu Beginn der Zeremonie wurde ein Film mit dem Titel "Ein Tag bei Primark" eingespielt. Zu sehen waren hysterische Jugendliche, deren Geschrei durch eine Lounge-Melodie im Hintergrund ersetzt wurde, lächelnde Mitarbeiter und volle Tüten. Etwa eine Stunde später bestätigte sich diese Filmszene live vor Ort: Bevor die vermutlich Schule schwänzenden Teenies kreischend in den Laden rannten, wuselte eine Personalchefin gestresst an den rund 100 anwesenden Mitarbeitern vorbei, um ihnen eine letzte Arbeitsanweisung zu geben: "Jubelt so laut ihr könnt, immer lächeln, Ballons in die Luft".

Schuhe für sechs Euro - fair produzierte Ware?

Ausführlich erklärt wurde den Gästen vor offziellem Kundeneinlass was Primark ausmache: Schnelles Kassensystem, hochwertige und fair produzierte Ware und Mode, die sich an der Haute-Couture orientiere. Belegt wurde dies durch eine ellenlange Kasse, die mit Nummerntafeln eher an eine Fleischtheke erinnerte, Leoparden-Boots für sechs Euro das Paar und Weihnachtsmann-Einteilern.

Bei einer Abschlussrede rief die irische Primark-Direktorin, Breege O'Donoghue, höchstpersönlich die vermeintlichen 10 Gebote des Konzerns propagierend ins Mikro: "Wir wollen loyal sein! Wir wollen die Besten sein! Wir wollen..." - das Gebrüll der Angestellten setzte ungeplanterweise schon jetzt ein, so dass die restlichen Prinzipien für mich unverständlich blieben.

Fazit meines Selbstversuches: Eine klare Antwort auf meine Frage habe ich nicht gefunden. Die Shop-Eröffnung in Karlsruhe bestätigte viel mehr das vorhandene Mysterium um Primark, als dass es sich mir aufklärte. Neben umher fliegenden Kleidungsstücken aller Art blieb die Frage im Raum, ob solche Shoppingevents inklusive Gästeliste und rotem Teppich ein Teil der zukünftigen Modebranche darstellen oder sich für so etwas ein Paralleluniversum auftut, das für viele unauffindbar bleibt.

Bericht zur Primark-Eröffnung in der Karlsruher Postgalerie am Donnerstag

Was von der Eröffnung schon im Vorhinein zu erwarten war - mehr dazu hier

 
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