In Anbindung an die Proteste im restlichen Südwesten Deutschlands, gingen jetzt auch Karlsruher Betroffene demonstrieren. Doch bei der geplanten Demonstration blieb es nicht. Seit dem frühen Nachmittag wird der Carl Friedrich Benz- und der dazugehörige Gottlieb Daimler-Hörsaal der Universität Karlsruhe besetzt. Rund 300 Studierende wollen so ihre Solidarität mit den übrigen Studentenprotesten im Land verdeutlichen. Darüber hinaus nutzen die Studierenden die Räume nun um Arbeitsgruppen zu bilden, ihre Forderungen zu formulieren und die Organisation der Proteste zu regeln.

Forderungen der Demonstranten

Unter lauten Parolen wie "Ohne Bildung werd' ich Terrorist!" oder auch "Bildung für alle und zwar umsonst!" marschierten heute Schüler und Studenten durch Karlsruhe. Deutlich mehr als erwartet beteiligten sich an dem Demonstrations-Zug. "Circa 500 Demonstranten waren angekündigt," so der Einsatzleiter der Polizei Fritz Rüffel. Nach polizeilichen Zählungen zogen aber knapp 1.000 durch die Karlsruher Innenstadt.

Forderungen an die Politik gibt es viele: Die Wiedereinführung der Verfassten Studierendenschaft mit politischem Mandat, die Abschaffung der Bildungsgebühren vor allem der Studiengebühren, eine Neugestaltung des Bachelor- und Mastersystems sowie die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems sind einige davon.

Schüler und Studenten gemeinsam gegen das Bildungssystem

"Ich bin vor allem für die korrekte Umsetzung der Bologna-Reform", so der 21-jährige Noah Fleischer. Die 1999 beschlossenen Maßnahmen sollten das Studium europaweit vereinheitlichen. Größere Mobilität zwischen den Hochschulen innerhalb der EU sollten so gefördert und international vergleichbare Abschlüsse geschaffen werden. Aber das Gegenteil ist nach Auffassung des Studenten des Wirtschaftsingeneurwesens passiert. Zwar wurden die Bachelor- und Masterabschlüsse eingeführt, jedoch gleichzeitig so individuelle Studiengänge geschaffen, dass ein Hochschulwechsel oftmals nicht möglich ist. So wurde nach Fleischer "eine coole Idee, leider schlecht umgesetzt".

Besonders die Beschränkung der Masterstudienplätze ärgert die Pädagogik-Studentin Marie-Luise Miczka. Nur ungefähr ein Drittel der Bachelorstudenten habe überhaupt eine Chance, den weiterführenden Masterstudiengang zu absolvieren, so Miczka. Die Schülerin Verena Markus (19) hingegen setzt sich vor allem gegen die Studiengebühren und für kleinere Klassen ein. Dafür werde sie auch zukünftig, wenn nötig, die Schule schwänzen. Ihre Forderung: "Die Politiker müssen langsam mal wach werden!".

Auch Politiker melden sich zu Wort

Die Landtagsabgeordnete der Grünen, Renate Rastetter, kennt aus ihrer Studienzeit die Verfasste Studierendenschaft und beurteilt diese als "ganz wichtiges belebendes Instrument", das "unbedingt wieder hergestellt werden muss". Auch die Einstufung in Gymnasium, Realschule und Hauptschule nach der vierten Klasse interpretiert sie als "soziale Auslese". Viel zu früh werden die Kinder laut Rastetter nach ihrer Leistung beurteilt. Vor allem Migrantenkinder würden dadurch benachteiligt. Sie fordert "individuelle Förderung für alle".

Ähnliche Töne schlug auch der Landtagsabgeordnete Johannes Stober von der SPD an. Der Zugang zum Studium in Deutschland hänge noch immer "in ganz erheblichem Maße von der sozialen Herkunft ab". Schuld daran seien unter anderem die offenbar abschreckenden Studiengebühren, das dreigliedrige Schulsystem und die frühe Selektion nach der vierten Klasse. Deshalb empfiehlt der Landtagsabgeordnete: "Schafft endlich die Studiengebühren ab und verbessert wieder das BAföG, damit auch wirklich jeder Studi davon leben kann".

Die Proteste gehen weiter

Wenn die Demonstration "keine Früchte trägt", wird eben "halbjährlich demonstriert", so der Vorsitzende des Unabhängigen Studierendenausschusses (UstA), Sebastian Maisch, am Vormittag. Zwar bemerke man inzwischen erste Reaktionen der Politik auf die Unruhen, aber bisher werde "nur viel geredet". Das müsse sich ändern. Die heutige Demonstration sollte vor allem die Bevölkerung auf die Missstände aufmerksam machen. Dieses Ziel haben offenbar auch die Studenten, die seit dem Nachmittag zwei Säle der Universität Karlsruhe besetzen. Die Pressesprecherin der Hochschule, Elisabeth Zuber-Knost, zeigte sich nach eigenen Angaben bereits vor den Protesten "gesprächsbereit". Generell sei die Kommunikation zwischen Studierenden und der Hochschule immer sehr gut gewesen. Daran werde sich auch nach der heutigen Besetzung nichts ändern.

Doch auch auf bundesweiter Ebene gehen die Proteste weiter. Anlässlich der Kultusministerkonferenz (KMK) am 10. Dezember wollen mehrere Bildungsstreik-Bündnisse sowie Gewerkschaft- und Erwerbsloseninitiativen die Kultusminister an die Missstände im Bildungswesen erinnern. Unter dem Motto "Kultusminister nachsitzen" soll auf diese Weise die bundesweite Bildungsstreik-Bewegung unterstützt werden.

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