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Karlsruhe Schlacht im Sägemehl: Wie 7 Karlsruher Fußballer 1912 Pokalsieger wurden

Heute vor 103 Jahren - und zwar am 18. Februar 1912 - wurde die Süddeutsche Mannschaft überraschend Sieger im Kronprinzenpokal - dem Vorgänger des DFB-Pokal. Die Süddeutschen - mit sieben (!) Karlsruhern - gewannen in einer dramatischen Schlacht gegen Brandenburg in Berlin. Wussten Sie, dass alle sechs Tore von Karlsruhern erzielt wurden? Und welcher Pforzheimer aufgrund seines Gewichts "Bällele" gerufen wurde?

Das Schlimmste war nicht einmal das Tauwetter gewesen, dass den Final-Platz am 18. Februar 1912 in ein kaum zu bespielendes Morast-Feld verwandelt hatte und auf dem die Spieler "trotz der Unmenge von Sägemehl, die man gestreut hatte, bis zum Knöchel einsanken."

Das Schlimmste war, wenn man Medien und Spielern glauben will, die Fahrt zum Union-Platz in Berlin-Mariendorf gewesen. Denn, oh welch Schande: Man hatte Deutschlands beste Kicker "in schrecklichen elektrischen Rumpelkästen (Auto-Omnibus genannt)" vom Hotel zur Spielstätte gekarrt!

Es wurde eine heiße Schlacht

Es wurde dann in jeder Hinsicht eine heiße Schlacht, obwohl die süddeutschen Spieler Fuchs und Höfler wegen der Kälte im adretten Wollschal aufliefen: Nach 90 spannenden Minuten hatten die "Kanonen der VSFV-Auswahl" ("Illustrierte Sportzeitung") mit sieben Karlsruhern in ihren Reihen die Naturgewalten besiegt, das Team aus Brandenburg mit 6:5 niedergerungen - und durften sich Sieger im sogenannten Kronprinzenpokal nennen.

Was das für ein komischer Pott war? Der Kronprinzen- oder Kronprinzpokal wurde von 1908 bis 1919 zwischen den Auswahlmannschaften der DFB-Regionalverbände (Mitteldeutschland, Norddeutschland, Westdeutschland etc.) ausgespielt, Wilhelm von Preußen hatte "den kostbaren Becher" mit den überlangen Henkeln persönlich gestiftet. Mit großem Erfolg: Die Begegnungen waren zumeist an Dramatik nicht zu überbieten und zogen Tausende von Zuschauern an. Ab 1919 wurde daraus der "Bundespokal", 1933-42 der "Reichsbundpokal" und ab 1950 der "DFB-Länderpokal der Landesverbände". 1969/70 wollte man den Wettbewerb noch einmal wiederbeleben, allerdings ohne Erfolg.

Süddeutschland spielte in den frühen Jahren immer eine gute Rolle - nicht zuletzt, da es sich meistens um eine verstärkte Karlsruher Auswahl handelte und man auf die eingespielten Star-Kicker und Nationalspieler von KFV und Phönix zurückgreifen konnte. So wurde z.B. Phönix-Rechtsaußen Karl Wegele zwischen 1910 und 1913 gleich sieben Mal in die süddeutsche Elf berufen - 1910 und 1912 gewann man mit seiner Hilfe den Pokal.

KFV-Goalgetter Fuchs mit traumhaften Toren

Vor "nahezu 10.000 Zuschauern" kam es in Berlin dann zum Fußball-Showdown: Die Süddeutschen blieben schließlich knapper Sieger - obwohl man zwischenzeitlich schon 3:1, 4:2 und 6:3 geführt hatte. Alle sechs Tore erzielten Karlsruher: Fuchs war drei Mal, Hirsch zwei Mal und Förderer ein Mal erfolgreich gewesen. Die Zeitungen - auch die Berliner - waren sich dieses Mal einig (beim Endspiel 1910 hatte es noch eine heftige Medienschlacht gegeben), dass die süddeutsche Mannschaft die bessere gewesen sei - vor allem mit "der stärksten Waffe, dem Sturm in der Besetzung Wegele, Förderer, Fuchs, Hirsch".

Der "Rasensport" spendete Beifall: "Schnelligkeit, Technik, Schuss, Platzieren, Sichverstehen, Uneigennützigkeit, sowie schnelles Erfassen und Ausnützen der sich bietenden Chancen: alle diese Eigenschaften sind in hohem Maße vorhanden. Und man wünschte sich: Wenn dass doch unsere Leute auch so könnten!" KFV-Goalgetter Fuchs wurde für seine Dribblings "durch fünf Gegner" und zwei traumhafte Tore gelobt, Förderer für seine Ballbehandlung und Phönix-Repräsentant Wegele für seine "famosen Läufe und guten Flanken" - obwohl "der Gegner ihm kaum einen halben Meter vom Leibe war".

Dabei hatte das Brandenburger Team, für die Berlin ein Heimspiel war, einige Knaller aufgeboten: Wegele traf gleich auf fünf seiner Widersacher von Viktoria Berlin aus dem Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1909. Darunter waren die Stürmerstars Willy Worpitzky und Helmut Röpnack, die nicht ohne Grund liebevoll "Die Kampfmaschine" und "Die kleine Schießbude" gerufen wurden. Nationalspieler Worpitzky, "das Tier vor dem Tor", brachte es auf unglaubliche 20 Tore in 11 Pokalspielen und traf auch im Finale 1912 doppelt zum 3:4 und 5:6. Und sein Kollege Röpnack - aus Verein und Länderelf - hatte in 14 Endrundenspielen um die Deutsche Meisterschaft stolze 13 Tore erzielt.

Warum er als "die kleine Schießbude" bekannt war? Ganz einfach: Sein älterer Bruder Arnold war "die große Schießbude" genannt worden! Aber die leicht verrückten, aber dennoch genialen Promi-Kicker der Viktoria (Deutsche Meister 1908 und 1911) wurden von einem Spieler noch in den Schatten gestellt: "Thorwächter" Paul Eichelmann sorgte deutschlandweit nicht nur mit spektakulären Paraden für viel Aufsehen. So wurde der extrovertierte Nationalspieler im Rahmen eines Matches in London im Hyde-Park verhaftet, weil er dort spontan ein Torwarttraining veranstaltet hatte - bei den Spielen konnte das "Enfant terrible" meist nur von seiner Ehefrau gebändigt werden, die mit dem Regenschirm bewaffnet hinter seinem Tor stand.

Sturmriesen und Mini-Verteidiger

Und auch der Schiedsrichter des Endspiels war eine echte Sensation: Denn Edgar Blüher war nebenbei aktiver Spieler bei Leipzig und mit seinen 1,90 Metern Größe alles überragend! Hintergrund: Fußballer sahen damals eher nicht wie durchtrainierte Athleten aus, sondern boten noch eine lustige Vielfalt: So lösten Sturmriesen wie Blüher oder der Pforzheimer Mini-Verteidiger Steudle (1,60 Meter) -  der, noch dazu 180 Pfund schwer, liebevoll "Bällele" gerufen wurde - großes Erstaunen beim Publikum aus. Steudle konnte sein Kampfgewicht gut einsetzen: Bei einem Match im KFV-Stadion ist ein Absatzkick über sagenhafte 75 Meter überliefert.

Richtig eins auf die Mütze gab es beim Finale 1912 allerdings für den Veranstalter DFB: Die Medien kritisierten, dass der Platz für die vielen Besucher viel zu weit abgelegen und eines Endspiels nicht würdig gewesen sei. Weiter wurde geklagt, dass das Stadion viel zu klein, die einzige Tribüne "primitiv", die Zu- und Ausgänge schmutzig, die Berliner Zuschauer "fanatisch" und die Eintrittspreise viel zu hoch gewesen seien – man hatte drei Mark für die Tribüne, 2,50 Mark für einen Sitzplatz und 40-50 Pfennig für Schüler und Soldaten verlangt. Einen Eklat, so beklagten die Zeitungen, hatte es zudem nach dem Match gegeben: Denn entgegen früherer Endspiele fehlte dieses Mal der Kronprinz (und andere adlige Vertreter) - die Pokalübergabe nach dem Spiel hatte der DFB-Vorsitzende übernehmen müssen.

Die "Seele des Phönix-Sturms" fehlte

Nachspiel: Weil Karl Wegele im Kronprinzenpokal zum Einsatz kam, fehlte die "Seele des Phönix-Sturms" im Ligafinale am 17. Februar 1912 gegen Pforzheim. Einen Protest vor dem Match schmetterte der Verband mit der schönen Begründung ab, man gehe davon aus, dass Phönix auch ohne Wegele gewinnen und im Rennen um die Meisterschaft bleiben werde. Als sich beide Teams aber 1:1 trennten, legte Phönix erneut Widerspruch ein - dieses Mal erstaunlicherweise mit Erfolg. Das Spiel wurde erst im Juni wiederholt: Mit Wegele verlor Phönix 0:2. Vorher hatten Pforzheimer Zeitungen ordentlich Theater gemacht - und die "Entscheidung aus heiterem Himmel" kritisiert. Die Antwort aus Karlsruhe ließ nicht lange auf sich warten: Den Schreiberlingen wurde "Verhöhnung sportlichen Denkens, Borniertheit und Querulantentum" bescheinigt, einige wurden als "Hundsfott" beschimpft.

Zur Erklärung: Wegele, immerhin Professor für Mathematik und Chemie, hätte dem Verband für das Pokal-Spiel nicht einfach absagen können. Denn wer einem Aufruf zu einem nationalen oder internationalen Match nicht nachkam, riskierte eine Sperre von bis zu sechs Monaten. Die Zeiten waren hart: Für "Auflehnen, Ungehorsam und Beleidigungen" gegen Schiedsrichter, Linienrichter, Gegner oder sogar Fans wurden Strafen von einem bis elf Monate ausgesprochen, wenn ein Kicker das Spielfeld "ohne Erlaubnis" verließ, war er für die nächsten drei Monate Zuschauer. Bei den Vereinen ging es da überschaubarer zu: Für jedes Schimpfwort kassierten die Clubs 10 Pfennige Strafe, wer zu Sitzungen seine Vereinsnadel vergaß, musste 20 Pfennig blechen - und für verlorene Spiele (!) mussten die armen Fußballer 25 Pfennig abdrücken. Auch die Schiris lebten in Angst: Wer Linienrichter und Spieler beleidigte oder die Spielregeln missachtete, musste "drei bis 20 Mark" Strafe bezahlen.

Für Statistik-Freunde die Aufstellungen der Teams und die Torfolge:

Brandenburg: Paul Eichelmann, Waldemar Schwarzer (beide Union Berlin), Helmut Röpnack, Willi Knesebeck, Paul Hunder, Paul Kugler, Willy Worpitzky (alle Viktoria Berlin), Walter Sorkale, Erich Herbst, Otto Thiel, Max Krüger (alle Preußen Berlin).

Süddeutschland: ? Kieferl (Wacker München), Paul Kühnle (Stuttgarter Kickers), Willi Gros, Julius Hirsch, Gottfried Fuchs, Fritz Förderer, Ernst Holstein, Max Breunig (alle KFV), Karl Wegele (Phönix Karlsruhe), Fritz Höfler (FV Kaiserslautern), Karl Burger (Fürth).

Tore: 1:0 ? (1. Minute), 1:1 Fuchs (12.), 1:2 Förderer (18.), 1:3 Hirsch (28.), 2:3 Kugler (33., Elfmeter), 2:4 Fuchs (53.), 3:4 Worpitzky (60.), 3:5 Fuchs (69.), 3:6 Hirsch (70.), 4:6 Krüger (80.), Worpitzky 5:6 (84.).

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Der Autor und Journalist Thomas Alexander Staisch hat über den KSC-Vorgängerverein Phönix Karlsruhe das Buch "Die Deutschmeister 1909 - eine vergessene Meisterschaft" geschrieben. Der Karlsruher FC Phönix 1894, der Vorgängerverein des Karlsruher SC, wurde vor 120 Jahren gegründet.  ka-news griff daher in diesem Jahr in die Fotokiste: weitere historische Bilder garniert mit spannenden Anekdoten aus der Geschichte des Karlsruher FC Phönix 1894 finden Sie hier!

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KSC-History: 125 Jahre Karlsruher FC Phönix 1894: Der Vorgängerverein des Karlsruher SC feiert am 6. Juni Jubiläum. Anlass für ka-news in der Vergangenheit zu graben. Ab Montag, 3. Juni, greifen wir daher in die historische Fotokiste: Täglich präsentieren wir Ihnen hier historische Fotos garniert mit spannenden Anekdoten aus der Geschichte des Karlsruher FC Phönix 1894. Reinschauen lohnt sich!
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